Nikolaos von Damaskus (; * um 64 v. Chr. in Damaskus) war ein antiker griechischer Geschichtsschreiber und peripatetischer Philosoph. Befreundet war der in der Spätzeit des Hellenismus im Grenzgebiet griechisch-orientalischer Kultur auftretende Autor mit dem jüdischen König Herodes und später mit dem römischen Kaiser Augustus. Er verfasste eine umfangreiche Weltgeschichte, von deren ersten Partien größere Fragmente erhalten blieben, eine ebenfalls in ausführlicheren Fragmenten überlieferte Biographie des Augustus sowie unter anderem philosophische Werke.

Leben Nikolaos von Damaskus, von dessen Autobiographie einige Bruchstücke erhalten blieben, war der Sohn des wohlhabenden Politikers Antipatros, der in Damaskus offenbar hochangesehen war, und der Stratonike. Sein Vater Antipatros diente dem damaszenischen Gemeinwohl, schlichtete Bürgerstreitigkeiten, bekleidete hohe Ämter und nahm eine umfangreiche Gesandtschaftstätigkeit wahr.Suda, s. Antipatros und Nikolaos. Ob seine Familie jüdische oder griechische Wurzeln hatte, wurde in der Forschung heftig diskutiert. Sollte Nikolaos jüdischer Abstammung gewesen sein, muss er stark hellenisiert gewesen sein.Tino Shahin: Fragmente eines Lebenswerks. Untersuchungen zur Universalgeschichte des Nikolaos von Damaskus. Latomus, Brüssel 2020, ISBN 978-90-429-4183-0, S. 5.

Über Nikolaos’ Jugend ist wenig Sicheres bekannt. Er erhielt eine umfassende Ausbildung, studierte zuerst Grammatik und Dichtkunst, dann Rhetorik, Musik, Mathematik sowie Philosophie, interessierte sich auf letztgenanntem Gebiet insbesondere für Aristoteles und schloss sich daher dem Peripatos an.Nikolaos von Damaskus, in: Felix Jacoby, Die Fragmente der griechischen Historiker (FGrH), Nr. 90, F 132. Er wurde Erzieher der Kinder der Kleopatra und des Marcus AntoniusNikolaos von Damaskus, FGrH 90, T 2. – ob er diese Aufgabe bereits zu Kleopatras LebzeitenSo zum Beispiel Felix Jacoby, Die Fragmente der griechischen Historiker II A, Berlin 1926, Nr. 90, S. 229 und Christoph Schäfer, Kleopatra, 2006, S. 88. oder erst nach ihrem Tod 30 v. Chr.So etwa Hans Volkmann, Kleopatra, 1953, S. 204. übertragen bekam, ist jedoch umstritten. Um 20 v. Chr. sah er in Antiochia eine mit Geschenken zum Kaiser Augustus geschickte indische Gesandtschaft.Nikolaos von Damaskus, FGrH 90 F 100. Ob er sich bereits damals im Umfeld des Königs Herodes befand, ist nicht bekannt.

Seit spätestens 14 v. Chr. stand Nikolaos jedenfalls im Dienst des Herodes, dessen Freund, Ratgeber und Hofgeschichtsschreiber er wurde. 14 v. Chr. begleitete er nämlich Herodes zu Agrippa nach Kleinasien. Er erreichte, dass Agrippa den Bewohnern von Ilion eine ihnen auferlegte Geldbuße nach längerem Zögern schließlich erließ,Nikolaos von Damaskus, FGrH 90 F 134. und setzte sich erfolgreich für die Interessen der kleinasiatischen Juden ein, die sich von den dortigen Griechen nachteilig behandelt fühlten.Nikolaos von Damaskus, FGrH 90 T 4, F 81 und F 142. Flavius Josephus gibt Nikolaos’ dabei vor Agrippa gehaltene Rede wieder,Flavius Josephus, Antiquitates Iudaicae 16, 31-57. die nach Einschätzung von Richard Laqueur in ihren grundsätzlichen Gedankengängen tatsächlich so von Nikolaos vorgetragen worden sein könnte.

Als Herodes 12 v. Chr. zum letzten Mal nach Italien reiste, befand sich wohl Nikolaos in seinem Gefolge.Nikolaos von Damaskus. FGrH 90 F 135. Auch später betraute der jüdische König Nikolaos mehrfach mit diplomatischen Aufträgen. Die wichtigste Mission, die Nikolaos um 7 v. Chr. allein und völlig eigenständig unternahm, war seine Gesandtschaftsreise nach Rom zu Augustus anlässlich der Auseinandersetzung zwischen Herodes und Syllaios. Er konnte durch sein diplomatisches Geschick eine Verurteilung des Herodes wegen dessen eigenmächtigen Einfalls ins Nabatäerreich verhindern und erwirken, dass sich der Kaiser wieder mit Herodes aussöhnte.Nikolaos von Damaskus, FGrH 90 F 136. Nach seiner Rückkehr versuchte er vergeblich, Herodes von der sofortigen Hinrichtung seiner Söhne Alexander und Aristobulos aufgrund von Anschuldigungen von deren Halbbruder Antipater abzuhalten. Bald darauf kam es aber auch zu einem Verfahren gegen Antipater, das 4 v. Chr. mit dessen Hinrichtung endete. Hierbei trat Nikolaos neben Herodes als Vertreter der Anklage vor Publius Quinctilius Varus auf. Seine damalige Rede habe laut seinem eigenen Zeugnis Anerkennung gefundenNikolaos von Damaskos, FGrH 90 F 136, 7. und ist durch Josephus teilweise überliefert.Flavius Josephus, Antiquitates Iudaicae 17, 107ff.

Nikolaos’ Bruder Ptolemaios von Damaskus war ein wichtiger Berater des Herodes in wirtschaftlichen Dingen. Nach dem Tod des Herodes (4 v. Chr.) brachte Ptolemaios den Siegelring und das Testament des toten Königs nach Rom zu Augustus. Beide Brüder waren auch bei den Auseinandersetzungen zwischen Angehörigen der Familie des Herodes wegen dessen Nachfolge vor dem Thron des Augustus zugegen, der Testamentsvollstrecker des Herodes war. Dabei fungierte Nikolaos als Berater und Fürsprecher des Herodes Archelaos, der von seinem verstorbenen Vater Herodes letztlich zum Nachfolger eingesetzt worden war und dafür die Bestätigung seitens Augustus’ suchte. Ptolemaios unterstützte hingegen, allerdings vergeblich, die Thronansprüche von Herodes’ Sohn Herodes Antipas. Im Anschluss an diese Mission hielt sich Nikolaos noch lange in Rom auf,Nikolaos von Damaskus, FGrH 90 F 138. vielleicht bis zu seinem Lebensende. Sein Todesjahr und -ort sind unbekannt.

Werk Weltgeschichte Nikolaos’ bekanntestes Werk war seine äußerst umfassende Universalgeschichte, die laut Athenaios aus 144 Büchern bestand.Nikolaos von Damaskus, FGrH 90 T 11. Die Anregung zur Abfassung des Werks ging von Herodes aus. Die Darstellung reichte von den Anfängen der Weltgeschichte bis wahrscheinlich zu Herodes’ Tod 4 v. Chr. Von dem Werk sind nur noch Fragmente erhalten,Nikolaos von Damaskus, FGrH 90 F 1-102. vor allem größere Bruchstücke der Bücher 1–7 (gegen 50 Druckseiten in der Ausgabe von Felix Jacoby) in den sogenannten Konstantinischen Exzerpten, also in einer Exzerptensammlung, die der byzantinische Kaiser Konstantin VII. um 950 n. Chr. durch Ausschreiben von Partien damals noch erhaltener Werke früherer griechischer Historiker anlegen ließ.Tino Shahin: Fragmente eines Lebenswerks. Untersuchungen zur Universalgeschichte des Nikolaos von Damaskus. Latomus, Brüssel 2020, ISBN 978-90-429-4183-0, S. 14–15. Die späteren Bücher waren vermutlich aufgrund der Übermasse des Stoffes schon damals verloren gewesen.Tino Shahin: Fragmente eines Lebenswerks. Untersuchungen zur Universalgeschichte des Nikolaos von Damaskus. Latomus, Brüssel 2020, ISBN 978-90-429-4183-0, S. 20.

In den ersten sieben Büchern seines großen historischen Werks behandelte Nikolaos den Alten Orient, bei dem er etwa auf die Geschichte der Assyrer, Meder, Lyder und Perser einging und wohl Xanthos und Ktesias als Quellen verwendete, sowie die Frühgeschichte der Griechen, für deren Darstellung er sich wohl auf die Geschichtsschreiber Ephoros und Hellanikos stützte.; Tino Shahin: Fragmente eines Lebenswerks. Untersuchungen zur Universalgeschichte des Nikolaos von Damaskus. Latomus, Brüssel 2020, ISBN 978-90-429-4183-0, S. 12–13. Ein langes Fragment ist dabei vor allem vom Aufstieg und der Machtergreifung des Kyros erhalten.Nikolaos von Damaskus, FGrH 90 F 66. Ein weiteres behandelt Kyros’ Zusammentreffen mit Krösus nach dem Fall von Sardes; Krösus sei nur knapp seiner Verbrennung am Scheiterhaufen entgangen.Nikolaos von Damaskus, FGrH 90 F 68. Für die frühere lydische Geschichte ist ebenfalls die Darstellung des Nikolaos auszugsweise erhalten. Hier wird vor allem das Motiv betont, dass der Sturz der Herakleidendynastie durch die Mermnaden als Sühne eines von einem Angehörigen der Herakleiden verübten Mordes an einem Mermnaden aufgrund göttlichen Gebotes erfolgt sei, und das gleiche Schicksal habe dann auch die Mermnaden getroffen, deren erster König Gyges durch Ermordung des letzten Herakleidenkönigs Sadyattes I. an die Macht gekommen sei; dieser Frevel sei schließlich durch den von Kyros ausgeführten Sturz des letzten Mermnaden Krösus gerächt worden.Nikolaos von Damaskus, FGrH 90 F 44ff.

Die überlieferten Bruchstücke zur griechischen Frühgeschichte sind wesentlich kürzer als jene zur orientalischen Geschichte. Zu ihnen gehören unter anderem die Schilderung des Untergangs des legendären spartanischen Gesetzgebers Lykurg, der sich, von seiner Heimat abwesend, das Leben genommen habe, um die Spartaner zur ewigen Einhaltung ihres Eides, die von ihm erlassene Verfassung bis zu seiner Rückkehr beizubehalten, zu zwingen.Nikolaos von Damaskus, FGrH 90 F 56. Weiters ist beispielsweise ein den Aufstieg des Kypselos behandelndes Fragment erhalten.Nikolaos von Damaskus, FGrH 90 F 57.

Für die Bücher 8–144 von Nikolaos’ Weltgeschichte liegen nur spärliche direkte Fragmente vor, die vor allem Athenaios und Flavius Josephus liefern.Tino Shahin: Fragmente eines Lebenswerks. Untersuchungen zur Universalgeschichte des Nikolaos von Damaskus. Latomus, Brüssel 2020, ISBN 978-90-429-4183-0, S. 16–17. Ersterer zitiert Nikolaos vornehmlich bei Ereignissen, die sich in der späten römischen Republik abspielten. Ein erhaltenes BruchstückNikolaos von Damaskus, FGrH 90 F 80. gibt eine Stelle aus Gaius Iulius Caesars Werk über seinen Gallischen KriegCaesar, De bello Gallico 3, 22. sehr deutlich wieder, so dass diese Schrift des römischen Diktators Nikolaos als unmittelbare Vorlage gedient haben dürfte.Tino Shahin: Fragmente eines Lebenswerks. Untersuchungen zur Universalgeschichte des Nikolaos von Damaskus. Latomus, Brüssel 2020, ISBN 978-90-429-4183-0, S. 213–215.

Für Josephus war das große historische Werk des Nikolaos eine der wichtigsten Quellen für die jüdische Geschichte zur Zeit des Herodes. Schließlich konnte Nikolaos hier viel Selbsterlebtes berichten und sich außerdem auf die Memoiren des Herodes stützen. Laut Josephus war Nikolaos’ Darstellung des jüdischen Königs schonfärberisch und tendenziös.Flavius Josephus, Antiquitates Iudaicae 16, 184. In Buch 123 und 124 behandelte Nikolaos unter anderem die Auseinandersetzungen der Ionier und Juden vor Agrippa.Flavius Josephus, Antiquitates Iudaicae 12, 125ff.

Bei heutigen Althistorikern ist die Arbeitsweise von Nikolaos bei der Erstellung seines Werkes umstritten, nämlich wie er bei der Auswertung seiner Quellen verfuhr. Richard Laqueur mutmaßte, dass von Nikolaos häufig zur Ausarbeitung jeweils eines Abschnitts seiner Weltgeschichte zwei Gewährsmänner verwendet worden seien, wobei er den einen zugrunde gelegt und aus ihm die Hauptmasse des Stoffs entnommen, aus dem anderen aber Ergänzungen eingefügt habe. Etwaige dadurch bedingte Dubletten und widersprüchliche Passagen, wenn die beiden herangezogenen Quellen auseinandergingen, habe Nikolaos nur notdürftig ausgeglichen und ansonsten nebeneinander stehenlassen. Gemäß peripatetischer Forderung gestaltete der rhetorisch geschulte Autor die von ihm behandelten historischen Ereignisse oft in dramatischer Darstellung. Die jüngere Forschung kommt aber zu dem Ergebnis, dass Nikolaos trotz seiner notwendigerweise zeitsparenden Arbeitsweise die wichtigsten Quellen zu vielen Themen berücksichtigte.Tino Shahin: Fragmente eines Lebenswerks. Untersuchungen zur Universalgeschichte des Nikolaos von Damaskus. Latomus, Brüssel 2020, ISBN 978-90-429-4183-0, S. 13–14.

Biographie des Augustus