mini|Weibliches Becken der Kuh, die Vagina ist der Abschnitt 4.

Die Vagina der Säugetiere (von „Scheide des Schwertes; Scheide, Hülle, Balg“, übertragen „Ährenhülse“, griech. Kolpos) oder deutsch Scheide ist ein primäres, weibliches Geschlechtsorgan. Die Vagina entsteht, wie die Vagina des Menschen, embryonal aus den beiden Müller-Gängen und dem Sinovaginalhöcker. Bei den Kloakentieren fehlt eine Vagina, bei den Beuteltieren ist die gesamte Vagina noch paarig und mündet in den Sinus urogenitalis. Bei den höheren Säugetieren ist sie dagegen unpaar und verbindet die Gebärmutter mit dem Scheidenvorhof. Die Vagina dient zum einen der Aufnahme des Penis und der Spermien bei der Begattung, zudem werden über die Vagina bei der Geburt die Jungtiere nach außen geleitet. Sie hat den Aufbau eines häutig-muskulösen Schlauches, besteht also aus einer Schleimhaut, einer Schicht aus glatter Muskulatur und einer äußeren Bindegewebsschicht.

Auch bei anderen Tiergruppen wird der weibliche Ausführgang bei Arten mit innerer Befruchtung analog als Vagina bezeichnet.

Anatomie mini|Verhornte und überwiegend kernlose Zellen der Vaginalschleimhaut des Hundes im späten Östrus

Die Vagina der Säugetiere ist ein relativ dünnwandiges, schlauchförmiges Organ, das im Becken zwischen Mastdarm und Harnblase bzw. Harnröhre verläuft. Sie ist bei den Kloaken- und Beuteltieren paarig und bei den höheren Säugetieren unpaar. Die Vagina besteht aus drei Schichten: Schleimhaut (Tunica mucosa), Muskelschicht (Tunica muscularis) und Bindegewebsschicht (Tunica adventitia). Bei manchen Arten reicht sie im vorderen Abschnitt noch in den von Bauchfell ausgekleideten Raum, dann ersetzt die Tunica serosa die Adventitia. Dieser Organaufbau wird auch als „häutig-muskulöser Schlauch“ bezeichnet.Richard Nickel: Lehrbuch der Anatomie der Haustiere: Eingeweide. Thieme, Stuttgart 2004, ISBN 3-8304-4152-5, S. 405.

Die drüsenlose Schleimhaut weist verschiebliche Falten auf und umschließt das im Ruhezustand spaltförmige Lumen. Bei der Hündin können während der Läufigkeit vereinzelt Drüsen auftreten, bei der Kuh im Bereich nahe des äußeren Muttermundes schleimproduzierende Zellen im Vaginalepithel.Hans-Georg Liebich: Funktionelle Histologie der Haussäugetiere: Lehrbuch und Farbatlas für Studium und Praxis. 4., völlig überarbeitete und erweiterte Auflage, Schattauer, Stuttgart 2004, ISBN 3-7945-2311-3, S. 307. Das mehrschichtige Epithel zeigt charakteristische, hormonell bedingte Anpassungsvorgänge im Verlauf des Sexualzyklus – in Vorbereitung auf den Follikelsprung und damit auf eine potentielle Begattung verhornen die oberen Zellschichten, was ihnen eine höhere mechanische Stabilität verleiht. Diese Anpassung macht man sich auch bei der Vaginalzytologie zunutze.Axel Wehrend: Leitsymptome Gynäkologie und Geburtshilfe beim Hund. Enke, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-8304-1076-8, S. 17. Die Schleimhaut ist, im Gegensatz zu den sterilen Abschnitten Gebärmutter und Eileiter, mit nützlichen Bakterien besiedelt. Die Zusammensetzung dieser Scheidenflora ist speziesspezifisch und zeigt auch individuelle Variationen.Katja Trasch, Axel Wehrend: Sinn und Unsinn der bakteriologischen Untersuchung vor der Bedeckung. In: Kleintier Konkret. Nr. 10, 2008, Heft 6, S. 6–8. Die Scheidenflora bedingt auch den typischen pH-Wert, der bei den meisten Primaten sauer, bei den vielen anderen Säugetieren aber um 7 liegt, also neutral ist.

Die Muskelschicht besteht aus glatter Muskulatur mit elastischen Fasern.

In der bindegewebigen Adventitia verlaufen Blutgefäße zur Versorgung des Organs, die Arteria vaginalis und die Vena vaginalis. Letztere bildet stark verzweigte Geflechte (Plexus). Zudem verlaufen in der Adventitia die Nerven des Plexus uterovaginalis.

Gebärmutterseitig bildet die Vagina um den äußeren Muttermund einen blind endenden Raum, der als Scheidengewölbe (Fornix vaginae) bezeichnet wird. Das Hymen begrenzt die Vagina in Richtung Scheidenvorhof und schützt mit seiner Einengung des längsovalen Scheideneingangs (Ostium vaginae) die inneren Geschlechtsorgane. Bei den meisten Säugetieren, die nicht zu den Primaten zählen, ist das Hymen nur als kleine Ringfalte (Pferde, Schweine) oder als kleine Querfältchen ausgebildet. Manchmal kann am Boden der Vagina ein Überrest des Urnierengangs – auch als Gartner-Gang oder Ductus deferens vestigialis bezeichnet – vorhanden sein, dies ist insbesondere bei Rindern der Fall.Oskar Schaller, Gheorghe M. Constantinescu: Illustrated Veterinary Anatomical Nomenclature. Thieme, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-8304-1069-0, S. 216.

Bei den Beuteltieren bildet sich zur Geburt zwischen den beiden spermienleitenden Vaginae eine dritte Verbindung zum Sinus urogenitalis, die als Pseudovagina bezeichnet wird und als separater Geburtskanal dient.Ulrich Zeller: Marsupialia (Metatheria, Didelphia), Beuteltiere. In: W. Westheide, R. Rieger: Spezielle Zoologie. Teil 2: Wirbel- oder Schädeltiere. Spektrum Akademischer Verlag, München 2004, ISBN 3-8274-0307-3, S. 491–492. Der Scheideneingang ist bei vielen Nagetieren durch ein dünnes Häutchen, die Vaginalmembran, verschlossen. Die Vaginalmembran öffnet sich durch Apoptose der sie bildenden VaginalepithelzellenA. C. dos Santos et al.: Development and morphological changes in the vaginal closure membrane throughout gestation in Galea spixii (Rodentia: Caviidae). In: Microscopy research and technique. Band 79, Nummer 5, Mai 2016, S. 359–364, doi:10.1002/jemt.22638, PMID 26873391. bei Mäuse- und Hörnchenverwandten während der Fortpflanzungsperiode, bei den meisten Stachelschweinverwandten in der Brust sowie generell zur Geburt.Devra G. Kleiman, Katerina V. Thompson, Charlotte Kirk Baer: Wild Mammals in Captivity: Principles and Techniques for Zoo Management. 2. Auflage, University of Chicago Press, Chicago 2010, ISBN 978-0-226-44011-8, S. 419. Bei der Tüpfelhyäne verschmilzt die Vagina mit der Harnröhre zu einem Harn-Geschlechtsgang (Urogenitalkanal), der durch die Klitoris verläuft und durch den Urinieren, Begattung und die Geburt erfolgen.Gerald R. Cunha et al.: Urogenital System of the Spotted Hyena (Crocuta crocuta Erxleben): A Functional Histological Study. In: Journal of Morpholgy. Band 256, 2003, S. 205–218 (Volltext als PDF). Bei vielen Walen weist die Vaginalschleimhaut trichterförmige Ringfalten auf. Die Funktion dieser 4 bis 12 Falten ist nicht geklärt, sie könnten eine Rückhalteeinrichtung für Spermien sein.William F. Perrin, Bernd Würsig, J.G.M. Thewissen: Encyclopedia of Marine Mammals. 2. Auflage, Academic Press, London 2009, ISBN 978-0-08-091993-5, S. 427.

Funktion In der Funktion der Vagina als Begattungsorgan, also zur Aufnahme des Penis, waren entsprechende Anpassungsvorgänge verbunden. Die mechanische Beanspruchung der Vaginalwand bei der Begattung sind im Tierreich extrem variabel. Einige Arten haben Penisknochen oder Penisstacheln. Bei Nagetieren wird das Glied wiederholt kurz, aber über Stunden immer wieder eingeführt. Die Eichel des Penis der Hunde schwillt erst in der Scheide an und führt zum „Hängen“ des Rüden nach dem Samenerguss. Bei einigen Arten findet nur eine einmalige Begattung statt, bei anderen bis zu 40 pro Tag. Kontraktionen der Vaginalwand können artspezifisch die Begattung verlängern oder beenden. Einige Tiere wie Delfine besitzen vaginale Strukturen, die das vollständige Eindringen des Penis verhindern können.Patricia L. R. Brennan: Evolution and Morphology of Genitalia in Female Amniotes. In: Integrative and Comparative Biology. 2022, Band 62, Nummer 3, S. 521–532 doi:10.1093/icb/icac115.

Bei Primaten, Wiederkäuern, Kaninchen und vielen Nagetieren nimmt die Vagina das ausgestoßene Sperma mit den enthaltenen Spermien (Spermatozoen) auf. Die Spermien wandern dann eigenständig von der Vagina über die Gebärmutter in die Eileiter. Bei Pferden, Hunden und Schweinen wird der Penis durch den äußeren Muttermund geschoben und das Sperma direkt in die Gebärmutter abgegeben, man nennt sie deshalb auch „Uterusbesamer“.Tim Birkhead: Promiscuity. An Evolutionary History of Sperm Competition and Sexual conflict. Faber & Faber, London 2000, ISBN 0-571-19360-9, S. 143.

Der die Schleimhaut bedeckende Vaginalschleim entsteht aus dem Sekret der Drüsen des Gebärmutterhalses, dem Zervixschleim, sowie aus abgeschilferten Zellen der Vagina und einem Transsudat der Scheidenwand.Doris Stöckl, Matthias Nörtemann, Silke Ruml: Gynäkologie und Geburtshilfe in Frage und Antwort: Fragen und Fallgeschichten zur Vorbereitung auf mündliche Prüfungen während des Semesters und im Examen. 2. Auflage, Elsevier / Urban & Fischer, München 2007, ISBN 978-3-437-43161-6, S. 5.

Alle Säugetiere gebären lebende Nachkommen (Viviparie). Damit wurde die Vagina gleichzeitig zum Geburtskanal. Die Passage relativ großer Nachkommen erfordert eine starke Dehnbarkeit. So liegt die Schleimhaut der Vagina bei Walen in bis zu 30 Falten, die zu der starken Erweiterung unter der Geburt beitragen. Die hohe Komplexität im Bau der Vagina innerhalb der Wale scheint jedoch keinen Zusammenhang zur Größe der Neugeborenen zu haben. Die starke Verformung der Vagina bei der Geburt erfordert zudem eine schnelle Regeneration der überdehnten glatten Muskulatur. Sie dauert meist nur zwei Wochen.

Entwicklung mini|Geschlechtswege bei verschiedenen Säugetieren

Bei allen Wirbeltieren besteht eine enge Verbindung von Ausscheidungs- und Geschlechtsorganen, zusammenfassend spricht man vom Urogenitalsystem. Die Organe und Gänge beider Systeme sind ursprünglich und damit zu Beginn der Embryonalentwicklung doppelt (paarig) vorhanden. Das Binde- und Muskelgewebe der Vagina entwickelt sich gemeinsam mit der Gebärmutter und den Eileitern aus dem links- und rechtsseitig angelegten Müller-Gang (Ductus paramesonephricus). Der Müller-Gang entsteht bei den Säugetieren aus einer, sich zu einem Rohr schließenden Coelomfalte.Pio Fioroni: Allgemeine und vergleichende Embryologie der Tiere. 2. Auflage, Springer-Verlag, Berlin 2013, ISBN 978-3-642-84780-6, S. 284. Das Epithel der Vagina entsteht aus dem Sinovaginalhöcker, der vom Sinus urogenitalis auf den Müller-Gang zuwächst.Bertram Schnorr, Monika Kressin: Embryologie der Haustiere: ein Kurzlehrbuch. Thieme, Stuttgart 2006, ISBN 3-8304-1061-1, S. 195.

Bei den Kloakentiere ist keine Vagina ausgebildet, die paarigen Uteri münden direkt in den Sinus urogenitlis.Wilfried Westheide, Gunde Rieger: Spezielle Zoologie. Teil 2: Wirbel- oder Schädeltiere. Band 2 von Spezielle Zoologie. Springer, 2. Auflage 2009, ISBN 978-3-8274-2220-0, S. 176. Bei den Beuteltieren bleibt die gesamte Vagina noch paarig (Vagina duplex). Bei allen höheren Säugetieren verschmelzen die Müller-Gänge während der Organogenese zu einer unpaaren (ungeteilten) Vagina (Vagina simplex).Nadja Møbjerg: Organe der Osmoregulation und Exkretion. In: W. Westheide, R. Rieger: Spezielle Zoologie. Teil 2. Wirbel- oder Schädeltiere. Spektrum Akademischer Verlag, München 2004, ISBN 3-8274-0307-3, S. 151.

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