mini|Illustration von George Cruikshank, 1876 Jorinde und Joringel ist ein Märchen (ATU 405). Es steht in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm an Stelle 69 (KHM 69) und stammt aus Johann Heinrich Jung-Stillings Autobiografie Heinrich Stillings Jugend von 1777.
Inhalt In einem Schloss im Wald wohnt eine alte Zauberin. Sie verwandelt sich tagsüber in eine Katze oder Nachteule (in Jung-Stillings Version auch in einen Hasen). Sie lockt Tiere an, um sie zu schlachten. Wer dem Schloss zu nahe kommt, der kann sich nicht mehr bewegen. Jungfrauen verwandelt sie in Nachtigallen, die sie im Schloss aufbewahrt.
Jorinde und Joringel sind ein junges Liebespaar, das versehentlich in die Nähe des Schlosses kommt. Sie weinen erst und werden ganz traurig, dann wird Jorinde zu einer Nachtigall, und während Joringel sich nicht bewegen kann, fängt die Hexe sie ein und nimmt sie fort. Joringel fleht sie an, sie freizulassen, doch sie lässt sich nicht erweichen.
Joringel verbringt lange Zeit in der Fremde als Schäfer und geht oft um das Schloss herum. Dann träumt er von einer blutroten Blume mit einer Perle in der Mitte. Er wandert neun Tage und findet die Blume morgens mit einem Tautropfen in der Mitte. Dagegen ist die Hexe machtlos, obwohl sie Gift und Galle sprüht. Sie versucht, einen Vogel wegzutragen, da erkennt er Jorinde und befreit auch die 7000 anderen Vögel.
Sprache und Stil mini|Illustration von Heinrich Vogeler Die Geschichte ist trotz mancher Einzelheiten kurz erzählt. Einfache, aneinandergereihte Satzstrukturen und gewählte Ausdrücke wirken zugleich natürlich und gehoben. Viele Sätze wie mitten in einem großen dicken Wald, darinnen wohnte eine alte Frau ganz allein klingen bedeutungsschwer bis eigentümlich, wie schon die erfundenen Namen Jorinde und Joringel. Wörtliche Reden fehlen fast, bis auf Joringels die Handlung einleitendes „Hüte dich,“ … „daß du nicht so nahe ans Schloß kommst“, und die beiden auffälligen Gedichte. Bei ihrer Verwandlung singt Jorinde:
„Mein Vöglein mit dem Ringlein roth Singt Leide, Leide, Leide; Es singt dem Täublein seinen Tod, Singt Leide, Lei – Zicküth! Zicküth! Zicküth!“
Die unregelmäßigen Jamben treffen hier auf helle Vokale, bis auf den Reim rot – Tod. Die alte Frau erlöst Joringel mit einem Singsang, ebenfalls schwere Jamben. Die Vokale sind dunkler, die Verse abgebrochen und plump, besonders am Schluss. Manche Herausgeber druckten sie ebenfalls als Vierzeiler:
„Grüß dich, Zachiel, wenn’s Möndel ins Körbel scheint, bind los Zachiel, zu guter Stund.“
Der selbstverständliche Umgang mit Magie, Schwarz-Weiß-Malerei und Sieg des Guten passen zum Zaubermärchen. Untypischerweise beschreibt der Text die Hexe vor der Handlung, die spannend erzählt ist.Hans-Jörg Uther: Jorinde und Joringel. In: Enzyklopädie des Märchens. Band 7. Berlin, New York, 1993, S. 633. Die Sonnenuntergangsszene führt unversehens zum nächtlichen Tiefpunkt, gefolgt von erneuter Wendung morgens und Erlösung. Der Gegensatz von Tag und Nacht dient der moralischen Charakterisierung. Das Wunderbare nimmt der Held für ein Märchen eher beiläufig wahr.Hans-Jörg Uther: Die Brüder Grimm und Heinrich Jung-Stilling. Von Jorinde und Joringel und anderen Erzählungen. In: Ulrich Müller, Margarete Springeth: Paare und Paarungen. Festschrift für Werner Wunderlich zum 60. Geburtstag. Heinz, Stuttgart 2004, ISBN 3-88099-425-0, S. 303. Es fällt den Liebenden nach bestandener Bewährung zu, Strafe erübrigt sich. Schon der Spannungsbogen erinnert an ein Drama oder christliche Geschichtsauffassung von Sündenfall und Erlösung, die Moral passt gut zu Jung-Stillings sehr pietistischer Erziehung.
Interpretation Metaphern im Text mini|Darstellung einer Turteltaube Das Liebespaar wird mit Turteltauben verglichen, gemäß der Redensart verliebt wie die Turteltauben: Als Jorinde weint und klagt, singt eine Turteltaube kläglich auf den alten Maibuchen, und als sie verwandelt wird, singt sie selbst vom „Vöglein mit dem Ringlein rot“. Turteltauben haben einen roten Ring um ihre runden Augen und sind ein Symbol für Friede, Reinheit und Unschuld (siehe auch Venus). Die Nachtigall, zu der Jorinde wird, verleiht dem eine mehr sinnliche oder melancholische Färbung. Mit der Maibuche kann nur die gewöhnliche Rotbuche gemeint sein, die im Mai austreibt und blüht. Sie ist nach westfälischer Folklore Fruchtbarkeitssymbol.Rudolf Müller: Jorinde und Joringel. Wenn durch Trennung die Liebe erwacht. Weisheit im Märchen. Kreuz, Stuttgart 1997, ISBN 3-268-00044-4, S. 32. Die Beschreibung der alten Frau mit großen roten Augen und krummer Nase ähnelt der Eule, in die sie sich verwandelt. Ihr Ruf „Schu – hu – hu – hu“ und die glühenden Augen passen am besten zu einer Waldohreule, die in ganz Mitteleuropa verbreitet ist. Sie, der Mond und die Katze sind Attribute von Hexen (siehe auch Artemis, Hekate, Freya, Lilith, Luna; KHM 70, 174). Joringels blutrote Blume ist am ehesten eine Rose (Liebe), könnte aber auch eine Nelke sein (Tod, vgl. KHM 76) oder eine Lilie (Auferstehung). Ihr Blütenring entspricht Jorindes „Ringlein rot“. Die Tränen werden also im Traum zur Perle, dann Morgentau (vgl. KHM 179). Rot wie Blut steht für Gefahr, Sünde, schließlich Liebe.
Die variierte Kreisform von Ringlein und Blume deutet Komplementarität an, wie schon die Namen Jorinde (wie Rinde) und Joringel (sich ringeln). Man mag an den Fußring gezähmter Vögel denken, oder an den Ehering. In anderen Märchen legt der Mann der Frau zur Erkennung einen Ring in den WeinkelchKlaus Graf: Ring. In: Enzyklopädie des Märchens. Band 11. Berlin, New York 2004, S. 688–696. (KHM 25, 65, 93, 101, AaTh 947). Die Nachtwesen teilen bei allem Gegensatz zu den frommen Tauben eine Ambivalenz, so hat der Mond eine zu- und abnehmende Hälfte, die bedrohliche Eule gilt auch als scharfsichtig und weise, die Katze ist Raub- und Haustier. In Jorindes Lied verrät die Formulierung „Mein Vöglein“ eine Identität der jungen mit der alten Frau, die umgekehrt Gnade beweist, als sie Joringel losbindet, und mit Jorindes Erlösung verschwindet (vgl. KHM 179). Ihr „wenn's Möndel ins Körbel scheint“, entspricht bildlich der Perle im Blütenkelch und sprachlich der Verkleinerungsform „mein Vöglein mit dem Ringlein rot“. Führt man die sexuelle Deutung von Ring und Blume mit Tautropfen fort, so personifiziert die Hexe in ihrer lähmenden, aber auch behütenden Wirkung die Angst beider junger Menschen vor der Initiation: Sie waren so bestürzt, als wenn sie hätten sterben sollen. Bannkreise, als Schadenzauber oder zur Heilung, ähneln einem Binden mit magischem Seil.Christoph Daxelmüller: Festbannen. In: Enzyklopädie des Märchens. Band 4. Berlin, New York 1984, S. 1043–1052. Im Märchentyp Jungfrau im Turm (KHM 12) erfolgt die Befreiung in einem Korb an einem Seil.Hans-Jörg Uther: Jungfrau im Turm. In: Enzyklopädie des Märchens. Band 7. Berlin, New York 1993, S. 791–797. Die Hexe nutzt aus, dass sie ihre Opfer anzieht (vgl. KHM 8), sie lähmt sie, und sie speit Gift (vgl. KHM 12, 50, 53). Sie ähnelt damit einer Schlange, deren Gift auch lähmend wirkt und die wegen ihrer Häutungen (Verwandlungen) als unsterblich verehrt wurde (siehe auch Meduse, Basilisk, Gilgamesch-Epos). Durch ihren Körperbau und zwiespältige Bedeutung im Alten Testament und in gnostizistischem Gedankengut ist sie wichtiges Symbol der Dualität bzw. deren Überwindung (Ouroboros).
Mystische Symbolik mini|Illustration von Henry Justice Ford, 1902 Die Geliebte als Vogel im Käfig ist ein altes Literaturmotiv, das schon auf heidnische Vorstellungen zurückgeht (vgl. Varianten zu KHM 88).Klaus E. Müller: Schamanismus. Heiler, Geister, Rituale. 3. Auflage, Beck, München 2006, ISBN 978-3-406-41872-3, S. 21–22. Hier sind es Körbe, was auf den Faden der griechischen Schicksalsgöttin Lachesis oder aber auch auf Bienenkörbe anspielen kann. Der Demetermythos vereint die geraubte Braut mit dem Gegensatz aus zürnender Toten- und vergebender Fruchtbarkeitsgöttin.Karl Kerényi: Persephone. In: C. G. Jung, Karl Kerényi: Einführung in das Wesen der Mythologie. Walter, Zürich und Düsseldorf 1999, ISBN 3-530-40061-0, S. 129–136. Ihre Beigaben waren Weizen, Mohn, aber auch Mond, Tauben und Bienen. Karl Kerényi sieht hier u. a. Zusammenhänge zu Medusas Enthauptung mit einer Sichel, dem mondförmigen Gerät der Kornernte.Karl Kerényi: Persephone. In: C. G. Jung, Karl Kerényi: Einführung in das Wesen der Mythologie. Walter, Zürich und Düsseldorf 1999, ISBN 3-530-40061-0, S. 134–135. Die antiken Mysterienkulte, die vielen literarischen Texten als geheimer Subtext zugrunde gelegen haben sollen (zum Beispiel Ovids Metamorphosen), arbeiteten mit dem Wechsel von Nacht und Tageslicht. Im Mithraskult gehörten Schlange, Bienenpuppe, Taube und Licht mit der Liebesgöttin Venus zum zweiten Weihegrad Nymphus, dagegen Hirte, Eule, Nachtigall und Dämmerung mit dem Mond zum fünften Grad Perses.Reinhold Merkelbach: Mithras. Hain, Meisenheim 1984, ISBN 3-445-02329-8, S. 85–118. Laut der Anthroposophin Friedel Lenz wurde bei den Eleusinischen Mysterien eine Opfergabe in einem Korb dargebracht, wobei der Mond in den Korb scheinen musste. Sie vermutet, dass in Zachiel der Erzengel Zachariel anklingt, also eine eigentlich gute, aber hier verstümmelte Göttlichkeit. Zachariel (Zadkiel) kommt in apokryphen Schriften vor. Gefallene Engel gibt es sowohl im Alten Testament als auch im Gnostizismus. In der Alchemie erfolgte die Veredelung des Menschen über eine schwarze Phase (Sterben), gefolgt von einer weißen (Reinheit) und einer roten (Morgenröte). Letztere sind auch das Weibliche und das Männliche, die sich dann vereinen.Helmut Gebelein: Alchemie. Sonderausgabe. Hugendubel, Kreuzlingen, München 2000, ISBN 3-89631-402-5, S. 44, 48, 53–54; C. G. Jung: Erlösungsvorstellungen in der Alchemie (Psychologie und Alchemie 2). Aus: Grundwerk C. G. Jung. Band 6. Hrsg. Lilly Jung-Merker, Elisabeth Rüf et al. 5. Auflage. Walter, Zürich, Düsseldorf 1999, ISBN 3-530-40786-0, S. 12–13. Die Blume ist wieder das schöne, lebendige oder der Mensch selbstHedwig von Beit: Symbolik des Märchens. Francke, Bern 1952, S. 280; Hedwig von Beit: Gegensatz und Erneuerung im Märchen. Zweiter Band von «Symbolik des Märchens». 2. Auflage. Francke, Bern 1956, S. 56, 61, 71, 239, 561. (vgl. KHM 9, 56, 76, 85, 160, 188). In Spagyrik und Homöopathie wird die rote Tiger-Lilie bei Frauenleiden und Herzbeschwerden mit dem Gefühl berstend voller Blutgefäße verwendet.Lilium tigrinum. In: Martin Bomhardt: Symbolische Materia Medica. 3. Auflage. Homöopathie und Symbol, Berlin 1999, ISBN 3-9804662-3-X, S. 778; S. R. Phatak: Homöopathische Arzneimittellehre. 2. Auflage. Urban & Fischer, München 2004, ISBN 3-437-56860-4, S. 375–378. Friedel Lenz interpretiert das Märchen als Dämmerzustand der Seele und Erlösung aus dieser Isolation durch aktive Liebe.Friedel Lenz: Bildsprache der Märchen. 8. Auflage. Freies Geistesleben und Urachhaus, Stuttgart 1997, ISBN 3-87838-148-4, S. 197–203. Christa Siegert erklärt die Hexe im Wald als jenseitiges Wesen (Archont) in menschlichen Gedankennetzen (Äonen), das Vorstellungen und Gefühle zu sich saugt, um sich davon zu ernähren. Der Mensch kann es nicht erkennen und lässt sich binden, was zur Trennung von Herz und Haupt, Frau und Mann führt. Er kann sich nur abwenden und seine Gedanken hüten, bis ihm die Vision des Grals geschenkt werden kann, der im innersten Seelenkern alle Widersprüche löst.Christa M. Siegert: Geheime Botschaft im Märchen. Eine Entschlüsselung von Christa M. Siegert mit sieben Graphiken von B. Schollenberg. Hermanes T. Verlag, 1991, ISBN 3-925072-04-7. S. 141–161.
Psychologische Deutungen mini|Illustration von Paul Hey, 1939