Rudolf Jänisch (* 4. März 1906 in Hameln; † 5. Juli 1999 in StuttgartSterberegister des Standesamtes Stuttgart Nr. 1562/1999.) war als SS-Obersturmführer viele Jahre enger Vertrauter von Adolf Eichmann und Geschäftsstellenleiter des sogenannten Eichmannreferates (IV B 4) im Reichssicherheitshauptamt.
Schule und Ausbildung Rudolf Jänisch wurde als Sohn des Lederhändlers Rudolf Jänisch und dessen Ehefrau Mathilde geboren. In Hameln besuchte er vier Klassen der Volksschule und anschließend das Gymnasium am Ort. Dieses verließ er mit der Ober-Sekunda (11. Klasse). Anschließend erlernte er in Hannover einen kaufmännischen Beruf und war danach als Lederhändler und Lagerist beschäftigt. Wegen der wirtschaftlichen Krisenprozesse Ende der 1920er Jahre wurde er arbeitslos und half dann für ein geringes Entgelt im väterlichen Geschäft.
Beruflicher und politischer Werdegang Zum 1. November 1931 trat Rudolf Jänisch der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 722.650).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/17881097 Fast zeitgleich schloss er sich einer regionalen SA-Formation an, war aber hier nur für ein Jahr integriert. Denn im Dezember wechselte er zur SS (SS-Nummer 53.479). Spätestens 1933 zog er nach Berlin und war hier in der Wilhelmstraße 102 wohnhaft. Im Oktober 1934 wurde er im Hauptamt des Sicherheitsdienstes der NSDAP tätig und kam hier in die Abteilung II/111. Seine Anfangsaufgabe bestand in der Auswertung und Bearbeitung der sogenannten Freimaurer-Kartei, die der Sicherheitsdienst zur Bekämpfung dieser Organisation aufgebaut hatte. Kurz darauf wechselte er in die Abteilung II/112. Ein Jahr später übernahm SS-Untersturmführer Leopold von MildensteinJoseph Verbovszky: Leopold von Mildenstein and the „Jewish Question“. Approved thesis for the master degree in History at the Case Western Reserve University. Cleveland 2013. die Leitung der Abteilung. Klaus Drobisch: Die Judenreferate des Geheimen Staatspolizeiamtes und des Sicherheitsdienstes der SS 1933 bis 1939. In: Jahrbuch für Antisemitismusforschung. Jg. 2, 1993, ISSN 0941-8563, S. 230ff. Von diesem Zeitpunkt an richtete sich der Hauptschwerpunkt dieses Referates auf die Erfassung, Aufklärung und Bekämpfung der jüdischen Organisationen und Menschen in gesamt Deutschland. Ab 1937 übernahm im Zusammenhang mit der Umstrukturierung des SD-Hauptamtes Herbert Hagen die Leitung der Abteilung. Von diesem Zeitpunkt an wurde die Arbeit gegen die jüdische Bevölkerung systematisiert und eine gründliche Beobachtung als „Gegner“ des Systems gehörte nun zum Arbeitsgegenstand dieses Bereiches. Christian Faludi: Campus, Frankfurt a. M./New York 2013, ISBN 978-3-593-39823-5, S. 27 ff. In der Abteilung waren neben Jänisch unter anderem Franz Abromeit, SS-Oberscharführer Theodor Dannecker, Claudia Steur: Theodor Dannecker. Ein Funktionär der „Endlösung“. Klartext Verlag, Essen 1996, ISBN 3-88474-545-X (Schriften der Bibliothek für Zeitgeschichte – Neue Folge, Band 6, herausgegeben von Gerhard Hirschfeld). Adolf Eichmann und SS-Hauptsturmführer Kuno Schröder (* 1915) als Referenten beschäftigt. Geschäftsverteilungspläne und Strukturübersichten des Sicherheitsdienstes und des Reichssicherheitshauptamtes, in: Reinhard Rürup und weitere: Topographie des Terrors: Gestapo, SS und Reichssicherheitshauptamt auf dem „Prinz-Albrecht-Gelände“; eine Dokumentation, Arenhövelverlag, Berlin 1991. Vermutlich aus der Feder Eichmanns stammend hatte sich das Personal der Abteilung Anfang 1937 eine Art Manifest geschaffen, dass die Ziele ihres Wirkens für die nächsten Jahre bestimmen und die Motivation der hier eingesetzten Kräfte stärken sollte. Darin war die „schändliche“ Rolle des Judentums und die unabdingbare Gegnerschaft zum Nationalsozialismus als Orientierung festgeschrieben. Daraus schlussfolgerten sie eine der Abteilung übertragene Berechtigung zur Verfolgung und Vertreibung mit dem Ziel, die „Endjudung Deutschlands“ herbeizuführen. Michael Wildt: Die Judenpolitik des Sicherheitsdienstes 1935 bis 1938, München 1995, S. 95ff.
Sofort mit der deutschen Okkupation Österreichs im März 1938 bemühten sich Hagen und Eichmann mit dem Sicherheitsdienst in Wien Fuß zu fassen, beschafften sich die Daten der österreichischen jüdischen Organisationen. Im Herbst 1938 richteten sie die erste Zentralstelle für jüdische Auswanderung des „Altreiches“ ein. Diese wurde der Abteilung II/112 in Berlin angegliedert. Bis zu diesem Zeitpunkt war Jänisch voll in die Sachaufgaben der Beobachtung, Erfassung jüdischer Kreise, ihre genaue Personifizierung, Enteignung und Ausraubung jüdischen Besitzes eingebunden. Wegen der häufigen Abwesenheit des Referatsleiters rückte Jänisch zu diesem Zeitpunkt in die Position eines Geschäftsstellenleiters auf. Weiter ausgebaut wurde inzwischen die Berliner Zentralstelle, die ihren Sitz im gleichen Gebäude wie das Referat hatte, in der Kurfürstenstraße 116 und wurde nach der Besetzung des tschechoslowakischen Rumpfstaates im Frühjahr 1939 durch die Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Prag ergänzt. Ab Januar 1939 wurde die Berliner Dienststelle auf Beschluss des Reichsinnenministers in die „Reichszentrale für jüdische Auswanderung“ umgewandelt und wurde dem Chef der Sicherheitspolizei und des SD Reinhard Heydrich zugeordnet. Damit wurden alle Geschäfte in Personal-, Sachgebiets- und Organisationsfragen von der Abteilung II/112 geführt und erweiterten den Tätigkeitsraum für Jänisch. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges waren die mit der Bekämpfung und Registratur jüdischer Personenkreise im Deutschen Reich und den inzwischen besetzten Territorien Österreichs und der Tschechoslowakei durch die Abteilung II/112 weitestgehend abgeschlossen. Übergegangen waren einzelne regionale Behörden in größeren Städten bereits zur zwangsweisen Unterbringung jüdischer Personen in Sammelunterkünften oder überwachten Heimen. Die Daten dieser Personen wurden ebenfalls an die Abteilung weitergegeben und in der dort geführten Datei ergänzt.
Tätigkeit im Reichssicherheitshauptamt Mit dem deutschen Überfall auf Polen und der fast zeitgleich verfügten Bildung des Reichssicherheitshauptamtes war sofort ein erweiterter Arbeitsgegenstand und eine neue Institutionsform für Rudolf Jänisch vorhanden, in die er seine Erfahrungen der Verfolgung und Bekämpfung jüdischer Organisationen und Personen einbringen konnte. Bereits ab Oktober 1939 begann vom früheren polnischen Territorium aus, die Deportationen der jüdischen Einwohner. Um die wesentlich nach außen verlagerten Aufgaben zu bewältigen, wurde noch im gleichen Jahr das bisher bei der Gestapo angesiedelte Referat II B (Konfessionen, Juden, Freimaurer, Emigranten und Pazifisten) aufgegliedert und der Bereich jüdischer Beobachtungsgruppen mit der früheren Abteilung II/112 verknüpft.Hans Safrian: Die Eichmann-Männer. Europaverlag, Wien u. a. 1993, ISBN 3-203-51115-0, Auch als Fiher-Taschenbuch unter dem Titel Eichmann und seine Gehilfen. Fischer, Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-596-12076-4. Fast alle hier tätig gewesenen SD-Mitarbeiter wurden übernommen, Hagen wechselte in das Amt VI (Auslandsnachrichtendienst). Jänisch führte in dieser Übergangszeit die Geschäfte, bis Anfang 1940 SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann als Leiter des nun geschaffenen Referates IV B 4 (Auswanderung, Räumung) die Verantwortung übernahm. Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich: Wer war was vor und nach 1945? Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-596-16048-8, S. 281. Damit war der Arbeitsgegenstand von Jänisch dem für die Gestapoarbeit zuständigen Amt beim Reichssicherheitshauptamt angegliedert. Als Amtsleiter fungierte dort Heinrich Müller. Jänisch und das übrige Personal wurden weiter beim Sicherheitsdienst geführt, aber sie verfügten damit über die Zugriffsmöglichkeiten auf die Gestapodienststellen im Reich und den besetzten Gebieten. Von da an wurde Jänisch Eichmanns persönlicher Berater, Sekretär, Personalverantwortlicher und Geschäftsstellenleiter. Die Verantwortung zur Geheimhaltung der internen Geschäftsabläufe lag ebenfalls in seiner Zuständigkeit. Auf Grund des speziellen Arbeitsgegenstandes, des besonderen Besucherverkehrs, die beide strengster Geheimhaltung unterlagen, wurde die Dienststelle in der Kurfürstenstraße durch extra Sicherungskräfte der allgemeinen SS bewacht, deren Koordination Jänisch in Verantwortung hatte.
Mit der deutschen Okkupation Dänemarks und Norwegens im April 1940 kamen weitere, in beiden Ländern auf Grund des eingerichteten Besatzerregimes verdeckte Aufgaben der Erfassung und Verfolgung der dort lebenden jüdischen Bevölkerung für das Referat dazu. Erst ab der Besetzung Belgiens, der Niederlande und Frankreichs nahm die Tätigkeit des Geschäftsstellenleiters Jänisch neue Dimensionen an. Spätestens mit der Ernennung von Befehlshabern der Sicherheitspolizei und des SD in diesen Territorien sowie der bei ihm eingerichteten Polizei-, Sicherheitsdienststellen und sogenannte „Judenreferate“ war eine neue Struktur des Berliner Referates erforderlich. Neben Jänisch wurde Rolf Günther zum Stellvertreter Eichmanns ernannt und ab Anfang 1941 das Referat in zwei Sachgebiete untergliedert. Während sich die Gruppe VI B 4a mit Grundsatzfragen der Deportation zu befassen hatte und von Günther geführt wurde, war der Arbeitsgegenstand bei VI B 4b alle Rechtsfragen bei Konfiszierung jüdischen Eigentums, die Verwaltung und Verwertung von Eigentum der Deportierten, sowie die Kooperation mit den dabei einzubeziehenden Behörden. Als Gruppenleiter stand der frühere Justiziar des Reichssicherheitshauptamtes Friedrich Suhr zur Verfügung. Das für die Besetzung der einzelnen Gruppen benötigte Personal wurde durch Jänisch akquiriert. Einfluss nahm er auch auf die Stellenbesetzungen in den Judenreferaten bei den BdS in den besetzten Gebieten oder die Gehilfen der Polizeiattachés. So wurden die ehemaligen Referenten Franz Abromeit 1939 als Sachbearbeiter für Judenfragen dem Inspekteur der Sicherheitspolizei und des SD in Polen, Anfang 1940 Ernst Heinrichsohn dem BdS für Frankreich als Judenspezialist und zum September 1940 SS-ObersturmführerTheodor Dannecker dem Polizeiattaché in Paris zur Verfügung gestellt. Claudia Steur: Eichmanns Emissäre. Die „Judenberater“ in Hitlers Europa. In: Gerhard Paul, Klaus-Michael Mallmann (Hrsg.): Die Gestapo im Zweiten Weltkrieg. „Heimatfront“ und besetztes Europa. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2000, ISBN 3-89678-188-X, S. 403ff. Im Januar 1941 erhielt Jänisch die Beförderung zum SS-Untersturmführer. Zwei Monate später wurde innerhalb des Referates schriftlich auf die „kommende Endlösung der Judenfrage“ verwiesen. Hans Günther Adler: Theresienstadt. Wallstein Verlag, Göttingen 2005, ISBN 978-3-89244-694-1, S. 5ff.