mini|hochkant|Johh-Paul Himka
John-Paul Himka (* 18. Mai 1949 in Detroit, Michigan) ist ein amerikanisch-kanadischer Historiker und emeritierter Professor für Geschichte an der Universität von Alberta in Edmonton.
Leben Himka hat einen gemischten ethnischen Hintergrund, ukrainisch (väterlicherseits) und italienisch (mütterlicherseits). Ursprünglich wollte er griechisch-katholischer Priester werden und studierte am St. Basil Seminar in Stamford, Connecticut. Aufgrund der Politisierung Ende der 1960er Jahre verfolgte er diesen Weg nicht weiter.
Himka machte 1971 seinen BA in byzantinisch-slawischen Studien und 1977 den Ph.D. in Geschichte an der Universität von Michigan. Der Titel seiner Dissertation war Polish and Ukrainian Socialism: Austria, 1867–1890. Als Historiker war Himka in den 1970er und 80er Jahren Marxist, beschäftigte sich dann in den 1990er Jahren mit Postmodernismus. 2012 bezeichnete er seine Methodologie in Geschichte als „eklektizistisch“.
Forschungsarbeiten Ab 1977 lehrte Himka an der Universität von Alberta, Abteilung für Geschichte und Klassik. 1992 wurde er zum ordentlichen Professor ernannt und verließ die Universität im Jahr 2014. Himka ist Träger mehrerer Auszeichnungen und Stipendien. Er war Mitherausgeber der „Enzyklopädie der Ukraine“ für drei Geschichtsbände.
Himka reiste 1976 zu Forschungszwecken in die Ukrainische SSR und arbeitete mit Wissenschaftlern des Fachbereichs Geschichte der Lwiwer Universität zusammen. Anfangs konzentrierte er sich auf Sozialgeschichte in Galizien im 19. und 20. Jahrhundert. Der 1000. Jahrestag der Christianisierung der Rus weckte sein Interesse an der Geschichte der griechisch-katholischen Kirche und den Einfluss der Kirche auf die Entwicklung des ukrainischen Nationalismus.
2002 untersuchte er Sozialismus in Habsburgs Galizien, einer ehemals autonomen Region in der Westukraine, religiöse Kultur der Ostslawen (Ikonografie) und insbesondere den Holocaust in der Ukraine.Siehe dazu Kategorie Holocaust in der Ukraine
Seit den späten 1990er Jahren wurde seine Auseinandersetzung mit dem, was er als ukrainische „nationalistische Geschichtsmythen“ bezeichnet, Gegenstand zunehmender Debatten sowohl in der Ukraine als auch in Nordamerika. Himka hinterfragte die Interpretation des Holodomor als Genozid und die Ansicht, ukrainischer Nationalismus und die Nationalisten hätten keine oder fast keine Rolle beim Holocaust in der Ukraine gespielt. Himka wandte sich auch gegen die offizielle Verherrlichung von Roman Schuchewytsch und Stepan Bandera zu nationalen Helden während der Präsidentschaft von Wiktor Juschtschenko.sowie durch die ukrainische Diaspora in Kanada
In seinem 1996 auf früheren Arbeiten basierenden Artikel Krakivski visti and the Jews, 1943: Ein Beitrag zur Geschichte der ukrainisch-jüdischen Beziehungen während des Zweiten Weltkriegs, erschienen im Journal of Ukrainian Studies, schrieb Himka, dass die Geschichte der ukrainisch-jüdischen Beziehungen während des Zweiten Weltkriegs erstaunlich wenig erforscht worden sei. Himka zitiert Raul Hilbergs „monumentale Studie“ Die Vernichtung der europäischen Juden, als die von Historikern verwendete Quelle.
Als Antwort auf diese Lücke präsentierte Himka seine detaillierte Studie über antisemitische Artikel im Jahr 1943 im „Flaggschiff des ukrainischen Journalismus unter der Nazi-Besatzung“, der Tageszeitung Krakiwski Wisti. Leiter war Mychajlo Chomjak, der sich später in Kanada in Michael Chomiak umbenannte und Himkas Schwiegervater war. Nach Chomiaks Tod übernahm das Provinzarchiv von Alberta 1985 dessen Unterlagen.
Himka beschrieb die „wichtige und im Allgemeinen positive Rolle im ukrainischen Leben“, die Krakiwski Wisti „als Puffer zwischen den deutschen Besatzungsbehörden und der Bevölkerung des Generalgouvernements“ hatte. Als Reaktion auf eine Anordnung des deutschen Pressechefs vom Mai 1943 veröffentlichte die Zeitung vom 25. Mai bis zum Juli antisemitische Artikel, die von der ukrainischen Intelligenz im Allgemeinen negativ aufgenommen worden seien. Die zweite Arbeit, Galician Villagers and the Ukrainian National Movement in the Nineteenth Century („Galizische Dorfbewohner und die ukrainische Nationalbewegung im neunzehnten Jahrhundert“), wurde 1988 veröffentlicht. Das dritte Werk, Religion and Nationality in Western Ukraine: The Greek Catholic Church and the Ruthenian National Movement in Galicia, 1867–1900, das „den Wechselbeziehungen zwischen Kirche und Staat“ gewidmet ist, wurde 1999 veröffentlicht.
In seinem 2005 erschienenen Artikel War Criminality: A Blank Spot in the Collective Memory of the Ukrainian Diaspora („Kriegsverbrechen: Ein weißer Fleck im kollektiven Gedächtnis der ukrainischen Diaspora Kriegsverbrechen“) untersuchte er Material, das von einer ukrainisch-jüdischen Konferenz im Jahr 1983 stammte, die am 50. Jahrestag des Holodomor, der sowjetischen Hungersnot in der Ukraine von 1932–1933, stattfand, sowie „aktuelle elektronische Medien und die letzten Jahre der The Ukrainian Weekly, ergänzt um eine retrospektive Auswahl von Artikeln der [ukrainischen Zeitschrift] Svoboda.“ Auf der Konferenz von 1983 habe beispielsweise Professor Jaroslaw Bilinski einen kausalen Zusammenhang zwischen dem Vorwurf angeblicher Kollaboration jüdischstämmiger Kommunisten bei der zur Großen Hungersnot führenden Kollektivierung der Landwirtschaft und jeder nachgewiesenen Kollaboration ukrainischstämmiger Extremisten beim Holocaust bestritten.
Sein 2009 erschienenes Buch Last Judgment Iconography in the Carpathians ist das Ergebnis einer zehnjährigen Forschungsarbeit „in der gesamten Region der Karpaten, wo er eine unverwechselbare und grenzüberschreitende Mischung aus gotischer, byzantinischer und novgorodianischer Kunst gefunden hat“.
In einem Buchbeitrag über Volksgruppenzugehörigkeit und die Berichterstattung über Massenmord untersuchte Himka, wie die Krakiwski Wisti über zwei Fälle von Massengewalt durch die Sowjets, die NKWD-Häftlingsmassaker 1941 und die Massaker von Winnyzja, berichtet hatte. Himka schrieb, dass Krakiwski Wisti „sowohl die Täter als auch die Opfer ethnisierte, indem er den Ersteren vor allem eine jüdische Identität zuschrieb und die Letzteren fast ausschließlich als Ukrainer darstellte.“
2021 veröffentlichte John-Paul Himka als Abschluss und Zusammenfassung seiner Arbeiten als Historiker an der Universität eine Monographie über die Beteiligung der ukrainischen Nationalisten am Holocaust. Der für seine Stepan-Bandera-Monographie bekannte polnische Historiker Grzegorz Rossoliński-Liebe bezeichnet das Buch als „wichtige Publikation, die vor allem in der Ukraine zu einem Standardwerk über das Verhalten ukrainischer Nationalisten im Holocaust werden sollte“.
Privatleben John-Paul Himka ist verheiratet mit Chrystia Chomiak, der Tochter von Michael Chomiak (1905–1984), der Redakteur der antisemitischen ukrainischen Zeitschrift Krakiwski Wisti war. Himka erfuhr davon erst, als Chomiak 1984 starb. Das Paar hat zwei Kinder.
John-Paul Himka unterstützt aktiv die gewerkschaftsnahe Ukraine-Solidaritätskampagne und wurde am 11. November 2022 vom Außenministerium der Russischen Föderation in Reaktion auf die Verschärfung von US-Sanktionen mit 200 anderen US-Bürgern mit einem Einreiseverbot belegt.
Auszeichnungen Antonowytsch-Preis (1988) Killam Annual Professorship 2001–2002 Rutherford Award for Excellence in Undergraduate Teaching (2006) Philip Lawson Award for Excellence in Teaching J. Gordin Kaplan Award for Research Excellence
Veröffentlichungen
Bücher
Mit Frances A. Swyripa:
Übersetzungen Rosdolsky, Roman: Engels and the „Nonhistoric“ Peoples: The National Question in the Revolution of 1848. Mit einem Vorwort von John-Paul Himka. Critique Books 1986. ISBN 1-870111-01-X. Buch auf academia.edu.
Sammelbände mit Ivan Rudnytsky: Rethinking Ukrainian History. Canadian Institute of Ukrainian Studies, University of Alberta, Edmonton 1981. ISBN 0-920862-12-8. Buch auf archive.org.
Galicia and Bukovina: A Research Handbook about Western Ukraine, Late 19th and 20th Centuries. Alberta Culture & Multiculturalism, Historical Resources Division, 1990. Buch auf archive.org. mit Hans-Joachim Torke: German-Ukrainian Relations in Historical Perspective. Canadian Institute of Ukrainian Studies 1994. ISBN 0-920862-91-8. mit Andriy Zayarnyuk: Letters from Heaven: Popular Religion in Russia and Ukraine. University of Toronto Press, 2006. ISBN 0-8020-9148-2.
mit Franz A. J. Szabo: Eastern Christians in the Habsburg Monarchy. University of Alberta Press, 2022. ISBN 1-894865-64-2.
Artikel
Videos
Weblinks
John-Paul Himka auf der University of Alberta Akademischer Lebenslauf Profil auf academia.edu Artikel von und über John-Paul Himka im CIUS Archiv des Canadian Institute of Ukrainian Studies John-Paul Himka auf H-Net Beiträge für die „Ukrainian Solidarity Campaign“
Einzelnachweise
Kategorie:Hochschullehrer (University of Alberta) Kategorie:Kulturhistoriker Kategorie:Osteuropahistoriker Kategorie:Holocaustforscher Kategorie:Historiker (Neuere und Neueste Geschichte) Kategorie:Ukrainische Diaspora Kategorie:US-Amerikaner Kategorie:Kanadier Kategorie:Geboren 1949 Kategorie:Mann