Die Philister hatten eine andere Religion als die benachbarten Völker der Israeliten und Phönizier. Weil die Philister selbst kaum schriftliche Quellen hinterlassen haben, muss ihre Religion archäologisch und aus der Bibel rekonstruiert werden. Charakteristisch für die Philister ist außerdem, dass im Laufe ihrer Geschichte auch ihre Religion mehrfach sehr verändert hat.

Daneben ist für die Philister auch eine andere Bauweise von Tempeln und ein leicht anderer Totenkult als bei benachbarten Kulturen charakteristisch. Beide sind auch historisch wichtig: Wo genau die Philister gelebt haben, ist nicht immer sicher (s. auf der Seite Philister); Ausgrabungsfunde typisch philistäischer Tempel oder typisch philistäischer Begräbnisse sind daher wichtige Indizien für das Verbreitungsgebiet der Philister.

Pantheon

Pantheon der alten Philister

und berichten von einem Tempel des Gottes Dagān in Aschdod, erzählen von einem Tempel Dagāns in Gaza. In einer assyrischen Inschrift ist auch ein philistäischer Ortsname „Bet Dagan“ („Haus [=Tempel] des Dagān“) belegt.Amihai Mazar: The Temples and Cult of the Philistines. In: Eliezer D. Oren (Hrsg.): The Sea Peoples and Their World. University of Pennsylvania Press, Pennsylvania 2000, ISBN 978-1-934536-43-8, S. 214. Dagān, der auch in Ugarit und von den Phöniziern verehrt wurde, scheint also wirklich ein wichtiger Gott auch der Philister gewesen zu sein.

In Bet Scheʾan soll laut weiterhin ein Tempel der Astarte („Aschtarot“) gestanden haben. Laut dagegen ist der Tempel von Bet Scheʾan ein weiterer Dagān-Tempel. Eine Inschrift des 7. Jhds. v. Chr. aus dem Tempel in Ekron („für Aschera“) macht auch die Verehrung dieser Göttin wahrscheinlich.

In einer kuriosen Überlieferung in ist außerdem die Rede von einem Gott „Ba’al Zebub“ („Herr der Fliegen“) in Ekron; der Name ist aber fast sicher eine Verballhornung des Namens eines andersnamigen Gottes. Aus dem Dämonennamen „Beelzebul“ im Neuen Testament (z. B. ), mit dem auch der Bibelübersetzer Symmachus den Namen in 2 Kön 1 übersetzt, wird oft darauf geschlossen, dass der eigentliche Name „Ba’al zebul“ („erhabener Ba’al“ / „erhabener Herr“) war, wonach die Philister auch den kanaanäischen Gott Ba’al verehrt haben.W. Herrmann: Baal Zebub בעל זבוב. In: Karel van der Toorn u. a. (Hrsg.): Dictionary of Deities and Demons in the Bible. DDD. Second extensively revised edition. Brill / William B. Eerdmans Publishing Company, Leiden u. a. 1999, ISBN 90-04-11119-0, S. 154–156. Auch dies bestätigt eine Inschrift im Tempel von Ekron („für Ba’al und für [König] Padi“).Jens Kamlah (2003): Tempel 650 in Ekron und die Stadttempel der Eisenzeit in Palästina. In: Cornelis G. den Hertog u. a. (Hrsg.): Saxa Loquentur. Studien zur Archäologie Palästinas/Israels. Festschrift für Volkmar Fritz zum 65. Geburtstag. Ugarit-Verlag, Münster 2003, S. 101–125, hier 104, 107.

Eine im Tempel von Ekron gefundene Weihinschrift bezeugt außerdem die Verehrung einer Göttin Ptgy.h ˀdt(h). Die Identität dieser Göttin ist umstritten; am wenigsten problembehaftet ist aber die Interpretation von Christa Schäfer-Lichtenberger, gemeint sei die Göttin „Gaia von Delphi“. Demnach war die Religion der Philister ein reiner Polytheismus, in der – erstaunlich für dieses nach Palästina immigrierte Volk – bis auf Gaia nur die Verehrung semitischer Gottheiten gepflegt wurde.

Wandel der Religion

Phönizische Gottheiten und idumäischer Kult ab dem 6. Jhd. v. Chr.

Phönizische Gottheiten

Ab dem 6. Jhd. zeigt sich in den Philister-Städten Aschkelon und Jaffa die Verehrung anderer Gottheiten, die zuvor von den Phönizien verehrt wurden. Meist wird dies damit erklärt, dass ab dieser Zeit diese beiden Städte unter phönizische Herrschaft kamen. Weil die phönizische Herrschaft nur in einem literarischen Text aus späterer ZeitPseudo-Skylax, Periplus 1.78: Aschkelon als „eine Stadt der Tyrer und ein Königssitz“ (4. Jhd.). S. dazu auf der Seite Philister. und auf einer Sarkophag-Inschrift bezeugt ist,Auf dem Sarkophag des phönizischen Königs Eschmunazar II. von Sidon (539 – 525 v. Chr.) heißt es, dass er für seine Verdienste „Dor und Jaffa, die mächtigen Länder Dagāns“ übereignet bekommen habe. ist nicht sehr sicher, ob dies wirklich der Fall war. Die Verehrung der „neuen“, phönizischen Götter ist daher historisch wichtig, da sie das stärkste Zeugnis dafür ist, dass die beiden Texte die Wahrheit sprechen (siehe bei Geschichte der Philister).

mini|hochkant|alt=Eine Abbildung von drei Amuletten, geformt wie ein Ankh-Zeichen mit dreieckiger und sich nach oben verjüngernder Basis.|Tanit-Amulette aus Aschkelon Das deutlichste archäologische Zeugnis für eine phönizische Präsenz in Aschkelon sind drei Amulette mit dem Symbol der phönizischen Göttin Tanit, die dort gefunden wurden. Ein ähnliches Amulett wurde allerdings z. B. auch in Marescha ausgegraben, das klar keine phönizische Stadt warSamuel R. Wolff u. a. (2018): A Newly Discovered Tanit Pendant from Maresha. In: Rivista di Studi Fenici. Band 46, 2018, S. 29–42. (der Tanit-Kult griff offenbar grundsätzlich in Südpalästina nach und nach um sich; aus der hellenistischen Zeit ab dem späten 4. Jhd. wurden z. B. in Geser und Aschdod Jam zwei Bleigewichte mit dem Tanit-Symbol gefundenSamuel R. Wolff, Gerald Finkielsztejn (2009): Two New Hellenistic Lead Weights of the Tanit Series. In: J. David Schloen (Hrsg.): Exploring the Longue Durée. Essays in Honor of Lawrence E. Stager. Eisenbrauns, Winona Lake (Ind) 2009.).Hinzu kommt aber außerdem noch ein Bericht von Herodot, laut dem ein Aschkeloner Tempel der älteste Tempel der Göttin Aphrodite Ourania sei und ein zyprischer Tempel derselben Göttin durch „Phönizier, die aus diesem Teil Syriens kommen“Herodot: Historien I, 105 gegründet worden wäre. Und schließlich berichten mehrere spätere Autoren, dass die Aschkeloner Hauptgöttin Derketo gewesen sein soll, von der Lukian von Samosata Abbildungen auch in Phönizien gesehen haben will.Lukian von Samosata: Von der syrischen Göttin. Zeile 14. Sprechen Herodot und Lukian hier die Wahrheit, hatten Aschkelon und die Phönizier also ab dem 5. Jhd. noch weitere Göttinnen gemein, deren Verehrung durch die Philister sich für die Eisenzeit noch nicht belegen lässt.

In Nebi Yunis in der Nähe von Jaffa schließlich wurde eine Inschrift gefunden, die die Verehrung des phönizischen Gottes Eschmun bezeugt. Bei dieser könnte es sich allerdings um eine Fälschung handeln.Heath D. Dewrell: A „Molek“ Inscription from the Levant? Another Look at the Authenticity of „RES“ 367. In: Revue Biblique. Band 123, Nr. 4, 2016, S. 481–505.

Idumäischer Kult

Ab derselben Zeit wanderten außerdem die Idumäer nach Südpalästina ein. Spätestens im 4. Jhd. verlief daher die Grenze zwischen Judäa und Idumäa zwischen dem judäischen Bet Zur und dem idumäischen Hebron.Diodorus Siculus: Bibliotheca Historica XIX 94 f.98.John R. Bartlett: Edom and Idumaeans. In: Palestine Exploration Quarterly. Band 131, Nr. 2, 1999, S. 102–114, hier 106–111.Yigal Levin: The Southern Frontier of Yehud and the Creation of Idumea. In: Ders. (Hrsg.): A Time of Change. Judah and Its Neighbours in the Persian and Early Hellenistic Periods. T & T Clark, London 2007, S. 243 f. 252. Damit lagen auch recht sicher die kleinen philistäischen Orte südöstlich von Gaza in nun idumäischem Gebiet. Dasselbe könnte für die noch weiter nördlich gelegenen Orte Tell Zippor und Tell Erani gegolten haben. Das stärkste Indiz dafür sind kultische Figuren und Masken, die in diesen beiden Orten in Favissae gefunden wurden: Sie ähneln sehr denen, die man auch in Favissae in den mittlerweile idumäischen Orte Marescha, Lachisch, Tell Halif und Beerscheba ausgegraben hat.Izak Cornelius (2014): „East Meets West“: Trends in Terracotta Figurines. In: Christian Frevel u. a. (Hrsg.): A „Religious Revolution“ in Yehûd? The Material Culture of the Persian Period as a Test Case. Academic Press / Vandenhoeck & Ruprecht, Fribourg / Göttingen 2014, ISBN 978-3-525-54392-4, S. 81. Für gewöhnlich rechnet man in der historischen Geographie aber Zippor und Erani noch zur Philistäa. Ähnliche Figuren wurden überdies in Favissae in Gat und Ekron gefunden, die niemand für idumäisch hält. Damit sind diese Kultfiguren ein Indiz dafür, dass in der Philistäa um diese Zeit ein teilweise ähnlicher religiöser Kult wie in Idumäa praktiziert wurde.

Griechische Gottheiten ab dem 4. Jhd. v. Chr.

Nachdem im 4. Jhd. die Griechen Palästina erobert hatten, verdrängen zunehmend griechische und ägyptische Götter das alte Pantheon der Philister, die auch noch in der „Römer-Zeit“ ab dem 1. Jhd. verehrt werden. Von ihrer Verehrung zeugen v. a. in der Philistäa geprägte Münzen.

Der Übergang von der philistäischen Religion verlief gleitend: Ungewöhnlicherweise wurden zunächst „Komposit-Götter“ verehrt. So legen etwa Inschriften aus Aschkelon nahe, dass zunächst die griechische Göttin Aphrodite Ourania („himmlische Aphrodite“) neben der philistäischen Göttin „Astarte Palaistina“ („philistäische Astarte“) verehrt wurde, dann die Mischform „Astarte Palaistina Ourania Aphrodite“.Vgl. zu diesen und weiteren ähnlichen Inschriften Jenny Wallensten (2014): Dedications to Double Deities. Syncretism or simply syntax? In: kernos. Band 27, 2014, S. 159–176. Ähnlich begegnet in einer Aschkeloner Weihinschrift aus der römischen Zeit eine griechisch-ägyptische Kompositgottheit „Zeus-Helios-Sarapis“.Robyn Le Blanc: The Public Sacred Identity of Roman Ascalon. Dissertation, 2016. S. 125.

Nachdem die griechisch-ägyptische Religion sich in der Philistäa durchgesetzt hatte, scheinen in jeder der größeren Städte andere Hauptgottheiten und weitere Nebengötter verehrt worden zu sein. Gazas Stadtgott etwa war Marnas, eine lokale Ausprägung von „Zeus Regenspender“, in dessen Tempel – dem „Marneion“ – auch Orakel offenbart wurden wie in Delphi.Gerard Mussies: Marnas God of Gaza. In: Wolfgang Haase (Hrsg.): Aufstieg und Niedergang der Römischen Welt (ANRW). Band 18/4: Religion (Heidentum: Die religiösen Verhältnisse in den Provinzen [Forts.]). Walter de Gruyter, Berlin / New York 1990, ISBN 3-11-012630-3 Stefan Wimmer vermutet auch hier eine schrittweise Entwicklung: Zunächst sei Dagān allgemeiner als „Marānā“ („unser Herr“) bezeichnet worden, dann dieser gräzisierte „Marnas“ auch mit Zeus identifiziert worden.Stefan J. Wimmer: Gaza. In: WiBiLex; abgerufen am 1. März 2024. Andere wichtige Gottheiten Gazas waren Io, Minos und Herakles. In Aschkelon war die Stadtgöttin wohl die bereits genannte Verschmelzung der „Himmlischen Aphrodite“ mit Astarte, daneben verehrt wurde auch in römischer Zeit noch Derketo, außerdem ein „Poseidon von Aschkelon“, ein nur in Aschkelon bezeugter „Löwenköpfiger Asklepios“Robyn Le Blanc: The Public Sacred Identity of Roman Ascalon. Dissertation, 2016. S. 117 die aus Ägypten in die griechische Religion gewanderte Isis und weitere Götter, darunter – wenig überraschend für die Wein-Stadt Aschkelon – Pan und Dionysos. Falls die römischen Münzen aussagekräftig sind, waren in Rafah wieder andere Götter zentral, nämlich Apollon, Artemis und ungewöhnlicherweise Leto. In Beit Lahiya soll neben vielen kleineren Tempel außerdem ein Pantheon existiert haben.Sozomenos: Kirchengeschichte V 15.

Christianisierung ab dem 4. Jhd. n. Chr.