mini|Grabheiligtum (Mausoleum) von Nizām ad-Dīn Auliyāʾin Delhi

Nizām ad-Dīn Auliyāʾ (; geboren um 1238 in Badaun; gestorben am 3. April 1325) war ein indischer Sufi. Er war einer der bedeutendsten Sufi-Heiligen des 14. Jahrhunderts in Indien. Als Nachfolger von Baba Farid verbreitete er die Lehren des Tschischti-Ordens in Delhi. Er vertrat die Lehre, dass der Dienst am Mitmenschen wichtiger ist als formale Gebete. Durch seine Tätigkeit und sein hohes Ansehen entwickelte sich die Tschischtiyya zu einer spirituellen Massenbewegung in ganz Indien. Sein Grab wird jährlich von vielen Tausend Pilgern besucht und ist besonders bekannt für seine Qawwālī-Sänger.

Kindheit und Ausbildung Nizām ad-Dīn wurde in Badāʾūn (auch Badaun geschrieben) geboren. Er selbst wusste nicht, in welchem Jahr er zur Welt gekommen ist. Ihm war nur bekannt, dass es der letzte Mittwoch des Monats Safar war, Nizami, The Life and Times, S. 14 und Fußnote 7. ein Tag, der nach islamischer Vorstellung als besonders unglücklich gilt. Ausgehend vor allem von den Altersangaben, die Amīr Khurd (st. 1368/9) in seinem Werk über die Tschischti-Sufis nennt, wird sein Geburtsjahr von manchen als 1238, K.A. Nizami, The Life and Times, S. 14. Viitamäki, Niẓām al-Dīn Awliyāʾ, in Encyclopaedia of Islam, Three. von anderen als 1244 angegeben. Rizvi, A History of Sufism, S. 154. Nizām ud-Dīn erhielt den Namen Muhammad. Seine Großväter sowohl väterlicher- als auch mütterlicherseits waren zu Beginn des 13. Jahrhunderts unter dem Druck der Mongoleninvasionen aus Bukhara nach Indien eingewandert. Von seinem Großvater väterlicherseits ist bekannt, dass er türkischen Ursprungs war. Schimmel, Mystische Dimensionen, S. 492. Beide ließen sich zunächst in Lahore nieder, zogen aber später nach Bada'un, wo sich auch viele andere Flüchtlingsfamilien angesiedelt hatten. Sein Vater starb, als er noch im Säuglingsalter war. Zusammen mit einer Schwester wuchs er bei seiner Mutter auf, Bībī Zulaychā, die für ihre außergewöhnliche Frömmigkeit bekannt ist. Trotz größter Armut widmete sich Muhammad intensiv dem Studium von Koran und Fiqh.Nizami, Niẓām al-Dīn Awliyāʾ, in: Encyclopaedia of Islam, Second Edition. Mit etwa sechzehn Jahren ging er, in Begleitung von Mutter und Schwester, nach Delhi, und setzte dort seine Ausbildung bei einigen bekannten Lehrern im Bereich Usūl al-fiqh und Hadith fort. In dieser Zeit starb Bībī Zulaychā, die durch häufige Hungerphasen geschwächt war. Nizami, The Life and Times, S. 27. Ihr Grab im Süden der Stadt wird noch heute verehrt. Das Dargah Hazrat Bibi Zulekha im Stadtteil Adchini im Süden von Neu-Delhi, .

Nizām ad-Dīn als Schüler von Baba Farīd mini|Grabheiligtum von Baba Farīd in Pakpattan (ca. 1270), Foto von 1928

Nachdem ihn seine Studien für den Posten eines Qādī qualifiziert hatten, drängte Nizam ad-Dīn einen benachbarten Scheich, Nadschīb ad-Dīn Mutawakkil, dafür zu beten, dass er eine solche Ernennung erhalten möge. Es traf sich, dass Nadschīb ad-Dīn der jüngere Bruder des bekannten Tschischti-Scheichs Farīd ad-Dīn war. Rizvi, A History of Sufism, S. 139, S. 151. Er riet ihm von einer Laufbahn als Qadi ab Rizvi, A History of Sufism, S. 156. Nizami, The Life and Times, S. 38. und verwies ihn vermutlich an seinen Bruder, denn wenig später wurde Nizām ad-Dīn ein Schüler von Bābā Farīd. Insgesamt dreimal suchte er den Scheich in Ajodhan, dem heutigen Pakpattan, auf. Nach drei Jahren erhielt er seine Ernennungsurkunde als Stellvertreter (pers. ḫalīfa) und den Auftrag, sich in Delhi niederzulassen, asketisch zu leben und dort die Lehre des Ordens zu verkünden. Das ḫilāfat-nāma für Nizām ad-Dīn ist im Persischen Original bei K.A. Nizami, Religion and Politics, S. 366–367, abgedruckt. Nach dem Tod von Bābā Farīd erbte Nizām ad-Dīn, als dessen wichtigster Schüler, Rizvi, A History of Sufism, S. 154. A. Schimmel, Mystische Dimensionen, S. 490. den Mantel, Stab und Gebetsteppich seines Meisters.

Die ersten Jahre als Scheich der Tschischtiyya Nizām ad-Dīn lebte in Delhi etwa zwei Jahre lang in einem Haus von ʿImād al-Mulk, dem Großvater von Amir Chusrau. Er soll die Unterkunft durch Vermittlung des jungen Dichters erhalten haben, der zu dieser Zeit etwa vierzehn Jahre alt war. Im Untergeschoss wohnte die Familie Kirmani, von denen einige Personen selbst der Tschischtiyya angehörten und Diener des Scheichs waren. Aus dieser Familie stammt auch Amīr Churd (st. 1311/12), der ein Werk über die wichtigsten Tschischti-Scheiche und ihre Lehren verfasst hat.Kirmani's Siyar-ul-Awliya,i. Übersetzt von Ishrat Husain Ansari, Hamid Afaq Qureshī, al-Taimi as-Siddiqi. Idarah-i Adabiyat-i Delli, Delhi 2013. In der mittleren Etage lebte Nizām ad-Dīn Auliyā, im obersten Stockwerk waren einige seiner Anhänger untergebracht. Der Aufenthalt in diesem Haus kam zu einem jähen Ende, als die Söhne von ʿImād al-Mulk überraschend von ihren Ländereien zurückkamen. Sie beförderten den frommen Mann ohne viel Federlesens aus dem Haus, weil sie den Platz für sich beanspruchten. Kirmani's Siyar-ul-Awliya,i, S. 74. Nach mehreren Zwischenaufenthalten siedelte sich Nizām ad-Dīn Auliyā schließlich in Ghiyaspur an, damals ein verlassener kleiner Ort vor Delhi, heute ein Stadtteil der indischen Hauptstadt mit dem Namen Nizamuddin West. Nizami, The Life and Times, S. 29. Ein Teil seines Chanqah ist noch heute zu sehen. Eine ältere Fotografie und eine Rekonstruktionsskizze bei Nizami, The Life and Times, S. 57.

Handlungsmaximen mini|Chilla von Nizām ad-Dīn in Delhi Es ist nicht sicher, ob es sich bei der Chilla eigentlich um die Khanqah Nizām ad-Dīns handelt, in der er ständig gelebt hat, oder um ein nachträglich errichtetes Gebäude, das an seinen Rückzugsort in der Wildnis erinnern soll. Das kleine Gebäude befindet sich an der Nordostecke von Humayuns Grabanlage, die etwa 1571 vollendet wurde. Ebba Koch: The Planetary King. Humayun Padshah. Inventor and Visionary on the Mughal Throne. Mapin Publishing, Ahmedabad 2022. ISBN 978-93-85360-98-5. S. 283 und 299. Nizami: The Life and Times. S. 57.

Die frühen Scheichs der Tschischtiyya waren der Ansicht, dass der Dienst in der Regierung die Entwicklung der eigenen spirituellen Persönlichkeit so weit behindere, dass das Erreichen von Erkenntnis (arab. maʿrifat) nicht mehr möglich ist. Nizām ad-Dīn hielt sich daher von den Königshöfen fern und weigerte sich, ein Jagir oder ein Gehalt anzunehmen. Seine ḫalīfas wies er an, ebenso zu handeln. Die Tschischtis hielten die Nähe zur Macht aber auch aus anderen Gründen für schädlich. Sie fürchteten nicht nur eine Korrumpierung durch materielle Verlockungen, sondern auch eine Trennung von denen, um die sie sich in erster Linie kümmern sollten: die große Masse der gewöhnlichen Menschen. Nizami, The Life and Times, S. 102–103. Hilfe für die Bedürftigen gehörte zu ihren wichtigsten Tätigkeiten. Nach Einschätzung K.A. Nizamis verlieh Nizām ad-Dīn Auliyā dieser Aktivität jedoch eine revolutionäre neue Gewichtung, indem er betonte, dass der Dienst am Menschen sogar größeren spirituellen Lohn bringe als formelle Gebete. Nizami, Niẓām al-Dīn Awliyāʾ, in: Encyclopaedia of Islam, Second Edition. Vgl. Fawāʾid al-Fuʾād, Majlis 13, S. 88. Entsprechend unterhielt er in seiner Chanqah ein Langar, in dem alle Besucher, auch Nicht-Muslime, Rizvi, A History of Sufism, S. 166. zum Essen eingeladen waren – sofern es denn etwas zu essen gab, das verteilt werden konnte. Wenn niemand etwas gebracht hatte, gab es nichts zu essen, so dass die Sufis zuweilen sehr lange hungern mussten. Der Scheich und seine Anhänger lebten von „unaufgeforderten Gaben“ (futūḥ), die die Gläubigen brachten. Im Sinne des konsequent gelebten Gottvertrauens (tawakkul) sollte keine dieser Zuwendungen, zu denen neben Speisen auch Geld, Kleidung und anderes gehörte, bis zum nächsten Tag aufbewahrt, sondern alles an Bedürftige verteilet werden. Denn jede Vorsorge für die Zukunft betrachteten die Tschischtis als einen Mangel an Gottvertrauen. Rizvi, A History of Sufism, S. 142. Nizami, Niẓām al-Dīn Awliyāʾ, in: Encyclopaedia of Islam, Second Edition. Vgl. Fawāʾid al-Fuʾād, Majlis 8, S. 225–227. Für eine der wichtigsten sufischen Grundregeln hielt Nizām ad-Dīn Auliyā die Goldene Regel der praktischen Ethik, „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.“ Rizvi, A History of Sufism, S. 165.

Tagesablauf Dadurch, dass Sultan Muʿizz ad-Dīn Kaiqubād (1287–1290) den Ort Kilukhari Kilukhari lag etwa auf dem Gebiet des heutigen Stadtteils Kilokri, ungefähr zwei Kilometer südlich von Humayuns Grabmal in Delhi. zu seiner neuen Residenz gemacht hatte, Rizvi, A History of Sufism, S. 159. lag Ghiyaspur bald nicht mehr ruhig und abseits des städtischen Getriebes, sondern hatte sich zu einem geschäftigen Vorort von Delhi entwickelt. Mit zunehmender Berühmtheit Nizām ad-Dīns strömten so viele Menschen in die Chanqah, dass Sultan ʿAlā ad-Dīn Chaldschī von Delhi bis Ghiyaspur Wasserbrunnen graben und Plattformen mit Strohdächern errichten ließ, damit die vielen Besucher dort die Waschungen vor den Gebeten durchführen konnten. Rizvi, A History of Sufism, S. 160. Sie stammten aus allen Schichten der Bevölkerung: Arme und Reiche, Gelehrte und Analphabeten, Stadt- und Dorfbewohner. Die meisten von ihnen suchten Rat, Hilfe, Trost und den Segen des Scheichs, andere wollten ihm ihre Aufwartung machen oder hofften, als Schüler angenommen zu werden.Nizami, The Life and Times, S. 166. Dieser empfing seine Besucher gewöhnlich von der Zeit nach dem Morgengebet bis zum spät abendlichen ʿIschā-Gebet. Vor dem Mittagsgebet zog er sich zu einer kurzen Pause zurück. Vor dem ʿIschā-Gebet gab es Essen für alle. Nach diesem letzten Gebet des Tages begab sich der Scheich in seinen Schlafraum in der oberen Etage und versenkte sich dort für eine Weile in Andachtsübungen. Im Anschluss daran waren nur noch Familienmitglieder oder sein Lieblingsschüler Amīr Chusrau zugelassen, der Neuigkeiten berichtete oder über verschiedene Themen sprach.Nizami, The Life and Times, S. 80–81. Die Nacht verbrachte der Scheich mit Gebeten, Meditation oder dem Studium von Büchern, zu denen er seine Kommentare notierte. Seine Augen sollen sehr gut gewesen sein, so dass er die Manuskripte auch bei Kerzenschein lesen konnte.

Zwischenzeitlich unterwies der Scheich einzelne Schüler, die Murīden, zu vereinbarten Terminen. Nizami, The Life and Times, S. 58. Für die Ausbildung insbesondere der jüngeren Murīden waren vor allem die weiter Fortgeschrittenen zuständig, die selbst nicht selten bereits ausgebildete Gelehrte waren. Nizami, The Life and Times, S. 60–62. Während er anfangs nur ausgewählte Personen als Schüler zuließ, waren später, nachdem er seine Chanqah in Ghiyaspur errichtet hatte, alle zugelassen, die darum baten. Nizami, The Life and Times, S. 53–54. Zu ihnen gehörten auch einige besonders berühmte Persönlichkeiten, wie zum Beispiel Chizr Chān, der Sohn ʿAlā ad-Dīn Chaldschīs, Nizami, The Life and Times, 107–108. die berühmten Dichter Amīr Chusrau und Amīr Hasan Sidschzī sowie der Historiograph Ziya’-ud-Din Barani. Diese durften zwar in ihren Ämtern und Berufen bleiben, konnten deshalb aber niemals zu einem Stellvertreter des Scheichs ernannt werden.

Samāʾ mini|Nizām ad-Dīn Auliyā beim Samāʿ. Aus einer Chamsa von Amīr Chusrau, Herat 1485.

Nizām ad-Dīn Auliyā hielt das Hören von spiritueller Musik, samāʿ, für „spirituelle Nahrung“,Nizami: The Life and Times, S. 74. wobei er allerdings eine Begleitung insbesondere durch Saiteninstrumente für unzulässig erachtete.Kirmani's Siyar-ul-Awliya,i, S. 380 und S. 404. In der Chanqah erklangen daher nicht selten Qawwālī-Gesänge von Schülern oder von professionellen Sängern. Zuweilen war der Scheich auch bei Samāʿ-Veranstaltungen in anderen Häusern zu Gast.Kirmani's Siyar-ul-Awliya,i, S. 400. Das Hören bestimmter Verse versetzte ihn dann manchmal in einen ekstatischen Zustand, in dem er in unkontrolliertes Weinen ausbrach oder zu tanzen begann. Amīr Churd schildert einige dieser Zusammenkünfte: