mini|Alte Katalogansicht des Gebäudeensembles der Seilerei Reutlinger, Ende des 19. Jahrhunderts Die alte Seilerei Reutlinger ist ein seit 2021 denkmalgeschütztes Gebäudeensemble in Frankfurt am Main. Die ehemalige Seilerei liegt zwischen den Frankfurter Stadtteilen Oberrad und Sachsenhausen auf einem 15.000 m² großen Areal zwischen der Offenbacher Landstraße und dem Goldbergweg. Ab 1889 wurden auf dem Gelände Taue und Stricke auf einer Reeperbahn hergestellt. Die Produktion von bis zu 300 m langen Seilen für verschiedene Anwendungen endete 1985. Die historischen Fabrikhallen mit rund 5000 m² Produktionsfläche wurden im Zweiten Weltkrieg teilweise zerstört, die Produktion danach an diesem Standort erneut aufgebaut und wieder aufgenommen.

Werkshalle, Seilerbahnhalle und Wohnhaus mini|Gesamtansicht des Gebäudeensembles Die ursprüngliche Fabrikanlage bestand 1889 aus dem Fabrikgebäude Nr. 3 sowie der 300 m langen Seileranlage und wurde 1889 von Baumeister und Architekt Karl Wiegand,(Offenbach) als funktionales Backsteingebäude, welches heute teilweise mit hellem Putz versehen ist, erbaut. Als Besonderheit ist belegt, das die Seilerbahn aufgrund baurechtlicher Auflagen des Frankfurter Bebauungsplanes im Bereich einer zukünftigen Kreuzungsstraße nicht mit Fundamenten und ohne festes Dach, sondern lediglich mit Zeltplanen abgedeckt, zu errichten und zu betreiben war. Auch gab es zu Anfang keine Wasser- und Abwasseranschlüsse auf dem Gelände. Erst 1930 wurde diese Baulast aufgehoben, nachdem bereits um die Jahrhundertwende der Bebauungsplan durch den Frankfurter Magistrat aufgegeben wurde.Hock: Chronik der Seilerfamilie Reutlinger, Seiten 53–56

Die 1889 errichteten Industrie-Backsteingebäude sind nur noch in Teilen im Original erhalten, da sie am 4. Oktober 1943 bei einem Luftangriff auf Frankfurt am Main zu großen Teilen zerstört wurden. Die Gebäude wurden jedoch nach dem Krieg bis etwa 1952 nahezu identisch wieder aufgebaut und bis 1975 stetig erweitert. Heute besteht die historische und geschützte Bausubstanz aus derDirektorenvilla, einer Werkshalle und der Seilerbahnhalle.

Werkshalle Die Werkshalle geht in ihren Grundzügen auf den historischen Baubestand des späten 19. Jahrhunderts zurück. Sie wurde zeittypisch als partiell ziegelsichtiger Mauerwerksbau errichtet, allerdings fehlt ihr seit dem Wiederaufbau der 1940er Jahre der bauzeitliche dekorative Schweifgiebel an der Westfassade. Flache Satteldächer, zunächst als einfache Notdächer aus Blech und Pappe errichtet, belegen die pragmatische Bauweise des Wiederaufbaus. Der in Ost-West-Richtung sechsachsig ausgebildete Baukörper zeigt insbesondere an der West- und Nordseite noch seine bauzeitliche mittels lisenenartiger Bänder und einfacher Segmentbogenstürze rhythmisierte Fassadengliederung. Die im Zuge des Wiederaufbaus eingebrachten kleinteiligen Stahlrahmenfenster weitgehend erneuert.

Seilerbahnhalle Die 1944 neu entstandene etwa 300 m lange Konstruktion der Seilerbahnhalle belegt die zweckmäßige Formsprache der durch Materialmängel und wirtschaftlichen Druck bestimmten frühen Nachkriegszeit. Der einfache Mauerwerksbau ist bis in heutige Zeit mit einem schlichten Pultdach mit einfacher Sparrenkonstruktion gedeckt. Das ursprünglich stützenfreie Innere ist heute in einzelne Bereiche unterteilt, die durch teilweise in jüngerer Zeit eingebrachte Türen abtrennbar sind. Die Belichtung erfolgt über die durch nahezu bodentiefe Fenster mit kleinteilig ausgebildeten als Sprossen-Stahlrahmen gegliederte Ostseite. Der Fensterbestand ist in weiten Teilen noch im Original erhalten. Im Inneren finden sich teilweise die Schienenstränge der Seilerbahn, die die Funktion des Bauwerks noch deutlich nachvollziehbar machen.

Wohnhaus (Direktorenvilla) Bereits 1954 hatte Wilhelm Benjamin Reutlinger eine Voranfrage zum Bau eines Wohnhauses für „den Geschäftsführer“ auf dem Fabrikgelände gestellt. Die ersten Pläne hatte der Frankfurter Architekt Karl Molzahn geliefert. Das traufseitig in Ost-West-Richtung angelegte Gebäude sollte von der Straße aus den weiter südlich gelegenen, als unschön empfundenen Ersatzbau für Büro- und Lagerräume der Seilerei verdecken. Warum Molzahns Pläne keine Umsetzung erfuhren, ist nicht bekannt. Bereits im darauffolgenden Jahr legte der junge Architekt Ottokar Hiller im Auftrag des Bauherrn neue Planungen vor. Auch wenn diese sich im Grundsatz am Molzahnschen Entwurf orientierten (insbesondere im Hinblick auf die straßenseitige Ausgestaltung, ähnliche Grundrissgröße, Erschließung von Westen), zeigt sich das ab 1955 errichtet Wohnhaus in einer deutlich moderneren Formsprache. Hillers Entwurf wird bestimmt durch eine ausgewogene Kombination konservativer und innovativer Gestaltungselemente, die seine Nähe zu dem zeitgleich in Frankfurt tätigen Architektenbüro Giefer und Mäckler erahnen lassen.

Wie auch bei Molzahn wählte Hiller für die zur Offenbacher Landstraße ausgerichtete nördliche Traufseite des zweigeschossigen Gebäudes eine gediegene und geschlossene Fassadengestaltung. Drei in engem Abstand positionierte, schmale Fensterformate in Erd- und Obergeschoss sowie ein vertikales Band, bestehend aus zwei großen, mehrteiligen Fenstern mit hölzernen Verkleidungen in den Brüstungsfeldern gliedern die Fassade. Der strenge Gesamteindruck wird hier zurückhaltend durch sechs akzentuierende kleine kreisrunde Lichtöffnungen, filigrane graphische Fenstergitter im Erdgeschoss und bei genauerem Hinsehen auch durch den allseitig dynamischen Kellenschwung des hellen Putzes belebt. Die Kellergeschosszone wurde in neuerer Zeit durch Einbringung eines neuen Zugangs verändert.

Ähnlich geschlossen zeigt sich auch die schlichte Ostseite, die als einzig markantes Motiv die kreisrunden Öffnungen wieder aufnimmt und vervielfacht (Teil der Belichtung von Speisezimmer, EG und Elternschlafzimmer, OG). Ein deutlich kreativerer Umgang in Form und Materialsprache bestimmt die Gestaltung der West- und Südfassade. Die den Haupteingang aufnehmende westliche Giebelseite wird durch einen halbseitigen Fassadenrücksprung sowie den diesen Versprung aufnehmenden Balkon im Obergeschoss dominiert. Sein schmales Brüstungsgeländer aus flachen Metallstreben findet sich ähnlich an der Haustürtreppe wieder. Zwei vertikale gestrebte Ziergitter schmücken die kleinen Flurfenster neben der Tür. An der dem Garten zugewandten Südseite offenbart sich Hiller innovativer Grundrissentwurf, dessen Staffelung die Fassade durch großzügige Lichtöffnungen und überdachte Austritte in beiden Vollgeschossen aufnimmt. Die schräge Ausformung der Mauerwangen wird mit dem geschossübergreifenden Panoramafenster im Erdgeschoss fortgeführt. Eine filigrane Metallstange stützt das darüberliegende Vordach, dessen Deckung gleich dem flachen Satteldach noch mit bauzeitlichem grau-braunem Welleternit gedeckt ist. Die markante Wellenform greift Hiller elegant in den Ziergittern von Terrassentür und zugehörigem Oberlicht auf.

Das Innere zeigt sich in Grundrissstruktur und Oberflächenbeschaffenheit ähnlich authentisch (Originalbestand u. a. an Türen, Linoleum- und Kunststeinbodenbeläge, Heizungs- und Deckenverkleidungen). Die Wirtschafts- und Nebenräume im Keller- und Erdgeschoss sind nach Norden orientiert. Im Erdgeschoss manifestiert sich der gehobene Wohnanspruch noch mittels einer technischen Hausrufanlage für das Dienstpersonal, dem bauzeitlich im Erdgeschoss auch ein kleiner Schlafraum (Mädchenzimmer) vorbehalten war. Die nach Norden liegenden Kinderzimmer im Obergeschoss sind verhältnismäßig klein und verweisen auf die zentrale Funktion der großen, über zwei Geschosse ausgebildeten offenen Wohnraums im Erdgeschoss. Die sich dadurch ausbildende Galerie im Obergeschoss bietet mit ihrem Brüstungsgeländer aus Drahtseilen eine offenkundige Reminiszenz an die Firmengeschichte und Familientradition.

Die Inhaberfamilie Reutlinger mini|hochkant|Der Gründer Wilhelm Benjamin Reutlinger (Fotografie um die Jahrhundertwende) Das der später entstandenen Seilerei vorausgegangene Seilereiartikel-Unternehmen wurde 1873 in der Großen Fischergasse Frankfurt am Main von Wilhelm Benjamin Reutlinger (* 1881; † 1905) gegründet. Zu diesem Zeitpunkt war die Familie Reutlinger bereits eine in Frankfurt seit einigen hundert Jahren bekannte und erfolgreich wirkende Seilerfamilie mit dominierendem Einfluss auf die Frankfurter Seilerzunft.Hock: Chronik der Seilerfamilie Reutlinger, Seiten 11–50 Belegt ist z. B. die Ausstattung und Wartung der Glockenseile des Frankfurter Doms.Hock: Geschichte der Seilerfamilie Reutlinger, Seite 20 Bekannte Persönlichkeiten der Seilerfamilie Reutlinger waren unter anderem:

der Offenbacher Seilefabrikant Julius Reutlinger (* 1861; † 1941) der mit Veröffentlichung des „Taschenbuchs für Seiler“ ab 1900 als „Seilforscher“ bekannt wurde.Reutlingers Taschenbuch für Seiler, Offenbach am Main, 1900, Selbstverlag des Verfassers Der Gründer der Seilefabrik Offenbach, Hainerweg, Jakob Reutlinger (* 1830; † 1903), der 1883 die Seile zur Errichtung der Germania des Rüdesheimer Niederwalddenkmales und 1889 die Seile für das Errichten der Atlas-Gruppe am Frankfurter Hauptbahnhof herstellte.Hock: Chronik der Seilerfamilie Reutlinger, Seiten 111–116

Aktuell (Stand März 2024) ist das Familienunternehmen Reutlinger ein anerkannter Hersteller von Abhängesystemen.

Aktuelle Nutzung der Alten Seilerei Derzeit (Stand März 2024) wird das Gebäude-Ensemble von einem Kulturverein genutzt, der unterschiedliche regionale und überregionale Kulturprojekte betreibt und koordiniert. Auf dem Gelände befindet sich ein Skulpturengarten, dessen Objekte teilweise im Zusammenhang mit der Geschichte des Seilerei-Betriebes stehen. Das Grundstück ist am südlichen Ende mit Obstbäumen bepflanzt.

Einzelnachweise

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