mini|Kim Albrecht, Data Art Konferenz, Harvard (2025) Kim Frederic Albrecht (* 1987) ist ein deutscher Informationsdesigner, Medienkünstler und Medienwissenschaftler. In seinen Arbeiten untersucht er mit den Mitteln der Datenvisualisierung die Strukturen und Voraussetzungen rechnergestützter Systeme. Albrecht ist Professor für Informationsdesign an der Folkwang Universität der Künste in Essen sowie Principal des metaLAB (at) Harvard.

Seine Projekte befassen sich unter anderem mit den Sensordaten alltäglicher Geräte (Artificial Senses), mit kommerzieller Gesichtserkennung (Watching Machines Loving Grace), mit den Wissensstrukturen großer Sprachmodelle (Artificial Worldviews) sowie mit der großräumigen Struktur des Universums (Cosmic Web). Seine Arbeiten wurden unter anderem in den Harvard Art Museums, im Ars Electronica Center, im ZKM Karlsruhe und im Cooper Hewitt, Smithsonian Design Museum gezeigt und befinden sich in den ständigen Sammlungen der drei letztgenannten Häuser.

Leben und Ausbildung

Albrecht wurde 1987 geboren. Nach einem Bachelorstudium im Grafikdesign und einem Masterstudium im Interfacedesign wurde er 2023 an der Universität Potsdam in Medientheorie promoviert. Seine Dissertation Insight by de—sign. A Calculus of Computation entstand bei Jan Distelmeyer und Birgit Schneider.

Werdegang

Von 2015 bis 2017 arbeitete Albrecht als Designer und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Center for Complex Network Research (BarabásiLab) bei Albert-László Barabási an der Northeastern University, wo er in ein Team aus Netzwerkforschern eingebunden war. 2017 wechselte er an das metaLAB (at) Harvard, eine dem Berkman Klein Center angegliederte Forschungsgruppe, und wurde später Principal des Labors. 2022 gründete er gemeinsam mit Annette Jael Lehmann das metaLAB (at) FU Berlin, dessen Leitung er übernahm.

Von 2023 bis 2024 hatte Albrecht eine Professur an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf. Seit 2025 ist er Professor für Informationsdesign an der Folkwang Universität der Künste. Zuvor unterrichtete er unter anderem an der Harvard Graduate School of Design, der Fachhochschule Potsdam, dem Strelka-Institut in Moskau und der Muthesius Kunsthochschule.

Im Juni 2025 richtete Albrecht gemeinsam mit Jeffrey Schnapp und Albert-László Barabási das Symposium Data Art an der Harvard University aus, das vom metaLAB und vom BarabásiLab getragen wurde. Die zweitägige Konferenz versammelte Künstlerinnen und Künstler, Technologen, Wissenschaftler und Gestalter, die zum Verhältnis von Daten und ästhetischer Praxis arbeiten; unter den gezeigten Arbeiten war auch Albrechts Projekt Post_Networks.

Werk

Netzwerk- und Wissenschaftsvisualisierung

Am BarabásiLab entstand 2016 The Network Behind the Cosmic Web, ein interaktives Modell der größten bekannten Strukturen des Universums. Auf Grundlage von Simulationsdaten zu rund 24.000 Galaxien und über 100.000 Verbindungen zwischen ihnen verglich das Projekt mehrere Algorithmen, mit denen sich aus einer Galaxienverteilung ein Netzwerk konstruieren lässt. Das Projekt fand breite Resonanz in der Technik- und Wissenschaftspresse, war 2019 in der Cooper Hewitt Design Triennial und in der Ausstellung BarabásiLab. Hidden Patterns im ZKM zu sehen und wurde in die ständigen Sammlungen des Cooper Hewitt und des ZKM aufgenommen.

Albrecht wies später darauf hin, dass die Zugriffszahlen des Projekts einige Wochen nach der Veröffentlichung erneut anstiegen, nachdem religiöse Blogs und Nachrichtenseiten die Visualisierung als Bild des Universums aus göttlicher Perspektive verbreitet hatten. Er nimmt diesen Fall zum Anlass für die These, Visualisierungen seien keine objektiven Repräsentationen, sondern Aushandlungen zwischen Forschenden, Daten, Gestaltung und Betrachtenden.

Ebenfalls 2016 entstand Science Paths, eine Visualisierung zur zeitlichen Verteilung wissenschaftlichem Erfolgs. Die Arbeit erschließt die Publikationsverläufe von rund 10.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus sieben Disziplinen und macht das Verhältnis von Karrierephase und wirkungsstärkster Veröffentlichung nachvollziehbar.

Maschinelle Wahrnehmung und künstliche Intelligenz

Artificial Senses (2017), entstanden am metaLAB und gefördert vom Berkman Klein Center, visualisiert die unverarbeiteten Sensordaten von Telefonen und Computern, Standort, Lage, Berührung, Ton und Kamerabild. Ziel ist es, die Art und Weise, in der Maschinen die Welt registrieren, sichtbar zu machen, statt sie in vertraute menschliche Kategorien zu übersetzen. Die scheinbare Präzision der Sensorik hält Albrecht dabei für irreführend: Eine Standortabfrage liefere Koordinaten mit millimeter Auflösung, doch wiederholte Abfragen eines unbewegten Geräts ergäben fortwährend abweichende Positionen. Im Magazin der Triennale Milano stellte er das Projekt in den Zusammenhang von Harun Farockis Begriff des operativen Bildes und argumentierte, die Visualisierungen seien bewusst keine Werkzeuge einer zweckgerichteten Operation, sondern Versuche, die Operation der Maschine selbst abzubilden. Gezeigt wurde die Arbeit unter anderem in der Ausstellung Machine Experience in der Lightbox Gallery der Harvard Art Museums; sie ist Teil der Dauerausstellung des Ars Electronica Center.

Watching Machines Loving Grace (2021) wendet kommerzielle Gesichtserkennungssoftware auf Fotografien aus der Sammlung der Harvard Art Museums an und rückt dabei das in den Blick, was die Software verwirft. Die Arbeit macht auf die reduktive Operation aufmerksam, mit der maschinelles Sehen Rechtecke aus einem Bild schneidet, um Alter, Geschlecht oder Gesichtsausdruck zu schätzen, und dabei den umgebenden Kontext tilgt. Sie war von März bis Juli 2022 in der metaLAB-Gruppenausstellung Curatorial A(i)gents in der Lightbox Gallery der Harvard Art Museums zu sehen.

Artificial Worldviews (2023) kartiert die Wissensstruktur von ChatGPT. Albrecht ließ zunächst die Programmierschnittstelle von GPT-3.5 die Kategorien des eigenen Wissens auflisten, was 31 Felder und 425 Unterfelder ergab, und fragte anschließend rekursiv die Personen, Objekte, Orte und Ideen ab, die das System diesen Kombinationen zuordnet; aus 1.764 Abfragen entstand ein Graph mit mehr als 32.000 Knoten. Ein zweiter Datensatz wiederholte das Verfahren für den Begriff „Macht“. Zu den Befunden zählt, dass das System Männer etwa dreimal so häufig nannte wie Frauen und als eine der häufigsten ethnischen Zuschreibungen „Caucasian“ zurückgab, einen Begriff aus einer überholten Rassenklassifikation. Die über die meisten Felder hinweg am häufigsten genannte Person war die Meeresbiologin Rachel Carson. Albrecht versteht sein Vorgehen als Alternative zur Interpretierbarkeitsforschung von Sprachmodellen. Ähnlich wie Menschen einander im Gespräch verstehen und nicht durch Untersuchung ihrer Hirnstrukturen, lasse sich das Weltbild eines Systems über dessen Ausgaben erschließen. Eine Visualisierung aus dem Projekt illustrierte im Dezember 2023 die Rubrik Nature’s 10 der Zeitschrift Nature.

Gesellschaftliche und politische Themen

Their Names (2020), gemeinsam mit Matthew Battles entstanden, verzeichnet über 28.000 Menschen, die zwischen Januar 2000 und dem Tod George Floyds im Mai 2020 bei Polizeieinsätzen in den Vereinigten Staaten ums Leben kamen. Grundlage sind Daten der gemeinnützigen Initiative Fatal Encounters. Die Arbeit stellt bewusst die einzelnen Namen und die zugrunde liegenden Berichte in den Vordergrund und nicht aggregierte Statistiken. #MeToo Anti-Network (2021), entstanden mit konzeptioneller Unterstützung von Catherine D’Ignazio, Cole Martin und Matthew Battles, visualisiert die #MeToo-Bewegung über die Masse jener Tweets, die kaum oder gar keine Aufmerksamkeit erhielten. Albrecht beschreibt das Projekt als konstruktivistischen Zugang zum Gestalten mit Daten, der die übliche Frage nach der zum Datensatz passenden Darstellung umkehrt und stattdessen fragt, als was die Daten vorgestellt werden sollten.

Ausstellungen und Sammlungen

Arbeiten Albrechts wurden unter anderem in den Harvard Art Museums, im Ars Electronica Center, im ZKM Karlsruhe, im Cooper Hewitt, Smithsonian Design Museum, im Ludwig-Museum Budapest, im Kunsthaus Graz, im Istanbul Contemporary Art Museum, im Vier-Kuppel-Pavillon in Breslau im Rahmen der WRO Media Art Biennale sowie im Cube design museum gezeigt. In die ständigen Sammlungen des Cooper Hewitt, des ZKM und des Ars Electronica Center wurden Werke Albrechts aufgenommen.

Auszeichnungen

Albrechts Projekte wurden mehrfach bei den Information is Beautiful Awards ausgezeichnet, darunter Meteorites 1900–2000 (2013), The Network Behind the Cosmic Web (2016), Science Paths (2017) und Artificial Senses (2018).

Schriften (Auswahl)

Insight by de-sign. A Calculus of Computation (= Reihe des Brandenburgischen Zentrums für Medienwissenschaften – ZeM). Kulturverlag Kadmos, Berlin 2025, ISBN 978-3-86599-581-0 (zugleich Dissertation, Universität Potsdam 2023, Volltext online). Artificial Worldviews. In: xCoAx 2025. 13th Conference on Computation, Communication, Aesthetics & X. Dundee 2025, S. 167–181, doi:10.34626/2025_xcoax_006. Situating #MeToo. A Constructivist Perspective on Designing With Data. In: diid – disegno industriale industrial design. Nr. 78, 2022, S. 10, doi:10.30682/diid7822n. Eternal, Data, Decay. In: Driving the Human. ZKM Karlsruhe, Karlsruhe 2024 (PDF). mit Bruno C. Coutinho, Sungryong Hong u. a.: The Network Behind the Cosmic Web. 2016, arXiv:1604.03236.

Weblinks

Einzelnachweise

Kim Frederic Albrecht: Insight by de—sign. A calculus of computation. Dissertation, Universität Potsdam, 2023 (online).

Olivia Farrar:

B. C. Coutinho, Sungryong Hong, Kim Albrecht u. a.: The Network Behind the Cosmic Web. 2016, arXiv:1604.03236.

John Brownlee:

Maddie Stone:

Maddalena Mometti:

Kim Albrecht:

Kim Frederic Albrecht: Artificial Worldviews. In: xCoAx 2025. 13th Conference on Computation, Communication, Aesthetics & X. Dundee 2025, S. 167–181, doi:10.34626/2025_xcoax_006 (PDF).

Kim Frederic Albrecht: Situating #MeToo. A Constructivist Perspective on Designing With Data. In: diid – disegno industriale industrial design. Nr. 78, 2022, S. 10, doi:10.30682/diid7822n.

Kim Albrecht: Eternal, Data, Decay. In: Driving the Human. ZKM Karlsruhe, Karlsruhe 2024 (PDF).

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