Die Einwanderung oder Immigration nach Deutschland ist der Vorgang der temporären oder dauerhaften Neu- oder Wiederansiedlung in Deutschland. Sie kann im Rahmen diverser Migrationsformen wie Auswanderung, Durchwanderung, zirkulären Wanderung oder auch Rückwanderung unter Freiwilligkeit oder Druck erfolgen.

Geschichte Die Hugenotten Das Edikt von Potsdam, auch Potsdamer Toleranzedikt genannt, war ein Toleranzedikt, das am Edikt von Potsdam – Artikel bei Info-Potsdam.de; Stand: 5. November 2007. vom preußischen Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg erlassen wurde. Der Kurfürst – im Gegensatz zur evangelisch-lutherischen Bevölkerungsmehrheit Brandenburgs selbst calvinistischen Glaubens – bot seinen in Frankreich wegen ihrer Religion verfolgten protestantischen Glaubensgenossen, den Hugenotten, freie und sichere Niederlassung in Brandenburg an. Den Flüchtlingen wurden großzügige Privilegien gewährt, unter anderem Befreiung von Steuern und Zöllen, Subventionen für Wirtschaftsunternehmen und Bezahlung der Pfarrer durch das Fürstentum. Viele von ihnen siedelten sich in Potsdam und Berlin an (siehe dazu Hugenotten in Berlin).

Herrnhuter Brüdergemeine Als 1620 nach der Schlacht am Weißen Berg die Religionsfreiheit in Böhmen endete, gelangten in Mähren und Böhmen die Protestanten zunehmend unter den Druck der Gegenreformation. Ab 1722 wanderten nach einer Unterstützungszusage des Grafen Nikolaus Ludwig von Zinzendorf eine große Zahl von Sympathisanten der Böhmischen Brüder zuerst aus Mähren kommend nach Sachsen ein. In deren Gepäck befand sich auch das theologische und philosophische Erbe Johann Amos Comenius. Die Exulanten blieben zunächst unter sich und gründeten in Herrnhut 1727 die noch heute bestehende Brüderunität. Konflikte mit und Misstrauen unter der damaligen angestammten Bevölkerung führten jedoch auch zu einer Fortsetzung der Wanderungsbewegung, wodurch sich Gruppen der Herrnhuter Brüdergemeine zunächst in Berlin und später an weiteren deutschen Orten ansiedelten.

Kaiserreich mini|Siegelmarke Deutsche Arbeiterzentrale

Deutschland entwickelte sich in der Hochkonjunkturperiode ab 1890 zu einem wichtigen Einwanderungsland und die Zahl der beschäftigten Ausländer stieg bis 1914 auf schätzungsweise 1,2 Millionen an. Ein Großteil waren Polen aus dem russischen und dem österreichisch-ungarischen Kaiserreich. Da die reichsdeutsche polnische Bevölkerung als „Reichsfeinde“ angesehen wurden, versuchte man die wirtschaftlich notwendige polnische Zuwanderung in die ostpreußische Landwirtschaft und ins Ruhrgebiet (Ruhrpolen) im Rahmen einer antipolnischen Abwehrpolitik zu steuern. 1905 wurde die Deutsche Feldarbeiter Centralstelle gegründet, die 1911 zur Deutschen Arbeiterzentrale wurde. Diese stellte Legitimationskarten zur leichteren Identifikation der Arbeiter und Arbeiterinnen nach Nationalität und Arbeitgeber sowie Aufenthaltsbefristung aus.Jochen Oltmer: Migration im 19. und 20. Jahrhundert. In der Reihe Enzyklopädie der Deutschen Geschichte, Band 86, Oldenbourg Verlag, München 2010, ISBN 978-3-486-57753-2, S. 32.

Seit 1890 wurden russlanddeutsche Kolonisten als Siedler für den preußischen Osten gegen eine befürchtete Polonisierung angeworben.Jochen Oltmer: Migration und Politik in der Weimarer Republik. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2005, ISBN 3-525-36282-X, S. 141. Die deutschstämmigen Rückwanderer sollten die Landflucht in der ostelbischen Landwirtschaft dämpfen und die patriarchalischen Beziehungen zwischen Gutsherrn und Arbeiterschaft stärken.Jochen Oltmer: Migration und Politik in der Weimarer Republik. S. 147. Die Organisation der Rückwanderung aus Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa lag seit 1909 in den Händen des privaten Fürsorgevereins für deutsche Rückwanderer, womit man die parlamentarische Kontrolle und außenpolitische Komplikationen vermeiden wollte.Jochen Oltmer: Migration und Politik in der Weimarer Republik. S. 79.

1905 lebten mehr als eine Million Ausländer im Deutschen Reich, davon 42 % weiblich. Etwa die Hälfte waren „Österreicher“ (inkl. Tschechen, Slowaken, Galizier und anderer Zuwanderer aus damals zu Österreich gehörenden Ländern), etwa 107.000 „Russen“ (inkl. Polen und andere Zuwanderer aus dem damaligen Russischen Kaiserreich), je um die 100.000 Niederländer und Italiener, 82.000 Ungarn (alle Länder der ungarischen Krone), 63.000 Schweizer, 30.000 Dänen, jeweils etwa 20.000 Franzosen, Briten und Amerikaner (einschließlich Lateinamerikaner), 14.000 Luxemburger, je etwa 12.000 Belgier und Skandinavier, 397 Chinesen, 174 Japaner, 100 sonstige Asiaten (einschl. Türken) und 99 Afrikaner.G. Stegemann: Interessantes aus der deutschen und internationalen Statistik, zusammengestellt nach dem neuesten amtlichen Material. In: Herrmann A. L. Degener: Wer ist's? III. Ausgabe, Leipzig 1908, S. XXV.

Ab 1915 rückte durch den kriegsbedingten Arbeitskräftemangel die Rekrutierung ausländischer Arbeitskräfte vor allem aus den besetzten Gebieten Polens und Belgiens in den Mittelpunkt. Dabei wurde immer häufiger zu Zwangsmitteln gegriffen und 1916 begannen Deportationen von Zivilisten aus Belgien und in geringerem Umfang aus Polen.Jochen Oltmer: Migration im 19. und 20. Jahrhundert. S. 35 f. Gleichzeitig führte der Krieg zu anhaltendem extremem Nationalismus und der Verbreitung von Fremdenfeindlichkeit.Jochen Oltmer: Migration im 19. und 20. Jahrhundert. S. 37.

Im deutsch-russischen Zusatzvertrag zum Friedensvertrag von Brest-Litowsk wurde ein zehnjähriges Rückwanderungsrecht der deutschstämmigen Bevölkerung Russlands vereinbart. Dies führte mit zur Gründung der Reichsstelle für deutsche Rückwanderung und Auswanderung, um ethno-national orientiert Arbeitskräfte und Siedler auf dem Höhepunkt der deutschen Annexionspolitik im Osten zu suchen.Jochen Oltmer: Migration und Politik in der Weimarer Republik. S. 166–168.

Weimarer Republik mini|Essenausgabe im Heimkehrlager für Grenzlandvertriebene, Zossen 1919

Nach der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg und den territorialen Änderungen durch den Versailler Vertrag (mit Optionsrecht für die Einwohner) wurde versucht, die dauerhafte Einwanderung ins Reich zu verhindern. Die Siedlungsschwerpunkte mit deutschen Minderheiten (Grenzlanddeutsche im Ausland) in Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa sollten erhalten bleiben und als außenpolitisches Druckmittel genutzt werden. Zur Verhinderung der Zuwanderung und dauerhaften Ansiedlung von Ausländern deutscher Abstammung wurde das Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetz von 1913 restriktiv ausgelegt und die rasche Einbürgerung der Volksdeutschen abgelehnt.Jochen Oltmer: Migration und Politik in der Weimarer Republik. S. 214. Bis Mitte der 1920er Jahre wanderten eine Million Menschen aus den abgetretenen Gebieten zu. Der Migrationsforscher Jochen Oltmer nennt 150.000 aus Elsass-Lothringen, 16.000 aus den Kolonien, 850.000 deutsche „Grenzlandvertriebene“ aus den polnischen Westgebieten und 120.000 Russlanddeutsche. Es kam teilweise zur Weiter- und Rückwanderung.Jochen Oltmer: Migration im 19. und 20. Jahrhundert. S. 41.

Bedingt durch die Oktoberrevolution und den russischen Bürgerkrieg flohen zahlreiche Menschen aus dem ehemaligen Zarenreich nach Deutschland und insbesondere Berlin, das zu dem Exilzentrum der russländischen Emigration mit wichtigen kulturellen und politischen Einrichtungen wurde. Eine restriktive deutsche Asylpolitik und eine offensive französische Anwerbungspolitik um Arbeitskräfte zu gewinnen, führten dann zu einer Abwanderung nach Paris, das Mitte der 1920er Jahre die Rolle Berlins übernahm.Jochen Oltmer: Migration im 19. und 20. Jahrhundert. S. 41.

Besonders restriktiv war die Migrations- und Integrationspolitik gegenüber ost- und ostmitteleuropäischen Juden, die vor Pogromen oft auch illegal nach Westen flohen. Deshalb setzte schnell eine Weiterwanderung der Ostjuden ein.Jochen Oltmer: Migration im 19. und 20. Jahrhundert. S. 41 f.

Nationalsozialismus Als 1938 wegen der Rüstungsanstrengungen Arbeitskräfte fehlten, wurden Anwerbeverträge mit Italien, Jugoslawien, Ungarn, Bulgarien und den Niederlanden abgeschlossen.Ute Vergin: Die nationalsozialistische Arbeitseinsatzverwaltung und ihre Funktionen beim Fremdarbeiter(innen)einsatz während des Zweiten Weltkriegs. Osnabrück 2008, (PDF; 3,4 MB), S. 261.

mini|NS-Propagandaplakat zur Umsiedlung Volksdeutscher In der Zwischenkriegszeit war die deutsche Außenpolitik daran interessiert, die deutschen Minderheiten in ihren Siedlungsgebieten zu erhalten und damit einen Hebel gegen die Versailler Nachkriegsordnung zu haben. Hitler änderte diese Politik, indem er mit Mussolini aus bündnispolitischen Gründen 1939 die Option in Südtirol vereinbarte und nach dem Überfall auf Polen mit zahlreichen Ländern die Umsiedlung Volksdeutscher aus Mittelosteuropa vereinbarte. Für die Umsetzung wurde Heinrich Himmler als Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums beauftragt. Die Menschenverschiebung erfolgte weitgehend unvorbereitet und improvisiert. Die Umsiedler wurden großteils in den eingegliederten Ostgebieten des Reiches angesiedelt. Dazu musste man die dort lebenden Fremdvölkischen zuvor vertreiben.Markus Leninger: Nationalsozialistische Volkstumsarbeit und Umsiedlungspolitik 1933–1945. Frank & Timme, Berlin 2006, ISBN 978-3-86596-082-5, S. 25 u. 88 f. Bei der Umsiedlung musste nach „gutrassigen“ Deutschen und „rassisch Unerwünschten“ unterschieden werden, wobei die Rasseexperten des Rasse- und Siedlungshauptamt hierbei und bei der Kategorisierung der einheimischen Bevölkerung in die Deutsche Volksliste unverzichtbar waren. Für die Auslese und Einbürgerung war die Einwandererzentralstelle, für die Deportationen die Umwandererzentralstelle zuständig. Die Abholung der Umsiedler aus ihren Heimatländern und die Unterbringung in Lagern oblag der Volksdeutschen Mittelstelle.Markus Leniger: Nationalsozialistische „Volkstumsarbeit“ und Umsiedlungspolitik 1933–1945. Frank & Timme, Berlin 2006, ISBN 978-3-86596-082-5, S. 15–17. Die Umsiedlung schuf „Sachzwänge“ und radikalisierte damit die Enteignung, Deportation und Ghettoiesierung von Juden. Das sollte später mit einer genozidalen Politik durchbrochen werden und gilt mittlerweile mit als eine Ursache für den Holocaust.Markus Leniger: Nationalsozialistische „Volkstumsarbeit“ und Umsiedlungspolitik 1933–1945. S. 10.

mini|Gedenkinschrift zur Zwangsarbeit Arbeitsamt 1939–1945 in Piotrków Trybunalski, Polen