Als psychisches, seelisches oder mentales Trauma (Plural: Traumata, Traumen; von ) wird in der Psychologie analog zum Trauma in der Medizin eine seelische Verletzung bezeichnet, die mit einer starken psychischen Erschütterung einhergeht und durch sehr verschiedene Erlebnisse hervorgerufen werden kann. Der Begriff ist unspezifisch und wird verwendet für das Erleben einer Diskrepanz zwischen einem bedrohlichen bzw. als bedrohlich erlebten Ereignis und den individuellen Möglichkeiten, das Erlebte zu verarbeiten. Beides kann sich in zahlreichen Merkmalen wie Qualität, Ausprägung und Folgen unterscheiden. Insofern werden so verschiedene Ereignisse wie beispielsweise ein Kindheitstrauma oder ein Kriegstrauma unter dem gemeinsamen Oberbegriff gefasst. Zu den Folgen zählen psychische und körperliche Symptome. Psychische Folgeerkrankungen können Depressionen, Angststörungen, Suchterkrankungen oder dissoziative Störungen sein. Als häufigste Folgeerkrankung tritt die Posttraumatische Belastungsstörung auf.Sefik Tagay, Ellen Schlottbohm, Marion Lindner: Posttraumatische Belastungsstörung: Diagnostik, Therapie und Prävention. Kohlhammer, Stuttgart 2016, ISBN 978-3-17-026069-6. Die Lehre von den psychischen Traumafolgen ist die Psychotraumatologie.

Begriffsverwendung Das Wort Trauma kommt aus dem Griechischen und bedeutet allgemein Verletzung (), ohne dabei eine Festlegung zu treffen, wodurch diese hervorgerufen wurde. In der Medizin wird mit dem Begriff Trauma eine körperliche Verwundung bezeichnet, die durch einen Unfall oder eine Gewalteinwirkung hervorgerufen wurde. Diese Verwendung ist seit dem 19. Jahrhundert belegt.Trauma. In: Friedrich Kluge, bearbeitet von Elmar Seebold: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 24., durchgesehene und erweiterte Auflage. De Gruyter, Berlin/New York 2001, ISBN 3-11-017473-1. In der Alltagssprache kam es zu einer inflationären Verwendung des Begriffes, und häufig wird der Begriff des Traumas in Zusammenhang mit allen besonders negativen oder leidvollen Erfahrungen verwendet. In der medizinischen oder psychologischen Fachliteratur ist dieser Begriff jedoch wesentlich enger gefasst und bezieht sich ausschließlich auf Schädigungen, die eine Behandlung erfordern.

Es gibt weitere kritische Stimmen, beispielsweise in Deutschland aus den Reihen der Gutachter im Bewilligungsverfahren für kassenfinanzierte Psychotherapie gemäß der Psychotherapie-Richtlinie:

Rudolf merkt an, dass es Traumafolgestörungen selbstverständlich gibt, doch seien sie „nach epidemiologischen Untersuchungen vergleichsweise selten“.

Bewältigung Beispielhaft für die Überwindung eines Traumas sind die Lebenswege von Johann Sebastian Bach und Viktor Frankl, der die Logotherapie entwickelte. Richard G. Tedeschi und Lawrence G. Calhoun haben dafür den Begriff posttraumatisches Wachstum (englisch posttraumatic growth) definiert.Tanja Zöllner, Lawrence G. Calhoun, Richard G. Tedeschi: Trauma und persönliches Wachstum. In: Andreas Maercker, Rita Rosner (Hrsg.): Psychotherapie der posttraumatischen Belastungsstörungen. Thieme Verlag, Stuttgart 2006, S. 36–45. Konzepte, die sich mit der Überwindung von Traumata beschäftigen, sind unter anderem Resilienz, Salutogenese und Hardiness.

Definitionen Fischer und Riedesser definieren Trauma in ihrem Lehrbuch der Psychotraumatologie (S. 79) als:

Das medizinische Klassifikationssystem ICD-10The ICD-10 – Classification of Mental and Behavioural Disorders – Clinical descriptions and diagnostic guidelines. (PDF; 1,3 MB) und die zugehörigen diagnostischen Anleitungen beschreiben das Traumakriterium als:

Geschichte Möglicherweise die erste Beschreibung traumatischer Ereignisse findet sich im Gilgamesch-Epos, das vor circa 5000 Jahren verfasst wurde: „Mir graute vor meines Freundes Aussehn, Ich erschrak vor dem Tod, dass ich lief in die Steppe! […] Ach, wie soll ich stumm bleiben? Ach, wie schweigen? Mein Freund, den ich liebte, ist zu Erde geworden!“ So beschreibt der babylonische König laut dem Epos den Tod seines Freundes Enkidu. Weitere Beschreibungen finden sich in der Ilias. Ähnliche Schilderungen existieren aus der Schlacht bei Marathon und in den Tagebüchern des Samuel Pepys, der das große Feuer von London miterlebte.Stephen Joseph: What does’nt kill us. Hachette Digital Publishers, 2011, S. 19. Dieser notierte 1666 in seinem Tagebuch: „Je dunkler es wurde, desto größer erschien das Feuer, in allen Winkeln, auf Hügeln, zwischen Häusern und Kirchen, so weit man sehen konnte, bis zur City leuchtete die schreckliche blutrote Flamme, nicht wie die Flamme eines gewöhnlichen Feuers. Wir blieben, bis man das Feuer als einen einzigen blutroten Bogen von dieser bis zur anderen Seite der Brücke sah, ein Bogen, der etwa eine Meile lang war. Der Anblick machte mich weinen.“ Später notierte Pepys in seinem Tagebuch, dass er unter Schlafstörungen und nächtlicher Angst vor dem Feuer leide. Posthum wurde mehrere Jahrhunderte nach dem Tode von Pepys eine Posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert.R. J. Daly: Samuel Pepys and post-traumatic stress disorder. In: The British Journal of Psychiatry. 143. Jg., 1983, S. 64–68.

Traumatisierende Ereignisse mini|Wie entsteht ein Trauma? Erklärvideo (1 min 39)

Überforderungen können eintreten bei Naturkatastrophen, Kriegen, Kampfeinsatz, Geiselnahme, sexueller Gewalt und Ausbeutung (u. U. Aufspaltung in mehrere Persönlichkeitsanteile), Vergewaltigung, medizinischen Eingriffen, bei Unfällen mit drohenden ernsthaften Verletzungen,Werner Stangl: Lexikon für Psychologie und Pädagogik. Universität Linz, aufgerufen am 10. August 2011. bei Kriegserlebnissen, sowie als Folge von Mitgliedschaften in Sekten, extremistischen Gruppen und Parteien, religiösen oder weltanschaulichen Terrorgruppen, Mafia-Familien und mafiaähnlichen Clans oder Firmen, Entführungen (Jan Philipp Reemtsma), Terroranschlägen, Folter (Mikis Theodorakis), Lagerhaft, Flucht und Vertreibung, politischer Haft oder gewalttätigen Angriffen auf die eigene Person.G. Flatten, U. Gast, A. Hofmann, Christine Knaevelsrud, A. Lampe, P. Liebermann, A. Maercker, L. Reddemann, W. Wöller: S3 – Leitlinie Posttraumatische Belastungsstörung. (PDF). In: Trauma & Gewalt. Band 3, 2011, S. 202–210.

Beobachtung des gewaltsamen Todes anderer, Tod der Eltern in der Kindheit, Verlust der geliebten Person und/oder der eigenen Kinder, lebensbedrohliche Krankheiten in der Kindheit, ausgeprägte emotionale oder körperliche Vernachlässigung in der Kindheit können traumatisierend wirken (Kindheitstrauma).

Aber auch weniger dramatisch erscheinende Ereignisse können im ungünstigen Fall dazu führen, dass ein Mensch in den Zustand intensiver Hilflosigkeit gerät und die eigenen Bewältigungsmöglichkeiten hierdurch überschritten werden. Als Beispiele können hier schwere persönliche Angriffe und Schmähungen, lang andauernde Manipulation, Mobbing, emotionaler Missbrauch, Vernachlässigung, körperliche Züchtigung, Scheidung oder Trennung, Konfrontation mit Traumafolgen als Helfer oder Therapeut (Sekundärtrauma), sowie traumatisierendes Geburtserleben der Mutter genannt werden.

Ob eine Situation traumatisiert, hängt nicht nur von den äußeren Umständen, sondern auch sehr stark vom inneren Erleben dieses Ereignisses ab. Ein Verschütteter, der in dem festen Glauben ist, dass Hilfsmannschaften rechtzeitig zu ihm durchdringen werden, wird noch nicht unter der akuten Todesangst und dem gleichen Stresshormonpegel stehen wie ein Verschütteter, der sich alleine und vollkommen hilflos fühlt, da er von den eingeleiteten Rettungsmaßnahmen noch gar nichts mitbekommen hat. Ein Arzt, der berufsbedingt gewohnt ist, schwere Verletzungen zu sehen, gerät auch bei Anblick eines schweren Verkehrsunfalls nicht so leicht in den Zustand von Hilflosigkeit, sondern hat zuvor in einem persönlichen und guten Kontakt zusammen mit anderen Medizinstudenten gelernt, richtig zu handeln, Distanz zu dem Leid von Menschen zu wahren, Worte hierfür zu finden und kann folglich dieses Ereignis schneller einordnen. Er wird nicht von den grauenhaften Bildern der Unfallstelle sprachlos überwältigt und er wird sich nicht alleine und schutzlos diesen Bildern ausgeliefert fühlen. Ob ein Mensch aufgrund einer traumatischen Situation mit einer psychischen Störung reagiert und welches Krankheitsbild danach im Vordergrund steht, hängt meistens sehr von den persönlichen Bewältigungsmöglichkeiten und vielen weiteren Faktoren ab. Es gibt allerdings auch Ereignisse, die fast immer zu einem psychischen Krankheitsbild führen. Nach Folter erholt sich fast niemand von alleine, nach einer Vergewaltigung lediglich ein Viertel der Betroffenen ohne therapeutische Hilfe.

Transgenerationale Weitergabe (Historisches Trauma)

Unter Transgenerationalem Trauma versteht man ein Trauma, das mehrere Generationen überspannt und noch die Kinder und Kindeskinder betrifft, obwohl diese selbst der traumatischen Erfahrung nicht ausgesetzt worden waren. Als ein solches zählt etwa die Sklaverei. Weitere Gründe für historische Traumata sind etwa Kriege, Völkermord, der Holocaust, Enteignung von Bevölkerungsgruppen, Unzugänglichkeit der höheren Bildung für bestimmte Bevölkerungsgruppen oder andere Formen der Diskriminierung. Historische Traumata können dazu führen, dass dereinst zweckmäßige Verhaltensweisen fortgeführt werden, obwohl sie in den neuen Zeiten nicht mehr zweckmäßig sind. So kann es etwa vorkommen, dass eine Bevölkerungsgruppe, der Bildung vorenthalten wurde, auch in der Gegenwart noch ein tiefes Misstrauen gegenüber dem Bildungssystem besitzt. Joy DeGruy postulierte ein Post Traumatic Slave Syndrome (PTSS), das durch das historische Trauma der Sklaverei bedingt sei.Joy Degruy: Post Traumatic Slave Syndrome. America’s Legacy of Enduring Injury and Healing, Uptone Press, 2005. Bei Kindern von traumatisierten Müttern, bei denen eine Posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert wurde, ist eine transgenerationale Weitergabe möglich (Alpträume).D. S. Schechter, E. Willheim: Disturbances of attachment and parental psychopathology in early childhood. Infant and Early Childhood Mental Health Issue. In: Child and Adolescent Psychiatry Clinics of North America. 18(3), 2009, S. 665–687.D. S. Schechter, S. W. Coates, T. Kaminer, T. Coots, C.H. Zeanah, M. Davies, I. S. Schonfield, R. D. Marshall, M. R. Liebowitz, K. A. Trabka, J. McCaw, M. M. Myers: Distorted maternal mental representations and atypical behavior in a clinical sample of violence-exposed mothers and their toddlers. In: Journal of Trauma and Dissociation. Band 9, Nr. 2, 2008, S. 123–149. (Siehe auch: Eltern und Vorfahren mit PTBS). Der Kinderpsychiater Karl Heinz Brisch hat ein Elternprogramm SAfE – Sichere Ausbildung für Eltern für werdende Eltern entwickelt.

Kollektives Trauma Ein kollektives Trauma ist ein solches Trauma, das alle, die meisten oder zumindest viele Personen innerhalb einer Gesellschaft betrifft. Beispiele sind etwa die mittelalterliche Pest oder aber Massenvergewaltigungen, wie etwa während des Genozids in Ruanda. Die Anschläge des 11. Septembers werden von einigen als kollektives Trauma für die USA betrachtet.Hans-Jürgen Wirth: 9/11 as a Collective Trauma and other Essays on Psychoanalysis and Society. Psychosozial-Verlag, 2004.

Schwere der Traumatisierung Belastende Ereignisse, vor allem das Alleingelassenwerden, Nicht-gehört-Werden, können bei Kindern und Erwachsenen chronischen Stress auslösen und Gefühle der Hilflosigkeit oder des Entsetzens erzeugen. Die hierdurch im Menschen hervorgerufene Angst- und Stressspannung kann bei der Mehrzahl der Betroffenen wieder von alleine abklingen, wobei sich auch bei diesen Menschen das Verhalten ändert. Das Risiko einer Traumafolgestörung und der Schweregrad der Erkrankung hängt von folgenden Faktoren ab: noch unreife Persönlichkeit (Kindheitstrauma, Kriegskind), oder vorbelasteter Erwachsener langandauernd oder wiederholt alle drei Gewaltarten: Psychisch, körperlich, sexualisiert