Das Gersteinwerk ist ein kombiniertes Dampfkraftwerk (Erdgas) der RWE AG im Werner Stadtteil Stockum an der Lippe. Das Kraftwerk hat eine elektrische Nettoleistung von 1397 Megawatt und besaß einen 282 Meter hohen Kamin. Das Werk gehört zu verschiedenen Themenrouten der Route der Industriekultur.
Name Benannt ist das Gersteinwerk nach dem Bochumer Landrat Karl Gerstein, der u. a. ein entschiedener Gegner des Vordringens des RWE nach Westfalen war.vgl. Rezension der Festschrift der VEW
Entwicklung
Erbaut wurde es von 1913 bis 1917 von den späteren VEW. Damals wurde der Brennstoff (Steinkohle) von den umliegenden Zechen geliefert. Die letzten dieser alten Blöcke wurden 1991/1992 abgerissen.
miniatur|Freileitungsmast der 220-kV-Leitung nach Lehrte während des Rückbaus 2020 In den 1920er Jahren wurde das Kraftwerk an eine 220-kV-Freileitung angeschlossen, welche das Koepchenwerk bei Herdecke über das Gersteinwerk zunächst bis zum Umspannwerk Lehrte-Ahlten und ab den 1930er Jahren auch mit dem Helmstedter Revier verband; es wurde somit Teil des ersten innerdeutschen Stromverbundes. Bis 1941 wurde diese Verbindung über das Mitteldeutsche Revier bis nach Österreich (seit März 1938 Großdeutsches Reich) erweitert.
Die vier neuen Erdgas-Kraftwerksblöcke wurden von 1970 bis 1973 in Betrieb genommen, 1984 folgte der Kombinations-Kraftwerksblock (Block K) zur Verbrennung von Steinkohle. Die Kohle wurde zum großen Teil per Schiff zum eigenen Hafen am Datteln-Hamm-Kanal angeliefert. Der Hafen liegt auf der anderen Seite der Lippe auf dem Gebiet der Stadt Hamm; von dort wurde die Kohle mit Hilfe eines Förderbandes über den Fluss zum Kohlelager des Kraftwerks transportiert. Ein weiterer Teil der Kohle wurde mit der Werne–Bockum-Höveler Eisenbahn direkt zum Kraftwerk geliefert.
Im Block H wurde nur noch die Gasturbine betrieben (Solobetrieb), wodurch dieser Block nur noch eine Nettoleistung von 55 MW hatte. Er wurde im August 2018 stillgelegt.
Block I wurde aufgrund der damaligen Marktlage am 1. April 2012 stillgelegt und dauerkonserviert.
Am 14. August 2014 teilte RWE mit, im ersten Quartal 2017 den Betrieb des mit Steinkohle befeuerten Teils von Block K (620 MW) einstellen zu wollen. 2015 wurde bekannt, dass der Stilllegungstermin auf 2019 verschoben wurde.Auch nach 2019 soll Betrieb im Gersteinwerk nicht völlig eingestellt werden. Westfälischer Anzeiger, 25. September 2015.
Der mit Steinkohle befeuerte Teil des Blocks K wurde am 29. März 2019 vom Netz genommen und endgültig stillgelegt.
Der 282 Meter hohe Schornstein von Block K wurde am 12. Oktober 2025 gesprengt. Am 27. Februar 2026 wurde auch das 64 Meter hohe Gebäude der Entstickungsanlage (DeNOx) gesprengt.
Kapazitätsreserve Die Gasblöcke wurden in die Kapazitätsreserve der Übertragungsnetzbetreiber aufgenommen, die Blöcke F und G seit dem 1. Oktober 2020 und seit dem 1. Oktober 2024 auch der Gasteil des Blocks K (K1).
Leistung Die Erdgas-Kombiblöcke F, G, H und I liefern jeweils eine Bruttoleistung von 427 MW (Nettoleistung 410 MW) und dienen heute als Reserve zur Abdeckung von Spitzenlasten. Durch den mit der Energiewende in Deutschland verbundenen Ausbau von Windkraftanlagen und Photovoltaikanlagen hat sich der Einsatz des Kraftwerks gewandelt. Die Gasturbinen dienen immer häufiger bei kurzzeitigen Engpässen in der Stromversorgung (Dunkelflaute) als schnelle Ausfallreserve. Eine Besonderheit ist der Kombinationsprozess, bei dem eine Gasturbine dem Dampferzeuger vorgeschaltet ist: Die etwa 430 °C heißen Abgase der Gasturbine mit einem Volumenanteil von circa 17 % Restsauerstoff strömen in einen nachgeschalteten konventionellen Dampferzeuger zur Verbrennung von Erdgas. Die Wärme der von der Gasturbine dem Kessel zugeführten Verbrennungsluft wird zusätzlich noch als Nutzwärme im Dampferzeuger genutzt. Mit dem Verfahren wird ein Wirkungsgrad von 42 % erzielt. Diese Technik wurde von Klaus Knizia (Vorstandsvorsitzender der VEW AG von 1975 bis 1992) forciert und von 1972 bis 1974 in den Kraftwerken Gersteinwerk und Emsland umgesetzt.
Im Jahr 1984 wurde der Block K mit 791 MW elektrischer Bruttoleistung (112 MW Gasturbine, 679 MW Dampfturbine) in Betrieb genommen; nach Abzug des Eigenbedarfs stehen 732 MW (netto) dem Verbundnetz zur Verfügung. Dieser weltweit größte Gas-Steinkohle-Kombiblock hat eine mit den Erdgas-Kombiblöcken vergleichbare Schaltung; hier wird jedoch der eigentliche Dampferzeuger mit Steinkohle befeuert. Aus Steinkohle erzeugter Strom deckt generell Grund- und Mittellast ab, wird hier aber in Kombination mit der Gasturbine noch stärker für die Mittellast und sogar für Spitzenlast tauglich. Im März 2019 wurde der Steinkohleblock stillgelegt.
Technische Daten + Blöcke des Kraftwerks Gersteinwerk Block Brennstoff Feuerungswärmeleistung El. Bruttoleistung El. Nettoleistung Fernwärmeleistung Baubeginn Inbetriebnahme Stilllegung Status A–E (jeweils) Steinkohle 1913–1917 abgerissen F Erdgas 427 MW 410 MW 1970–1973 in Kapazitätsreserve G Erdgas 427 MW 410 MW 1970–1973 in Kapazitätsreserve H Erdgas 55 MW 1970–1973 August 2018 stillgelegt2022 wurde die alte Vorschaltgasturbine H1 durch eine neue, sehr flexible 48-MW-Turbine ersetzt I Erdgas 427 MW 410 MW1970–1973 1. April 2012 dauerkonserviert K1 Erdgas 112 MW 112 MW 1979 1984 seit Oktober 2024 in der Kapazitätsreserve nach EnWGrwe.com, abgerufen am 12. Oktober 2025 K2 Steinkohle 679 MW 620 MW 1979 1984 29. März 2019 stillgelegt L Erdgas bis 1300 MW geplant; Bauvorbescheid liegt vorStellungnahme der Stadt Werne zum Entwurf des Regionalentwicklungsplans Ruhr: Quelle: Bundesnetzagentur
Batteriespeicher Auf dem Kraftwerksgelände befindet sich seit 2023 ein Batterie-Speicherkraftwerk. Der Speicher aus Lithium-Ionen-Akkumulatoren hat eine installierte Leistung von 72 MW und 79 MWh Speicherkapazität. Das Speichersystem stellt Regelleistung bereit und wird am Energiemarkt eingesetzt. Durch virtuelle Kopplung mit RWE-Laufwasserkraftwerken an der Mosel wird der Betrieb optimiert: Durch das Hoch- bzw. Herunterregeln der Durchflussmenge an diesen Anlagen kann RWE zusätzliche Leistung als Regelenergie bereitstellen und die Gesamtleistung der Batterien steigern. Die Systemtechnik zur Integration und optimalen Steuerung der Be- und Entladung der Batterien liefert SMA Solar Technology. Es kommen mehrere Batterie-Wechselrichter des Typs Sunny Central Storage UP 3450 zum Einsatz.
Netzanschluss Der Netzanschluss der Blöcke F1, G1, I1 und K1 erfolgt auf der 110-kV-Hochspannungsebene in das Verteilnetz der Westnetz. In das Übertragungsnetz von Amprion speisen die Blöcke F2 und G2 auf der 220-kV-Höchstspannungsebene ein. Der Steinkohle-Block K2 war auch mit einer Nennspannung von 380 kV angeschlossen.
BlockNetto-NennleistungSpannungsebeneNetzbetreiberSchaltanlageF155 MW110 kVWestnetzGersteinwerkF2355 MW220 kVAmprionGersteinwerkG155 MW110 kVWestnetzGersteinwerkG2355 MW220 kVAmprionGersteinwerkI155 MW110 kVWestnetzGersteinwerkK1112 MW110 kVWestnetzGersteinwerk, Bockum-Hövel
Siehe auch Liste von Kraftwerken Energiewende in Deutschland Kohleausstieg RWE #Kohleausstieg
Weblinks
Einzelnachweise
Kategorie:Stillgelegtes Kohlekraftwerk in Nordrhein-Westfalen Kategorie:Gas- oder Ölkraftwerk in Nordrhein-Westfalen Kategorie:RWE-Kraftwerk Kategorie:Werne Kategorie:Route der Industriekultur (Hamm) Kategorie:Kohlekraftwerk in Europa Kategorie:Gas- oder Ölkraftwerk in Europa