August Eberlein, seit 1914 August Ritter von Eberlein (* 7. Januar 1877 in Kitzingen; † 23. Mai 1949 in Sarajevo), war ein deutscher Militär und bayerischer Staatsbeamter.
Ursprünglich Lehrer, wurde er im Ersten Weltkrieg hochdekorierter Offizier und wurde von Frankreich wegen des Vorwurfs von Kriegsverbrechen gesucht. Von 1919 bis 1924 war er Leiter der bayerischen Zentralstelle für pfälzische Angelegenheiten, die Widerstand und Propaganda gegen die französische Besetzung der Pfalz organisierte sowie den pfälzischen Separatismus bekämpfte. Später machte er Karriere in den paramilitärischen Organisationen Stahlhelm und SA. Im Zweiten Weltkrieg kämpfte er in der Ukraine und auf dem Balkan. Er starb in jugoslawischer Kriegsgefangenschaft. Noch Jahrzehnte später ermittelte man gegen ihn wegen der Beteiligung seiner Truppen an Kriegsverbrechen in Griechenland.
Leben Geboren wurde Eberlein als Sohn des Grundschullehrers Adam und seiner Frau Dorothea, geborene Ritter. Er besuchte das Gymnasium Fridericianum Erlangen und trat 1895 als Einjährig-Freiwilliger in das 19. bayerische Infanterieregiment ein. Am 14. Juni 1900 schied er als Leutnant der Reserve vorerst aus der Armee aus. Am 4. Mai 1901 heiratete er Julie Deininger, mit der er vier Kinder hatte, darunter den späteren Journalisten Ludwig Eberlein.Rudolf von Kramer, Otto von Waldenfels: Virtuti pro patria – Der königlich bayerische Militär-Max-Joseph-Orden. Selbstverlag des k. b. Militär-Max-Joseph-Ordens. München 1966. . S. 282.Per Wirtén: Europa, ständigt detta Europa : Elin Wägners förlorade kärlek, Albert Bonniers Verlag 2020, S. 2f.
mini|Das Gebäude der Höheren Töchterschule in Pirmasens Nach der Reifeprüfung hatte er Germanistik, Geschichte und Geographie studiert und sich 1899 als Lehrer qualifiziert.Peter Collar: The Propaganda War in the Rhineland: Weimar Germany, Race and Occupation After World War I. Bloomsbury Publishing, 2013. S. 41f. Seit dem Jahr 1900 arbeitete Eberlein als Lehrer für Deutsch, Geschichte, Geografie und Turnen an Mittelschulen in München und Gunzenhausen.Wolfgang Ehberger, Johannes Merz: Das Kabinett Hoffmann I: 17. März - 31. Mai 1919 (Die Protokolle des Bayerischen Ministerrats 1919–1945). Kommission für bayerische Landesgeschichte, 2010. S. 47. 1904 kam er an die Höhere Töchterschule in Pirmasens. Im Jahr darauf wurde er dort Schuldirektor. 1911 promovierte er an der Universität Erlangen unter dem Titel Landgraf Ludwig IX. von Hessen-Darmstadt und seine Pirmasenser Militärkolonie über die Pirmasenser Landgrafenzeit zum Dr. phil. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 wurde er von der Schule beurlaubt, um Kriegsdienst zu leisten.
Als Offizier der Reserve, zuletzt als Hauptmann, befehligte Eberlein Infanteristen an der Westfront. Am 26. August 1914 wurde ihm für seine Tapferkeit die höchste bayerische Dekoration, der Militär-Max-Joseph-Orden verliehen. Damit verbunden durfte er ab da den persönlichen Adelstitel „Ritter von“ Eberlein verwenden. Ungeachtet seines Mutes im Kampf, war er auch bekannt dafür, zur Erreichung seiner Ziele Befehle und Regeln zu missachten. Von französischer Seite wurde ihm vorgeworfen, am 27. August in Saint-Dié in den Vogesen Zivilisten als Geiseln genommen und Kriegsgefangene erschossen zu haben. Seine Name wurde deshalb auf die Auslieferungsliste für nach Kriegsende an Frankreich zu überstellende Angeklagte gesetzt. Dadurch konnte er nach Einstellung der Kampfhandlungen Ende 1918 nicht in die im Anschluss französisch besetzte Pfalz zurückkehren. Weil das Deutsche Reich die Auslieferung von Kriegsverbrechern verweigerte, wurde sein Fall als Kompromiss mit den Alliierten Frankreich und Großbritannien ans Reichsgericht in Leipzig verwiesen. In der Verhandlung im Jahr 1924 wurde die Anklage fallengelassen mit der Begründung, man habe seine Einheit mit einer anderen verwechselt. Frankreich erkannte das Urteil nicht an und verurteilte ihn im darauffolgenden Jahr in einem eigenen Prozess in Abwesenheit zu fünf Jahren Haft.
Leiter der Pfalzzentrale Am 16. April 1919 wurde er politischer Sekretär und Sicherheitschef des bayerischen Ministerpräsidenten Johannes Hoffmann (SPD), der mit seinem Kabinett aufgrund des Münchner Räteaufstands nach Bamberg ausgewichen war. Im Juni wurde Eberlein zum Leiter der neugegründeten Zentralstelle für pfälzische Angelegenheiten mit Sitz in Mannheim berufen. Die sogenannte Pfalzzentrale fungierte als Propaganda- und Nachrichtendienst gegen die französische Politik in der Pfalz und gegen separatistische Strömungen, die die Pfalz von Bayern lösen wollten. Im März 1921 zog die Zentralstelle nach Heidelberg um, weil die Alliierten drohten, zur Durchsetzung von Kriegsreparationen auch rechtsrheinisches Gebiet zu besetzen.
Als Reaktion auf Frankreichs Versuch der „friedlichen Durchdringung“ der besetzten Pfalz mit kostenlosem Französisch-Unterricht und der Verteilung zweisprachiger Kulturzeitschriften setzte Eberlein auf eine scharfe Propaganda-Kampagne gegen die Präsenz französischer Kolonialtruppen, was als „Schwarze Schmach“ bezeichnet wurde.Gerhard Gräber, Matthias Spindler: Die Pfalzbefreier: Volkes Zorn und Staatsgewalt im bewaffneten Kampf gegen den pfälzischen Separatismus 1923-24, Pro Message 2005, S. 16. Vorausgegangen war die Bekanntschaft von Eberlein mit der rechtsradikalen späteren Hitler-Verehrerin Ray Beveridge im September 1919, welche mit ihrem Pamphlet „Die Schwarze Schmach. Die weisse Schande“ der Kampagne ihren Namen gab.Peter Collar: The Propaganda War in the Rhineland: Weimar Germany, Race and Occupation After World War I. Bloomsbury Publishing, 2013. S. 125. Die Kampagne löste starken Protest nicht nur Frankreichs, sondern auch des gegenüber der französischen Besatzungspolitik in Teilen kritisch eingestellten Großbritanniens aus. Auf Druck der beiden alliierten Mächte löste Bayern die Zentralstelle im Oktober 1921 offiziell auf. Im Geheimen setzten Eberlein und seine Leute aber ihre Arbeit fort, zunächst als Tarnfirma August Müller Nachf., Kommissionshandlung für Lebensmittel, insbesondere Kartoffeln, später als Haupthilfsstelle für die Pfalz in der Klingenteichstraße 3 in Heidelberg. Eberleins Propagandaeinheit setzte die „Schwarze Schmach“ Pressekampagne getarnt unter dem harmlosen Namen „Südwestdeutscher Verlag“ fort.Stephen A. Schuker: Bayern und der rheinische Separatismus 1923–1924. In: Jahrbuch des Historischen Kollegs 1997, S. 82.
Im Rahmen der rassistischen „Schwarze Schmach“-Kampagne veröffentlichte Eberlein im August 1921 seine Propagandaschrift “Schwarze – Schwarze am Rhein. Ein Weltproblem”.Sandra Maß: Weiße Helden, schwarze Krieger, Böhlau 2006, S. 173f. In Folge produzierte er unter dem Titel „Die Vase des Kardinals“ auch einen Propagandafilm über die französische Besatzungsherrschaft.Gerhard Gräber, Matthias Spindler: Revolverrepublik am Rhein: die Pfalz und ihre Separatisten, Pfälzische Verlagsanstalt 1992, S. 73. Ab Ende 1920 und 1921 organisierte Eberlein zusammen mit Ray Beveridge Massenveranstaltungen gegen die „Schwarze Schmach“, so etwa in Würzburg und München, wo beide als Hauptredner auftraten.Peter Collar: The Propaganda War in the Rhineland: Weimar Germany, Race and Occupation After World War I. Bloomsbury Publishing, 2013. S. 216. In dieser Zeit war Eberlein inoffizieller Mitarbeiter der „Rheinischen Frauenliga“. Im Februar 1921 lernte er die konservative schwedische Feministin Elin Wägner kennen, mit der er bis 1926 ein Liebesverhältnis hatte.Elisabeth Auer: Elin Wägner in Österreich, In: Kleine Schriften von Zönk 17, Roskilde Universitetscenter: Zentrum für österreichisch nordische Kulturstudien 2006, S. 6f und 26f.
Während des passiven Widerstands gegen die französische Ruhrbesetzung 1923 organisierte Eberleins Geheimbehörde Eisenbahnanschläge in der Pfalz und stellte dazu Waffen, Munition und Sprengstoff bereit. Im Frühjahr gab Eberlein den Auftrag zur Gründung eines Kurierdienstes, um die Propaganda seiner Abwehrstelle und die Weisungen der pfälzischen Kreisregierung aus ihrem Heidelberger Exil an den Kontrollen der Franzosen vorbei in die Pfalz zu bringen. Dazu rekrutierte der Ludwigshafener Bezirksamtsassessor Otto Graf vor allem Jugendliche zur Organisation „Treuhand“, die er auch für die Unterstützung von Widerstandsaktionen wie die Eisenbahnanschläge heranzog und auf die Abwehr separatistischer Anstrengungen vorbereitete. Der Separatismus erhielt Auftrieb durch die Not und Ausweglosigkeit der pfälzischen Bevölkerung, die unter Hyperinflation und Arbeitslosigkeit litten. Durch eine Denunziation wurde die französische Kriminalpolizei Sûreté auf die „Treuhand“ aufmerksam und zerschlug deren wichtigste Gruppe in Speyer im November 1923. Bei der Vernehmung der festgenommenen „Treuhand“-Mitglieder erfuhren die Franzosen von Eberleins Abwehrstelle als Auftraggeber. In einer Pressemitteilung Anfang 1924 machten die Franzosen ihre Ermittlungen publik, Premierminister Raymond Poincaré beschuldigte Eberlein als Drahtzieher. Daraufhin forderte selbst das Auswärtige Amt in Berlin eine Stellungnahme von ihm. Eberlein stritt zunächst die Existenz der „Treuhand“ ab, musste in einem Bericht zwei Monate später aber sowohl das Bestehen als auch seine Führungsrolle bei der Gründung einräumen.Gerhard Gräber, Matthias Spindler: Die Pfalzbefreier: Volkes Zorn und Staatsgewalt im bewaffneten Kampf gegen den pfälzischen Separatismus 1923-24, Pro Message 2005, S. 37–40.
Trotz seines dichten Netzes von Informanten wurde Eberlein vom Auftakt des separatistischen Putsches am 5. November 1923 in Kaiserslautern und Kirchheimbolanden kalt erwischt. Erst am 7. November erfuhr er durch Kontaktpersonen zu Edgar Julius Jungs Pfälzischem Kampfbund von den Putschplänen. Um die Abwehr gegen die Separatisten zu verstärken, lieferte Eberleins Hilfsstelle 100 Mauser-Pistolen an den Kampfbund aus, die dieser beim bayerischen Generalstaatskommissar Gustav von Kahr bestellt hatte. Die Waffen kamen zu spät, um die Eroberung der Pfalz durch die Separatisten bis Mitte November zu verhindern, da Jungs rechtsradikaler Kampfbund durch Ausweisungen und Verhaftungen nicht genügend Kämpfer links des Rheines zur Verfügung hatte.Gerhard Gräber, Matthias Spindler: Die Pfalzbefreier: Volkes Zorn und Staatsgewalt im bewaffneten Kampf gegen den pfälzischen Separatismus 1923-24, Pro Message 2005, S. 24–25.
mini|Der Tatort in Speyer mit der Leiche des ermordeten Franz Joseph Heinz