Das Autonome Gebiet Tibet (, ) ist seit dem 1. September 1965 eine Verwaltungseinheit der Volksrepublik China. Das Autonome Gebiet Tibet (AGT) umfasst nur einen Teil der historischen Kultur- und Sprachregion Tibet. Letztere zerfiel traditionell in drei Gebiete: Ü-Tsang, oder Zentraltibet, das in etwa dem Westen des AGT entspricht, Amdo (im Wesentlichen die heutige Provinz Qinghai mit angrenzenden Gebieten in den Provinzen Gansu und Sichuan), sowie Kham, das den Osten des AGT und den Westen der Provinz Sichuan einschließt.
Geographie mini|links|Das Autonome Gebiet Tibet als Teil des Hochlandes von Tibet mit angrenzenden Regionen und Ländern
mini|links|Yarlung Tsangpo bei Qüxü
Das Autonome Gebiet Tibet bildet den Hauptteil des Qinghai-Tibet-Plateaus, oder Hochlands von Tibet, des höchstgelegenen Plateaus der Welt, das auch als „Dach der Welt“ bezeichnet wird. Erdgeschichtlich ist das Hochland von Tibet jüngeren Datums. Es entstand aufgrund der Kollision der Indischen Kontinentalplatte mit der Eurasischen Platte vor etwa 65 Millionen Jahren. Diese bis heute anhaltende Kollision führte zur Auftürmung des Himalaya und zur Anhebung des dahinter liegenden Landes um mehrere Kilometer mit Bildung einer ausgedehnten Hochebene.
Die durchschnittliche Höhe des AGT liegt bei mehr als 4500 Metern. Mehr als 80 % des Gebiets liegen auf einer Höhe über 4000 Metern, 58 % zwischen 4500 und 5000 Metern, und 19,7 % sind über 5000 Meter hoch. Nur etwa 4,3 % im Süden des AGT liegen unter 2500 Metern. Das AGT ist weitgehend von Hochgebirgsketten eingefasst. Nach Norden hin ist es durch das in West-Ost-Richtung verlaufende westliche Kunlun-Gebirge vom Tarimbecken im Nordwesten abgegrenzt. Hier finden sich an der Grenze zu Xinjiang die Gipfel des Qong Muztagh (6920 m) im westlichen und des Ulugh Muztagh (6973 m) im östlichen Abschnitt. Das vom Kunlun-Gebirge Richtung Südosten abzweigende Tanggula-Gebirge bildet eine natürliche Grenze zum Qinghai-Becken im Nordosten. Im Westen wird die Grenze vom Flusslauf des Jinsha, des Oberlaufs des Jangtsekiang gebildet. Ganz im Südosten findet sich der über 7500 Meter hohe Hengduanshan. Nach Süden und Südwesten hin wird das AGT über eine Länge von etwa 2400 Kilometern von der Himalaya-Gebirgskette begrenzt, die eine durchschnittliche Höhe von 6200 Metern erreicht. Mehr als 40 Gipfel sind über 7000 Meter hoch und einige erreichen 8000 Meter. An der Grenze zu Nepal liegt der Mount Everest oder Qomolangma, der mit 8848 Metern höchste Berg der Welt. Auch der Lhotse (8516 m), der Makalu (8485 m) und der Cho Oyu (8188 m) liegen auf der Grenze zwischen Nepal und der Autonomen Region Tibet.
Im Hochland von Tibet haben viele der großen Ströme Asiens ihren Ursprung. Der Brahmaputra (in Tibet: Yarlung-Tsangpo) entspringt im Kreis Burang nahe der Grenze zu Indien und Nepal, der Saluen (in Tibet: Gyalmo Nygul Chu) hat seine Quelle im Tanggula-Gebirge, Mekong, Jangtsekiang und der Gelbe Fluss entspringen in Qinghai, und der Indus hat seine Quelle im Umfeld des Berges Kailash, wo auch der Satluj seinen Anfang nimmt. Der längste Quellfluss des Irrawaddy, der Tarong, entspringt im tibetischen Kreis Zayü.
Die Flussebene des mittleren Abschnitts des Yarlung-Tsangpo-Flusses mit seinen Zuflüssen und Nebentälern bildet das sogenannte Südtibet-Tal. Es erstreckt sich über etwa 1200 Kilometer vom Kreis Saga im Westen bis zum Kreis Mainling im Osten. Es ist in Nord-Süd-Richtung in seinem östlichen Abschnitt etwa 300 Kilometer breit und von durchschnittlich 5000 Meter hohen Bergen gesäumt. Die Höhe der Talsohle über dem Meeresspiegel nimmt von etwa 4500 Metern im Westen auf etwa 2800 Meter im Osten ab. Das Flusstal und seine Nebentäler bilden die wichtigste landwirtschaftliche Anbauregion im Autonomen Gebiet Tibet. Im Flusstal liegen auch die meisten größeren Städte und Siedlungen, wie Lhasa, Xigazê, Gyangzê, Zêtang und Bayi.
Die nördliche Hochebene ist mit rund 1500 Seen übersät. Die größten sind der Nam Co, Serlin Co und Zhari Namco, die jeweils eine Fläche von annähernd 1000 oder mehr Quadratkilometern aufweisen. 47 Seen sind mehr als 100 Quadratkilometer und 612 weitere mehr als einen Quadratkilometer groß. Die gesamte Seenfläche beträgt 24.183 Quadratkilometer was einem Drittel der Gesamtfläche aller Seen in der Volksrepublik China entspricht. Siebzehn Seen liegen auf einer Höhe von über 5000 Metern.
Klima mini|links|Das Autonome Gebiet Tibet weist die höchste jährliche Sonneneinstrahlung in China auf.
Bedingt durch die Höhenlage und die dünnere, klare und meist wolkenfreie Atmosphäre ist die Sonneneinstrahlung sehr hoch. Sie liegt um 50 bis 100 Prozent höher als in anderen, tiefer gelegenen Regionen auf derselben geographischen Breite und nahe an den Werten der Sahara-Wüste. Beispielhaft beträgt die jährliche Sonnenscheindauer in Lhasa 3021 Stunden, während sie in Chengdu nur bei 1187 Stunden und in Shanghai bei 1933 Stunden liegt. Dies führt zu einer relativ schnellen und deutlichen Aufheizung des Bodens und der unteren Luftschichten am Tag und einer entsprechend raschen und starken Abkühlung in der Nacht. Die Jahresmitteltemperatur im Hochland liegt jedoch unter 0 °C und die Temperaturen im wärmsten Monat übersteigen im größten Teil des Autonomen Gebiets nicht die 10-Grad-Marke. In den Wintermonaten von Oktober bis April wehen auf der Hochebene starke Winde meist aus westlicher Richtung. Etwa 80 Prozent des Jahresniederschlags wird durch den Monsun herangebracht und fällt in den Monaten Mai bis September. Die Niederschlagsmenge nimmt dabei von Westen nach Osten hin zu. Im Osten werden Jahresniederschläge bis über 800 mm erreicht und im Westen liegen diese teilweise unter 200 mm.
Geschichte Zur Geschichte Tibets vor 1951 siehe Geschichte Tibets Das heutige Autonome Gebiet Tibet geht auf den de facto unabhängigen Staat Tibet (1912–1951) zurück. Nach der Xinhai-Revolution und der Abdankung des letzten Qing-Herrschers wurde 1912 die Republik China gegründet. Einige Randgebiete des früheren Kaiserreich Chinas, wie die Äußere Mongolei und Tibet, die schon zuvor in einem lockeren Abhängigkeitsverhältnis zur chinesischen Zentralregierung gestanden hatten, erklärten sich daraufhin für unabhängig. In der Shimla-Konvention 1914 erkannte Großbritannien (als Kolonialmacht in Britisch-Indien) die Souveränität Tibets an, jedoch wurde die Konvention von China nicht ratifiziert. Nach der Einigung Chinas unter der Kuomintang 1929 wurden erneut Beziehungen zwischen Tibet und China aufgenommen. Die Kuomintang-Regierung erkannte die Unabhängigkeit Tibets weiterhin nicht an, griff aber auch nicht in die inneren Angelegenheiten Tibets ein. 1946, ein Jahr nach der Kapitulation Japans und dem Ende des Zweiten Weltkrieges, fanden unter der Regie der Kuomintang in China Wahlen zur verfassunggebenden Nationalversammlung statt. In Artikel 120 der durch die Nationalversammlung beschlossenen Verfassung Chinas war festgelegt, dass Tibet eine garantierte Selbstverwaltung erhalten sollte. Im Chinesischen Bürgerkrieg erlitt die Kuomintang jedoch eine schwere Niederlage gegen die Kommunisten unter Mao Zedong und musste sich 1949 vom chinesischen Festland auf die Insel Taiwan zurückziehen. Im Jahr 1950 drangen kommunistische Kämpfer auch nach Tibet ein. Der Dalai Lama als spirituelles und politisches Oberhaupt der Tibeter sah in realistischer Einschätzung der Lage keine Möglichkeit des Widerstands und schloss am 27. Mai 1951 mit den neuen kommunistischen Machthabern Chinas das „Abkommen zur friedlichen Befreiung Tibets“. In diesem Abkommen wurde die Oberhoheit Chinas über Tibet anerkannt. Auf der anderen Seite verpflichteten sich die Machthaber in Peking, den Status quo, d. h. die inneren Verhältnisse und die Selbstregierung Tibets nicht anzutasten.
In den Augen vieler Tibeter hielt sich die chinesische Regierung nicht an das Abkommen. Kommunistische Funktionäre und auch viele Migranten aus den innerchinesischen Provinzen strömten ins Land. Die vielfältigen Unzufriedenheiten mündeten im März 1959 in einen allgemeinen Aufstand, bei dem die tibetische Regierung die Unabhängigkeit Tibets von China ausrief. Der Aufstand wurde durch chinesische Truppen rasch und blutig niedergeworfen. Der Dalai Lama floh zusammen mit Zehntausenden Tibetern nach Indien, wo er eine Exilregierung gründete. Die Volksrepublik China setzte eine Übergangsregierung unter dem Penchen Lama ein, der als reine Marionette Pekings agierte. Die Tatsache, dass Indien unter Jawaharlal Nehru dem Dalai Lama und den Tibetern Zuflucht geboten hatte, und der Umstand, dass Tibeter als bewaffnete Kämpfer von Indien aus nach Tibet einsickerten, führte zu einer drastischen Verschlechterung der chinesisch-indischen Beziehungen. 1962 kam es zu einem kurzen Grenzkrieg. Die chinesische Volksbefreiungsarmee war erfolgreich und besetzte dauerhaft einige strittige Gebiete. Aus anderen umstrittenen Gebieten zog sie sich wieder zurück. Die Grenzfrage mit Indien ist bis heute nicht abschließend gelöst. mini|Shigatse Dzong – der Palast aus dem 17. Jahrhundert wurde nach dem Aufstand von 1959 zerstört, aber 2007 wieder rekonstruiert. In den folgenden Jahren wurde das Gesellschaftssystem Tibets radikal nach kommunistisch-chinesischen Muster umgebaut. Aus chinesischer Sicht bedeuteten diese Veränderungen einen gesellschaftlichen Fortschritt, da die alten persönlichen Abhängigkeitsverhältnisse, die nach chinesischer Darstellung Sklaverei und Leibeigenschaft entsprachen, abgeschafft wurden. Auch wurde begonnen, ein modernes Schul- und Gesundheitswesen aufzubauen. Im September 1965 fand die erste Sitzung des Ersten Volkskongresses des Autonomen Gebiets Tibet statt, auf der die Gründung des Autonomen Gebiets Tibet offiziell verkündet wurde. 1966 bis 1976 hatte Tibet, wie auch andere Gebiete Chinas, stark unter den Exzessen der sogenannten Kulturrevolution zu leiden. Zahlreiche tibetische Kulturgüter und Klöster wurden durch Maos fanatisierte Rote Garden zerstört, was für die traditionell spirituell-religiös geprägte tibetische Kultur einen besonderen Schock bedeutete. Nach Maos Tod 1976 folgte eine Phase der Entspannung. Die chinesische Zentralregierung bemühte sich, einige der angerichteten Schäden wiedergutzumachen. Etliche Klöster wurden wieder aufgebaut oder repariert, und erhebliche Mittel flossen ins Land um die Infrastruktur und Versorgung der Bevölkerung zu verbessern.
Im September 1987 brachen antikommunistische Unruhen in Lhasa aus, die rasch unterdrückt wurden. Die Unruhen flammten jedoch wieder auf und nahmen an Intensität zu, so dass die chinesische Regierung am 8. März 1989 den Ausnahmezustand über Tibet verhängte. Die Phase des Ausnahmezustands dauerte über 13 Monate bis zum 1. Mai 1990. Im März 2008 kam es zu Massenprotesten und -verhaftungen von buddhistischen Mönchen. Seit etwa den 1990er Jahren gab es immer wieder versuchte oder vollendete öffentliche Selbstverbrennungen buddhistischer Mönche, die damit vor allem gegen fehlende religiöse Freiheit demonstrieren wollen.
Verwaltungsgliederung
Ende 2020 war das Autonome Gebiet Tibet auf Bezirksebene in sechs bezirksfreie Städte und einen Regierungsbezirk untergliedert. Auf der darunter folgenden Kreisebene bestanden 74 Verwaltungseinheiten (acht Stadtbezirke, 66 Kreise), und auf der Gemeindeebene gab es 697 Einheiten (21 Straßenviertel, 142 Großgemeinden, 525 Gemeinden, neun Nationalitätengemeinden).
Bei den offiziellen Flächenangaben ist zu berücksichtigen, dass die Volksrepublik China etwa 66.250 km² Territorium entlang der Nordgrenze Indiens beansprucht, das sich unter indischer Kontrolle befindet (der größte Teil des indischen Bundesstaats Arunachal Pradesh). Diese Gebiete werden in der offiziellen chinesischen Statistik immer mitgezählt.