Die Keramik der Philister gehört zu den charakteristischsten Merkmalen ihrer materiellen Kultur. Sie spielt auch in der Archäologie des historischen Palästina eine wichtige Rolle, da sie hilfreich für die Datierung archäologischer Stätten ist und für ihre Zuordnung zu den unterschiedlichen Volksgruppen Palästinas. Die philistäische Keramik lässt sich grob untergliedern in Gebrauchskeramik und kultische Keramik.
Gebrauchskeramik
Die Keramik der Philister ist sowohl in Form als auch in Verzierung zunächst nah verwandt nicht mit der angestammten Keramik des alten Palästina, sondern mit der mykenischen Keramik. Funde aus der Spätbronzezeit (bis 13. Jhd.) wurden vor allem vom griechischen Peloponnes importiert;H. Mommsen u. a. (2005): The Origin of Aegean-like Pottery from the Western Negev and northern Sinai by Neutron Activation Analysis. In: M. I. Prudencio u. a. (Hrsg.): Understanding People through their Pottery. Instituto Português de Arquelogia, Lisbon 2005.David Ben-Shlomo u. a. (2008): Neutron activation and petrographic analysis of selected Late Bronze and Iron Age pottery from Tell es-Safi/Gath, Israel. In: Journal of Archaeological Science. Band 35, 2008, S. 956–964, hier 963. ab dem 12. Jhd. wurden sie aber zunehmend auch in Palästina selbst hergestellt. Als am nächsten verwandter Vorläufer gilt die „späthelladische Keramik IIIB“.Jonathon Wylie, Daniel Master: The Conditions for Philistine Ethnogenesis. In: Ägypten und Levante. Band 30, 2020, S. 547–568, hier 550 f. Die früheste philistäische, bereits überwiegend in der Levante produzierte Keramik, die man wegen der einfarbigen Verzierung „monochrome“ Keramik (oder „philistäisch 1“) nennt, ist eine regionale Variante der späthelladischen Keramik IIIC. Aus dieser entwickelt sich die „bichrome“ oder „polychrome Keramik“ (auch: „philistäisch 2“), die sowohl mit Rot als auch mit Schwarz bemalt ist und Einflüsse sowohl von Kanaanäern als auch von Ägyptern aufnahm.Vgl. Bryan J. Stone: The Philistines and Acculturation: Culture Change and Ethnic Continuity in the Iron Age. In: Bulletin of the Americal Schools of Oriental Research. Band 298, 1995. S. 7–32, hier 19. Noch später folgt darauf die sog. „Aschdod-Ware“ (auch „LPDW“ für „Late Philistine Decorated Ware“, oder: „philistäisch 3“), die man am leichtesten am typischen waagerechten schwarzen oder schwarz-weißen Band erkenntFür Beispiele siehe: Levantine Ceramics Project. Auf: levantineceramics.org und die besonders von der zypro-phönizischen Keramik beeinflusst ist.David Ben-Shlomo u. a.: Late Philistine Decorated Ware („Ashdod Ware“): Typology, Chronology, and Production Centers. In: Bulletin of the American Schools of Oriental Research. (BASOR). Band 335, 2004, S. 1–35, hier 2.
Eine übliche Datierung ist:Nach: David Ben-Shlomo (2010): Philistine Iconography: A Wealth of Style and Symbolism. Academic Press / Vandenhoeck & Ruprecht, Fribourg / Göttingen 2010, ISBN 978-3-525-54360-3, S. 22.Zur LDPW vgl. noch Aren M. Maeir, Itzhaq Shai (2015): The Origins of Late Philistine Decorated Ware: A Note. In: Tel Aviv. Band 42, Nr. 1, 2015, S. 59–66.
monochrom bichrom Aschdod-Ware 12. Jhd. Mitte 12.Vgl. zu diesem umstrittenen Datum z. B. über Radiokarbon-Daten aus Aschkelon, Gat und Geser: Lynelle C. Webster u. a. (2023): The chronology of Gezer from the end of the late bronze age to iron age II: A meeting point for radiocarbon, archaeology egyptology and the Bible. In: PloS ONE. Band 18, Nr. 11, 2023.über Radiokarbon-Daten aus Qubur al-Walayida und Rehov: Yotam Asscher / Elisabetta Boaretto (2019): Absolute Time Ranges in the Plateau of the Late Bronze to Iron Age Transition and the Appearance of Bichrome Pottery in Canaan, Southern Levant. In: Radiocarbon. Band 61, Nr. 1, 2019, S. 13–37. bis 10. Jhd. 10. bis 8. Jhd.
Monochrome und bichrome Keramik ist d. Ö. figural gestaltet. Die häufigsten Motive sind Vögel und Fische sowie – aus dem ägyptischen Kulturkreis übernommen – die Lotosblume,Für ein Bsp. für Letzteres s. Shirly Ben-Dor Evian (2017): Ramesses III and the ‚Sea Peoples‘: Towards a New Philistine Paradigm. In: Oxford Journal of Archaeology. Band 36, Nr. 3, 2017, S. 267–285, hier 272. daneben abstrakte Spiralen und ein Fischschuppen-Muster.Trude Dothan: The Philistines and their Material Culture. Israel Exploration Society, Jerusalem 1982, ISBN 0-300-02258-1, S. 205–207.210. Darin unterscheidet sie sich von der früheren späthelladischen Keramik im mykenischen Kulturkreis, bei der Vögel und Fische nur zwei von vielen figürlichen Motiven sind, und von der zeitgleich produzierten mykenischen Keramik, bei der ab dem 12. Jhd. der Oktopus alle anderen Motive verdrängt.Linda G. Meiberg (2011): Figural Motifs on Philistine Pottery and their Connections to the Aegean World, Cyprus and Coastal Anatolia. Dissertation, 2011, S. 46. In der Formgebung ist philistäische Keramik also am engsten in der früheren Zeit mit der mykenischen verwandt, motivisch hat sie sich schon mit dem Aufkommen in der Levante von dieser gelöst.
Im Laufe der Zeit nähert sie sich in Palästina in der Form immer mehr der kanaanäisch-israelitischen Keramik an,David Ben-Shlomo (2018): Pottery and Terracottas in Philistia during the Early Iron Age: Aspects of Change and Continuity. In: Łukasz Niesiołowski-Spanò, Marek Węcowski (Hrsg.): Change, Continuity, and Connectivity. North-Eastern Mediterranean at the turn of the Bronze Age and in the early Iron Age. Harrassowitz, Wiesbaden 2018, S. 142. zunehmend löst auch rötlicher Schlicker den klassischen hellen Farbton ab, und nach dem Aufkommen der bichromen Keramik lässt die figurale Gestaltung zugunsten simplerer Verzierungen nach. Ab dem frühen 7. Jhd. lässt sich in der ästhetischen Gestaltung kein großer Unterschied mehr zwischen diesen beiden Keramik-Gruppen feststellen; nun lässt sich philistäische Keramik nur noch an einigen charakteristischen Formen erkennen.David Ben-Shlomo u. a.: Late Philistine Decorated Ware („Ashdod Ware“): Typology, Chronology, and Production Centers. In: Bulletin of the American Schools of Oriental Research. (BASOR). Band 335, 2004, S. 1–35, hier 19.Seymour Gitin: Philistia in the Late Iron Age II: The Development of the Ceramic Assemblage. In: Zev I. Farber, Jacob L. Wright (Hrsg.): Archaeology and History of Eighth-Century Judah. SBL Press, Atlanta 2018. (PDF, 36,8 MB).
Am häufigsten produziert wurde Tafelgeschirr, das für Trinkgelage verwendet wurde. Oben abgebildet sind beispielsweise ein Krater zum Mixen von Wein und ein Bierkrug. Damit zeugt die philistäische Keramik wahrscheinlich nicht nur von einer unterschiedlichen materiellen Kultur, sondern auch von anderen kulturellen Gebräuchen als im kanaanäischen Umland, bei denen Trinkgelage eine wichtigere Rolle spielten als dort. Ab der bichromen Phase erscheinen kleinere Mengen an philistäischer Keramik aber auch in klar kanaanäischen Orten, woraus besonders Avraham Faust geschlossen hat, dass „kanaanäische Eliten“ die philistäischen Trinkgelage übernommen hätten.Z.B. Avraham Faust (2015): Pottery and Society in Iron Age Philistia: Feasting, Identity, Economy and Gender. In: Bulletin of the American Schools of Oriental Research. (BASOR). 2015, Band 373, S. 167–198, hier 176–178. Für die Zuordnung von Ausgrabungsstätten zu den Philistern ist daher ab dem 11. Jhd. philistäisches Tafelgeschirr nur eingeschränkt aussagekräftig; ein stärkeres Indiz ist stattdessen philistäisches Kochgeschirr wie der oben abgebildete Koch-Krug, der von den Philistern anstelle des kanaanäischen Kochtopfes verwendet wurde und auch von einer anderen Esskultur zeugt.
Kultische Keramik
Weiterhin charakteristisch für die Keramik der Philister sind Terrakotta-Figürchen. Oben abgebildet sind Ausgrabungsfunde aus Tanagra in Griechenland; fast alle Figuren haben aber exakte Parallelen im philistäischen Israel: Belegt sind (1) Tierfigürchen – besonders Ochsen –, (2) menschliche Gestalten mit erhobenen Händen, die man nach dem griechischen Buchstaben „Psi-Figurine“ nennt, und (3) Stuhlfiguren, bei denen in Palästina häufig die Lehne in einen menschlichen Hals und Kopf übergeht und die „Aschdoda“ genannt werden. Trude Dothan hält Letztere für eine schematische Darstellung einer sitzenden Göttin.Trude Dothan: The Philistines and their Material Culture. Israel Exploration Society, Jerusalem 1982, ISBN 0-300-02258-1, S. 234.