mini|Um 1434 entstandene Darstellung einer Galeere, wie sie für die Schiffskonvois nach Flandern vorgesehen waren, Michalli da Ruodo (vor 1385 – 1445) mini|Der als cocca bezeichnete Schiffstyp war robuster und für die Einzelfahrer eher geeignet Die Querina war ein Schiff, das 1431 auf der Fahrt von Candia, der Hauptstadt der venezianischen Kolonie Kreta, Richtung Flandern durch einen Sturm im Atlantik vom Kurs abkam. Nördlich von Irland ging die cocca Querina, geführt von Piero Querini (* spätestens 1402; † nach 1448), unter. Querini hatte sich mit seiner Fracht und seinen Männern nicht einem der Schiffskonvois (mude) angeschlossen, die die Republik Venedig üblicherweise organisierte, um mehr Sicherheit für Besatzung, Waren und Schiffe zu erreichen, wenn sie die wichtigsten Handelszentren Europas und des Mittelmeerraums ansteuerten. Es handelte sich also um ein privat ausgestattetes Unternehmen, von dem die Quellen seltener berichten.

Die meisten der zum Zeitpunkt des Untergangs mehr als 70 Besatzungsmitglieder kamen im Atlantik ums Leben. Nur elf von ihnen und der Schiffsführer Querini selbst erreichten in einem der beiden ausgesetzten Boote die Lofoten im Norden Norwegens, während das andere Boot nie wieder auftauchte. Auf den Lofoten wurden die Überlebenden von den Bewohnern einer Nachbarinsel nach Wochen zufällig entdeckt, in Sicherheit gebracht und mehr als ein Vierteljahr lang versorgt. Das dortige Leben schildern die Venezianer als eine Art unschuldiges Paradies.

Auf zwei getrennten Wegen machten sich Querini und die anderen Überlebenden auf die Rückreise, wobei sie sowohl auf kirchliche als auch auf Händlernetzwerke zurückgreifen konnten. Dabei reisten sie zunächst wegen Kaperern auf der Nordsee über Land durch Schweden und Dänemark. Dann teilte sich die kleine Gruppe auf. Während die einen durch das Reich nach Venedig heimkehrten, das sie im Winter 1431/1432 erreichten, fuhr Querini mit seinen Männern zunächst nach England. Piero Querini, der durch seinen Umweg über Cambridge und London insgesamt acht Monate brauchte, erstattete in Venedig vor dem Senat Bericht über die Katastrophe; zwei andere Männer, darunter der Consigliere Cristoforo Fioravante und der Schiffsschreiber Nicolò de Michiele, die gleichfalls einen Bericht abfassten, gehörten der Gruppe an, die über Rostock heimgekehrt war; sie waren bereits drei Monate früher in Venedig eingetroffen.

Die beiden Berichte über die Katastrophe, aber auch ihre Beobachtungen in einem in Venedig vollkommen unbekannten Gebiet, sind in Form von drei Handschriften, die in Rom und Venedig liegen, erhalten geblieben. Zugleich gehören sie zu den frühesten Quellen, die überhaupt über die Lofoten berichten. Diese Schriften wurden ab dem 16. Jahrhundert weithin bekannt, doch eine Edition erfolgte erst 2019. Ihre Sprache ist nahe am Venezianischen der Zeit. Schon wenige Jahre später erscheint das Schiff in einem der Atlanten.

Letzte Fahrt der Querina Fahrt von Kreta bis in den Nordatlantik mini|Karte der Insel Kreta von 1422 mini|links|Darstellung der kretischen Hauptstadt Candia um 1486 Die Querina brach am 25. April 1431 im Hafen von Candia auf. Sie hatte 68 Mann an Bord und führte 800 Fässer – oder über 700, je nach Handschrift – kretischen Malvasia-Weines mit sich. Hinzu kamen Spezereien, Wachs, Alaun und andere Waren wie Pfeffer und Ingwer. Zunächst segelte das Schiff in Richtung der Straße von Gibraltar, doch Stürme an der nordafrikanischen Küste zwangen dazu, am 3. Juni Aufenthalt in Cádiz zu nehmen, wohl um Reparaturen vorzunehmen, denn das Schiff war in der Nähe von Cádiz auf Grund gelaufen.

Dort sah sich Querini gezwungen, neue Männer anzuheuern, die, falls der wieder einmal ausgebrochene Streit zwischen Genua und Venedig eskalieren sollte, auch zum Kampf geeignet sein sollten. Er selbst nennt sie „combattanti“. Die Schiffsbesatzung bestand beim Aufbruch aus nunmehr 112 Mann. Erst am 14. Juli konnten die Männer die Fahrt fortsetzen. Sie erreichten, vom Kurs abgekommen, die Kanaren, hielten sich in diesem Raum etwa 45 Tage auf, fuhren dann endlich nordwärts nach Lissabon, das sie am 29. August erreichten. Von dort segelte die Querina am 14. September weiter nach Muros im Nordwesten der iberischen Halbinsel, wo das Schiff am 26. Oktober vor Anker ging. Querini und dreizehn seiner Leute nutzten den Aufenthalt zu einer Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela.

Schließlich ging es, schon recht spät im Jahr, nämlich Ende Oktober, Richtung Finistère. Das Schiff geriet bei der Insel Ouessant in einen schweren Sturm („siroco“), der am 5. November einsetzte. Dieser verursachte nicht nur erhebliche Schäden, zumal die Fracht wegen der vergrößerten Besatzung umgelagert oder vermindert worden war, sondern machte ein Erreichen des angestrebten Ziels durch die ‚Straße von Flandern‘ unmöglich. Der Wind trieb das Schiff Richtung Scilly-Inseln („ixola de Sarlenge“). Bald musste der Proviant rationiert, das schwer beschädigte Schiff schließlich am 17. Dezember nördlich von Irland aufgegeben werden.

Aufteilung der 74 Mann auf zwei Boote, Rettung der elf Überlebenden auf den Lofoten mini|Lage von Røst innerhalb der Inselgruppe mini|Trockengestelle mit Stockfisch auf den Lofoten Querini überzeugte die Mannschaft des nicht mehr zu rettenden Schiffes davon, in eine Schaluppe und ein anderes Boot mit Mastbaum umzusteigen; der Proviant wurde gleichmäßig unter den Männern aufgeteilt. Alle Männer stimmten Querinis Vorhaben zu. In der Schaluppe („barca mazore“) saßen nun 47 Männer, im kleineren Boot („schifo“) 27 (f. 45 v. im Bericht Querinis in der Vaticana). Doch nur eines der beiden Boote erreichte ein rettendes Ufer, nämlich die von Querini geführte Schaluppe.

Nachdem das Schiff im Sturm, wohl nördlich von Irland, gescheitert war, gelang es am Ende nur sechzehn Mann, trotz allem bis nach Sandøya auf den Lofoten zu gelangen, wo sie am 6. Januar 1432 ankamen. Die Männer froren auf dieser so weit im Norden gelegenen Insel, bedeckten sich so gut es ging mit dem verbliebenen Segel, versuchten sich gegen die enormen Schneemassen und den Hunger am Leben zu erhalten. Es wurde ihnen beinahe unmöglich, wie Fioravante berichtet, noch zu gehen oder etwas zu sehen (f. 16r). Drei Männer aus Spanien starben, so dass nur noch dreizehn Mann am Leben waren. Immerhin entdeckten die Gestrandeten überraschenderweise Spuren menschlicher Anwesenheit, nämlich eine „caxa“, eine Hütte, wodurch sie Hoffnung schöpfen konnten. Doch starben bald zwei weitere Männer. Die anderen versuchten unter den Steinen am Meeresufer Essbares zu finden.

Schließlich hörten sie menschliche Stimmen. Am 3. Februar 1432 wurden die Überlebenden von Fischern der Insel Røst („Rusente“) gerettet, die allerdings vor lauter Schreck zuerst davonlaufen wollten. Als diese, allen voran ein 16-Jähriger, wie Fioravante betont (f. 19r), die Not der Gestrandeten erkannten, fuhren sie mit ihrem kleinen Boot nach Røst zurück, um Hilfe zu holen. Doch mussten die Venezianer noch tagelang warten, weil die Fischer des Dorfes auf See waren.

Mit sechs Booten wurden die Venezianer einige Tage später schließlich von ihrer Insel abgeholt. Es stellte sich schließlich heraus, dass ihr Kaplan ein Deutscher war („el capelano suo che iera todesco“), der sich mit einem Flamen der venezianischen Mannschaft verständigen konnte. Der Kaplan gehörte den Dominikanern an. Bis in den Mai blieben die Venezianer für drei Monate und elf Tage bei ihren Rettern, einem Dorf von 120 Einwohnern und zwölf Häusern. Die Überlebenden wurden auf die dort ansässigen Familien aufgeteilt.

Später notierte Querini, dass zahlreiche Fischer den Stockfisch in den Süden Norwegens transportierten, um ihn gegen alle erdenklichen Waren des täglichen Bedarfes einzutauschen, einschließlich Heizmaterial. Fioravante und Michiele halten hingegen fest, ihre Retter würden den Fisch nach „tuta Dacia, Svetia et Noverga“ bringen (f. 22 v). Denn eine Bewirtschaftung des Bodens war auf den Inseln unmöglich. Nur zwei Fischarten würden die Leute fangen – die größere davon, der Heilbutt, wiege, so Querini, „libre CC al groso“, was 200 mal 477 Gramm oder rund 100 Kilogramm entsprach –, um daraus Stockfisch zu machen. Dieser sei hart wie Holz. Fioravante fügt hinzu, dass sie für den Eigenbedarf eine Vielzahl von Fischarten fingen (f. 23r) und dass manche Fische mehr als 250 libbre wögen. Zudem äßen sie süßes Roggenbrot („dolçe pan de segalla“), und sie tränken Kuhmilch. Außerdem, so schildert es Querini, sei es von Juli bis September auf den Inseln hell, hingegen nur vom Mond erhellt in den entgegengesetzten Monaten („mesi opositi“). Bei der Kleidung allerdings widersprechen sich die beiden Berichte, denn Querini glaubte, die Bewohner der Inseln würden sich nur in Wolltuche aus London und anderen Orten kleiden, während Fioravante und Michiele auch Felle („pele boine“) und grobe Stoffe erwähnen.

Fioravante und Michiel waren offenbar fasziniert von der Einfachheit, der Heiterkeit und der Unmittelbarkeit des Lebens, aber auch dem Umgang mit dem Tod. Sie nahmen ihren dortigen Aufenthalt als eine Art Aufstieg in einen paradiesartigen Glückszustand wahr, bewunderten die häusliche Beschaulichkeit, die trotz der Nacktheit keuschen Badefreuden, die pietätvoll-fröhlichen Begräbnisse.Manlio Pastore Stocchi: Pagine di storia dell’Umanesimo italiano, FrancoAngeli, Mailand 2014, S. 179 f. Die beiden Venezianer meinten, die Inselbewohner seien von solcher Einfachheit des Herzens, dass sie „non in alguna guixa che sia fornicatione et adulterio“, und dass ihr Gastgeber dementsprechend frühmorgens zur vierten Stunde zum Fischen aufbrach und ohne jedes Misstrauen seine Frau und die Kinder mit seinen Gästen zurückließ. Die Menschen würden außerdem nichts Wertvolles mit sich herumtragen, so dass es keinen Boden für Raffgier gebe. Bei einem Sterbefall kämen sie zusammen und lobten Gott statt zu trauern. So fühlten sich die Männer wie im „primo zerchio de paradixo“ (f. 23v). Die Frauen verließen nackt ihre Häuser, wie sie geboren wurden, und besuchten bestimmte Badestellen („le done uxate andar a çerti bagni, ali qual volendo andare escono di caxa loro nude come naqueno, nula altra copertura“, f. 24r), und auch die Venezianer nahmen an diesen Bädern teil.

Rückweg nach Venedig auf zwei Routen mini|Kloster Vadstena, Urkunde der Äbtissin Gerdeka von 1405; das Kloster wurde 1384 und die Kirche 1430 geweiht.Kloster Vadstena, Website Upplev Vadstena. Erst nach über einem Vierteljahr wollten Querini und die anderen Überlebenden Richtung Venedig aufbrechen. Zunächst fuhren sie über See südwärts, wobei Querini den Eindruck, den die tiefstehende Sonne auf ihn machte, genau beschreibt. Auch die Schreie der Möwen („cocali“) erwähnt er sowie die anderer Seevögel, die nur nachts schwiegen und den Männern Erholung gönnten („e a nui si manifestava tempo de riposo“). Von den Küstenbewohnern erhielten sie Milch und Fisch, nachdem ihnen der Kaplan von ihrem Zustand berichtet hatte. Fioravante und Michiele berichten von Eisbärenfellen einer Länge von zehn Fuß, weiß wie Schnee („bianche qual candida neve“, f. 24v).

Zunächst ging es über Trondheim, das sie nach 15 Tagen am 29. Mai erreichten, und wo vielfach wieder Latein verstanden wurde, so dass man sich besser verständigen konnte, denn nun hatte man eine gemeinsame Sprache. Dort blieben die Männer zehn Tage lang, nach Fioravante und Michiele bis zum 14. Juni. Sie wurden dem Bischof von „Trendon“ vorgestellt, der sie mit 200 seiner Leute empfing. Querini wurde gar ein Pferd zum Geschenk gemacht. Schließlich kam der Tag des Abschieds, und unter Tränen auf beiden Seiten trennten sich die Männer von ihren Rettern.