Julius Sternberg (* 8. Dezember 1879 in Spandau;Franz A. Paulus: Die Familie Sternberg bis in die 1930er Jahre. In: Armen Avakian, Franz A. Paulus (Hrsg.): Die Familie Sternberg: Posen – Spandau – Bogota – Berlin. Erinnerungen von Hans Sternberg. Bad Kissingen o. J. , S. 11–62, hier S. 41 und 47; die Angabe "7.12.1879" auf der Gedenktafel ist nicht zutreffend. gestorben 25. Juli 1971 in Berlin) war ein deutscher Kaufmann jüdischen Glaubens. Er gehörte mehrere Jahrzehnte zur Leitung der Jüdischen Gemeinde Spandau, ab 1922 als Vorsteher. Wegen häufiger Diskriminierung und Verfolgung im Rahmen der antijüdischen Gesetze in der Zeit des Nationalsozialismus musste er 1938 sein Geschäft nach Schikanen im Rahmen der Arisierung verkaufen und emigrierte 1939 mit seiner Familie nach Bogotá in Kolumbien, wo er eine Pension eröffnete. 1954 kehrte er mit seiner Ehefrau Susanne nach Berlin zurück.

Leben mini|Gedenktafel für die Familie Sternberg an der Sternberg­promenade in Spandau Julius Sternberg war der älteste Sohn von Selig Sternberg und seiner Ehefrau Rosa (geb. Joseph), die aus Wronke in der Provinz Posen stammte, wo das Ehepaar 1877 geheiratet hatte. Julius Sternberg hatte zusätzlich den hebräischen Vornamen Joseph, der aber weder in den Akten noch in der öffentlichen Nennung in Erscheinung trat.Manfred Wichmann: Drei Generationen der Familie Sternberg in Spandau. In: Spandauer Forschungen. Band 2. Berlin 2012, S. 145–174, hier S. 165 Anm. 101. 1878 wurde seine ältere Schwester Fanny geboren, nach Julius noch drei Schwestern und ein Bruder. Die Familie galt als gutbürgerlich, wohlhabend und angesehen. Auch in der Epoche einer Assimilation der Juden in das Bürgertum in Deutschland verstand die Familie Sternberg ihre jüdische Herkunft und Religion als Quelle der Familienidentität. In der Familie wurden jüdische Sitten und Riten praktiziert und die Kinder in der jüdischen Tradition erzogen; im Hause Sternberg bestand ein eigener Betraum. Man engagierte sich vielfach in der jüdischen Gemeinde und besuchte regelmäßig die Synagoge.Manfred Wichmann: Drei Generationen der Familie Sternberg in Spandau. In: Spandauer Forschungen. Band 2. Berlin 2012, S. 145–174, hier S. 165, 169.

Julius Sternberg besuchte das Staatliche humanistische Gymnasium in Spandau (das spätere Kant-Gymnasium) und nahm am jüdischen Religionsunterricht seiner Gemeinde teil. Am 17. Dezember 1892 feierte er seine Bar Mitzwa in der Spandauer Synagoge. Im April 1897 begann er nach bestandenem Examen zur Obersekundareife eine kaufmännische Lehre im „Textilkaufhaus Jacob Gebrüder“ in Charlottenburg und war dann für das Unternehmen als Ein- und Verkäufer beschäftigt. Während der kaufmännischen Lehrzeit konnte er eine Webschule besuchen und die Fabrikation von Textilwaren kennenlernen. Von April 1902 bis Ende März 1903 absolvierte er als Einjährig-Freiwilliger den Militärdienst in Spandau und Friedrichshof bei der „7. Kompanie des 5. Garde-Regiments zu Fuß“. Ab dem 1. April 1903 war er als „Aufsichtsherr“ bei der Warenhauskette A. Jandorf & Co. tätig. Überall bekam er gute Zeugnisse wegen seines Fleißes, seiner Geschicklichkeit und seiner Kenntnisse.Franz A. Paulus: Die Familie Sternberg bis in die 1930er Jahre. In: Armen Avakian, Franz A. Paulus (Hrsg.): Die Familie Sternberg: Posen – Spandau – Bogota – Berlin. Erinnerungen von Hans Sternberg. Bad Kissingen o. J. , S. 11–62, hier S. 42. mini|Die „Villa Sternberg“, Schönwalder Allee 55 (2024) Am 31. Dezember 1904 starb Selig Sternberg, und Julius Sternberg übernahm als ältester Sohn 1905 die Geschäftsleitung des Textilhauses „M. K. Sternberg“. Am 17. August 1924 heiratete er 46-jährig die 26-jährige Susanne Zuckermann aus der Industriestadt Forst (Lausitz). Sie war das jüngste Kind und die einzige Tochter (neben zwei Söhnen) des Justizrats Siegfried Zuckermann (gestorben 1927) und seiner Frau Karola geb. von Portner (geboren in Warschau als Tochter eines geadelten Kinderarztes, gestorben 1945 in Bogotá).Franz A. Paulus: Die Familie Sternberg bis in die 1930er Jahre. In: Armen Avakian, Franz A. Paulus (Hrsg.): Die Familie Sternberg: Posen – Spandau – Bogota – Berlin. Erinnerungen von Hans Sternberg. Bad Kissingen o. J. , S. 11–62, hier S. 61 f. Julius und Susanne Sternberg hatten zwei Kinder, Hans (geboren 1925) und Hannelore (geboren 1926). Wohnsitz war eine Villa in der Schönwalder Allee 55, nahe am Spandauer Forst, die nach 1914 in den Besitz der Familie Sternberg gekommen war. Der Haushalt hatte drei Angestellte: ein Kindermädchen, eine Köchin und ein Hausmädchen.Die Erinnerungen von Hans Sternberg. In: Armen Avakian, Franz A. Paulus (Hrsg.): Die Familie Sternberg: Posen – Spandau – Bogota – Berlin. Erinnerungen von Hans Sternberg. Bad Kissingen o. J. , S. 63–165, hier S. 65 ff.

Geschichte der Familie und des Textilhauses Moses Kiewe Sternberg Das Unternehmen war von Julius’ Großvater Moses Kiewe Sternberg gegründet worden. Dieser wurde 1800 in Chodziesen (Posen) geboren, das damals preußisch war. 1834 ließ er sich einbürgern (naturalisieren); dies war seit 1833 für Juden mit festem Einkommen in der Provinz Posen möglich, doch machten nur etwa 5 % der Juden in Chodziesen, Czarnikau und Wronke davon Gebrauch. Es galten damit die Vorschriften des Preußischen Judenedikts von 1812, und eine Übersiedlung in andere preußische Provinzen war erlaubt.Manfred Wichmann: Drei Generationen der Familie Sternberg in Spandau. In: Spandauer Forschungen. Band 2. Berlin 2012, S. 145–174, hier S. 148 f. Moses Kiewe lebte mit seiner (vermutlich zweiten) Ehefrau Pauline (geb. am 6. August 1816 in Czarnikau als Pauline Seliger) in Czarnikau und gab sich den Familiennamen „Sternberg“, nach dem Eindruck des jüdischen Familienforschers Albert Phiebig, weil er zur „Gruppe der klangvollen Phantasienamen“ gezählt werden kann, „die damals vielfach gewählt wurden“.Albert Phiebig (Gesellschaft für Jüdische Familienforschung): Erläuterungen zur Ahnentafel von Julius Sternberg. Berlin 1935, S. 21, zitiert bei Franz A. Paulus: Die Familie Sternberg bis in die 1930er Jahre. In: Armen Avakian, Franz A. Paulus (Hrsg.): Die Familie Sternberg: Posen – Spandau – Bogota – Berlin. Erinnerungen von Hans Sternberg. Bad Kissingen o. J. , S. 11–62, hier S. 23 Anm. 38, dort auch zum Folgenden. Franz Kohstall: Aus der Chronik der Spandauer Jüdischen Gemeinde. Berlin 1929, S. 33 („Bestreben der unter das Gesetz Fallenden, möglichst wohlklingende, poetische Namen zu wählen“). Nach jüdischer Tradition gab es keine festen Familiennamen, sondern es wurde der Vorname mit dem Vornamen des Vaters verbunden. Nach preußischem Recht waren Juden gehalten, selbstbestimmte Familiennamen anzunehmen.

Moses Kiewe Sternberg führte in Czarnikau bereits ein Textilgeschäft. 1838 zog die Familie von dort zunächst nach Nauen, wo damals die größte jüdische Gemeinde im Osthavelland bestand, dann weiter in das damals noch selbständige Dorf Falkenhagen, wo die „Tuch- und Schnittwarenhandlung M. K. Sternberg“ gegründet wurde. Moses Kiewe Sternberg hoffte offenbar auf sozialen und wirtschaftlichen Aufstieg im Umland der preußischen Hauptstadt Berlin. Seit 1850 gab es aus wirtschaftlichen Gründen eine starke jüdische Abwanderungswelle aus der Provinz Posen nach Westen, vorrangig in den Regierungsbezirk Potsdam und in das Umfeld von Berlin. Dabei wurden in der ersten Generation zunächst ländliche Standorte gewählt; Franz A. Paulus vermutet neben niedrigen Grundstückspreisen auch „Fortsetzen überkommener Geschäftsbeziehungen, verbunden mit ähnlichen Konsumgewohnheiten auf dem Land im Gegensatz zum ‚Großstadtgeschmack‘“ oder „‚ländliche Mentalität‘ der Westwanderer“.Franz A. Paulus: Die Familie Sternberg bis in die 1930er Jahre. In: Armen Avakian, Franz A. Paulus (Hrsg.): Die Familie Sternberg: Posen – Spandau – Bogota – Berlin. Erinnerungen von Hans Sternberg. Bad Kissingen o. J. , S. 11–62, hier S. 32 f., Zitate S. 33. mini|hochkant|Julius’ Großvater Moses Kiewe Sternberg, an den Schläfenlocken als Jude erkennbar mini|hochkant|Vater Selig Sternberg 1841 kaufte Moses Kiewe Sternberg die alte Posthalterei an der Breiten Straße 21 in Spandau und zog dorthin um. Das Geschäft befand sich im Erdgeschoss, die Familie wohnte in den oberen Stockwerken. Im selben Jahr, am 16. Mai 1841, wurde Selig Sternberg geboren; insgesamt hatte Kiewe Sternberg dreizehn Kinder, so der Historiker Franz Kohstall,Franz Kohstall: Aus der Chronik der Spandauer Jüdischen Gemeinde. Berlin 1929, S. 44. vermutlich aus zwei Ehen.

Die Spandauer jüdische Gemeinde umfasste zu dem Zeitpunkt sechs Familien, so dass der Minjan, die Mindestzahl religionsmündiger Juden, um einen Gottesdienst abzuhalten, kaum noch erreicht wurde. Wie andere osthavelländische Gemeinden hatte sie zu dem Zeitpunkt keinen Rabbiner. Die Gottesdienste, den Religionsunterricht und die Beschneidung besorgte ein von der Gemeinde bezahlter Lehrer, der auch als Schächter und Kantor fungierte.Franz A. Paulus: Die Familie Sternberg bis in die 1930er Jahre. In: Armen Avakian, Franz A. Paulus (Hrsg.): Die Familie Sternberg: Posen – Spandau – Bogota – Berlin. Erinnerungen von Hans Sternberg. Bad Kissingen o. J. (2002), S. 11–62, hier S. 35. Kiewe Sternberg wurde 1842 ihr Vorsteher und war lange Zeit das Gemeindemitglied mit dem höchsten Einkommen und somit größter Beitragszahler in der Gemeinde; durch seine Schläfenlocken (Pejes) brachte er seine orthodoxe jüdische Einstellung zum Ausdruck. Nach dem preußischen „Gesetz über die Verhältnisse der Juden“ vom 23. Juli 1847 sollten die Juden „in Synagogen-Gemeinden (Judenschaften) vereinigt werden, daß alle innerhalb eines Synagogenbezirks wohnenden Juden einer solchen Gemeinde angehören“ (§ 35). Damit wurde ein Parochialzwang eingeführt: Jeder Jude musste zu einer Gemeinde gehören. Ziel war es, so Franz Paulus, „die jüdischen Gemeinden zu konzentrieren, zu kontrollieren und sie der Struktur der christlichen Kirchen anzupassen“; auf mögliche Konflikte zwischen „aufgeklärtem“ und „orthodoxem“ Judentum wurde dabei keine Rücksicht genommen. 1854 wurde die Gemeinde Spandau von der preußischen Regierung in Potsdam zwangsweise in den neu gegründete „Synagogenverband des Kreises Osthavelland“ eingebunden, der seinen Hauptsitz in Nauen hatte und zu dem auch die Gemeinde in Kremmen gehörte.Franz A. Paulus: Im Schatten der Metropole. Juden und jüdische Gemeinden in Spandau. Berlin 2011, S. 64 f. Moses Kiewe Sternberg wurde Vorsteher auch im Synagogenverband; er übte dieses Amt bis 1859 aus und blieb auch danach noch mehrere Jahre Repräsentant der Gemeinde.Manfred Wichmann: Drei Generationen der Familie Sternberg in Spandau. In: Spandauer Forschungen. Band 2. Berlin 2012, S. 145–174, hier S. 150 f., 154 f.

Selig Sternberg 1877 übernahm Selig Sternberg die Leitung des Textilgeschäfts von seinem Vater Kiewe, der 1882 starb. In den 1860er-Jahren hatte das Geschäft vier Angestellte, es vergrößerte sich seitdem ständig. Selig baute es „in für damalige Verhältnisse moderner Weise“ um.Franz Kohstall: Bilder und Betrachtungen aus Spandaus Vergangenheit (Festschrift zur Eröffnung der Neubauten der Firma M. K. Sternberg) Wübben, Berlin 1927, S. 23, 44.