Die Beisetzung von Boris Pasternak fand am 2. Juni 1960 auf dem Friedhof von Peredelkino () statt.vgl. Monica Rüthers: Moskau bauen von Lenin bis Chruščev: Öffentliche Räume zwischen Utopie, Terror und Alltag. 2007 (Online-Teilansicht): „Das Begräbnis Boris Pasternaks 1960 wurde zur ersten politischen Demonstration der Nach-Stalin-Zeit, denn am Kiever Bahnhof fanden sich überall Hinweise auf Flugblättern, wie man am besten nach Peredel'kino komme. Damals kursierten die ersten inoffiziellen Anthologien und Zeitschriften mit überwiegend lyrischen Texten.“ Trotz der Bemühungen der Behörden, das Ereignis herunterzuspielen, versammelten sich vieleDie Angaben schwanken zwischen vielen hundert und mehr als zweitausend Menschen (vgl. Christopher Barnes, S. 373 (many hundreds) und planetlyrik.de: Erinnerungen an Boris Pasternak (Die Behörden tun alles, um die Beerdigung im Moskauer Datschenvorort Peredelkino, seinem langjährigen Wohnort, totzuschweigen. Dennoch geben mehr als zweitausend Menschen ihrem Dichter, der für sie längst schon zu einer moralischen Instanz geworden war, das letzte Geleit. Stundenlang stehen junge Leute am Grabe und lesen Gedichte.)). um Abschied von dem verehrten Dichter zu nehmen. Die Zeremonie war geprägt von einer Mischung aus Trauer und Protest, und sie markierte einen bedeutenden Moment in der sowjetischen Kulturgeschichte. Für viele war die Teilnahme an der Beerdigung nicht nur eine Hommage an den verstorbenen Dichter, sondern auch ein Akt der Zivilcourage, wahrscheinlich der erste seit vielen Jahrzehnten in Sowjetrussland, ein Akt des Widerstands gegen die Unterdrückung von Meinungsfreiheit und künstlerischer Freiheit. mini| Geschichte Der russische Dichter und Schriftsteller Boris Leonidowitsch Pasternak war am 30. Mai 1960 im Alter von 71 Jahren in Peredelkino bei Moskau nach schwerer und langer Krankheit verstorben. Er war eine der wichtigsten Figuren der russischen Literatur des 20. Jahrhunderts. 1958 erhielt er den Nobelpreis für Literatur für seinen Roman Doktor Schiwago, der ihm internationalen Ruhm einbrachte, aber auch den Zorn der sowjetischen Behörden, die das Werk als subversiv betrachteten. In den Zeiten des Kalten Kriegs durfte dieser in Russland nicht erscheinen. Nach vielem Hin und Her wurde er zuerst in Italien in einer italienischen Übersetzung veröffentlicht, eine von der CIA finanziell geförderte russische Originalausgabe wurde im August 1958 beim Den Haager Mouton Verlag veröffentlicht.
Der Moskauer Datschenvorort Peredelkino, auf dessen Friedhof Pasternak begraben wurde, war sein langjähriger Wohnort.vgl. mdz-moskau.eu: Wo sowjetische Dichter lebten: zu Besuch in Peredelkino Die Nachricht über seinen Tod wurde in der Literaturnaja gaseta (vom 2. Juni) und in der Zeitung Literatura i schisn (vom 1. Juni) sowie in der Zeitung Wetschernjaja Moskwa veröffentlicht. Sein Tod löste eine Welle der Trauer und Kontroverse aus, die die sowjetische Gesellschaft tief spaltete.
Die Literaturnaja gaseta verkündete den Tod eines der ersten russischen Dichter des 20. Jahrhunderts mit einer kurzen Mitteilung als "Mitglied des Literaturfonds der UdSSRrussisch Литературный фонд СССР":Неизвестное видео с похорон Бориса Пастернака / Unbekanntes Video von der Beerdigung von Boris Pasternak (Сообщение о смерти Бориса Пастернака в «Литературной газете». 2 июня 1960 года «Литературная газета», № 65 / Дом антикварной книги в Никитском / Bericht über den Tod von Boris Pasternak in der "Literaturnaja gaseta". 2. Juni 1960 "Literaturnaja gaseta", Nr. 65 / Haus der antiquarischen Bücher in Nikitskoe)
Trotz der 'Schande' des Dichters – er war aus dem sowjetischen Schriftstellerverband ausgeschlossen worden und es lief eine Denunziationskampagnevgl. readex.com: “One Lousy Sheep”: The 1958 Soviet Denunciation of Nobel Prize Winner Boris Pasternak (August Imholtz Jr) gegen ihnvgl. spiegel.de: "Sie sind zu meiner Hinrichtung eingeladen" (Marc von Lüpke, 07.03.2016): – fanden sich am 2. Juni 1960 zahlreiche Menschen ein, um ihn auf seinem letzten Weg zu begleiten. Unter den Trauergästen waren prominente Persönlichkeiten wie Naum Korzhavin, Bulat Okudschawa, Andrei Wosnessenski, Qaysin Qulirussisch Кайсын Шуваевич Кулиев. In seiner Biografie von Alexander Solschenizyn erwähnt D. M. Thomas vier Pianisten, die bei der Beerdigung von Boris Pasternak spielten: Swjatoslaw Richter, Maria Judina, Stanislaw Neuhaus und Andrei Wolkonski.Zitiert nach Pianists at Pasternak's funeral (Bob Harper)
Eine detailreiche Schilderung des Geschehnisses liefert die Pasternak-Biographie von Christopher J. Barnes:Christopher Barnes: Boris Pasternak: A Literary Biography, Band 2, 1998, S. 373
Olga Iwinskaja schildert in ihren Erinnerungen an ihre mit Pasternak verbrachten Jahre (A Captive of Time: My Years with Pasternak) das Ereignis ebenfalls ausführlich.
Auch über die Beerdigung selbst wurde von sowjetischer Seite ein Bericht von der Kulturabteilung am 4. Juni 1960 veröffentlicht, worin nach der Darstellung Henri Troyats zu lesen ist, dass die ausländische bourgeoise Presse versucht habe, sich der Krankheit und des Todes Pasternaks zu bedienen, um antisowjetischen Reaktionen in der öffentlichen Meinung zu wecken.vgl. Henri Troyat: Pasternak. 2006, Kap. VII: Un défunt récalcitrant [Ein widerspenstiger Verstorbener] (Online-Teilansicht)
Nach Pasternaks Tod wurden seine Lebensgefährtin Olga Iwinskaja und deren Tochter Irina Jemeljanowa im Zusammenhang mit der Veröffentlichung Doktor Schiwagos in westlichen Verlagen festgenommen und inhaftiert. Der Roman Doktor Schiwago erschien in der Sowjetunion erst 1987 im Zuge der Perestroika, nachdem Pasternak rehabilitiert worden war. Trotz der Versuche der sowjetischen Regierung, Pasternaks Erbe zu unterdrücken, bleibt seine Bedeutung als einer der herausragenden Dichter des 20. Jahrhunderts unbestritten. mini|hochkant|Pasternak auf einer sowjetischen Briefmarke von 1990
Die Bildhauerin Sarra Lebedewa schuf das Denkmal auf Pasternaks Grab, das bis heute als Gedenkstätte für den bedeutenden Dichter dient. Sein Vermächtnis lebt weiter in seinem Werk und in der Erinnerung derer, die ihn als moralische Instanz und künstlerisches Genie verehren.
Ein Video, das bei der Beerdigung aufgenommen wurde, wurde in jüngerer Zeit zum ersten Mal im Internet veröffentlicht. Der Film befindet sich im Besitz der Familie des Dichters. Er wurde vom Studio Top kadr, wiss. Transliteration digitalisiert und restauriert, wobei noch einiges von Experten erforscht und beschrieben werden müsste.tvrain.tv: Впервые опубликовано видео похорон Бориса Пастернака 1960 года / Zum ersten Mal wurde ein Video der Beerdigung von Boris Pasternak im Jahr 1960 veröffentlicht (14. April 2017)
Literatur Boris Pasternak: Doktor Shiwago: Roman. S. Fischer, Frankfurt am Main 2014, Nachwort (Online-Teilansicht) Christopher Barnes: Boris Pasternak: A Literary Biography, Band 2, 1998 (Online-Teilansicht) Olga Ivinskaya: A Captive of Time: My Years with Pasternak. Doubleday, 1978, ISBN 978-0-00-635336-2 Henri Troyat: Pasternak. Grasset & Fasquelle 2006, Kap. Un défunt récalcitrant [Ein widerspenstiger Verstorbener] (Online-Teilansicht)
Weblinks Похороны Бориса Пастернака / Beerdigung von Boris Pasternak (Video) Unbekanntes Video von der Beerdigung von Boris Pasternak: Einer der wichtigsten Tage der russischen Geschichte und Kultur des zwanzigsten Jahrhunderts - in einem fünfminütigen Amateurfilm (russisch) "Культ личности забрызган грязью..." (russisch) Pasternak's Funeral: A Poetic Protest (Bob Rand) A Letter from Boris Pasternak Beerdigung von Boris Pasternak (Foto)
Einzelnachweise und Fußnoten
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