Der Karnische Hauptkamm ist eine Gebirgsgruppe der Südlichen Kalkalpen und ein Teil der Karnischen Alpen. Er verläuft entlang der Grenze zwischen Österreich (Osttirol, Kärnten) und Italien (Südtirol, Belluno, Friaul).
Der Kamm erreicht seinen höchsten Punkt in der Hohen Warte mit Der rund 110 km lange, von West nach Ost verlaufende Karnische Hauptkamm bildet fast durchgehend eine Wasserscheide zwischen dem Schwarzen Meer und der Adria. Tektonisch gehören die Karnischen Alpen zum Südalpin und sind gegen Norden durch die Periadriatische Naht vom Ostalpin getrennt. Die Geologie des Gebirges ist äußerst vielfältig und umfasst Gesteine aus dem Paläozoikum und dem Mesozoikum. Die ältesten Gesteinsschichten wurden an der Grenze zwischen Ediacarium und Kambrium gebildet und sind etwa 550 Millionen Jahre alt.
Das weitgehend naturnahe Gebiet mit seiner stark gegliederten Höhenzonierung bietet Lebensräume für viele Tier- und Pflanzenarten und steht auf italienischer Seite größtenteils unter Naturschutz. Während des Ersten Weltkriegs war der Karnische Kamm unmittelbares Frontgebiet, und es kam zu einem erbitterten Gebirgskrieg zwischen Österreich-Ungarn und dem Königreich Italien. Kriegsrelikte und Soldatenfriedhöfe im Gebirge erinnern daran.
Durch Alpenvereinshütten, ein großes Wegenetz und mehrere Wintersportgebiete ist der Karnische Hauptkamm für den Tourismus erschlossen. Der rund 155 km lange Karnische Höhenweg durchquert das Gebirge von West nach Ost und ist Teil der Friedenswege. Namensgebend für das Gebirge ist das antike Volk der Karner.
Geographie Der Karnische Hauptkamm hat eine maximale Ausdehnung zwischen Innichen bzw. Sillian im Westen und der Einmündung der Gailitz in die Gail im Osten von 110 und von Nord nach Süd von 19 Kilometern; er umfasst eine Gesamtfläche von etwa 1330 km².
Umgrenzung Die Grenzziehung folgt der Alpenvereinseinteilung der Ostalpen (AVE), der Karnische Hauptkamm hat die Nummer 57a. Diese orographische Abgrenzung wurde von August Böhm von Böhmersheim bereits Ende des 19. Jahrhunderts festgelegt. Im österreichischen Sprachgebrauch wird der Begriff Karnische Alpen oft synonym für den Hauptkamm benutzt, da Österreich nur mit dem nördlichen Abschnitt des Hauptkamms Anteil an den Karnischen Alpen hat. Die Karnischen Alpen umfassen nach heutiger Auffassung auch das Gebiet von Karnien sowie die Karnischen Voralpen in Italien.
Die Begrenzung verläuft von Innichen durch das Drautal bis zur Einmündung des Gailbachs und folgt dem Bach bis zum Kartitscher Sattel. Das Gailtal bis zur Einmündung der Gailitz bildet die Nordgrenze. Die Ostgrenze bildet die Gailitz bis nach Tarvisio. Im Süden verläuft die Grenze durch das Kanaltal bis nach Pontebba und entlang des Frattengrabens hinauf zum Pass Forca Pradulina und abwärts entlang des Rio Turrico nach Paularo; von dort westwärts nach Ligosullo über Paluzza nach Comeglians. Von Comeglians schwenkt die Grenze nach Nordwesten und folgt dem Deganotal (Val Degano) bis nach Forni Avoltri und über Sappada sowie Piave nach San Stefano di Cadore. Die Grenze wird durch das Padolatal über den Kreuzbergpass und durch das Sextental zurück nach Innichen geschlossen.
Verkehr mini|hochkant|Verlauf der Strada Statale 52 bis Carnica hinauf zum Grenzübergang am Plöckenpass (Passo di Monte Croce Carnico) Im Norden des Karnischen Hauptkamms verläuft im Gailtal zwischen Arnoldstein und dem Pustertal die Gailtal Straße (B 111). Sie hat ihren höchsten Punkt im Kartitscher Sattel (). Ebenfalls im Gailtal verläuft von Arnoldstein bis Kötschach-Mauthen die Gailtalbahn. Arnoldstein im Osten ist ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt und Grenzbahnhof auf österreichischer Seite. Von Norden kommend führt die Rudolfsbahn nach Italien, wo sich in Tarvis der Grenzbahnhof befindet. Die Süd Autobahn (A 2) führt dort ebenfalls über die Staatsgrenze und ist auf italienischer Seite mit der Autostrada A23 verbunden. Parallel dazu verläuft die Kärntner Straße (B 83) bzw. die Strada Statale 13 Pontebbana. A23 und SS13 verlaufen durch das Kanaltal nach Westen bis Pontebba. Von Pontebba führt die Strada Provinciale 110 nach Norden über die Passhöhe des Nassfelds () nach Österreich, wo die Nassfeld Straße (B 90) anschließt. Die Strada Provinciale 23 bzw. Strada Provinciale 24 verbindet Paularo mit Paluzza. Von Paluzza führt die Strada Statale 52 bis Carnica hinauf zum Plöckenpass (), wo sich die Staatsgrenze zu Österreich befindet und die Straße als Plöckenpass Straße (B 110) weitergeführt wird. Die Strada Regionale 355 verbindet Comeglians mit Forni Avoltri, Sappada und Santo Stefano di Cadore. Die Strada Statale 52 Carnica verläuft von dort bis nach Innichen ins Pustertal. Innichen und Sillian sind über die Pustertaler Staatsstraße bzw. die Drautal Straße auf österreichischer Seite verbunden. Parallel dazu verläuft die Pustertalbahn bzw. die Drautalbahn.
Gliederung und Gipfel mini|Die Kellerspitzen () (links) und Hohe Warte () (rechts) sind die höchsten Erhebungen im Karnischen Hauptkamm Der Karnische Hauptkamm ist ein homogener Gebirgskamm, dem nach Norden und Süden kleinere Randgruppen vorgelagert sind.
Der Kammverlauf beginnt im Westen beim Helm () und ist bis zur Porze () alleinstehend. Südlich der Porze ist dem Kamm, durch den Passo Palombino () getrennt, die Crode dei Longerin () vorgelagert. Der weitere Kammverlauf zwischen Tilliacher Joch () und Öfner Joch () ist wieder einheitlich ohne Vorlagerungen. Die Monte-Peralba-Monte-Avanza-Gruppe befindet sich südlich des Hochalpljochs () und ist vom Hauptkamm, mit Ausnahme des Jochs, durch tief eingeschnittene Täler getrennt. Namensgebend sind die landschaftsprägenden Gipfel von Monte Peralba () und Monte Avanza (). Südwestlich davon liegt die relativ eigenständige Rinaldogruppe mit dem Monte Rinaldo () als höchste Erhebung. Vom Öfner Joch ostwärts bis zum Giramondopass () ist der Karnische Kamm wieder alleinstehend. Der Kammverlauf vom Giramondopass bis zum Wolayer Pass () wird auch Biegengebirge genannt. Darauf folgt nach Osten der Kammverlauf vom Wolayer Pass bis zum Plöckenpass (). In diesem Abschnitt befinden sich die höchsten Gipfel des Karnischen Hauptkamms. Er besteht aus den Wandabstürzen von Seewarte (), Hoher Warte (), Keller Warte (), den Kellerspitzen () und dem Kollinkofel (). Wolayer Pass und Plöckenpaß sind markante Zäsuren des Kammes. Ab dem Plöckenpaß wird der Kamm deutlich niedriger und verläuft ohne Vorlagerungen bis zum Nassfeld (). Die höchsten Erhebungen im Gebiet sind der Rosskofel () und der Gartnerkofel (). Ab dem Gartnerkofel ostwärts ist der Kamm weniger stark ausgeprägt und die Gipfel überschreiten nicht die Höhe von . Die Göriacher Alpe bildet den östlichen Endpunkt des Karnischen Hauptkamms.
Vergletscherung mini|Der Eiskargletscher im September 2023. Der einzige Gletscher des Karnischen Hauptkammes und zudem der südlichste Gletscher Österreichs befindet sich im Eiskar nördlich des Kollinkofels am Fuß der Kellerwand, etwa 3 km westlich des Plöckenpasses. Das Kar liegt auf einer Höhe von und damit 500 m unterhalb der heutigen Schneegrenze. Dass sich dort bis heute ein Gletscher halten konnte, liegt zum einen an seiner Ausrichtung nach Norden und den mächtigen Felswänden der Kellerwand, die das Eiskar vor Sonneneinstrahlung und dem Abschmelzen schützen. Zum anderen ist das Gebiet sehr niederschlagsreich, mit einem Maximum im Oktober und November, wobei der Niederschlag in diesen Monaten meist als Schnee fällt.
Gewässer mini|Der Zollnersee ist vermutlich ein Toteissee. Im Hintergrund der Hohe und der Kleine Trieb Der Karnische Hauptkamm ist fast durchgehend eine Wasserscheide zwischen dem Schwarzen Meer und der Adria. Der Norden entwässert über die Drau in die Donau. Der Süden entwässert über den Piave und den Tagliamento in die Adria. Der äußerste Südwesten, ab dem Kreuzbergpass, sowie der äußerste Südosten, ab dem Saifnitzer Sattel, entwässern ebenfalls in die Drau.
In den Hochlagen befinden sich mehrere kleine Bergseen, die durch die Erosionstätigkeit der Gletscher im Würm entstanden sind. Sie liegen in Karbecken oder werden durch Moränenreste aufgestaut. Dies sind etwa der Obstanser See, der Wolayer See oder der Lago Avostanis. Der Zollnersee ist vermutlich ein Toteissee. Der Lago di Pramollo am Nassfeld ist künstlich aufgestaut.
Geologie Tektonik mini|Eine geologische Störung verläuft durch die Porzescharte. Heller Massenkalk der Porze (links) aus dem Devon trifft auf Grauwacke der Roßkarspitze (rechts) aus dem Ordovizium Großtektonisch gehören die Karnischen Alpen zum Südalpin und sind gegen Norden durch die Periadriatische Naht vom Ostalpin getrennt.
Der heutige tektonische Aufbau der Karnischen Alpen ist das Resultat sowohl einer variszischen als auch einer intensiveren alpidischen Gebirgsbildung. Die prä-variszische Unterlage vom Ordovizium bis zum unteren Karbon ist durch eine klassische Winkeldiskordanz vom post-variszischen Deckgebirge (Oberes Karbon bis Trias) getrennt. Die Gesteinsschichten dieser beiden Sedimentationszyklen werden häufig als die zwei Stockwerke der Karnischen Alpen bezeichnet. Während der alpidischen Orogenese wurden beide Stockwerke kaum tektonisch überprägt und die Gesteine sind wenig deformiert bzw. nur schwach metamorph. Die ursprünglichen Schichtfolgen, einschließlich der eingeschlossenen Fossilien, wurden somit sehr gut konserviert. Der Karnische Hauptkamm besitzt einen komplexen Deckenaufbau und ist von mehreren tektonischen Störungen durchzogen.
Gesteine Die Gesteine des Karnischen Hauptkamms sind überaus vielfältig und wurden großteils von Meeresablagerungen aus dem Paläozoikum und dem Mesozoikum gebildet. Je nach Ablagerungsmilieu konnten sich während der gleichen Epoche sehr unterschiedliche Gesteine bilden. Im Folgenden sind weitverbreitete Formationen angeführt.
mini|Blick auf Hochwipfel (links) und Schulterkofel (rechts). Die Sandsteine der Hochwipfel-Formation als auch die gebankten Kalke der Schulterkofel-Formation stammen aus dem Karbon.