Der Aufbau-Verlag (Eigenschreibweise aufbau verlag oder Aufbau Verlag) ist ein deutscher Publikumsverlag. Er wurde 1945 in Berlin von Johannes R. BecherKurt Böttcher (Gesamtredaktion): Lexikon deutschsprachiger Schrift-steller von den Anfängen bis zur Gegenwart. VEB Bibliographisches Institut Leipzig, 1974; Band 1, S. 52 im Auftrag des Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands e. V. gegründet und wuchs bald zum größten belletristischen Verlag der DDR heran. Er hatte sich nach seiner Gründung unter Berufung auf das humanistische Erbe der deutschen Kultur auf Exilliteratur und antifaschistische Literatur sowie literaturwissenschaftliche und philosophische Themen spezialisiert. In den folgenden Jahrzehnten erweiterte sich das Verlagsprogramm unter anderem um Werke der klassischen Weltliteratur, anspruchsvolle zeitgenössische deutsche Literatur, osteuropäische und lateinamerikanische Titel sowie einzelne westeuropäische Literaturen.

Zum Aufbau Verlag gehören neben der Marke Aufbau Verlag auch die Imprints Aufbau Taschenbuch (atb), Rütten & Loening sowie Blumenbar. Der Verlag beschäftigt (Stand: 2022) 59 Mitarbeiter und veröffentlicht jährlich rund 200 Neuerscheinungen, davon 110 Taschenbücher und 150 Titel als E-Buch. Die Schwerpunkte des Verlags liegen in den Bereichen Belletristik, Sachbuch und Taschenbuch. Er ist heute Teil der Aufbau Verlagsgruppe, zu der neben dem Aufbau Verlag als weitere Aufbau Verlage die eigenständigen Töchter Die Andere Bibliothek und die Edition Braus gehören. Er hat seinen Sitz im Aufbau Haus in Berlin-Kreuzberg.

Geschichte mini|hochkant=0.5|Signet des Verlages bis ca. 1994 Der Anfang Am 16. August 1945 gründeten Kurt Wilhelm, Heinz Willmann, Klaus Gysi und Otto Schiele als Treuhänder im Auftrag des kurz vorher gegründeten Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands die Aufbau-Verlags-Gesellschaft mit beschränkter Haftung, deren Geschäftsführer der Verlagsbuchhändler Wilhelm und der Verlagskaufmann Schiele wurden. Unter Paragraph 4 des Gesellschaftsvertrages stand, dass die Interessen des Kulturbundes gewahrt werden müssten, solange die Zeitschriften der Organisation und deren geförderte Publikationen bei Aufbau erschienen. Im Jahr 1946 erwarb der Kulturbund e. V. alle Geschäftsanteile der Aufbau-Verlag GmbH.

Die Lizenz (Nr. 301) für das Unternehmen erteilte die Sowjetische Militäradministration SMAD zwei Tage später, am 18. August 1945.Magdalena Heider: Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands in Martin Broszat, Hermann Weber (Hrsg.): SBZ-Handbuch: Staatliche Verwaltungen, Parteien, gesellschaftliche Organisationen und ihre Führungskräfte in der Sowjetischen Besatzungszone, Oldenbourg Wissenschaftsverlag München, 1993, ISBN 978-3-486-55262-1, S. 732. Die Militärbehörde unterstützte das Verlagshaus und sicherte dem Unternehmen die Zuteilung von ausreichenden Mengen an Druckpapier, das nach dem Zweiten Weltkrieg schwierig zu beschaffen war.

Die ersten Titel Als erste Titel wurden Heinrich Heines Versepos Deutschland. Ein Wintermärchen, Theodor Plieviers Roman Stalingrad sowie die Dokumentation Manifest und Ansprachen des Kulturbundes zur Demokratischen Erneuerung Deutschlands veröffentlicht. Plieviers Roman ging bereits nach einem Jahr in die siebente Auflage und erreichte bis Ende 1948 über 177.000 Exemplare in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ). Außerdem erschienen Ausgewählte Dichtungen aus der Zeit der Verbannung 1933–1945 von Johannes R. Becher, dem „Spiritus rector“ und Mitbegründer des Aufbau Verlags und ab August 1945 Präsident des Kulturbundes. Im Jahre 1948 erschien Leonid Wassiljewitsch Solowjows Schelmenroman Chodscha Nasr ed-din.

Das Programm der Gründerjahre Ein Programmschwerpunkt war Literatur von Schriftstellern, die im Zuge der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten aus Deutschland emigrierten. Seit Mai 1948 übernahm der Verlag die Rechte sämtlicher Titel des Aurora-Verlags (außer jenen von Franz Carl Weiskopf) und veröffentlichte sie in der Aurora-Bücherei. Den Aurora Verlag hatte Wieland Herzfelde 1944 als Sprachrohr deutscher Exilautoren in den USA in New York gegründet; 1947 wurde das Unternehmen auf Grund finanzieller Nöte des Verlegers aufgelöst. Die Aurora-Bücherei enthielt unter anderem Werke von Ernst Bloch, Bertolt Brecht, Alfred Döblin, Oskar Maria Graf, Lion Feuchtwanger, Anna Seghers, Berthold Viertel, Wieland Herzfelde und Ehm Welk.

mini|hochkant|Klassischer Leineneinband der Aufbau-Werke

Im Bereich der antifaschistischen Literatur erschien 1946 Anna Seghers Roman Das siebte Kreuz, der bis 1950 eine Auflage von über 100.000 Exemplaren erlangte – neben Stalingrad ein Longseller des Hauses. Weitere Werke über Ursachen und Auswirkungen des Dritten Reichs waren Hans Falladas Jeder stirbt für sich allein (1947) und Der Irrweg einer Nation von Alexander Abusch (1946–1951: 130.000 Exemplare).

In der Anfangszeit wurden außerdem Schriften klassischer russischer und zeitgenössischer sowjetischer Autoren herausgegeben, u. a. von Anton Makarenko, Alexei Tolstoi, Maxim Gorki, Leo Tolstoi und Alexander Puschkin. Die deutschen Klassiker zogen ebenfalls in das Verlagsprogramm ein: Johann Wolfgang von Goethes Iphigenie auf Tauris, Friedrich Schillers Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen und Gotthold Ephraim Lessings Nathan der Weise. Die Vor- und Nachworte der Bücher betonten die humanistische Haltung der Autoren, ihren Weitblick und ihr Ethos. Klassiker sollten als Bestätigung für das eigentlich bessere Wesen der Deutschen gelten und den Lesern mit ihren beeindruckenden Lebensläufen als Vorbilder dienen.

Als künstlerischer Leiter des Verlags prägte Karl Gossow ab 1947 dessen grafisches Gesicht. „Das Gesicht kühler, überlegter Klassik. Ein würdiges Gesicht, auf guten Traditionen der deutschen Druckkunst fußend.“Werner Klemke: Der Grafiker Karl Gossow. In: Sonntag. Wochenzeitung für Kulturpolitik, Kunst und Wissenschaft. Nr. 22/1962, 27. Mai 1962, S. 2 (textgleich in: Marginalien. Blätter der Pirckheimer-Gesellschaft, 13. Heft 1963, S. 83–85, und in: Das Haus in der Französischen Straße, Aufbau-Verlag, 1985, S. 171–173).

Insgesamt waren die frühen Jahre des Verlages sehr erfolgreiche. Bis zur Währungsreform 1948 wurden fast alle Werke in Auflagen zwischen 10.000 und 30.000 Exemplaren aufgelegt und auch die Zeitschriften des Hauses (Aufbau: Kulturpolitische Monatsschrift, Sinn und Form, Aussprache und Sonntag) erreichten enorme Startauflagen (Sonntag 1946: 200.000 Stück). Damit war Aufbau das erfolgreichste belletristische Verlagshaus der Nachkriegszeit.

Der Verlag 1949–1990 In den folgenden vier Jahrzehnten hing die Programmausrichtung von den politischen Forderungen der SED ab und spiegelte so die kulturelle Entwicklung der DDR wider. Die Mitarbeiter kämpften während der gesamten Zeit immer wieder für mehr Rechte bei der Titelauswahl und der inhaltlichen Zielsetzung.

1949–1960 Ab 1951 übernahm Walter Janka stellvertretend die Direktion und wurde drei Jahre später als Nachfolger von Erich Wendt Geschäftsführer. In den 1950er Jahren veröffentlichte der Aufbau Verlag gemäß den Regierungsabsichten sozialistische, antireligiöse und marxistische Literatur. Junge Autoren, die über das Leben der einfachen Bauern und Arbeiter schrieben, sollten gefördert werden. Auf diesem Gebiet erschienen Werke wie Margarete Neumanns Der Weg über den Acker (1953).

Dennoch war der Verlag bestrebt, auch Werke der Weltliteratur westlicher Autoren herauszugeben, darunter Ernest Hemingways Der alte Mann und das Meer, Jean-Paul Sartres Die Fliegen. Die ehrbare Dirne. Nekrassow oder Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (alle 1956/1957). Ebenso wie die zeitgleich erschienenen Publikationen von Franz Kafka und Hugo von Hofmannsthal stellten diese Bücher auf dem Buchmarkt der DDR eine kleine Sensation dar und waren schnell vergriffen. Nachdem leitende Mitarbeiter des Verlages jedoch in Verbindung mit den einsetzenden Reformen in Polen, Ungarn und der Sowjetunion eine grundlegende gesellschaftliche Veränderung in der DDR verlangten, wurde die Ausrichtung des Unternehmens wieder stärker von der Regierung kontrolliert. Der Verlagslektor Wolfgang Harich forderte eine sofortige Neuordnung des Sozialismus und die Wiedervereinigung Deutschlands unter linkem Vorzeichen. Staatschef Walter Ulbricht veranlasste daraufhin die Verhaftung von Janka und Harich wegen „innerparteilicher Fraktionsbildung und Verrat an den Klassenfeind“ und ließ sie 1957 in einem Schauprozess zu Gefängnisstrafen verurteilen. Infolgedessen wurde das Programm des Hauses schnell wieder auf sozialistische deutsche und osteuropäische Gegenwartsliteratur umgestellt und viele wichtige westeuropäische Autoren aus dem Verzeichnis gestrichen. Klaus Gysi, der Vater des Politikers Gregor Gysi, übernahm am 1. Februar 1957 die Geschäftsleitung. Der Historiker Carsten Wurm urteilte rückblickend: “Der neue Verlagsleiter Klaus Gysi betätigte sich dabei als ideologische Zuchtrute. Auch der von der Partei entsandte neue Parteisekretär, der Lektor Joachim Schreck, wirkte an der Rückführung des Hauses auf Parteilinie mit.”

Auf einer Sonderausstellung mit anderen DDR-Verlagen repräsentierte sich der Verlag 1954 erstmals auf der Frankfurter Buchmesse. Eine direkte Teilnahme an der Veranstaltung untersagte der westdeutsche Börsenverein aufgrund der Verlagsenteignung in der DDR. Ein Jahr später wurde die Aufbau Verlag „GmbH“ in einen organisationseigenen Betrieb des Kulturbundes umgewandelt und als solcher im Register der volkseigenen Wirtschaft (Handelsregister, Teil C: Register der volkseigenen Wirtschaft – kurz: HRC) eingetragen. Wichtige deutsche Schriftsteller jener Jahre waren Wolfgang Joho, Herbert Nachbar, Erwin Strittmatter und Ehm Welk.

1961–1970 Zu Beginn der 1960er Jahre prägten zunehmend Werkausgaben das Verlagsprofil. 1960 kam der erste Band der großen „Berliner Ausgabe“ der Werke Goethes heraus. Ein Jahr später begründete das Haus die zehnbändige Heine-Edition sowie die größte deutschsprachige Werkreihe von Mark Twain. Bis 1990 erschienen mehrbändige Ausgaben von Lion Feuchtwanger, Heinrich Mann, Honoré de Balzac, Anna Seghers, Fjodor Dostojewski und Bertolt Brecht. Der Verlag publizierte auch Bücher in hoher bibliophiler Qualität, z. B. 1970 mit Illustrationen von Werner Klemke in zwei Bänden im Schuber, auch als Ausgabe in Ganzleder, Das Dekameron des Giovanni Boccaccio.

Zur gleichen Zeit forderte die Hauptverwaltung Verlagswesen (HV) des Ministeriums für Kultur dazu auf, Lizenzausgaben westlicher Verlage in höherer Auflage zu drucken als vereinbart, um dadurch Devisen einzusparen.

mini|Bände aus der Bibliothek Deutscher Klassiker Zum 1. Januar 1964 kam es auf Grund eines Beschlusses der Politbüros der SED vom 31. Juli 1962 zu einer Neuordnung der DDR-Verlagslandschaft, der sogenannten „Profilierung des Verlagswesens“, in deren Folge Aufbau Bestände und Produktion des Thüringer Volksverlags und des Arion-Verlages, Weimar, übernahm und die von den Weimarer Verlagen begründete Bibliothek deutscher Klassiker (BDK) weiterführte (über 150 Bände, Gesamtauflage mehr als 7 Millionen Exemplare). Mit dem ebenfalls in HRC eingetragenen Verlag Rütten & Loening bildete er – unter Beibehaltung der Eigentumsverhältnisse – eine Arbeitsgemeinschaft, die gemeinsam von der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel im Ministerium für Kultur der DDR verwaltet wurde.

Beide Verlage blieben als selbstständige, organisationseigene Betriebe in HRC eingetragen und veröffentlichten ihre Bücher unter der Bezeichnung Aufbau Verlag Berlin und Weimar bzw. Rütten und Loening, Berlin. Zu den bereits vorhandenen Lektoraten Zeitgenössische deutsche Literatur, Deutsches Erbe und Auslandsliteratur kam das Literaturwissenschaft-Lektorat hinzu, das unter der Leitung von Jürgen Jahn stand.