In der Stadt Nassau (Lahn) hat der Künstler Gunter Demnig am 14. Dezember 2010 insgesamt 19 Stolpersteine an elf Standorten verlegt. Sie erinnern an jüdische Bürger der Stadt, die unter der NS-Herrschaft deportiert wurden und den Tod fanden bzw. ermordet wurden. Den 14- bis 80-jährigen Nassauern jüdischen Glaubens war gemeinsam, dass sie nach ihrer Vertreibung aus Nassau ermordet wurden oder nach ihrer Deportation als verschollen galten. Einer – Gustav Stern – hatte die Pogromnacht am 10. November 1938 in Nassau so erschüttert, dass er sich eine Woche später in einem Hotel in Wiesbaden das Leben nahm.
Die Stolpersteine wurden durch private Spenden finanziert sowie durch Spenden der katholischen und der evangelischen Kirchengemeinde, des Geschichtsvereins sowie der Ortsvereine von SPD und CDU. So kam zum Beispiel die Evangelische Kirchengemeinde Nassau für drei der Stolpersteine auf, nämlich für die Stolpersteine von Sara Strauss, Gustav Stern und Kathinka Hofmann.Schreiben der Evangelischen Kirchengemeinde an den Koordinator der Aktion Stolpersteine vom 9. Februar 2010. Das Geld für diese drei Steine stammte weitgehend aus dem Erlös eines Konzerts der jüdischen Musikerin Odelia Lazar und dem Liedermacher Jörg Erb. Schüler des Nassauer Schulzentrums übernahmen die Patenschaft für den Stolperstein von Inge Marx, die an der Realschule Nassau unterrichtet wurde und an ihrem 14. Geburtstag in Kowno ermordet worden. Vater Paul Marx war als Lehrer an der Realschule tätig gewesen.
Anlass für das Konzert war ein Gedenkabend, zu dem die Stadt Nassau unter Stadtbürgermeister Armin Wenzel für den 10. November 2009 in die evangelische Johanneskirche eingeladen hatte, um den Opfern der Pogrome gegen Juden zu gedenken und an die Plünderung jüdischer Einrichtungen im Jahr 1938 zu erinnern. Bei dieser Veranstaltung wurde die Idee der Stolperstein-Verlegung vorgestellt.
Den Anstoß zur Verlegung der Stolpersteine hatte die in Tel Aviv geborene Musikerein Odelia Lazar gegeben. Mit Schülern der Realschule in Nassau suchte sie jene Häuser auf, in den einst jüdische Bürger der Stadt gelebt hatten. Am 8. Januar 2010 wurde das Projekt in der Stadthalle der Öffentlichkeit vorgestellt. Dem war ein einstimmiges Votum des Stadtrats für die Verlegung von Stolpersteinen vorausgegangen.
Dieter Wortmann, der Beigeordnete der Stadt Nassau und Ehemann der evangelischen Gemeindepfarrerin von Nassau, Dr. Brigitte Menzel-Wortmann, koordinierte die Suche nach Spendern, die Festlegung der Standorte und die Verlegung der Stolpersteine. Waltraud Becker-Hammerstein und Werner Becker leisteten mit ihrem Buch „Julius Israel Nassau: Juden in einer ländlichen Kleinstadt im 19. und 20. Jahrhundert“ aus dem Jahr 2002 eine wichtige Vorarbeit für die Stolpersteine. In ihrem Buch dokumentieren sie unter anderem, wo in Nassau welche jüdischen Familien gelebt hatten.
Am 26. Januar 2011 verlegte Gunter Demnig im Ortsteil Bergnassau-Scheuern eine Stolperschwelle an der Zufahrt zur Stiftung Scheuern. Die Inschrift erinnert an die mehr als 1000 Menschen mit Beeinträchtigung oder psychischer Erkrankung, die aus der damaligen Zwischenanstalt Scheuern in andere „Heilanstalten“ verlegt wurden und dort starben oder ermordet wurden. Die meisten von ihnen wurden in Hadamar getötet. Die Stolperschwelle im Nassauer Ortsteil war zum Zeitpunkt der Verlegung erst die dritte Stolperschwelle, die Gunter Demnig verlegte. Die beiden anderen hatte er in Frankfurt und Hamburg verlegt.
Die Stolperschwelle wurde im Wesentlichen durch Spenden der Kirchengemeinde der Stiftung Scheuern und des Apothekers Christian Wuth aus Diez finanziert. Die Verlegung durch Gunter Demnig erfolgte vor einer großen Zahl Gästen. Der damalige Direktor, Pfarrer Eckhard Bahlmann, hielt zu Beginn am Mahnmal auf dem Gelände der Stiftung Scheuern eine Andacht im Gedenken an die Opfer der „Euthanasie“-Verbrechen der Nationalsozialisten. Anschließend wurde die Stolperschwelle verlegt. Auch der damalige Leiter der Gedenkstätte Hadamar, Dr. Georg Lilienthal sowie ein Vertreter der Jüdischen Gemeinde Koblenz waren zugegen. Das Mahnmal erinnert an die Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Verbrechen. In der Stiftung Scheuern verdeutlichte eine Ausstellung das Leben in der „Anstalt Scheuern“ in den 1930er- und 1940er-Jahren. Sie zeigte Bilder aus dem Alltag, aber auch Fotos, die eng mit der nationalsozialistischen Herrschaft und ihren Gewalttaten in Verbindung stehen. +NameAdresse InschriftDatum der Verlegung FotoSara Strauss Kettenbrückstraße 2Hier wohnte Sara Strauss geb. Liebmann Jg. 1868 deportiert 1942 Theresienstadt tot 17.9.194214.12.2010rahmenlosGustav AngerObertal 14Hier wohnte Gustav Anger Jg. 1896 deportiert 1942 ermordet 1942 in Auschwitz14.12.2010rahmenlosPaul MarxKirchstraße 4 (an der Ecke zur Römerstraße)Hier wohnte Paul Marx Jg. 1891 deportiert 1941, Kowno ermordet 25.11.194114.12.2010rahmenlosInge MarxKirchstraße 4 (an der Ecke zur Römerstraße)Hier wohnte Inge Marx Jg. 1927 deportiert 1941, Kowno ermordet 25.11.194114.12.2010rahmenlosIrma MarxKirchstraße 4 (an der Ecke zur Römerstraße)Hier wohnte Irma Marx geb. Goldschmidt Jg. 1898 deportiert 1941, Kowno ermordet 25.11.194114.12.2010rahmenlosElise GoldschmidtKirchstraße 4 (an der Ecke zur Römerstraße)Hier wohnte Elise Goldschmidt geb. Rosenthal Jg. 1868 deportiert 1941, Kowno ermordet 25.11.194114.12.2010rahmenlosSalomon HofmannGerhart-Hauptmann-Straße 6Hier wohnte Salomon Hofmann Jg. 1863 deportiert 1942 Theresienstadt tot 9.7.194314.12.2010rahmenlosKathinka HofmannGerhart-Hauptmann-Straße 6Hier wohnte Kathinka Hofmann geb. Katz Jg. 1878 deportiert 1942 Theresienstadt, ermordet 1944 in Auschwitz14.12.2010rahmenlosLina IsraelAmtsstraße 2Hier wohnte Lina Israel geb. Kaufmann Jg. 1878 deportiert 1942 ermordet 1942 im besetzten Polen14.12.2010rahmenlosLeopold IsraelObertal 3Hier wohnte Leopold Israel Jg. 1868 deportiert 1942 Theresienstadt tot 12.3.194314.12.2010rahmenlosAmalie LindheimerBachgasse 1Hier wohnte Amalie Lindheimer Jg. 1878 deportiert 1942 Theresienstadt tot 194214.12.2010rahmenlosJohanna LindheimerBachgasse 1Hier wohnte Johanna Lindheimer Jg. 1874 deportiert 1942 Theresienstadt tot 2.4.194314.12.2010rahmenlosRecha LindheimerBachgasse 1Hier wohnte Recha Lindheimer geb. Stern Jg. 1889 deportiert 1942 ermordet 1942 in Auschwitz14.12.2010rahmenlosBertha RubensBachgasse 1Hier wohnte Bertha Rubens geb. Lindheimer Jg. 1911 deportiert 1942 ermordet 1942 in Auschwitz14.12.2010rahmenlosHelene HirschOranienstraße 2Hier wohnte Helene Hirsch geb. Lindheimer Jg. 1922 deportiert 1942, Auschwitz ermordet 5.11.194214.12.2010rahmenlosOtto LöwFreiherr-vom-Stein-Straße 8Hier wohnte Otto Löw Jg. 1879 deportiert 1942, Lublin ermordet 18.6.1942, Sobibor14.12.2010rahmenlosRosalie LöwFreiherr-vom-Stein-Straße 8Hier wohnte Rosalie Löw geb. Landau Jg. 1885 deportiert 1942, Lublin ermordet 18.6.1942, Sobibor14.12.2010rahmenlosEmma RosenthalBahnhofstraße 4Hier wohnte Emma Rosenthal geb. Heilbronn Jg. 1884 deportiert 1941 ermordet 1941 in Lodz14.12.2010rahmenlosGustav SternEmser Str. 14/16Hier wohnte Gustav Stern Jg. 1854, gedemütigt/entrechtet, Flucht in den Tod, 18.11.1938, Wiesbaden14.12.2010rahmenlosAm Burgberg 5 Mehr als 1000 Menschen wurden von den Nationalsozialisten zwischen 1941 und 1945 aus der zur Zwischenanstalt umfunktionierten Landesanstalt Scheuern in andere ‚Heilanstalten‘ überwiesen und dort ermordet. Die meisten in Hadamar.27.1.2011rahmenlos
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