Korean-Air-Lines-Flug 007 war die Flugnummer einer zivilen Boeing 747 der Korean Air Lines, die durch einen sowjetischen Abfangjäger wegen Verletzung des Luftraumes am 1. September 1983 westlich der Insel Sachalin abgeschossen wurde. Alle 269 Personen an Bord kamen zu Tode.

Hintergrund Bereits 1978 war Korean-Air-Lines-Flug 902, eine Boeing 707, auf der Polarroute von Paris nach Seoul mit Zwischenstopp in Anchorage, Alaska, vom Kurs abgekommen und bei Murmansk in den sowjetischen Luftraum eingedrungen. Der Vorfall, bei dem das Flugzeug von Abfangjägern trotz der eindeutigen Identifizierung als Zivilmaschine beschossen und zur Notlandung gezwungen wurde, hatte die Schwächen des sowjetischen Luftverteidigungssystems offenbart.Bericht zu Korean-Airlines-Flug 092 im Aviation Safety Network, abgerufen am 2. März 2009

Seit 1979 war der Kalte Krieg allmählich wieder akut geworden und die Entspannungsphase der 1970er Jahre beendet. Die sowjetische Unterstützung für die Revolutionsregimes in Angola und Nicaragua sowie die Intervention in Afghanistan wurden in den USA als Expansionsbestrebungen der sowjetischen Machthaber gewertet. Unter den Präsidenten Carter und Reagan unterstützten sie daher verstärkt Widerstandsbewegungen in diesen Ländern. Gründe für die sehr angespannte Lage des Jahres 1983 waren zudem die geplante Aufstellung amerikanischer Mittelstreckenraketen des Typs Pershing II und Marschflugkörper BGM-109 Tomahawk als Reaktion auf die Stationierung sowjetischer SS-20 in Europa (siehe NATO-Doppelbeschluss) sowie die Strategic Defense Initiative der USA für einen Raketenschild im Weltraum.

Die Sowjetunion sah sich durch dieses erhöhte amerikanische Engagement ihrerseits bedroht und bemühte sich unter Staats- und Parteichef Juri Andropow – einem früheren KGB-Vorsitzenden – seit 1981 mit der Operation RJaN verstärkt darum, vermutete Angriffsvorbereitungen der NATO aufzudecken. Sie wurden auch hinter dem bevorstehenden NATO-Manöver Able Archer 83 und der bisher größten US-Flottenübung im Pazifik, FleetEx ’83, gesehen. Im Rahmen von FleetEx ’83 waren im April des Jahres wiederholt Aufklärungsflugzeuge der US Navy in den sowjetischen Luftraum eingedrungen. Das hatte zu Ablösungen und Verweisen für verantwortliche sowjetische Offiziere geführt, die dies nicht hatten verhindern können.Benjamin B. Fischer: , CIA 2007, abgerufen am 2. März 2009

mini|Aufklärungsflugzeug des Typs Boeing RC-135 der US Air Force

Auf der Halbinsel Kamtschatka, Sachalin und dem angrenzenden Festland lagen zahlreiche sensible militärische Einrichtungen, unter anderem ein Zielgebiet für Tests von Interkontinentalraketen (ICBM) bei Kljutschi. Auch am Tag des Abschusses der koreanischen Boeing befand sich eine Boeing RC-135 der US Air Force auf einer ELINT-Mission vor Kamtschatka. Diese sollte die Telemetrie des geplanten Tests einer ICBM des Typs RS-12M Topol (NATO-Codename SS-25 „Sickle“) überwachen, der nach amerikanischer Auffassung gegen den SALT-II-Vertrag verstieß.CIA: Did KAL-007 Successfully Ditch at Sea and were there Survivors? (PDF; 695 kB), S. 23–28, auf rescue007.org, abgerufen am 2. März 2009

Flugverlauf Für Korean-Airlines-Flug 007 von New York nach Seoul wurde am 31. August 1983 eine Boeing 747-230B mit dem Luftfahrzeugkennzeichen HL7442 eingesetzt. Erstbetreiber des am 31. März 1972 ausgelieferten Flugzeugs war die Condor Flugdienst GmbH gewesen (Kennzeichen D-ABYHBoeing 747 MSN 20559 auf airfleets.net), die diese Maschine regelmäßig auf Routen von Deutschland nach Spanien und nach Thailand eingesetzt hatte. Am 20. August 1981 war sie an Korean Airlines verkauft worden.

Die Maschine startete vom John F. Kennedy International Airport mit 35-minütiger Verspätung nach der geplanten Abflugzeit von 03:50 Uhr UTC (30. August 1983, 23:50 Uhr Ortszeit UTC–4). An Bord befanden sich 23 Besatzungsmitglieder, 6 Korean-Airlines-Angehörige außer Dienst und 240 Passagiere, darunter der demokratische Kongressabgeordnete Larry McDonald. Nach einem Tankstopp auf dem Anchorage International Airport flog sie um 13 Uhr UTC (berechnet 5 Uhr Ortszeit UTC–8) unter dem Kommando von Flugkapitän Chun Byung-in weiter Richtung Seoul.

Nach dem Start wurde sie angewiesen, bei Kontrollpunkt Bethel auf die Nordpazifikroute (NOPAC) R-20 einzuschwenken. Diese nördlichste von fünf transpazifischen Luftstraßen führte über mehrere Wegpunkte nach Japan, wobei sie sich vor Kamtschatka dem sowjetischen Luftraum bis auf 28 Kilometer näherte. Vermutlich weil der Autopilot unbemerkt in der Betriebsart HEADING (Kurs halten) statt INS (Trägheitsnavigation) verblieb, behielt Korean-Airlines-Flug 007 jedoch während des gesamten Fluges einen Kurs von 245 Grad bei, statt den vorprogrammierten Wegpunkten zu folgen. Daher wich das Flugzeug schon nach kurzer Zeit von der geplanten Strecke nach Steuerbord (= rechts) ab.Asaf Degani: Korean Air Lines Flight 007: Lessons from the Past and Insights for the Future (PDF; 1,3 MB), NASA 2001, abgerufen am 3. Februar 2009

mini|hochkant=1.8|Diagramm der geplanten und der tatsächlichen Flugroute

Bereits um 13:30 Uhr UTC erfasste das Flugsicherungsradar Kenai Korean-Airlines-Flug 007 neun Kilometer nördlich der vorgesehenen Position. Um 13:50 Uhr erfasste das militärische Überwachungsradar King Salmon die Maschine 20 Kilometer nördlich des Kontrollpunkts Bethel. Diese Abweichungen von der Mittellinie der Luftstraße wurden jedoch nicht als ungewöhnlich empfunden. Bereits außer Reichweite des Flugsicherungsradars meldete die Besatzung nach Verstreichen der vorgesehenen Zeit das Überfliegen des Kontrollpunkts an das Flugkontrollzentrum Anchorage., abgerufen am 2. März 2009 Ebenso meldete sie wenig später Punkt NABIE, obwohl sie zu diesem Zeitpunkt wegen der Kursabweichung bereits außer Reichweite für UKW-Funk war und die Meldung von der 15 Minuten nach ihr gestarteten Schwestermaschine Flug 015 weiterleiten ließ. (Anlage zur Aussage von Walter S. Luffsey [FAA] vor dem Unterausschuss des US-Repräsentantenhauses für Verkehr, Luftfahrt und Wetter am 19. September 1983; PDF; 405 kB), abgerufen am 2. März 2009

Flug 007 durchflog die für Zivilverkehr gesperrte US-Luftverteidigungszone nördlich von R-20, kreuzte den Kurs der dort kreisenden amerikanischen Boeing RC-135 und näherte sich Kamtschatka. Bei einer Entfernung von rund 130 Kilometern alarmierte die sowjetische Luftraumüberwachung vier MiG-23-Abfangjäger. Aufgrund von Kommunikationsproblemen gelang es diesen jedoch nicht, das Flugzeug zu stellen, bevor ihnen der Treibstoff ausging. Um 15:51 Uhr UTC drang Flug 007 in den gesperrten Luftraum über Kamtschatka ein, überquerte die Halbinsel und erreichte um 17:45 Uhr wieder internationalen Luftraum über dem Ochotskischen Meer.

Abschuss

Das Flugzeug hielt nun auf die Insel Sachalin zu und wurde vom Kommando der sowjetischen Luftverteidigungskräfte für den Militärbezirk Fernost als feindliches militärisches Ziel eingestuft. Gegen 18 Uhr UTC hatten zwei Su-15-Abfangjäger vom Militärflugplatz Dolinsk-Sokol und eine MiG-23 aus Smirnych Sichtkontakt mit der Maschine. Die Besatzung von Flug 007 bemerkte die sowjetischen Jäger trotz Warnschüssen angeblich nicht. Zu dieser Zeit verglich sie vielmehr Wetterdaten mit Korean-Airlines-Flug 015; die auf richtigem Kurs fliegende Schwestermaschine hatte Rückenwind, während Flug 007 Gegenwind hatte. Dennoch erkannte die Besatzung noch immer nicht ihre Kursabweichung, die mittlerweile fast 500 Kilometer betrug. Um 18:15 Uhr UTC holte sie vom Flugkontrollzentrum Tokio die Erlaubnis ein, von 33.000 Fuß (10.060 Meter) auf 35.000 Fuß (10.670 Meter) Flughöhe zu steigen.

mini|Abfangjäger des Typs Su-15

Als die Geschwindigkeit der Boeing 747 wegen des Steigflugs zurückging, zwang dies die Abfangjäger zum Überholen, was als Ausweichmanöver interpretiert wurde. Da sich die Maschine bereits wieder internationalem Luftraum näherte, erteilte das Luftverteidigungskommando den Befehl zum Abschuss. Um 18:26 Uhr UTC, 119 Sekunden vor Verlassen des sowjetischen Luftraums, feuerte der Pilot der führenden Su-15, Major Gennadij Nikolajewitsch Osipowitsch, zwei Luft-Luft-Raketen des Typs Kaliningrad K-8 (NATO-Codename AA-3 „Anab“) ab. Die Explosionen der mit Annäherungszündern ausgestatteten Sprengköpfe beschädigten das Steuersystem des Flugzeugs und verursachten einen plötzlichen Druckabfall in der Kabine.

Offenbar erkannte die Besatzung auch jetzt noch nicht die Lage und meldete nach Tokio, dass sie wegen eines Druckabfalls auf 10.000 Fuß (3050 Meter) absinken würden, sendete aber kein Mayday. Es gelang ihr, noch etwa zehn Minuten begrenzte Kontrolle zu behalten und die Maschine in 16.424 Fuß (5000 Meter) Höhe abzufangen. Danach ging das Flugzeug bei der Insel Moneron in eine Abwärtsspirale über. Um 18:38 Uhr UTC verschwand es unterhalb einer Höhe von 1.000 Fuß (305 Meter) vom Radar in Komsomolsk am Amur.

Suchoperationen mini|hochkant=1.8|Der sowjetische Lenkwaffenkreuzer Petropawlowsk (links) beschattet den amerikanischen Flottenschlepper Narragansett während der Suche nach dem Wrack

Unmittelbar nach dem Absturz ordneten die sowjetischen Streitkräfte eine Such- und Rettungsoperation bei Moneron an. Eine gemeinsame amerikanisch-japanisch-südkoreanische Suchaktion fand in internationalen Gewässern statt. Aufgrund der politischen Spannungen stimmten sich beide Seiten dabei nicht ab. Die Sowjetunion verweigerte den Zugang westlicher Kräfte zu Gewässern, die sie als ihr Hoheitsgebiet betrachtete. Mehrfach kam es zu Konfrontationen zwischen Kriegs- und Hilfsschiffen beider Seiten.

Nach dreitägiger Suche lokalisierten sowjetische Kräfte das Wrack von Korean-Airlines-Flug 007 in 174 Metern Tiefe bei Moneron. Der Fund und die Bergung des Flugdatenschreibers und Cockpit-Stimmenrecorders wurden jedoch geheim gehalten. Lediglich einige Kleidungsstücke wurden später auf Sachalin an eine amerikanisch-japanische Delegation übergeben. Eine geringe Anzahl von Leichenteilen und kleineren Objekten aus dem Flugzeug wurden eine Woche nach dem Absturz an der Nordküste der japanischen Insel Hokkaidō angeschwemmt.

Politische Reaktionen Die Sowjetunion versuchte zunächst die Tatsache zu verheimlichen, dass Korean-Airlines-Flug 007 abgeschossen worden war. Die Nachrichtenagentur TASS meldete lediglich, ein unidentifiziertes Flugzeug sei von sowjetischen Jägern abgefangen worden, es sei aber entkommen. Die USA nutzten dies für eine Informationsoffensive, indem sie in ungewöhnlichem Umfang Geheimdienstmaterial veröffentlichten, das die von amerikanischen und japanischen Abhörstellen in Wakkanai aufgezeichneten sowjetischen Funkmeldungen der sowjetischen Jäger einschloss. Am 5. September bezeichnete US-Präsident Reagan den Abschuss als „ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, das niemals vergessen werden dürfe, und einen „Akt der Barbarei“ und „unmenschlicher Brutalität“., abgerufen am 2. März 2009

Nach einer Sitzung des UN-Sicherheitsrates am folgenden Tag, bei der die amerikanische UN-Botschafterin Jeane Kirkpatrick Tonbandmitschnitte des sowjetischen Funkverkehrs präsentierte, räumte TASS erstmals den Abschuss ein. Die sowjetische Führung beharrte jedoch darauf, Korean-Airlines-Flug 007 habe sich auf einer Spionagemission befunden, sei absichtlich und unbeleuchtet in sowjetischen Luftraum eingedrungen und habe nicht auf Funkanrufe reagiert. Ein unbeabsichtigtes Verfliegen sei unmöglich gewesen. Sie machte den amerikanischen Geheimdienst CIA für diesen „kriminellen, provokativen Akt“ verantwortlich und verwies auf die zur gleichen Zeit vor Kamtschatka operierende Boeing RC-135. Am 12. September verhinderte die Sowjetunion mit ihrem Veto eine Verurteilung des Abschusses durch den UN-Sicherheitsrat.Walter Isaacson, Johanna McGeary und Erik Amfitheatrof: Salvaging the Remains, Time Magazine vom 26. September 1983, abgerufen am 2. März 2009