Die kurze Geschichte der deutschen Literatur ist ein 2002 im Carl Hanser Verlag erschienener, 158 Seiten langer Essay von Heinz Schlaffer. Die These, wonach die deutsche Literatur nur in den Jahren 1770–1830 und 1900–1950 einen eigenständigen Beitrag zur Weltliteratur geleistet habe, erregte eine heftige Debatte im Feuilleton und innerhalb der Germanistik.

Inhalt Schlaffer kommt zu der folgenden provokanten Periodisierung der deutschen Literaturgeschichte:Heinz Schlaffer, Die kurze Geschichte der deutschen Literatur, Hanser (2002), S. 21 8. Jahrhundert bis Anfang 18. Jahrhundert: missglückte Anfänge, Zustand der Latenz; 18. Jahrhundert: geglückter Anfang; 1770–1830: 1. Höhepunkt; Stagnation im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts; 1900–1950: 2. Höhepunkt; Nach 1950: geschwächter Fortgang.

Prämissen Schlaffer geht in seinem Buch von mehreren Prämissen aus.

Europäischer Kontext. Im „Wettstreit der Nationen“ um die kulturelle Vorherrschaft in Europa zeichnet sich Deutschland fast durchgehend durch kulturelle Verspätung, Rückständigkeit, kulturelle Unterlegenheit aus. Im Hoch-Hochmittelalter (12./13. Jahrhundert) war Frankreich führend, vom 14. bis 16. Jahrhundert war Italien führend, Spanien hatte sein Siglo d’Oro im 16./17. Jahrhundert, der Aufstieg Englands erfolgte im 16. Jahrhundert, unter Ludwig XIV. hatte Frankreich seine Klassik. Als letzte unter den westeuropäischen Literaturen konnte Deutschland mit der deutschen Klassik um 1800 mit den anderen europäischen Nationen gleichziehen, um dann gleich wieder zurückzufallen (Realismus und Naturalismus entstanden in Frankreich und England 20 Jahre früher als in Deutschland). Versteht man unter Nationalliteratur den Zusammenhang der im literarischen Gedächtnis einer Nation lebendig gebliebenen Werke, so besteht eine wirksame literarische Überlieferung in Italien seit dem 14. Jahrhundert (Dante, Petrarca, Boccaccio), in Frankreich, England, Spanien seit dem 15./16. Jahrhundert (Rabelais, Chaucer, Lope de Vega), in Deutschland seit dem 18. Jahrhundert (Lessing, Wieland, Klopstock).Heinz Schlaffer, Die kurze Geschichte der deutschen Literatur, Hanser (2002), S. 18 Fazit: Die weltliche Kultur in Deutschland reichte an die antiken und westlichen Vorbilder nicht heran.

Diskontinuität. Ein Phänomen in der deutschen Literaturgeschichte ist der Traditionsabbruch. Die Kenntnis der althochdeutschen Dichtung geht nach 1150 verloren, die der mittelhochdeutschen nach 1450, die der frühen Neuzeit nach 1770. Die Geschichte der deutschen Literatur besteht aus einer Serie verlorener Anfänge, ehe es zu einem Anfang kam, der Bestand haben sollte.Heinz Schlaffer, Die kurze Geschichte der deutschen Literatur, Hanser (2002), S. 19

Literaturbegriff. Schlaffer legt im Grund unseren „modernen Begriff von Literatur“ als absoluten Maßstab an („Literatur im strengen Sinn ist nur, was ein ästhetisches Vergnügen bereitet“Heinz Schlaffer, Die kurze Geschichte der deutschen Literatur, Hanser (2002), S. 27). Alles, was diesem Maßstab nicht genügt (Zweckliteratur, Gelegenheitsdichtung, Tagesliteratur), erscheint aus dieser hohen Perspektive als minderwertig: „Die deutsche Literatur hielt bis 1750 europäischen Maßstäben nicht stand“.Heinz Schlaffer, Die kurze Geschichte der deutschen Literatur, Hanser (2002), S. 16Dieses Programm bleibt von der Logik her angreifbar. Genauso gut könnte man in der Geschichte der Physik Einstein zum absoluten Maßstab erklären, und dann Newton dafür kritisieren, dass er die Relativitätstheorie nicht kannte.

Der deutsche Sonderweg. Schlaffer macht etwas spezifisch Deutsches in der deutschen Literaturgeschichte aus: das wechselnde, doch nie gleichgültige Verhältnis der deutschen Literatur zur christlichen Religion, v. a. zu deren mystischen, protestantischen und pietistischen Richtungen. Keine andere geistige Haltung hat die Bildungsgeschichte der deutschen Intelligenz seit dem Mittelalter und in besonderem Maß seit der Reformation so nachhaltig bestimmt wie die Religiosität.Heinz Schlaffer, Die kurze Geschichte der deutschen Literatur, Hanser (2002), S. 20f.

Mittelalter: Missglückte Anfänge Schlaffer sieht die Geschichte der deutschen Literatur im Mittelalter ganz unter dem Aspekt des „Vorsprung des Westens“: Kulturübernahme aus Frankreich, Rückständigkeit, kulturelle Unterlegenheit.

Höfische Literatur. Bei Ritterroman (Artusroman) und Minnesang handelt es sich um eine reine Kulturübernahme aus Frankreich: "Nicht leicht wäre anzugeben, was man außer der Sprache an diesen importierten Stoffen und Stilen deutsch nennen könnte".Heinz Schlaffer, Die kurze Geschichte der deutschen Literatur, Hanser (2002), S. 23 Die Ritterromane hatten keine Wirkung auf die Folgezeit, sie wurden später nicht mehr gelesen, sie waren schnell vergessen. Auch die neue mystische Spiritualität kam aus Frankreich. Schlaffer erläutert sein Urteil am Vergleich der Verhältnisse in Deutschland und Italien: Während in Deutschland selbst die Hauptwerke (Wolfram von Eschenbach, Gottfried von Straßburg, Walther von der Vogelweide) später „der Vergessenheit anheimfielen“, zählen die Hauptwerke der italienischen Literatur (Dante, Petrarca, Boccaccio) ohne Unterbrechung von der Zeit ihrer Entstehung bis in die Gegenwart zu den klassischen Texten der italienischen und europäischen Literatur. Während die italienischen Werke gleich nach der Einführung des Buchdrucks durch das neue Medium verbreitet wurden, erreichen die deutschen Werke (z. B. Minnesang, Nibelungenlied) das „rettende Ufer des Buchdrucks“ nicht. Während in Italien die Autoren in das neue Publikum der patrizischen Kaufleute der italienischen Stadtstaaten eingebunden waren, ist die mittelhochdeutsche Literatur Standesdichtung des Adels. Der Adel in Deutschland geriet im Spätmittelalter nicht nur in die Krise, sondern Hof und Adel wenden sich explizit von der literarischen Kultur ab und bevorzugen nicht-literarische Künste (Architektur, Musik, Feste)Heinz Schlaffer, Die kurze Geschichte der deutschen Literatur, Hanser (2002), S. 32. Die hochmittelalterliche deutsche Dichtung fällt schon im Verlauf des Spätmittelalters „dem Vergessen anheim“. Dass die Literatur des Mittelalters in Deutschland vergessen war, sieht man auch daran, dass sie im 18. Jahrhundert wie etwas völlig Fremdes wiederentdeckt wurde (Hildebrandslied, Minnesang, Nibelungenlied).

Literatur in der spätmittelalterlichen Stadt.Heinz Schlaffer, Die kurze Geschichte der deutschen Literatur, Hanser (2002), S. 26 Die Bewohner der spätmittelalterlichen Städte erhoffen sich vom Geschriebenen derbe Unterhaltung, moralische Ratschläge, fromme Hilfe. Literatur dient unter- und außerliterarischen Zwecken: Geistliche und weltliche Aufführungen, didaktische, satirische, spaßhafte Erzählungen, Predigten und Erbauungsbücher, Lieder für alle Gelegenheiten. Unter Zugrundelegung von Schlaffers hohem Dichtungsbegriff handelt es sich hierbei um „Werke und Werkchen von bescheidener Kunstfertigkeit“. Fazit Schlaffer: Das Urteil, dass die deutsche Literatur des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit von minderem Rang sei, muss nicht korrigiert werden.Heinz Schlaffer, Die kurze Geschichte der deutschen Literatur, Hanser (2002), S. 36

16./17. Jahrhundert: Rückschritt Europäischer Kontext. Die Reformationswirren (16. Jahrhundert) und der Dreißigjährige Krieg (17. Jahrhundert) verstärken das kulturelle Zurückfallen Deutschlands. Schlaffer resümiert: „Aus der deutschen Literatur dieser Epoche ist nicht viel geworden“.Heinz Schlaffer, Die kurze Geschichte der deutschen Literatur, Hanser (2002), S. 40 Die kulturelle Unterlegenheit Deutschlands zeigt sich darin, dass es in Deutschland kein Gegenstück gibt zu Frankreich (Ronsard, Rabelais, Montaigne), Italien (Ariost, Tasso), England (Shakespeare).Heinz Schlaffer, Die kurze Geschichte der deutschen Literatur, Hanser (2002), S. 36; Schlaffer erwähnt Grimmelshausen an dieser Stelle nicht In Frankreich, England, Italien war die Epoche das Zeitalter des beginnenden Absolutismus: Die Höfe fördern Literaten/Literatur.Heinz Schlaffer, Die kurze Geschichte der deutschen Literatur, Hanser (2002), S. 46 In Deutschland dagegen herrscht ein Desinteresse der Oberschicht, ja geradezu eine Verachtung der deutschen Literatur von Seiten der Führungsschicht. Deutsche Dichtung des 17. Jahrhunderts soll, selbst wenn sie deutsch geschrieben ist, ihre Herkunft aus nicht-deutschen Quellen demonstrieren. Viele Werke geben sich stolz als Übersetzungen oder Nachahmungen zu erkennen. Tragödienstoffe werden der römischen, orientalischen, ja selbst der englischen Geschichte entlehnt, nur nicht der deutschen, weil diese nicht als poesiewürdig anerkannt ist.Heinz Schlaffer, Die kurze Geschichte der deutschen Literatur, Hanser (2002), S. 43

Sprache. Diese Verhältnisse spiegeln sich in der Auffassung der Sprache. Während französische und englische Gelehrte selbst für wissenschaftliche Themen vorwiegend Volkssprache verwenden, dominiert in Deutschland das Latein. Dies erschwerte in Deutschland die Bildung einer nationalen Literatursprache. Die kulturelle Unterlegenheit Deutschlands spiegelt sich in der Verachtung der deutschen Sprache nicht nur durch Ausländer, sondern in einer Selbstverachtung der deutschen Sprache von Seiten der Deutschen selbst.Heinz Schlaffer, Die kurze Geschichte der deutschen Literatur, Hanser (2002), S. 41 In Deutschland war Französisch die Standessprache der Aristokraten, Latein die Sprache der Gelehrten, Deutsch redete man „mit dem Dienstpersonal“. Beredtes Zeugnis für diese Verhältnisse ist der berühmte Ausspruch des Kaisers Karl V.: „Mit Gott spreche ich Spanisch, mit den Frauen Italienisch, mit den Männern Französisch, Deutsch aber spreche ich mit meinem Pferd“. Es sollte noch bis zum Anfang des 18. Jahrhunderts dauern, bis Gottsched eine einheitliche deutsche Literatursprache durchsetzen konnte.

Literatur. Der italienische Humanismus konnte in Deutschland aus religiösen Gründen nicht Fuß fassen. Im gesamten 16. Jahrhundert stehen fast alle Veröffentlichungen im Dienst des Glaubenskampfs (Reformation). Das Lob der eigenen Sache und die Schmähung der gegnerischen ist der Zweck der polemischen Tageliteratur von Flugschriften, Satiren, Dialogen, Liedern, Fabeln, Schwänken. Auch hier gilt das Diktum Schlaffers, es handle sich hierbei um „Werke und Werkchen von bescheidener Kunstfertigkeit“. Einziger Lichtblick in Deutschland war die geistliche Dichtung des 17. Jahrhunderts (Friedrich Spee, Paul Fleming, Paul Gerhardt, Angelus Silesius). Mit ihr zeigen sich die Anfänge eines spezifischen Tons in der Lyrik, der von Anfang des 17. bis ans Ende des 19. Jahrhunderts zu vernehmen ist. Das in der Volkssprache gesungene Kirchenlied ist im 16./17. Jahrhundert eine Gepflogenheit v. a. der Protestanten.Heinz Schlaffer, Die kurze Geschichte der deutschen Literatur, Hanser (2002), S. 50

18. Jahrhundert: Der geglückte Anfang Europäischer Kontext. Die anderen europäischen Nationen hatten ihre Klassiken alle schon gehabt. Als letztes der europäischen Länder findet Deutschland zu seinem klassischen Zeitalter. Der Begriff einer „deutschen Klassik“ wurde im 19. Jahrhundert eingeführt, um zu dokumentieren, dass die deutsche Literatur (endlich) mit den Literaturen der anderen europäischen Länder gleichgezogen hatte.Heinz Schlaffer, Die kurze Geschichte der deutschen Literatur, Hanser (2002), S. 108; Schlaffer hält den Begriff einer deutschen Klassik allerdings für unangemessen