Herbert Christian Karl Max Stuffer (* 23. September 1892 in Baden-Baden; † 7. Oktober 1966 ebenda) war ein deutscher Kinder- und Jugendbuchverleger in Berlin und Baden-Baden.
Leben mini|Herbert Stuffer, um 1930. Herbert StufferDie Fakten in diesem Artikel stützen sich – mit wenigen Ausnahmen, die gesondert ausgewiesen sind – auf: Barbara Murken: Herbert Stuffer Verlag. In: Kurt Franz / Franz-Josef Payrhuber (Hrsg.): Kinder- und Jugendliteratur – Ein Lexikon. Teil 3: Verlage/Verleger, Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendliteratur Volkach, Meitingen, Corian Verlag H. Wimmer. 57. Ergänzungslieferung Februar 2016. S. 1–36 Digitalisat war das erste Kind des Kaufmanns Christian Karl Stuffer (1861–1933) und dessen Ehefrau Maria, geborene Türck (1871–1949). Seine Geschwister waren Ernst (1894–1967) und Elisabeth (Lilly) (1897–1934), verheiratete Heyer. 1911 legte er das Abitur mit „sehr gut“ ab und inskribierte an der Universität München Neuere Philologie, also (vor allem deutsche) Literaturwissenschaften. Er besuchte auch Vorlesungen von Heinrich Wölfflin über die Entwicklungsgeschichte der neueren Kunst. 1912/13 lebte er in Straßburg, eigentlich als Einjährig-Freiwilliger beim Feldartillerieregiment, setzte aber gleichzeitig an der dortigen Universität sein Studium, diesmal der Philosophie, fort. Es folgte ein Jahr an der Universität Freiburg, bis Sommer 1914.
Im Ersten Weltkrieg war Stuffer ab August 1914 bis zum Kriegsende Soldat in der Feldartillerie, davon seit 1915 als Reserveleutnant. Nach der militärischen Niederlage war eine Offizierslaufbahn obsolet geworden, und es fehlte auch die Motivation, das abgebrochene Studium wieder aufzunehmen. Stattdessen eignete sich Stuffer in der privaten Handelsschule Michaelis in Baden-Baden fundierte Kenntnisse in den kaufmännischen Fächern an. Er bewarb sich beim Struwwelpeter-Verlag Rütten & Loening in Frankfurt am Main und wurde vom damaligen Prokuristen Adolf Neumann ab dem 1. April 1920 als Volontär aufgenommen. Bereits am 1. September 1922 erhielt Stuffer, notariell beglaubigt, die Handlungsvollmacht im Sinne § 54 HGB. „Bis zu seinem Ausscheiden bei Rütten & Loening im Sommer 1926 war Herbert Stuffer Leiter der Herstellungs- und Werbeabteilung und in alle zentralen Verlagsentscheidungen eingebunden.“Barbara Murken: Herbert Stuffer Verlag, S. 3
Mit dem Geld aus einer Erbschaft gründete Stuffer am 28. Juli 1926 seinen eigenen Kinder- und Jugendbuchverlag Wunderhorn Verlag, zuerst in Frankfurt, Eschersheimer Landstraße 41, ab dem 18. Oktober 1926 in Berlin. Den Verlagsnamen musste er wegen einer dort ansässigen Firma gleichen Namens in Herbert Stuffer Verlag Berlin ändern. Verlagsadresse war Königsweg 30 in Berlin-Charlottenburg.Kürschners Deutscher Literatur-Kalender, 47. Jahrgang 1934. Um den Repressionen nach der Machtergreifung auszuweichen, wurde der Verlag am 1. April 1937 nach Baden-Baden verlegt, in die Luisenstraße 26, ab 1949 Lichtentaler Straße 3.Kürschners Deutscher Literatur-Kalender, Jahrgang 1939 bzw. 1949. Während der Kriegsjahre stellte der Verlag seine Produktion ein.
mini|Signatur von Herbert Stuffer. Am 24. April 1942, als fast Fünfzigjähriger, heiratete Herbert Stuffer Maria Fastrich, geborene Mölders (1903–1975).Sigrid Münch: Stuffer, Herbert In: Baden-Württembergische Biographien, 6 (2016), S. 483–485 LEO-BW Landeskunde Baden-Württemberg Marias Sohn aus erster Ehe Harald fiel 1944 im Seekrieg in der Ostsee. Dieses Drama und die Kinderlosigkeit der Ehe bewirkten eine allmähliche Entfremdung zwischen den Ehepartnern, die 1963 geschieden wurden.
Nach Kriegsende erhielt Herbert Stuffer in der französischen Zone erneut eine Verlagslizenz und veröffentlichte hauptsächlich Neuauflagen aus seiner Vorkriegsproduktion. Das zunehmende Alter und ein seit den 1950er Jahren auftretendes Lungen- und Herzleiden beeinträchtigten seine Produktivität schwer. 1962 musste der Verlag Konkurs anmelden. „Von dem Verlust seines Verlags, der Zentrum und Elixier eines Lebens gewesen war, erholte sich Herbert Stuffer nicht mehr. Er starb am 7. Oktober 1966 und wurde in seiner Geburtsstadt Baden-Baden auf dem alten Stadtfriedhof im Familiengrab der Stuffers beigesetzt.“Barbara Murken: Herbert Stuffer Verlag, S. 4
Herbert Stuffer Verlag Die ersten Jahre Die erste Veröffentlichung Stuffers, das Bilderbuch Sause Kreisel Sause. Kinderspiele in Bildern mit Bildern von Elsa Eisgruber hatte noch den Firmennamen Wunderhorn eingedruckt, der kurz vor der Auslieferung überklebt werden musste. Stuffer hatte die Illustratorin zuvor vom renommierten Kinderbuchverlag Stalling abgeworben. Zum Weihnachtsgeschäft 1926 kam als zweite Veröffentlichung Das Männchen von Conny Meissen (1887–1955) auf den Markt, 16 Seiten in acht leuchtend bunten Farben, für eine Mark sechzig. Bereits mit den Werken von Eisgruber und Meissen brach Stuffer mit den althergebrachten Kinderbüchern, in denen „es nicht abgeht ohne Maikäfer, die Geige spielen und Hasen und Hunde, die Brillen und Hosenträger tragen“, wie er Jahre später ironisch feststellte.Interview in den Mitteilungen für den Deutschen Buchhandel in der französischen Zone, 6. Jahrgang, Nr. 3 vom 1. August 1951. Zitiert bei Barbara Murken: Herbert Stuffer Verlag, S. 5. Die Illustrationen im Männchen sind stark stilisiert, also nicht der realistisch-romantischen Tradition entsprechend; sie sind ein Vorgriff auf den erst Jahre später auftretenden Comic-Stil. (Der nächste deutsche Comic war Vater und Sohn.) Im Nachfolgeband Das Männchen kommt zum Zauberer von 1927 erweitert sich das Personal um Magier und Negerpuppe; exotische Elemente treten auf, ohne dass rassistische Einstellungen zum Ausdruck kommen. Die lapidaren Texte erinnern an Verse von Busch oder Morgenstern.
„Der moderne Ansatz, Kindern Anderes zu bieten als altvertraute Geschichten und liebliche Bildchen, wurde honoriert: Der Verleger machte sich rasch einen guten Namen in der Bilderbuchszene.“Barbara Murken: Herbert Stuffer Verlag, S. 5. „Stuffer war bekannt für seine fairen Konditionen, seine intensive Zusammenarbeit mit den Autoren und den pflegsamen Umgang mit seinen Projekten, bis hin zu den sorgfältig gestalteten Verlagsprospekten. Mit einem sicheren Gefühl für Originalität und künstlerische Leistung verpflichtete er vor allem zeitgenössische Autoren und Illustratoren.“Helga Karrenbock: 5.2.9 Kinder- und Jugendbuchverlage, in: Börsenverein des Deutschen Buchhandels (Hrsg.): Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert, Band 2 Weimarer Republik. Hrsg.: Ernst Fischer, Stephan Füssel. De Gruyter, Berlin, Boston, 2012, S. 183–218 DOI.org
Im Frühjahr 1927 erschien Das rote Pferd von Elsa Moeschlin, das die schwedische Autorin, nachdem sie in ihrem Heimatland keinen Verleger gefunden hatte, Herbert Stuffer angeboten hatte. Dieser akzeptierte sofort und das Buch wurde ein Erfolg. Dagegen ging der Anstoß zur Zusammenarbeit mit der Illustratorin Tom Seidmann-Freud (eine Nichte Sigmund Freuds) von Stuffer aus. Deren „Spielbilderbücher zum Drehen, Bewegen und Verwandeln“ wurden zu Bestsellern mit hohen Auflagen: Das Wunderhaus (1927), Das Zauberboot (1929). „Mit ihrer charakteristisch ausgereiften Bildersprache gestaltete sie in fast revolutionärer Modernität die Stufferschen Spielbilderbücher und Spielfibeln. Es entstanden Kunstwerke für Kinder, die vom Verleger kongenial umgesetzt wurden und die Berliner und ganz Deutschland begeisterten.“Barbara Murken: Herbert Stuffer Verlag, S. 26.
Auch das Märchenbuch war kompetent vertreten; Otto Flake, eigentlich ein Verfasser von Zeitromanen und Essays und seit 1926 in Baden-Baden wohnhaft, „brachte mit seinen anmutigen Märchenerzählungen einen leichtfüßigen Geist in die Jugendliteratur, der Kinder und Eltern erfreute.“Barbara Murken: Herbert Stuffer Verlag, S. 27. Seine Bände Der Straßburger Zuckerbeck (1933) und Ende gut – alles gut (1950) stechen besonders hervor.
Zwischen 1927 und 1930 erschienen auch Bücher für Erwachsene, von Benedikt Fred Dolbin illustriert, und von verschiedenen Literaten (u. a. Fred Hildenbrandt, Alfred Polgar, Axel Eggebrecht) verfasst: Die Bände Katzen, Hunde, Kinder und Zoo wurden mehrfach neu aufgelegt und sind heute bibliophile Kostbarkeiten.
Im August 1930 nahm Stuffer einen Mitgesellschafter in seinen – nun als OHG geführten – Verlag auf, den „Sprachwissenschaftler und Kulturphilosophen“ Felix Noeggerath, den er in seiner Studienzeit in München kennengelernt hatte. „Dieser geschäftliche Schritt diente der inhaltlichen und finanziellen Absicherung des Verlags. Das Modell blieb jedoch nur wenige Jahre tragfähig. Felix Noeggerath schied 1935 aus dem Verlag aus und emigrierte politisch bedingt nach Spanien (Ibiza).“Barbara Murken: Herbert Stuffer Verlag, S. 7.
Krise und Repression mini|Tom Seidmann-Freud: Das Wunderhaus. Ein Bilderbuch zum Drehen, Bewegen und Verwandeln. Herbert Stuffer Verlag Berlin 1927. 12 S. Durch die Wirtschaftskrise der 1930er-Jahre verlor der Verlag schrittweise seine kaufkräftige Kundschaft und aufwändige Bilderbücher herzustellen, wurde zunehmend finanziell riskant. Stuffer machte aber keine Zugeständnisse bezüglich der Qualität seiner Produkte, und der Auswahl seiner Künstler: „Schon in den ersten Jahren des Nazi-Regimes setzten bekanntlich die Hetze auf jüdische Autoren und die böswillige Zerstörung der Verkaufsmöglichkeiten ihrer Bücher ein. Das offizielle Anzeigenorgan des deutschen Buchhandels, natürlich unter nazistischer Fuchtel stehend, nahm von den Verlegern keine Inserate von Büchern jüdischer Autoren mehr an. Die Verleger dieser Bücher wurden öffentlich angepöbelt, wenn sie noch zu ihren Autoren hielten. Buchhändler wurden von nazistischen Elementen gezwungen, solche Bücher an die Verleger zurückzugeben.“ (Herbert Stuffer, 1957).zitiert in: Barbara Murken: Herbert Stuffer Verlag, S. 7. Am 15. April 1940 wurde dann die Herstellung und der Vertrieb von Büchern jüdischer Autoren ausnahmslos verboten.
Aber noch bis 1935 publizierte der Herbert Stuffer Verlag innovative Neuerscheinungen, wie z. B. vier Spielfibeln von Tom Seidmann-Freud, die „dank der geistreichen, wegweisenden Besprechungen von Walter Benjamin große Beachtung“Barbara Murken: Herbert Stuffer Verlag, S. 10. erfuhren. Die Bilderbücher Klaus der Herr der Eisenbahnen und 3 Jungen erforschen eine Stadt (beide 1933) von Friedrich Böer zählen zu den ersten Kinderbüchern mit Fotomontagen, die von John Heartfield und Hannah Höch entwickelte Techniken von der (erwachsenen) Kunst in die Kinderstube transferieren. Böer „kombinierte Fotoausschnitte von Personen, technischen Aufrissen oder Landschaften mit Zeichnungen und farbigen Texten zu neuen ungewohnten Bildinhalten. So konnte er sachliche Inhalte wie zum Beispiel die Welt der Eisenbahnen oder den Organismus einer Stadt mit aufregendem Leben erfüllt an Kinder vermitteln.“Barbara Murken: Herbert Stuffer Verlag, S. 26.
Auch im Bereich der Mädchenbücher ging Stuffer neue Wege. „Adressiert an die klassische Zielgruppe der 10–14jährigen Mädchen erschienen von 1928 bis 1933 als Kontrastprogramm zu den Serien der Erfolgsschriftstellerinnen wie Ury bei Stuffer vier Bände der Bibi-Serie von Karin Michaëlis, einer der Leitfiguren der Frauenemanzipationsbewegung. Die Geschichten von der eigenständigen und selbstbestimmt handelnden Bibi, einer Vorläuferin von Pippi Langstrumpf, fand rasch viele Leserinnen, so lag der erste Band Bibi – Leben eines kleinen Mädchens, 1928 mit einer Auflage von 7.000 gestartet, 1931 schon beim 22.–27. Tausend; ähnliches gilt für die Folgebände Bibis große Reise (1929), Bibi und Ole (1930) und Bibi und die Verschworenen (1932).“ Im letzten erschienenen Jahresbericht des Dürerbundes wurden die von Hedvig Collin (1880–1964) ansprechend illustrierten Bibi-Bände „als die Krone aller neueren Kinderbücher“ bezeichnet, die „große Dichtung und Kindergeschichte zugleich“ seien. (Stuffer Verlagsprospekt, 1935)Zitiert nach: Barbara Murken: Herbert Stuffer Verlag, S. 11.