mini|hochkant|Fotoporträt Gala Dalí (unbekanntes Datum)
Gala Éluard Dalí (* als Jelena Dmitrijewna Djakonowa (russisch ) in Kasan, Russisches Kaiserreich; † 10. Juni 1982 in Portlligat, Spanien) war eine bekannte Muse von Künstlern des 20. Jahrhunderts. Sie hat vor allem ihre beiden Ehemänner und ihren Geliebten – den Dichter Paul Éluard, den Maler und Bildhauer Salvador Dalí und den Maler Max Ernst inspiriert – aber auch viele weitere Künstler, insbesondere Surrealisten.
Ihr Geburtsjahr wird in den Biografien unterschiedlich angegeben mit 1893Chantal Vieuille: Gala, 1988, 1894 und 1895Gala, Dalís skandalöse Muse, 1989, aber 1894 als am wahrscheinlichsten. Der Grund dafür ist, dass Gala ihre Herkunft und Kindheit sowie in späteren Jahren auch ihr Alter stets verschleierte. „Den persönlichen Mythos hat sie selbst kultiviert, sich nie ausführlich und explizit über ihr Leben geäußert […] Gala erzählte nicht von sich, sondern inszenierte sich und ließ sich inszenieren.“
Pseudonym Die Herkunft ihres Pseudonyms Gala, den sie ausschließlich benutzte, ist nicht abschließend geklärt. Es handelt sich dabei wohl um ein Diminutiv von Galina, einem im russischsprachigen Bereich verbreiteten Vornamen, der in der Koseform aber eher als Galja verwandt wird. Der Name Galina wurde ihr vermutlich von ihrer Mutter gegeben, während ihr Vater für den Vornamen Jelena plädierte und ihn zumindest in den offiziellen Dokumenten durchsetzen konnte. Weitere Versionen lauten, es sei ein Phantasiename, den sie sich selbst 1912 gab bzw. der ihr von ihrem späteren Ehemann Paul Éluard gegeben wurde.Dalí und Gala, 1989, S. 28
Leben Kindheit und Jugend miniatur|rechts|Moskau um 1920
Gala wuchs bei ihrer Mutter Antonina Djakonowa auf, die in zweiter Ehe mit dem wohlhabenden Rechtsanwalt Dimitri Iljitsch Gomberg verheiratet war. Ihr leiblicher Vater, Iwan Djakonow, war nach Galas Darstellung 1905 in Sibirien als verarmter Goldgräber verstorben. Tatsächlich handelte es sich um einen Beamten des Landwirtschaftsministeriums, der in Kasan verstarb, als Gala zehn Jahre alt war. Neben ihr gab es noch die beiden älteren Brüder Nikolai und Wadim sowie die jüngere Schwester Lidija. Finanziell abgesichert, dank der guten Beziehungen, die der Stiefvater sowohl zu revolutionären Kreisen als auch zum Adel unterhielt, verbrachte sie eine gutsituierte Kindheit in Moskau. „Galas Stiefvater hat den Djakonow-Kindern als Liberaler nicht nur fortschrittliche Ideen vermittelt, sondern auch den Sinn für Kultur: Seine Freunde sind Rechtsanwälte wie er, Professoren, Schriftsteller, studierte Leute, die sich über Geschichte und Literatur austauschen können“. Und er ermöglichte ihnen eine umfassende Ausbildung. Gala besuchte das private Mädchengymnasium Brjuchanjanko, ein Universitätsstudium hingegen war trotz guter Schulnoten für Frauen im zaristischen Russland ausgeschlossen. Üblicherweise blieb für Frauen ihres Alters und ihrer Herkunft nur der Weg einer sogenannten standesgemäßen Heirat, um sich von der Familie zu lösen. Gala widersetzte sich jedoch wiederholt den Verkupplungsversuchen ihrer Eltern und lehnte die Bewerber kategorisch ab.
1912 wurde Gala ins schweizerische Davos, einen exklusiven Luftkurort, geschickt, um sich im Lungensanatorium in Clavadel zu erholen. Bereits in jungen Jahren war bei ihr Tuberkulose diagnostiziert worden, und nach diversen Aufenthalten in Moskauer Sanatorien rieten die Ärzte zu einem Klimawechsel. Für Gala bot dieser Kuraufenthalt in der Schweiz eine willkommene Möglichkeit, das in ihren Augen rückständige Moskau zu verlassen. Wenige Tage vor ihr war der aus Paris stammende, siebzehnjährige Eugène-Émile-Paul Grindel alias Paul Éluard dort eingetroffen. Éluard, ebenfalls lungenkrank attestiert, flüchtete seinerseits vor einer Zukunft als Geschäftsmann, einem Beruf, den sein Vater für ihn vorgesehen hatte.
Ehe mit Paul Éluard mini|hochkant|links|Paul Éluard, um 1911 miniatur|rechts|Davos um 1915 Éluard wurde in Clavadel früh auf Gala aufmerksam. In ihren Biografien wird Gala als großgewachsen und sehr schlank, jedoch nicht von klassischer, sondern von ungewöhnlicher Schönheit beschrieben: „ihr dunkler Blick und ihr russischer Akzent sind exotisch und faszinierend.“ Das Interesse war gegenseitig, wenn auch von ihrer Seite weniger in Äußerlichkeiten begründet. Éluard war als Siebzehnjähriger auch körperlich noch sehr kindlich und im Umgang mit Frauen unerfahren, bestach aber durch seine literarischen Qualitäten: „Für sie ist die poetische Begabung ein Geschenk des Himmels, das sie noch mehr bewundert als Schönheit.“ Und seine Erzählungen – Gala sprach fließend Französisch, das sie bei ihrem Schweizer Kindermädchen gelernt hatte – von Paris und der Pariser Avantgarde faszinierten sie. Er las ihr seine Gedichte vor, und Gala „versichert ihm schriftlich: »Sie werden einmal ein sehr großer Dichter.«“ Bereits 1913 wurden Éluards erste Gedichte Premiers poèmes veröffentlicht, gegen den Widerstand des Vaters finanziert von Éluards Mutter. Diese stand der Dichtkunst ihres Sohnes zwar ebenfalls skeptisch gegenüber, verwöhnte ihr einziges Kind jedoch maßlos.
1914 schrieb Gala das Vorwort zu seiner folgenden Gedichtsammlung Dialogues des Inutiles (dt.: Dialoge des Nutzlosen). Die vierzehn Minimal-Dialoge hatten die beiden inzwischen heimlich Verlobten gemeinsam verfasst.
Im selben Jahr reiste Éluard aus Davos ab und wurde noch im Dezember zum Militärdienst eingezogen. Gala kehrte unterdessen nach Russland zurück. Das Militärbündnis zwischen Frankreich und Russland ermöglichte einen Briefkontakt, aber die Beförderung der Briefe zog sich über Monate hinweg. Als Lazaretthelfer geriet Éluard zwar nicht unter Beschuss, war aber an der Somme stationiert, einem Hauptkriegsschauplatz des Ersten Weltkrieges. Deshalb war Gala ständig in Sorge um ihn. Im August 1916 reiste die inzwischen Volljährige zu seiner Familie nach Paris, doch ihre Enttäuschung war groß, denn die Stadt war vom Krieg gezeichnet und glich wenig Éluards Erzählungen. Das Stadtbild bestimmten leere Geschäfte, Kriegsinvaliden und alleinstehende Frauen. Zudem musste sie vorerst bei seinen Eltern wohnen, die eine Russin als Schwiegertochter ablehnten. Die kleinbürgerlichen Verhältnisse, in denen Éluards Mutter als das unangefochtene Familienoberhaupt regierte, bedrückten sie. Gala hatte ihr Elternhaus verlassen, um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können, und musste nun die ständigen Einmischungen Jeanne-Marie Grindels hinnehmen. Éluard meldete sich im November 1916 freiwillig zur Infanterie, gegen ihren Willen und trotz seiner weiterhin labilen Gesundheit. „Vielleicht ist es Dir entgangen, aber ich habe viel für Dich getan und tue es noch. Mein ganzes Leben, meine ganze Seele, mein Blut habe ich Dir geweiht. Nicht alle Frauen würden dies tun, wenn Du gehst, dann ist dies als ob Du mich zurückweist, ja, mein Leben verschmähst“, schrieb sie ihm. Aus Zeitvertreib übersetzte sie russische Bücher ins Französische und verbrachte die Tage statt mit auferlegten Hausarbeiten hauptsächlich lesend. Laut ihren Briefen an Éluard bevorzugte sie hierbei die Autoren Dostojewski und Gustave Kahn, sowie den Dichter Guillaume Apollinaire, dessen Gedichte Éluard ihr bereits in Davos vorgelesen hatte. Ihr Bild von Éluard, den sie in Davos als Rebell und Dichter verklärt hatte, wandelte sich, denn Éluard, der aufgrund seines Asthmas seinen Dienst weiterhin überwiegend hinter der Front leistete, kehrte nicht nach Paris zurück und wich in seinen Briefen Konflikten mit seiner Familie aus. Eine Lösung der Verbindung und damit eine Rückkehr nach Russland schloss Gala jedoch aus. Am 21. Februar 1917 heirateten sie während eines Fronturlaubs in Paris, und lediglich ihr Brautkleid hob die Hochzeit von den zahlreichen Kriegstrauungen ab. „Aber ihr extravagantes, grünes Brautkleid erregt das ganze Aufsehen der braven Bourgeois und ließ eine erste Ahnung von Galas künftiger Karriere nicht als Hausfrau und Mutter, sondern als Enfant terrible der surrealistischen Kreise aufkommen.“ Am 10. Mai 1918 kam die gemeinsame Tochter Cécile zur Welt, die Gala sogleich in die Obhut der Schwiegereltern gab. Ihr Verhältnis zu ihrem Kind blieb zeitlebens kühl, und trotz Éluards Ermahnungen war Gala nicht in der Lage oder auch nicht gewillt, ihre Mutterrolle zu erfüllen. miniatur|hochkant=.8|André Breton, 1924 Nach Kriegsende bezogen sie eine eigene Wohnung in Paris. Éluard hatte sich im März 1919 unter Vermittlung von Jean Paulhans mit den Dadaisten um André Breton, Philippe Soupault und Louis Aragon zusammengeschlossen. Für Gala die Gelegenheit, sich in diesem Künstlerzirkel mit aufwendigen Garderoben selbst zu inszenieren, womit sie jedoch nicht alle Freunde Éluards für sich eroberte, sondern verärgerte. André Thirion, der zu dem Kreis um Breton zählte, urteilte „Noch besser als Elsa Triolet wußte Gala, was sie wollte: Herzens- und Sinnesfreuden, Geld und die Gesellschaft eines Genies. Sie wird die Reinkarnation einer Bettina von Arnim gewesen sein, nur mit mehr Sinn für das Praktische. Für Politik und Philosophie interessierte sie sich nicht, bewertete Menschen danach, was sie in der realen Welt leisteten, und tat die ab, die mittelmäßig waren.“André Thirion, Révolutionnaires sans révolution, 1988. Deutsche Übersetzung Unda Hörner, S. 113 Ihre unvorhersehbaren „Starauftritte“ waren Breton ein Dorn im Auge. Dennoch besetzte er sie 1920 in einem gemeinsam mit Soupault inszenierten Bühnenstück. Hierin deklamierte sie selbstbewusst dadaistische Texte. In einer Widmung vom 14. Dezember 1923 schrieb er: „Für Gala, auf deren Brüsten der Hagel eines gewissen Traumes von Verdammung schmilzt“ – eine ironische Anspielung auf Éluards Verehrung seiner Frau. Tatsächlich pries Éluard in Gegenwart seiner Freunde offen Galas erotische Vorzüge und betrieb einen regelrechten Kult um sie. Gemeinsam bildeten sie eine publikumswirksame Kooperation, aus der beide ihre Vorteile zogen. Gala lebte ihre Exzentrik aus und verschaffte damit Éluard Aufmerksamkeit. Ihr besonderer Status wird auch dadurch deutlich, dass sie oftmals als einzige Frau auf Fotos der Künstlergruppe um Breton zu sehen ist. „Sie nutzte die Faszination des weiblichen Mythos, indem sie sich ausgiebig von den Männern feiern ließ, die ihr das Äußerste an Hingabe entgegenbrachten.“
Im November 1921 besuchte das Ehepaar Éluard den aufstrebenden Maler Max Ernst und seine damalige Frau Luise Straus in Köln. Gemeinsam mit Gala wählten sie elf von Ernsts Collagen aus, um Éluards nächsten Gedichtband zu bebildern. Éluard und Ernst freundeten sich schnell an. „Ob die beiden Frauen mit dieser Männerfreundschaft mithalten können, wo die beiden Künstler sich doch auf der Stelle verbrüdert haben und einander geradewegs in die Arme gefallen sind? Ein wenig verwirrt und unsicher stehen sie daneben.“ Doch Ernst, der sich längst von Gala angezogen fühlte, malte sie 1921 mit entblößter Brust und betitelte das Bild vieldeutig Unruhe meine Schwester.
miniatur|rechts|Galas und Éluards Wohnhaus in Eaubonne Ein Jahr später erfolgte Ernsts Gegenbesuch bei den Éluards in Saint-Brice-sous-Forêt, einem Vorort von Paris. In dieser Zeit kamen sich Gala und Ernst näher, was Éluard zunächst tolerierte. Gemeinsam bezogen sie ein Haus in Eaubonne, einer kleinen Stadt im Kanton Montmorency, das Ernst mit surrealen Fresken ausmalte. Auf die Tür in Galas und Éluards Schlafzimmer malte er Gala lediglich mit einer engen Hose bekleidet in Lebensgröße. Doch diese offen gelebte Dreiecksbeziehung, die zugleich das Ende von Ernsts Ehe bedeutete, wurde für alle Beteiligten zunehmend zur Belastung. Dennoch endete die Affäre erst 1924. Ernst verewigte Gala in weiteren Bildern, dem Gruppenbild Das Rendezvous der Freunde von 1922 (auf dem sie abermals als einzige Frau abgebildet ist) und als Die schöne Gärtnerin in einem Nacktporträt aus dem Jahr 1924. Gala kehrte zu Éluard zurück. Die enge Freundschaft zwischen Ernst und Éluard bestand noch bis 1927.