K-219 war ein Atom-U-Boot der sowjetischen Marine. Sie gehörte dem Typ Projekt 667A an, NATO-Bezeichnung: Yankee-I-Klasse. Als Raketen-U-Boot (SSBN) war es die Aufgabe der 1971 gebauten K-219, im Rahmen der nuklearen Abschreckung U-Boot-gestützte ballistische Raketen (SLBM) vor die Ostküste der USA zu tragen, um im Falle eines Atomkrieges eine möglichst kurze Reaktionszeit zu gewährleisten.
Am 3. Oktober 1986 detonierte rund 680 Seemeilen nordöstlich der Bermuda-Inseln im Atlantischen Ozean eine der Raketen in ihrem Silo, der Raketenraum füllte sich mit Wasser. Die K-219 tauchte daraufhin auf und trieb drei Tage an der Wasseroberfläche. Am 6. Oktober sank das U-Boot schließlich aus letztlich nicht geklärter Ursache. Vier Besatzungsmitglieder starben, der Rest der Mannschaft wurde gerettet.
Daten Dienstzeit Für das Design des Bootes war das Zentrale Konstruktionsbüro Rubin () verantwortlich, Chefingenieur war Sergei N. Kowaljow.
Die K-219 wurde auf der Marinewerft in Sewerodwinsk am Weißen Meer 1971 mit der Werftnummer 460 von Stapel gelassen und am 31. Dezember 1971 als 21. Einheit der Yankee-Klasse in der Marinebasis Gadschijewo auf der Halbinsel Kola in Dienst gestellt, womit sie zur Nordflotte gehörte.
Technische Daten Die K-219 war als Einheit der Yankee-Klasse knapp 130 Meter lang und 12 Meter breit, ihre Besatzung bestand aus 120 Mann. Die Druckhülle war in neun Abteilungen geteilt, vom Torpedoraum über den Raketenraum (Abteilung 4) und die Reaktor- und Maschinenräume (Nr. 7 und 8) bis zur Notausstiegsluke achtern. Die Hülle wurde in Zweihüllenbauweise konstruiert und bestand aus schwach-magnetischem Stahl, um die Erfassung durch U-Boot-Suchflugzeuge mittels Magnetanomaliedetektor zu erschweren.
Der Antrieb bestand aus zwei Druckwasserreaktoren vom Typ OK-700. Deren Kerne vom Typ WM-4 lieferten eine Leistung von jeweils 90 Megawatt. Die zwei fünfblätterigen Bronzepropeller wurden über zwei Wellen angetrieben, die Leistung pro Welle lag bei 20.000 PS (14.710 kW). Die Bewaffnung bestand zu Beginn aus 16 Atomraketen vom Typ RSM-25, die jeweils einen Nuklearsprengkopf tragen konnten und eine Reichweite von geschätzten 2000 Kilometern hatten. Nachdem in den 1970er-Jahren der Startkomplex der Raketen vom Standard D-5 auf D-5U modernisiert worden war, konnte die K-219 die verbesserte RSM-25U mit drei Gefechtsköpfen und einer Reichweite von etwa 3000 Kilometern abfeuern. Zur Selbstverteidigung führte die K-219 außerdem Torpedos mit, die durch sechs Bugtorpedorohre ausgestoßen werden konnten.
Einsatzprofil Die Boote der Yankee-Klasse waren dazu konstruiert, U-Boot-gestützte, ballistische Raketen mit einer Reichweite von etwa 3000 km zu tragen. Sie waren als versteckte Erstschlagswaffen oder als Zweitschlagskapazität konzipiert. Das Standardoperationsgebiet der Yankee-Klasse umfasste gut 600.000 km² und lag, in Nord-Süd-Richtung erstreckt, 2.800 bis 3.600 Kilometer vor der Ostküste der USASherry Sontag, Christopher Drew: Jagd unter Wasser. Die wahre Geschichte der U-Boot-Spionage. Bertelsmann Verlag, München 2000, ISBN 3-570-00425-2, S. 231.. Eine Patrouille dauerte drei Monate, wobei jeweils ein Monat für die An- sowie Abfahrt aus dem Operationsgebiet benötigt wurde.
Unfälle an Bord vor der letzten Fahrt mini|Von Explosion beschädigtes Raketensilo der K-219 An Bord der K-219 gab es von Beginn an Schwierigkeiten mit den Nuklearraketen beziehungsweise deren Silos und ihren Mündungsklappen.
So war am 31. August 1973 die Dichtung der Mündungsklappe des Raketensilos Nr. 15 eingerissen, wodurch Wasser in das Silo eindringen konnte. Dieses bildete mit ausgelaufenem Raketentreibstoff (Distickstofftetroxid) aggressive Salpetersäure, welche die Treibstoffleitung einer RSM-25-Rakete beschädigte. Die sich daraufhin bildende Mischung aus zwei Treibstoffkomponenten explodierte, ein Mann wurde getötet und der Raketenraum des U-Bootes wurde komplett geflutet. Nach dem Unfall wurde Silo 15 permanent außer Betrieb gesetzt, indem die Mündungsklappe zugeschweißt wurde.
Im Januar 1986 gab es beim Übungsschießen in ein Zielgebiet bei Nowaja Semlja Probleme beim Abfeuern einer Rakete. Es gelang der Besatzung erst nach mehreren Stunden, die Rakete zu starten. Daraufhin ließ sich jedoch die Mündungsklappe des Rohres Nr. 8 nicht mehr schließen. Als Folge musste das Boot auftauchen und bei einem Sturm der Stärke 8 an der Oberfläche fahrend in den Hafen zurückkehren.
Atlantik-Unterquerung September 1986 Am 3. September 1986 legte die K-219 aus ihrem Heimathafen Gadschijewo ab, um westwärts in Richtung der Küste der Vereinigten Staaten von Amerika zu fahren. Dort sollte sie, bestückt mit 15 Atomraketen, auf Patrouille gehen.
Bereits kurz nach dem Tauchen in der Barentssee begann Silo 6 zu lecken, jedoch meldete der zuständige Offizier Petratschkow dies nicht an Kapitän Britanow, um zu verhindern, dass seine Abteilung eine vorzeitige Rückkehr in den Heimathafen zu verantworten hätte.
Das Unterseeboot wurde im Nordatlantik in der GIUK-Lücke zwischen Großbritannien und Island vom Lauschsystem SOSUS erfasst. Die United States Navy war damit über seine Anwesenheit im Atlantik informiert. Dieser Entdeckung hatte Kapitän Igor Britanow dadurch zu entgehen versucht, dass er im „Geräuschschatten“ eines Frachters die am Meeresgrund verankerten SOSUS-Bojen überquerte. Bereits einige Stunden bevor die K-219 Anfang Oktober in ihrem Patrouillengebiet 680 Meilen nordöstlich der Bermuda-Inseln ankam, war sie von einem U-Boot der Los-Angeles-Klasse – der Augusta – aufgespürt worden. Dies war jedoch auch auf der K-219 bemerkt worden, so dass es bis zum 3. Oktober 1986 zu einer wechselseitigen Verfolgung beider Unterseeboote kam.
Das Unglück am 3. Oktober Explosion an Bord mini|K-219 nach der Explosion an der Oberfläche Das Problem mit der defekten Dichtung an Silo 6 bestand am 3. Oktober immer noch; das Silo musste ungefähr zweimal pro Tag leergepumpt werden. In den frühen Morgenstunden des Tages riss die Dichtung komplett und das Silo lief voll Wasser. Der Versuch, das Silo leerzupumpen, schlug fehl. Dort bildete sich, wie schon bei dem Unfall im Jahre 1973, Salpetersäure, welche die Hülle der Rakete angriff. Deshalb bat Waffenoffizier Petratschkow, das U-Boot auf 50 m Tiefe hoch zu bringen, um den Raketenschacht entlüften und die Rakete ausstoßen zu können. Der Tiefenwechsel war notwendig, um die empfindliche Rakete vor dem Zerdrücken durch den hohen Wasserdruck in großen Tiefen zu schützen. Der Prozess, eine RSM-25 ausschwimmen zu lassen, dauerte bei Booten der Yankee-Klasse ungefähr fünf Minuten. Da sich das Gasgemisch aber bereits während des Ausschwimmens entzündete, explodierte die Rakete noch im Silo, riss das Silo zur Seeseite hin auf und beschädigte die Nukleargefechtsköpfe der Rakete. Teile davon wurden sowohl ins Meer als auch in den volllaufenden Raketenraum geschleudert, Gase der Salpetersäure verbreiteten sich im Raketenraum.
Durch das Volllaufen des mittschiffs hinter dem Turm liegenden Raketenraums sank das Boot sofort auf eine Tiefe von etwa 300 Metern nahe der maximalen Tauchtiefe des Bootes ab. Da es zum Zeitpunkt der Explosion keine Fahrt gemacht hatte, lag kein Druck auf den Rudern, weswegen sich das Boot nicht steuern ließ. Bei einer Tiefe von ungefähr 350 m entschied Kapitän Britanow, sämtliche Tauch- und Regelzellen des U-Bootes mit der an Bord befindlichen Druckluft anzublasen, um das Wasser aus den Tanks zu verdrängen. Durch den dadurch entstehenden Auftrieb wird das so genannte Notauftauchen eingeleitet, bei dem das U-Boot in steilem Winkel zur Wasseroberfläche schießt. Dieses Manöver rettete auch die K-219, die nur zwei Minuten nach der Explosion die Oberfläche durchbrach.
Abteilung 4, der Raketenraum, wurde mittels der wasserdichten Schotten verschlossen, nachdem die Besatzung den halb gefluteten, mit giftigen Gasen durchsetzten Raum verlassen hatte. Im Unterschied zum Unfall von 1973 fraß sich die gebildete Salpetersäure durch die Gummidichtungen der Schotten in Richtung Bug und Heck. Das teilte das Boot in zwei Hälften, da ein Betreten des Raketenraumes unmöglich geworden war: Kommandozentrale und Torpedoraum im Bug vor dem Raketenraum sowie Medizinstation, Reaktorraum und -kontrolle und Turbinenraum im Heck dahinter.
Drohende Kernschmelze
Die Besatzung wurde möglichst weit von der Explosionsstelle entfernt in den Bug beziehungsweise das Heck befohlen; Atemschutzmasken wurden ausgegeben. Bald darauf zeigten die Temperaturanzeiger der WM-4-Nuklearreaktoren sehr hohe Temperaturen, der Fluss der Kühlflüssigkeit im Reaktor nahm immer weiter ab. Die Daten ließen nur den Schluss zu, dass eine Kernschmelze unmittelbar bevorstand. Der Reaktor ließ sich jedoch an Backbord nicht wie vorgesehen von der Kontrollstation aus abschalten, da entweder die sich ausbreitenden Gase die Leitungen angegriffen hatten oder die starke Hitze die Auslöser der Kontrollstäbe beschädigt hatte. Aus diesem Grund musste die Reaktorabschaltung manuell in der Reaktorkammer selber ausgeführt werden, wo eine hohe Dosisleistung herrschte. Die an Bord befindlichen Kontaminations-Schutzanzüge waren nicht in der Lage, die Matrosen insbesondere vor der starken Gamma- und Neutronenstrahlung in der Nähe des Reaktorkerns zu schützen.
Als erster ging der Offizier der Reaktorabteilung, Nikolai Belikow, in die Reaktorkammer, um die Reaktorabschaltung durchzuführen. Als Belikow erschöpft aus der Reaktorkammer kam, hatte er drei der vier Stäbe des Backbordreaktors gesenkt. Das war eine Arbeit, die große körperliche Kraft erforderte, da die Halterungen der Stäbe von der herrschenden Hitze inzwischen stark verbogen waren. Dann ging der 20-jährige Matrose Sergei Preminin in die Reaktorkammer und konnte nach zwei Versuchen die beginnende Kernschmelze stoppen. Als er den Reaktorraum entkräftet (oder schon von der Strahlenkrankheit gezeichnet) verlassen wollte, konnte er das Schott nicht mehr öffnen, da sich zwischen der Reaktorkammer und der dahinter liegenden Reaktorkontrollstation ein Druckunterschied aufgebaut hatte. Preminin starb in der heißen Reaktorkammer; die übrige Besatzung musste sich weiter in Richtung Heck bewegen, um den giftigen Gasen zu entkommen, die sich im Boot ausbreiteten. Preminin erhielt posthum den Orden des Roten Sterns.
mini|USNS Powhatan
Währenddessen hatte die K-219 Kontakt mit dem sowjetischen Frachtschiff Fjodor Bredichin aufgenommen, welches sich der Unglücksstelle näherte. Andere Schiffe vor Ort waren die Powhatan, ein ziviler Schlepper der US Navy, und weiterhin die Augusta. Außerdem wurde die Stelle von Patrouillenflugzeugen des Typs P-3C Orion vom US-Marinefliegerstützpunkt auf den Bermudas überflogen.
Versuchtes Abschleppmanöver Zu diesem Zeitpunkt der Geschehnisse gab es sowohl in der US Navy wie auch in der sowjetischen Marine Pläne, die K-219 abschleppen zu lassen. Die Amerikaner wollten unter dem Schleier der Nothilfe genaue Pläne vom Boot und den Waffen erlangen. Die Fjodor Bredichin legte Leinen, die am Turm und am Bug des U-Bootes angeschlagen wurden. Diese brachen nach einiger Zeit im Schlepp jedoch. Während einige Quellen berichten, dass die Augusta die Leinen mit ihrem Turm gekappt habe, gibt es andere Berichte, dass das U-Boot durch einbrechendes Wasser Auftrieb verlor und dadurch tiefer sank und der erhöhte Wasserwiderstand letztlich zum Brechen der Leinen führte.
Von sowjetischen Flugzeugen abgeworfene Ersatzausrüstung versank auf der Stelle, da an den Kisten keine Schwimmer angebracht worden waren. Die immer wieder angebotene Hilfe der USNS Powhatan wurde abgelehnt, da das Motiv der US Navy zu offensichtlich war.