Die Korrespondenz Hoffmann, auch Correspondenz Hoffmann (Kürzel: CH), war eine Nachrichtenagentur in München, die von 1867 bis 1933 bestand. Durch ihre besondere Nähe zum bayerischen Königshof und zur Staatsregierung galt sie als halbamtlich oder regierungsoffiziös. Sie gehörte seit 1897 zum Unternehmen Süddeutsches Korrespondenzbüro (SDK) in München, welches wiederum eine Tochtergesellschaft der halbamtlichen Agentur Wolffs Telegraphisches Bureau (WTB) in Berlin war. Zahlreiche Zeitungen Bayerns zitierten die Korrespondenz täglich als Quelle, darüber hinaus waren die Nachrichten durch den WTB-Verbund reichsweit als auch im nahen Ausland, insbesondere Österreich-Ungarn und der Schweiz, verbreitet.
Geschichte Der Gründer und die Anfangsjahre Gegründet wurde der Dienst von dem Lehrer Georg Hoffmann (* 1828 in Neudorf (Schauenstein), Oberfranken; † 1. August 1872 in Marburg). Hoffmann war Lehrer, später Rektor der Lateinschule in der oberfränkischen Marktgemeinde Thurnau (Landkreis Kulmbach). Seine ersten Veröffentlichungen waren ab 1853 Aufsätze zu Pädagogik und Schulgeschichte in Schuljahresberichten.Verzeichnis der Programme und Gelegenheitsschriften, welche an den bayerischen Lyzeen, Gymnasien und Lateinschulen sowie an andern Mittelschulen vom Schuljahre 1823/24 an erschienen sind : ein Beitrag zur Schul- und Literaturgeschichte Bayerns / 1. Vom Schuljahre 1823/24 bis zum Schlusse des Schuljahres 1859/60. Progr. Bamberg, K. B. Studienanst. 1860/61. 1. [Digitalisat]
Er wechselte an die Königliche Studienanstalt (heute Gymnasium Christian-Ernestinum) im oberfränkischen Bayreuth. Neben dem Schuldienst war der sportbegeisterte Hoffmann Gründungsvorsitzender (1861–62) des Turnvereins Bayreuth (später Bayreuther Turnerschaft) und gehörte zum Vorstand des Bayerischen Turnerbundes.Richard Tscheuschner, Grußwort. Bayreuther Turnerschaft BTS 150 Jahre 1861–2011. BTS Report, Vereinszeitung der Bayreuther Turnerschaft von 1861 e. V., Jubiläumsausgabe 2011, Nr. 65/2011, S. 3 http://www.bayreuther-turnerschaft.de/Hauptverein_Stand_2011_11_22/06%20hauptverein%20-%20geschichte%20-%20presse/BTS-Report_2011.pdf (abgerufen am 12. Februar 2024)Foto mit Hoffmann auf Abbildung. „Der erste Turnrath des Turnvereins Bayreuth 1861“, Archiv Bürgermeister-Bernd-Mayer-Stiftung, Bayreuth, in: Bayreuther Turnerschaft BTS 150 Jahre 1861–2011. BTS Report, Vereinszeitung der Bayreuther Turnerschaft von 1861 e. V., Jubiläumsausgabe 2011, Nr. 65/2011, S. 5 [PDF] Im Oktober 1862 wurde er Gründer und verantwortlicher Redakteur der Sportverbandszeitschrift Blätter für die Angelegenheiten des Bayerischen Turnerbundes, die in Bayreuth als Organ für das gesamte bayerische Turnwesen erschien.Georg Hoffmann, „An die Turnvereine im diesseitigen Bayern“. Blätter für die Angelegenheiten des Bayerischen Turnerbundes 1. Jg., Nr. 1., 22. Oktober 1862, S. 1–2 [Digitalisat] Diese Tätigkeit als Sportfunktionär hatte politische Bedeutung und sollte für seine Karriere wichtig sein. Turnvereine galten immer noch als Keimzellen für liberal–demokratisches, antimonarchisches oder sogar sozialdemokratisches Gedankengut. Sie wurden von Polizei und Behörden genau beobachtet. Offenbar gewann der Vorstand Hoffmann das Wohlwollen des Innenministeriums, weil er den Turnerbund in gemäßigten, Staat und Krone gegenüber loyalen Bahnen hielt. Hoffmanns Gegner vermuteten, dass hier die enge Beziehung zur Staatsregierung begann, die ihn für sein Wohlverhalten belohnte und förderte.„Die Correspondenz Hoffmann (Ein Beitrag zur Zeitgeschichte im Kleinen.)“. Pfälzische Post. Kaiserslautern, Nr. 248, 6. Dezember 1871, S. 1. [Digitalisat]
In Bayreuth veröffentlichte er 1863/64 das Buch Grundlinien des Religions-Unterrichts in den unteren und mittleren Klassen der deutschen Volksschulen.Georg Hoffmann. Grundlinien des Religions-Unterrichts in den unteren und mittleren Klassen der deutschen Volksschulen. C. Gießel: Bayreuth 1865. Google Books Ein Wechsel an eine städtische Schule in Nürnberg scheiterte, weil das eher liberal eingestellte Gemeindekolleg das Buch und seinen Autor als zu konservativ ablehnte und verhinderte, dass der Magistrat Hoffmann einstellte.Gerhard Pfeiffer. Das Nürnberger Gemeindebevollmächtigtenkolleg 1818–1919. MVGN Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg. 65 (1978), S. 387 [Digitalisat] Dies dürfte Hoffmann jedoch positiv bei den Innenbehörden positioniert haben.
Im April 1864 wechselte Hoffmann an die Königliche Studienanstalt Zweibrücken (damals zur Provinz Pfalz (Bayern), heute Rheinland-Pfalz). Im Januar 1866 erhielt er bei fortgesetzten Bezügen sechs Monate Urlaub, der zu mehreren Jahren werden sollte.„Durch höchste Entschließung vom 25. Januar wurde dem Studienlehrer Hoffmann sechsmonatlicher Urlaub ertheilt.“ Zit. nach: „Zur Geschichte der Anstalt“. Jahresbericht über die Königliche Studienanstalt in Zweibrücken für das Studienjahr 1866/67. Zweibrücken 1867 (August Kranzbühler), S. 26 [Digitalisat MDZ / BSB] Er wurde in das „Berichtigungs-Bureau“ des Ministeriums des Innern in München berufen. Dieses war ein Vorläufer des Presseamts der Regierung. Es war indirekt ein Instrument der Zensur, sollte aber vor allem im Sinne von Public Relations eine positive Beeinflussung der Zeitungsredaktionen gewährleisten.„Das Berichtigungs-Bureau“. Münchener Annoncen-Blatt 1. Jg., Nr. 47, S. 1. [Digitalisat]
1867 gründete Georg Hoffmann, offenbar weiterhin beim Innenministerium beschäftigt und mit Bezügen als freigestellter Lehrer, als privates Unternehmen die Hoffmann’sche Correspondenz, die später Correspondenz Hoffmann, dann Korrespondenz Hoffmann genannt wurde. Sie lieferte nachrichtlichen Rohstoff für Zeitungsredaktionen. Dieser Pressedienst wurde von einem handschriftlichen Original, das mit autographischer Tinte auf Spezialpapier geschrieben wurde und pro Ausgabe mehrere Meldungen enthielt, im Umdruckverfahren (Autographie bzw. Lithographie) vervielfältigt und anschließend per Post oder Kurier in die Redaktionen ausgeliefert. Zum Einsatz kamen Rau (1939) zufolge anfangs zwei Pressen, eine Zinkdruckpresse und eine Steindruckpresse. Zunächst abonnierten 18 Zeitungen Hoffmanns Dienst, der täglich erschien und zunächst 2 Gulden monatlich; 1868 hatte Hoffmann 40 Zeitungen als Kunden und verlangte bis zu 5 Gulden, gab einigen Redaktionen jedoch günstigere Konditionen. In späteren Jahren wurde das Original mit Schreibmaschinen und weiteren Druckverfahren sowie Telefondienst, telegraphische Ferndrucker und Fernschreiber hinzu.
Die Herausgabe geschah, so der Pressehistoriker Heinrich Wuttke, „im Einvernehmen mit der Regierung“.Heinrich Wuttke. Die deutschen Zeitschriften und die Entstehung der öffentlichen Meinung: ein Beitrag zur Geschichte des Zeitungswesens. 2., erw. Aufl. Leipzig: Verlag von Joh. Wilh. Krüger 1875, S. 117 [Digitalisat] Es war völlig offensichtlich, dass die Korrespondenz offiziös war, und so wurde sie in vielen Redaktionen auch benannt – auch wenn das zum Teil verdeckt werden sollte. Der liberale Fränkische Kurier (Nürnberg) berichtete über die „erst seit Kurzem in München erscheinende lithographierte Korrespondenz Hoffmann, deren Entstehen nach unserem Bedünken gewissen preßbureaulichen Anregungen des Ministeriums des Innern nicht ferne steht“.Fränkischer Kurier Nr. 65, 6. März 1867, S. 2. [Digitalisat] Die regierungskritische katholisch-konservative Münchner Zeitung Der Volksbote für den Bürger und Landmann machte sich 1867 lustig über „die offiziöse und nicht offiziös seyn sollende ,Korrespondenz Hoffmann“.Der Volksbote für den Bürger und Landmann Nr. 172, 26. Juli 1867, S. 1. [Digitalisat]
Die Korrespondenz profitierte davon, dass die Regierung 1869 den Vertrag mit ihrem wichtigsten Rivalen löste, der Süddeutschen Presse, einer Münchner Tageszeitung des Verlegers Julius Fröbel. Der bayerische Staatsminister des Innern im Landeskabinett Hohenlohe, Winfried Hörmann von Hörbach, entschied sich – so sein offenes Statement im Landtag – gegen ein staatlich finanziertes, amtliches Regierungsblatt als Verlautbarungsorgan. Ein solches wurde erst wieder 1912 mit der Bayerischen Staatszeitung gegründet. Dagegen entschied sich Hörmann bewusst für die Weiterführung des Vertrags mit der Korrespondenz Hoffmann. Er betonte aber die Selbstbeschränkung dahingehend, dass „die officiöse Hoffmann’sche Correspondenz […] in der Regel nur zu kleinen factischen Mittheilungen benützt wurde“.Winfried Hörmann von Hörbach in: „Aus der General-Debatte der Kammer der Abgeordneten über die Antwortadresse auf die Königliche Thronrede“. [Deutschlands Verfassung (Bayerischer Landtag). ] Staatsarchiv 18. Jg., Nr. 3994 B Bayern 31. Januar 1870. Hamburg: Otto Meissner 1870, S. 327ff. [Digitalisat]
Die Person Hoffmann und ihre besonders enge Kommunikationsbeziehung zu Hof und Kabinett wurde öffentlich genau beobachtet. Es erregte etwas Aufsehen, dass der immer noch beurlaubte Zweibrücker Lehrer Hoffmann zum außerordentlichen Gymnasial-Professor („extra statum“) ernannt wurde.Der Fortschritt auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens, Nürnberg, 4. Jg., Nr. 339, 7. Dezember 1868. S. 4 [Digitalisat] Im August 1871 wurde er zum ordentlichen Gymnasial-Professor (in statum) ernannt und an die Königliche Studienanstalt Schweinfurt versetzt. Offiziell kehrte er auf eigenen Wunsch auf einer festen Planstelle ins Lehramt zurück.Tag- und Anzeigeblatt für Kempten und das Allgäu 9. Jg., Nr. 195, 19. August 1871, S. 1. [Digitalisat]
Dem ging eine Vertrauenskrise und ein Zerwürfnis zwischen Georg Hoffmann und Regierung im März 1871 voraus. Deren Folge war, dass die Korrespondenz öffentlich mitteilte, dass sie vom 1. April 1871 an nicht mehr als offiziös, sondern regierungsunabhängig erscheinen werde. Die Ursache war das Vorgehen Hoffmanns bei der im März 1871 anstehenden ersten Reichstagswahl. Einer Darstellung im Volksboten zufolge schrieb Hoffmann alle Wahlleiter (Wahlkommissare) in den 48 bayerischen Wahlkreisen an und forderte sie auf, ihm die eingehenden Ergebnisse zu telegraphieren. Er unterzeichnete als „Herausgeber der ,ministeriellen‘ Korrespondenz Hoffmann“. Daraufhin verbot das Innenministerium den Wahlkommissaren förmlich die Zusammenarbeit mit Hoffmann.Der Volksbote für den Bürger und Landmann Nr. 55, 8. März 1871, S. 226 [Digitalisat]
Dass die Korrespondenz kein Regierungskanal mehr sein würde, stieß aber auf Skepsis. „Wer’s glaubt, wird seelig!“, kommentierte etwa Der freie Landbote. „Das Wievieltemal ist’s denn schon daß dieses Manöver gemacht wird?“Der freie Landbote (München) Nr. 55, 8. März 1871, S. 3 [Digitalisat] Tatsächlich änderte sich trotz des Vorfalls offenbar wenig an der Praxis, dass die Korrespondenz ständig exklusive Regierungsnachrichten verbreitete und damit eine Art Monopol genoss.
Georg Hoffmann erkrankte im Sommer 1871 an einem Nierenleiden. Er war nicht mehr in der Lage zu unterrichten. Zwar erhielt er die Stelle als Gymnasialprofessor in Schweinfurt, aber de facto wurde er von der Regierung in den Ruhestand versetzt. Eine Kur am Chiemsee war erfolglos. Er war ab Herbst monatelang bettlägerig, begab sich im Mai 1872 zu einer weiteren Kur nach Bad Wildungen (Fürstentum Waldeck), zog sich eine weitere Infektion zu und starb in einer Klinik in Marburg am 1. August 1872 mit nur 44 Jahren. Der Tod des Pädagogen, Publizisten und Sportfunktionärs wurde in zahlreichen Zeitungen Bayerns vermeldet.Augsburger Abendzeitung Nr. 212, 3. August 1872, S. 3065–3066 [Digitalisat]
Nach der Gründerära