Als Kalifat ( „Nachfolge“) bezeichnet man die Herrschaft, das Amt oder das Reich eines Kalifen, also eines „Nachfolgers“ oder „Stellvertreters des Gesandten Gottes“ ( ḫalīfat rasūl Allāh). Es stellt somit eine islamische Regierungsform dar, bei der die weltliche und die geistliche Führerschaft in der Person des Kalifen vereint sind. Bereits Mohammeds Staat in Medina basierte auf einem theokratischen Modell: Mohammed, der Religionsstifter des Islam, war sowohl der Führer der religiösen Bewegung als auch der Herrscher über den Machtbereich, in dem diese Religion ausgelebt wurde.

In der Form , also „Stellvertreter Gottes [auf Erden]“, existiert der Kalifen-Titel seit den ab 661 regierenden Umayyaden.Patricia Crone, Martin Hinds: God's Caliph. Religious Authority in the First Centuries of Islam. 2003. Da gemäß Sure 112 (al-Ichlās) jedoch kein Mensch Gott gleich sein könne – nicht einmal das Oberhaupt aller Muslime –, steht diese Interpretation des Kalifats nach Ansicht vieler Muslime im Widerspruch zur Lehre Mohammeds.

Im deutschsprachigen Raum vertreten die islamistischen Gruppierungen Hizb ut-Tahrir und Islamischer Staat (Terrororganisation) die Idee eines Kalifats (siehe auch Hizb ut-Tahrir in Deutschland). mini|hochkant=1.8|Das Kalifenreich vom 7. bis 8. Jahrhundert:

Kalifat der vier „rechtgeleiteten Kalifen“ Mohammed hatte keine männlichen Nachkommen – einer oder mehrere leibliche Söhne waren im Kindesalter gestorben, sein Adoptivsohn Zaid ibn Hāritha in der Schlacht gefallen. Nur seine Tochter Fatima und möglicherweise einige weitere Töchter (die Überlieferung ist hier nicht eindeutig) überlebten ihren Vater, hatten aber selbst zum Zeitpunkt von Mohammeds Tod noch keine Söhne im ausreichenden Alter, um eine Führungsrolle zu übernehmen. Der Prophet hatte weder einen Nachfolger bestimmt noch eine Prozedur zu seiner Wahl festgelegt. Nach seinem Tod im Juni 632 traten schwere Meinungsverschiedenheiten zwischen den mekkanischen Muhādschirūn und den medinischen Ansār hervor. Die Ansār zogen zu Saʿd ibn ʿUbāda, dem Chef des medinischen Clans der Banū Sāʿida, und versammelten sich in seiner Saqīfa („offener Versammlungsplatz“). Dort erhoben sie die Forderung, dass sich Ansār und Quraisch trennen sollten und eine jede Gruppe für sich einen Befehlshaber (amīr) wählen sollte. Damit drohte die islamische Gemeinschaft auseinanderzubrechen. Die drei Muhādschirūn Abū Bakr, ʿUmar ibn al-Chattāb und Abū ʿUbaida ibn al-Dscharrāh eilten daraufhin zu der Versammlung und versuchten dies zu verhindern.Muir: The Caliphate, its rise, decline and fall. 1924, S. 2f. Vor allem ʿUmar trat strikt gegen jede Teilung der Gemeinschaft ein. Abū Bakr betonte den Vorranganspruch des Stammes Quraisch. In dieser Situation überraschte ʿUmar die Anwesenden, indem er plötzlich Abū Bakr die Baiʿa leistete. Für ihn sprach, dass Mohammed ihn während seiner letzten Krankheit angewiesen hatte, an seiner Stelle den öffentlichen Gottesdienst in der Moschee zu leiten, was man als ein Indiz dafür werten konnte, dass er ihn für die Nachfolge ausersehen hatte.Arnold: The Caliphate. 1924, S. 35.

Viele Ansār weigerten sich zunächst, Abū Bakr zu huldigen.Madelung: The Succession to Muḥammad. 1997, S. 34–35. Auch die Banū Hāschim, der Clan des Propheten, protestierten dagegen, dass sie bei der Regelung der Nachfolge übergangen worden waren. Einige Ansār brachten in dieser Situation ʿAlī ibn Abī Tālib, der der nächste Verwandte des Propheten war, als Alternative für Abū Bakr ins Spiel. ʿAlī hatte offensichtlich auch die Unterstützung der Nachkommen von ʿAbd Schams. Sie pochten in dieser Situation auf die politischen Vorrechte der Nachkommen ʿAbd Manāfs, zu denen sowohl die ʿAbd Schams als auch die Banū Hāschim gehörten, und kritisierten, dass Abū Bakr nicht diesem Stammesadel angehörte.Madelung: The Succession to Muḥammad. 1997, S. 40–41. In der Folgezeit sorgte ʿUmar zusammen mit den Banū Aslam dafür, dass fast alle Bewohner Medinas Abū Bakr den Treueid leisteten.Madelung: The Succession to Muḥammad. 1997, S. 43. Als man Abū Bakr den Titel ḫalīfat Allāh („Stellvertreter Gottes“) antrug, lehnte er diesen ab und erwiderte, dass er der ḫalīfat rasūl Allāh („Nachfolger des Gesandten Gottes“) sei und sich mit diesem Titel zufriedengebe.Aḥmad ibn Ḥanbal: Musnad. Ed. Šuʿaib al-Arnaʾūṭ und ʿĀdil Muršid. Muʾassasat ar-Risāla, Beirut 1999. Band 1, S. 225 (Nr. 59). Digitalisat

634 wurde ʿUmar ibn al-Chattāb zum zweiten Kalifen gewählt und führte zudem den Kalifentitel Amīr al-Mu'minīn (, „Befehlshaber der Gläubigen“) ein. In seiner Amtszeit setzte die islamische Expansion ein, und den Muslimen gelang es, ihren Einfluss auf Syrien (635–636), Mesopotamien (636) und Ägypten (639–642) auszudehnen. Nach ihrem Sieg bei Nihawand südlich von Hamadan brach das Reich der Sassaniden in Iran endgültig auseinander.

ʿUthmān ibn ʿAffān, ein Schwiegersohn Mohammeds, wurde 644 zum dritten Kalifen gewählt. Bedeutung erlangte seine Regierungszeit vor allem durch die endgültige Abfassung des Koran. Er setzte aber auch die Expansionen seines Vorgängers fort. So wurden 647 Tripolitanien (heute Libyen) und weitere Teile des Iran erobert sowie erste Vorstöße nach Anatolien unternommen. Mit der Zeit machte sich Uthman durch die Bevorzugung seiner umayyadischen Sippe bei der Ämter- und Beuteverteilung etliche Feinde, insbesondere unter den Heerführern und den Muslimen der eroberten Gebiete. 656 wurde er von aufständischen Muslimen aus Ägypten und dem Irak in Medina ermordet.

Uthmans Gegner waren vor allem die Anhänger des Ali ibn Abi Talib, die späteren Schiiten. Diese und die aufständischen Führer wählten Ali nun zum Kalifen. Doch Muawiya, der Statthalter von Syrien aus der Sippe der Umayyaden und damit ein Verwandter Uthmans, verweigerte die Gefolgschaft. Es kam zum Ausbruch von Kämpfen. Nach der Schlacht von Siffin einigte man sich auf Verhandlungen. Eine Gruppe von Muslimen, die späteren Charidschiten, sah darin eine Postenschacherei und eine große Schande und verließ das Lager Alis. 661 fiel Ali einem Attentat dieser Gruppe zum Opfer. Sein Sohn Hasan verzichtete auf seinen Herrschaftsanspruch, als er die Übermacht der Umayyaden erkannte.

Kalifat der Umaiyaden

Mit der Machtübernahme der Umaiyaden verlagert sich das Zentrum des Kalifats nach Syrien. Nach der Befriedung des Kalifats konnten die Muslime ihre Expansion wieder aufnehmen. So wurden unter Abd al-Malik und al-Walid I. zu Beginn des 8. Jahrhunderts der Maghreb, die Iberische Halbinsel, Transoxanien und das Industal erobert. Damit erreichte das Kalifat seine größte Ausdehnung. Die Umaiyaden mussten sich allerdings immer wieder gegenüber Oppositionsbewegungen behaupten. Umstritten war dabei die Legitimation der Umayyaden, denen unter anderem vorgeworfen wurde, in der Anfangszeit des Islam zu den heftigsten Gegnern des Propheten Mohammed gezählt zu haben.

Manche Muslime erkannten das syrische Kalifat der Umaiyaden auch gar nicht an. So überlieferte der irakische Traditionarier ʿAuwām ibn Hauschab (gest. 765) von Abū Huraira die Aussage: „Das Kalifat ist in Medina und das Königtum in Syrien“ und zitierte den Propheten mit der Aussage: „Das Kalifat besteht nach mir in meiner Umma nur 30 Jahre.“ Demnach endete die Zeit des Kalifats nach dem Tode von ʿAlī ibn Abī Tālib.Nuʿaim ibn Ḥammād: Kitāb al-Fitan. Ed. Samīr ibn Amīn az-Zuhairī. Maktabat at-Tauḥīd, Kairo 1991. S. 104, Nr. 248, 249. Digitalisat Und der Prophetengefährte Hudhaifa ibn al-Yamān (gest. 656) wurde mit der Prophezeiung zitiert, dass nach ʿUthmān ibn ʿAffān zwölf Könige von den Umaiyaden herrschen würden. Als man ihn fragte, ob es nicht Kalifen seien, soll er geantwortet haben: „Nein, Könige“.Nuʿaim ibn Ḥammād: Kitāb al-Fitan. Ed. Samīr ibn Amīn az-Zuhairī. Maktabat at-Tauḥīd, Kairo 1991. S. 105, Nr. 253. Digitalisat

Diese Vorstellung spiegelt sich auch in einem Hadith wider, der Aufnahme in mehrere der sechs kanonischen Bücher gefunden hat. Er lautet: „Das Kalifat dauerte dreißig Jahre, darauf folgten Königtum (mulk) und Emirat (amāra).“ Der spätere sunnitische Gelehrte at-Taftāzānī (gest. 1390) hielt den Inhalt dieses Hadith allerdings für problematisch, weil er meinte, dass es einen Konsens bei den politisch einflussreichen Persönlichkeiten der Muslime über das Kalifat der Abbasiden sowie einzelner marwanidischer Umaiyaden wie ʿUmar ibn ʿAbd al-ʿAzīz (reg. 717–720) gegeben habe.Saʿd ad-Dīn at-Taftazānī: Šarḥ al-ʿAqāʾid an-Nasafīya. Ed. ʿAlī Kamāl. Dār Iḥyāʾ at-Turāṯ al-ʿArabī, Beirut 2014. S. 140. Digitalisat.

Ein Hadith, der wahrscheinlich von dem syrischen Traditionarier Ismāʿīl ibn ʿAiyāsch (gest. 797) verbreitet und in den Musnad von Ahmad ibn Hanbal aufgenommen wurde, beschränkt das Kalifat auf den Stamm der Quraisch. Er lautet: „Das Kalifat liegt bei den Quraisch, das Richteramt bei den Ansār, der Ruf zum Gebet bei den Abessiniern und die Hidschra bei den Muslimen und dann den Auswanderern“.Aḥmad ibn Ḥanbal: Musnad. Ed. Šuʿaib al-Arnaʾūṭ u. a. Muʾassasat ar-Risāla, Beirut 1999. Band 29, S. 200–201 (Nr. 17654). Digitalisat

Kalifat der Abbasiden

Nach dem Sturz der Umaiyaden im Jahre 749 errichteten die Abbasiden ein neues Kalifat mit Zentrum im Irak. Der zweite abbasidische Kalif al-Mansūr (reg. 754–775) gründete 762 als neue Hauptstadt des Kalifats Bagdad. Nach al-ʿAllāma al-Hillī war er es auch, der in Auseinandersetzung mit den Machtansprüchen der Aliden als neuen Ritus der politischen Autoritätsbekundung die regelmäßige Erwähnung des Kalifen in der Chutba einführte.Ibn Taimīya: Minhāǧ as-sunna an-nabawīya. Kairo 1321h (= 1903 n. Chr.). Bd. II, S. 147, Zeile 15–19. Digitalisat

Unter Harun ar-Raschid (786–809) wurde Bagdad zu einer vor Prunk und Reichtum strotzenden Metropole, wie es in den Geschichten Scheherazades in Tausendundeine Nacht beschrieben wird, und zu einem Zentrum der Kultur und Naturwissenschaften. Im frühen 9. Jahrhundert hatte das Kalifat seine Blütezeit erreicht. Doch die Ausdehnung und die Bürokratie verlangten ihren Preis: Mehr und mehr gaben die Kalifen die politische Macht an Staatsminister, die Wesire und mittlere Beamte ab. Schon in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts sanken sie zu bloßen nominellen Herrschern herab, während die faktische Herrschaft bei sich abwechselnden Heerführern in der Hauptstadt oder bei Lokalherrschern lag. Dies galt besonders für den Kalifen al-Mustaʿīn bi-Llāh (reg. 862–866), der völlig unter der Knute seiner beiden türkischen Generäle Wasīf (gest. 867) und Bughā (gest. 868) stand. Über ihn heißt es in einem arabischen Gedicht: خليفة في قفص بين وصيف وبغا يقول ما قالا له كما تقول الببغا Ḫalīfatun fī qafaṣin baina Waṣīfi wa-Buġā yaqūlu mā qālā lahū kamā taqūlu l-babaġā Ein Kalif im Käfig Zwischen Wasīf und Bughā Er wiederholt, was sie ihm sagen, Wie es der Papagei macht.Ǧalāl ad-Dīn as-Suyūṭī: Tārīḫ al-ḫulafāʾ. Dār Ibn Ḥazm, Beirut 2003. S. 285. Digitalisat.

Bereits im 8. Jahrhundert war ein Umayyade nach al-Andalus entkommen, wo er das Emirat von Córdoba begründete. Seit Beginn des 9. Jahrhunderts kam es zur Gründung weiterer Emirate (unter anderem Aghlabiden, Tuluniden, Tahiriden und Samaniden), die nur noch formal der Herrschaft der Kalifen in Bagdad unterstanden. Mitte des 10. Jahrhunderts wurden die Abbasiden auch in Bagdad politisch entmachtet und unterstanden in der Folgezeit der Kontrolle der persischen Buyiden.

Auseinandersetzung mit den Kalifaten des Westens