mini|hochkant|Robert Conquest (1987) George Robert Ackworth Conquest, CMG, OBE (* 15. Juli 1917 in Great Malvern, Worcestershire, England; † 3. August 2015 in Palo Alto, KalifornienRobert Conquest, Seminal Historian of Soviet Misrule, Dies at 98) war ein britischer Dichter und Historiker. Er war seit 1980 als Politologe in konservativen Institutionen tätig. Conquest wurde in England als traditionalistischer Dichter und Science-Fiction-Autor bekannt. Conquest gilt als einer der wichtigsten westlichen Historiker mit Werken über die Stalinzeit. Seine Bücher Der Große Terror und Die Ernte des Todes sind laut The New York Times „maßgebliche Standardwerke“ über die Verbrechen des Stalinismus.Original: “The Great Terror” and “The Harvest of Sorrow” offered the definitive account of the crimes of the Stalin era. William Grimes: Robert Conquest, Historian Who Documented Soviet Horrors, Dies at 98. In: The New York Times. 4. August 2015.

Leben Conquest wurde im mittelenglischen Worcestershire geboren. Sein Vater war ein amerikanischer Geschäftsmann, seine Mutter Norwegerin. Conquests Vater diente im Ersten Weltkrieg in einer Ambulanzeinheit der französischen Armee und erhielt 1916 das Croix de guerre.

Conquest studierte am Winchester College in Oxford und erhielt dann ein Stipendium für das Magdalen College. Er erwarb seinen B.A. und M.A. in den Modern Greats (Politikwissenschaft, Philosophie und Ökonomie). Seinen Doctor of Letters machte er in Geschichte.Porträt. Hoover Institution, Stanford University.

1936 verbrachte er ein Jahr an der Universität Grenoble und unternahm eine Reise durch Bulgarien. Im Jahr 1937 kehrte er nach Oxford zurück und schloss sich der Kommunistischen Partei an, zu deren Mitgliedern zu dieser Zeit auch Denis Healey und Philip Toynbee gehörten. Zur selben Zeit besuchte er aber auch regelmäßig den konservativen Carlton Club. Er verließ die KP bald wieder und begann den Kommunismus abzulehnen. Ebenfalls 1937 veröffentlichte er einige erste Gedichte in einer Anthologie.

1939 trat er der Armee als Nachrichtenoffizier bei und heiratete 1940 Joan Watkins, mit der er zwei Söhne bekam. Im Jahr 1942 wurde er zur School of Slavonic Studies abgeordnet, weil er sich beim Training den Fuß gebrochen hatte. Dort lernte er vier Monate lang Bulgarisch. 1944 wurde er als Verbindungsoffizier zu den bulgarischen Einheiten abkommandiert, die unter sowjetischem Kommando kämpften. Nach Kriegsende wurde er an Ort und Stelle aus der Armee entlassen und wurde Presseoffizier an der britischen Botschaft in Sofia. Im Jahr 1948 zog er zurück nach London, ließ sich von seiner ersten Frau scheiden und heiratete Tatiana Mihailova, die er in Bulgarien kennengelernt hatte.

Conquest nahm wieder eine nachrichtendienstliche Arbeit beim Information Research Department (IRD) des britischen Außenministeriums auf. Dort sollte er den kommunistischen Einfluss in Großbritannien zurückdrängen und verfasste antikommunistische Propagandaschriften und Desinformationen. Er war in seiner Arbeit für die Behörde sehr erfolgreich und für einige Zeit sogar Mitglied der britischen Delegation im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. Im Jahr 1956 schrieb Conquest auf Wunsch des IRD mit Common Sense about Russia (dt.: Vernunft im Umgang mit Russland) sein erstes Buch über die Sowjetunion. Ein Drittel der Auflage wurde von Praeger Press aufgekauft, einem Verlag, der eng mit der Central Intelligence Agency (CIA), dem Auslandsgeheimdienst der USA, zusammenarbeitete.

Im selben Jahr trennte sich Conquest von seiner zweiten Frau, die an Schizophrenie litt; die Ehe wurde 1962 geschieden. 1956 verließ Conquest den IRD und wurde freier Schriftsteller und Historiker. Er veröffentlichte zwei Gedichtbände und einen Science-Fiction-Roman und gab von 1962 bis 1966, zusammen mit Kingsley Amis, die fünfbändige Spectrum-Reihe von SF-Anthologien heraus. Er zählte sich selbst zu einer Literatenvereinigung, die sich The Movement nennt, die für klassische Formen in der Dichtung eintrat und modernistische Dichtung ablehnte.

Zwischen 1962 und 1963 arbeitete er sechs Monate lang als Redakteur beim konservativen britischen Nachrichtenmagazin The Spectator. In dieser Zeit veröffentlichte er auch seine frühen Werke über die Sowjetunion wie Power and Politics in the USSR () und Soviet Deportation of Nationalities (). Danach schrieb er weitere Werke zur Nationalitätenfrage, zum Rechtssystem und zur Landarbeit in der UdSSR.

1964 heiratete er seine dritte Frau Caroleen Macfarlane, eine Amerikanerin. 1968 erschien während des Prager Frühlings sein erstes Hauptwerk: The Great Terror (dt.: Der große Terror). Im Jahr 1977 übersetzte Conquest Ostpreußische Nächte von Solschenizyn.

1978 ließ sich Conquest von seiner dritten Frau scheiden und heiratete ein Jahr später 1979 die Lektorin Elizabeth Neece Wingate. 1981 zogen beide nach Kalifornien, wo Conquest eine Stelle in der Hoover Institution annahm, einem konservativen think tank. 1986 erschien sein zweites Hauptwerk The Harvest of Sorrow: Soviet Collectivisation and the Terror-Famine (dt. erschienen als Ernte des Todes. Stalins Holocaust in der Ukraine 1929–1933), das die Hungersnot in der Ukraine zwischen 1929 und 1931 behandelt, die Conquest als „terror-famine“ (nicht als „Holodomor“) bezeichnet. Im selben Jahr erschien What to Do When the Russians Come: A Survivor’s Guide (dt.: Was tun, wenn die Russen kommen: Eine Anleitung zum Überleben), in dem er die Idee einer Besetzung der Vereinigten Staaten durch die Rote Armee entwickelt.

Zudem war er beratendes Mitglied des Center for Strategic and International Studies, einer anderen Denkfabrik, die sich mehr mit Außenpolitik beschäftigt, und Mitglied des Direktoriums des Institute for European Defence and Strategic Studies. Später schrieb er regelmäßig im The New York Review of Books und im The Times Literary Supplement.

Politik Im Jahr 1937 trat der damals 20-jährige Conquest der Kommunistischen Partei Großbritanniens bei, fühlte sich aber dort nicht wohl. Er selbst äußerte sich:

Von Anfang an schien er kein strenger Kommunist zu sein, besuchte regelmäßig den konservativen Carlton Club und war mit dem Trotzkisten John Blakeway befreundet, der später britischer Generalkonsul in Istanbul wurde. Nach der Rückkehr aus Bulgarien lehnte Conquest den Kommunismus radikal ab. Viele begründen dies mit dem Kurs Stalins, den er für terroristisch hielt. Der Labour-Politiker und Ex-Parteigenosse Denis Healey beurteilte ihn so:

Später war Conquest überzeugter Antikommunist; er verfasste in seiner IRD-Zeit viele Propagandaschriften dieser Gesinnung und war seit dieser Zeit ein Warner vor der kommunistischen Gefahr. In den 1960ern nahm Conquest an den von seinem Freund Kingsley Amis, Starautor der Angry-Young-Men-Generation, arrangierten Essen teil, zu denen sich wöchentlich konservative und rechtsextreme Politiker trafen.

Conquest selbst bezeichnete sich trotz seines stringenten Antikommunismus weiterhin als gemäßigten Linken und sagte, bis zur Zeit Margaret Thatchers habe er stets die Labour Party gewählt.Robert Conquest, historian – obituary Daily Telegraph, 4. August 2015

Conquest war ein betonter Befürworter des Vietnamkriegs und äußerte sich 2009 besorgt darüber, dass aus jungen Viet Cong Groupies heute Akademiker in einflussreichen Positionen geworden seien.

Im Jahr 1999 benutzte Conquest den Begriff des Schurkenstaates, um Nordkorea und den Irak anzugreifen. Er forderte, die Handlungsfähigkeit dieser beiden Staaten einzuschränken. Später befürwortete er die Politik Präsident Bushs. In einem Interview verglich er Saddam Hussein mit Benito Mussolini und sagte:

Conquest lehnte die Europäische Union ab und wünschte, dass Großbritannien aus der EU ausscheide und ein lockereres Bündnis mit den englischsprachigen Nationen einginge, für das er den Namen Anglosphäre vorschlug. Die Vereinten Nationen lehnte er genauso ab; die UNO sollte keinen Einfluss auf die Gesetzgebung der westlichen Welt haben, da viele Schurkenstaaten Einfluss auf die UNO hätten.

Werk und Rezeption Die ersten Veröffentlichungen Conquests waren ein Science-Fiction-Roman und Gedichtbände. Sein großes Thema, die Diktatur, ist bereits in diesen frühen Werken erkennbar. In seinem Roman A World of Difference (dt.: Eine Welt der Unterschiede) wird eine Welt beschrieben, in der die Regierung eine totale psychologische Kontrolle über die Bevölkerung ausübt und so eine Welt der Konformität entsteht.

Auch in seinem gemeinsam mit Kingsley Amis verfassten Werk The Egyptologists wird eine autoritäre Gesellschaft beschrieben mit ausufernden Sicherheitsbehörden und starker Regulation. Der Plot der Novelle kam von Conquest, und Amis schmückte die Geschichte mit explizit sexuellen Schilderungen aus.Moseley, S. 95–97

Conquests Gedichte sind nahezu unpolitisch, sie beschreiben die sichtbare Welt in einer sehr kraftvollen Sprache. Oft beschäftigen sie sich mit Emotionen oder Sexualität, bleiben aber unromantisch. Seine Gedichte sind klassisch; falsche Grammatik, gebrochenes, unsauberes Englisch, Metaphern, modernistische oder amerikanisierende Einflüsse lehnt er ab. Dies bleibt auch so, als Conquest in die Vereinigten Staaten übersiedelt, dort „verteidigt er die britische Literatur unter dem amerikanischen Adler“. Bemerkenswert ist seine Science-Fiction-Dichtung Between Mars and Venus.

Der große Terror mini|hochkant|Titelbild von The Great Terror

Conquests erstes Hauptwerk Der große Terror behandelt die dritte der Stalinschen Säuberungswellen, die 1934 mit der Ermordung Sergei Mironowitsch Kirows beginnt, für die Conquest Stalin verantwortlich macht. Die Prozesse gegen Grigori Jewsejewitsch Sinowjew und Nikolai Iwanowitsch Bucharin werden behandelt sowie das Gulag-System beschrieben. Das Buch endet mit Beschuldigungen gegen westliche Linke und Intellektuelle, die sich aus Sicht Conquests zu Dienern von Stalins Terror gemacht haben. Dabei werden unter anderen Jean-Paul Sartre, Lillian Hellman und Walter Duranty namentlich benannt. Das Buch besticht vor allem durch seinen prosaischen und leichtverständlichen Schreibstil, das es von anderen geschichtswissenschaftlichen Werken abhebt.

Conquest verwendete sowjetische Zeitungen und offizielle Publikationen als Quellen sowie Berichte von Personen, die sich aus der Sowjetunion abgesetzt hatten. Die historischen Quellen, die Conquest benutzen konnte, waren dementsprechend beschränkt. Nachdem 1991 die Archive der Sowjetunion teilweise zugänglich geworden waren, wurde auch die stalinistische Phase der sowjetischen Geschichte neu untersucht. Der trotzkistische Historiker Wadim Rogowin, dem diese Archive zugänglich waren, warf Conquest „zahlreiche Fehler und Verfälschungen“ vor und zweifelte dessen Schlussfolgerungen an. Sie würden auf Arbeiten antikommunistischer Ideologen der dreißiger Jahre beruhen.Wadim Sacharowitsch Rogowin: Gab es eine Alternative?, Bd. 4. 1937. Jahr des Terrors. Mehring, 1998, ISBN 3-88634-071-6, S. 17 und S. 364 f.