Satanische Verse ist die einzige Demoaufnahme des Dark-Wave-Duos Das Ich. Die Ende der 1980er-Jahre entstandene Aufnahme wurde als Extended Play sowie in erweiterten Versionen neu aufgelegt und als CD mit Albumlänge zur Mitte der 1990er-Jahre ein kommerzieller Erfolg.
Lyrisch sind die durch den Expressionismus beeinflussten Texte des Demos auf Religionskritik ausgerichtet. Der theatralische, eher rezitierende als singende Textvortrag ist extravagant, der Text reich an Metaphern. Inhaltlich werden dabei atheistische und biblische Themen wie der Tod Gottes, die Kainsgeschichte oder Satan als Symbol des Bösen aufgegriffen. Die Musik – eine Verbindung von klassischer Musik, Dark Wave und Post-Industrial – wird als besonders düster, klassisch und mittelalterlich wahrgenommen.
Mit den Club-Hits Gottes Tod und Kain und Abel erwies sich Satanische Verse für Teile des Dark Wave musikalisch und soziokulturell als wegweisend, da das mit von dem Demo ausgehende Genre Neue Deutsche Todeskunst (NDT) die Gothic-Szene der 1990er-Jahre prägte. Entsprechend gilt es als eine wesentliche Veröffentlichung der NDT, des Dark Wave und der schwarzen Musik insgesamt.
Geschichte mini|Am Luitpoldplatz in Bayreuth unterhielt Danse Macabre ein Büro und ein noch semiprofessionelles Aufnahmestudio, in dem Satanische Verse eingespielt wurde Bruno Kramm und Stefan Ackermann lernten einander 1986 in einer Bayreuther Diskothek kennen. Nach einer Findungsphase in unterschiedlichen Bandkonstellationen nahm Das Ich ab 1988 als Duo Form an. Zeitgleich startete Kramm das Kassettenlabel Danse Macabre, da im Jahr 1990 überwiegend große Plattenfirmen existierten, die Das Ich rigoros abwiesen. Danse Macabre entstand so aus der Suche nach einer Plattenfirma für Das Ich, die Musiker machten „aus der Not eine Tugend“. Kaum war das Label aktiv, meldeten weitere Interpreten Interesse an einer Kooperation an, wodurch das Label wuchs und an Bedeutung gewann.
Danse Macabre kooperierte eng mit dem 1989 von Rainer „Easy“ Ettler in Lübeck begründeten Musikmagazin Zillo. Im Magazin erschienen Features zu diversen Interpreten des Labels und gemeinsam riefen Label und Magazin 1990 einen Demo-Wettbewerb unter dem Titel Förderaktion: Indie-Nachwuchs aus. Das Ich reichte selbst das in den hauseigenen Danse Macabre Studios in Bayreuth von 1988 bis 1989 aufgenommene Demo Satanische Verse ein. Das Songwriting lief in mehreren Prozessschritten ab, die Kramm noch Jahre später als etabliertes Procedere des gemeinsamen Arbeitens beschrieb. Das Duo legte zu Beginn die Themen und Inhalte fest, woraufhin Kramm die Musik am Klavier skizzierte. Mit Stücken, die er nach Wochen noch als inspirierend empfand, entwickelte er an Keyboard und Synthesizern grobe Entwürfe, die er an Ackermann gab, der damit seine Texte zu dem vorab vereinbarten Thema schrieb. Die Demo-MC wurde von Kramm in einem kleinen eigenen Tonstudio „mehr experimentell als professionell“ produziert und in einer Auflage von 200 Exemplaren mit drei Titeln und einer Spieldauer von 17:47 Minuten veröffentlicht. In der Septemberausgabe des Jahres 1990 wurde vom Magazin Zillo dann Das Ich als Gewinner des selbst mit veranstalteten Wettbewerbs bekannt gegeben. Eine Verstrickung, die den Sozialwissenschaftler und Herausgeber des Sammelbandes Schillerndes Dunkel, Alexander Nym, noch im Jahr 2010 zu dem spöttischen Kommentar „was Wunder“ in einem Rückblick auf die Szene der frühen 1990er-Jahre brachte. Rückblickend gab die Band an, dass sich bereits die Kassette tausendfach verkaufte und „den Grundstein für die Labelgründung von Danse Macabre Records“ legte. Da Danse Macabre zu der Zeit als Label ein eigenes System zum hochwertigen Vervielfältigen von Kassetten unterhielt, war dem Label eine zügige Nachproduktion möglich.
Eine erste Wiederveröffentlichung als CD entstand, nachdem das Unternehmen Energie für Alle (EFA) auf direkte Kaufnachfragen nach dem Demo reagierte und Bruno Kramm als Inhaber des Kassettenlabels Danse Macabre mit dem Angebot kontaktierte, das EFA-Presswerk zu nutzen. Der Vertrag ermöglichte es Kramm, das damals als Kollektiv geführte Kassettenlabel zum CD-Label auszubauen.
Satanische Verse erschien seitdem in einer Reihe Neuauflagen mit veränderter Titelzahl und Spieldauer, im Jahr 1991 erstmals als EP-CD mit dem vierten Titel Jericho in einer Auflage von 2000 Exemplaren. Zwei Jahre nach dieser CD-Variante ergänzte das Duo die EP für eine weitere Neuauflage um die Stücke Ein Tag vergeht, Irrlicht und Sonne, Mond und Sterne auf Albumlänge und behielt dabei dennoch die EP-Zuschreibung bei. Alle drei neu hinzugefügten Stücke erschienen zuvor auf Label-Kompilationen. Ein Tag vergeht 1991 auf Danse Macabre Sampler Part I, Irrlicht 1992 auf Danse Macabre Sampler II und Sonne, Mond und Sterne auf der 1993 veröffentlichten Live-Kompilation Danse Macabre Festival. Das Stück wurde ursprünglich am 17. April 1993 während eines Auftritts im belgischen Waregem aufgenommen, für die Veröffentlichung als Teil der EP jedoch im Studio nachbearbeitet. Von der Auflage wurden circa 20.000 Exemplare in kurzer Zeit verkauft. Bruno Kramm gab an, dass die Band zu dieser Zeit mit Die Propheten und der ebenso gut verkauften Langversion von Satanische Verse in den deutschen Albumcharts hätte stehen können. Das Verfahren zur Ermittlung der Charts schloss zu diesem Zeitpunkt jedoch Airplay und Einschätzungen durch Musikjournalisten ein, wodurch eine Independent-Veröffentlichung wie Satanische Verse trotz hoher Verkaufszahlen eine geringe Chance auf einen solchen Album-Charterfolg besaß.
Eine weitere Neuauflage erschien 1998 in der Variante mit sieben Titeln, deren Auflagenstärke nicht publik ist. Eine LP-Version der EP aus dem Jahr 2017 verzichtete auf das Stück Sonne, Mond und Sterne und eine Veröffentlichung als Musikdownload via Bandcamp im Jahr 2020 präsentierte Satanische Verse mit den vier Stücken, die das Duo 1991 als EP veröffentlicht hatte. Dabei variiert die Spieldauer der Stücke in vielen Veröffentlichungen marginal.
Albuminformationen mini|Eine im Cover abgewandelte und als Detail eingearbeitete Illustration, im Original aus dem Dictionnaire Infernal Die ursprüngliche Version von Satanische Verse ist ein Demoband mit drei Titeln. Später erschienene Versionen variieren Titelzahl und Lauflänge bis hin zu der besonders verbreiteten 1993 erstveröffentlichten CD-Variante mit sieben Titeln und 43:46 Minuten Spielzeit.
Songwriting Alle Texte stammen von Stefan Ackermann. Die Musik schrieb und arrangierte Bruno Kramm, der ebenso die gesamte Tontechnik und Musikproduktion inklusive Abmischung und Mastering der Aufnahmen übernahm.
Gestaltung Cover und Booklet wurden von Anja Schwalm gestaltet. Die ursprünglich als Musikkassette vertriebene Version war weiß mit einer schwarz ornamentierten Buchbordüre als Rahmen. Die Elemente der Bordüre wurden Illustrationen historischer Bücher nachempfunden. So ähnelt eine Figur im oberen Rand des Rahmens einer von Louis Le Breton geschaffenen dämonischen Gestalt, die im Dictionnaire Infernal zu finden ist. In die Mitte des Covers wurde der Bandname in verzierter, gebrochener Schrift gesetzt. Der Titel des Demos wurde unter der Bordüre platziert.
Die späteren Veröffentlichungen folgten der Gestaltung mit variierenden Details. So wurde der Albumtitel unter dem Bandnamen in den Rahmen gesetzt und zur ersten CD-Version zuzüglich das Stück Jericho explizit auf dem Cover mit aufgeführt. In den meisten Versionen des Covers wurde das innere „s“ des Wortes „Satanische“ als langes s geschrieben. Das zum Musikdownload bereitgestellte Cover nutzt indes das kleine s. Für das Cover der im Jahr 1993 veröffentlichten CD und deren Wiederveröffentlichungen wurde die Farbgebung von Hintergrund und Bordüre zu weiß auf schwarz invertiert. Bandname und Albumtitel blieben in dieser Fassung schwarz, wurden jedoch mit einer weiß-strahlenden Rahmung von dem schwarzen Hintergrund abgesetzt.
Titelliste und Varianten Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die unterschiedlichen Versionen, das Veröffentlichungsformat, die Stärke der Erstauflage, die Spieldauer und die jeweilige Titelliste. Enthalten sind ebenso Links zu den unterschiedlichen Varianten des Covers.
Ausgenommen von der Auflistung sind unveränderte Wiederveröffentlichungen, Bootlegs und internationale Lizenzveröffentlichungen, die in der Fassung der CD aus dem Jahr 1993 oder in jener der MC aus dem Jahr 1990 erschienen.
Jahr Format Cover(Original von Anja Schwalm, 1990) Auflagenstärke Titelliste(Texte: Ackermann, Musik: Kramm) Gesamtspieldauer 1990 MC Link zum Bild(Bitte Urheberrechte beachten) 200anschließend neu aufgelegt Gottes Tod: 8:03 Des Satans neue Kleider: 5:47 Kain und Abel: 3:57 17:47 1991 CD Link zum Bild(Bitte Urheberrechte beachten) 2000 Gottes Tod: 8:07 Des Satans neue Kleider: 5:58 Kain und Abel: 4:49 Jericho: 5:12 24:06 1993 CD Link zum Bild(Bitte Urheberrechte beachten) ≈20.000anschließend neu aufgelegt Gottes Tod: 8:10 Des Satans neue Kleider: 6:02 Kain und Abel: 4:53 Jericho: 5:15 Ein Tag vergeht: 5:04 Irrlicht: 5:55 Sonne, Mond und Sterne: 8:27 43:46 2017 LPLink zum Bild(Bitte Urheberrechte beachten) 500 Gottes Tod: 8:12 Des Satans neue Kleider: 6:02 Kain und Abel: 4:53 Jericho: 5:05 Ein Tag vergeht: 4:52 Irrlicht: 5:48 34:52 2020 Musikdownload Link zum Bild(Bitte Urheberrechte beachten) unbegrenzt Gottes Tod: 8:12 Des Satans neue Kleider: 6:02 Kain und Abel: 4:52 Jericho: 5:09 24:15
Stil und Inhalt mini|links|Der Textvortrag von Stefan Ackermann, hier mit Das Ich während der Nocturnal Culture Night 2015, ist geprägt von Schauspiel und Expressionismus Das Ich wird mit Satanische Verse und dem nachfolgenden Die Propheten neben Lacrimosa, Relatives Menschsein, Goethes Erben und Sopor Aeternus zu den zentralen und stilprägenden Interpreten des Genres Neue Deutsche Todeskunst gerechnet.
Das Genre ist geprägt von der engen Verbindung eines meist gesprochenen Textvortrags mit literarischen Anlehnungen an Romantik, Symbolismus und Expressionismus, mit orchestraler Musik, die aus „Darkwave-Elektronik und neoklassische[n] Instrumente[n] und Arrangements“ besteht. So kombiniert Das Ich „düstere elektronische Musik mit nihilistischer Lyrik.“ Dieses unter anderem durch Satanische Verse entstandene Genre verkörperte nicht nur eine neue Zeitgeistigkeit einer juvenilen Szene zwischen Post-Industrial und Dark Wave, sondern verwob ebenso Schauspiel und Expressionismus mit Klassik und elektronischer Musik in „einer bisher in der Musikszene ungekannten Intensität.“ Der Musikjournalist und Sachbuchautor Wolf-Rüdiger Mühlmann betonte, dass Das Ich mit dieser Vermengung von an Klassik gemahnender sinfonischer Musik mit brachial apokalyptischer Lyrik eine Sonderstellung in der deutschen Musiklandschaft einnehme.
Musik mini|Bruno Kramm, hier mit Das Ich bei der Nocturnal Culture Night im Jahr 2015, ist für die Musik und Produktion aller Stücke auf Satanische Verse alleinverantwortlich Die Musik von Satanische Verse wird als Verbindung von klassischer Musik und Post-Industrial rezipiert. Der Musikkritiker Piero Scaruffi beschreibt Satanische Verse als ein zaghaftes, von wagneresker Eleganz und britischer Romantik durchdrungenes Debüt, das dennoch depressiven Visionen wie Jericho und Kain und Abel aufweise. Der Musikjournalist und Moderator Ecki Stieg nahm die ersten Stücke des Duos hingegen als „recht bizarre […] Neubauten-Kopie“ wahr.