Masse und Macht ist das 1960 erschienene philosophische Hauptwerk des Nobelpreisträgers Elias Canetti. Er analysiert und beschreibt darin die Entfesselung des Menschen in der Masse und die Herrschaft soziopathischer Machthaber über Menschenmassen.
Entstehungsgeschichte Canettis Zugang zu Massenphänomenen waren seine eigenen, prägenden Massenerlebnisse, die ihn zu dem Gedanken führten, dass es im Menschen einen Massentrieb gibt, der im Widerstreit zum Persönlichkeitstrieb steht. Rückblickend schrieb er in seiner Lebensgeschichte: „Daß etwas die Menschen dazu zwinge, zu Masse zu werden, schien mir offenkundig und unwiderlegbar, daß die Masse zu Einzelnen zerfiel, hatte nicht weniger Evidenz, ebenso daß diese Einzelnen wieder Masse werden wollten. [...] Was die Masse aber selbst wirklich war, das wußte ich nicht, es war ein Rätsel, das zu lösen ich mir vornahm.“Canetti: Die Fackel im Ohr. Lebensgeschichte 1921-1931. 1980, S. 141.
Die Entstehungsgeschichte von Masse und Macht beginnt 1922 zu Anfangszeiten der Weimarer Republik. Anlässlich eines Demonstrationsmarsches nach der Ermordung des deutschen Außenministers Walther Rathenau hat der junge Elias Canetti sein erstes Massenerlebnis.Canetti: Die Fackel im Ohr. Lebensgeschichte 1921-1931. 1993, S. 79–80. Noch prägender sind ein Jahr später die erniedrigenden Erfahrungen der Inflation, von denen er rückblickend in Masse und Macht schreibt: „Die Inflation ist ein Massenphänomen im eigentlichsten und engsten Sinne des Wortes.Canetti: Masse und Macht. 1960, S. 214. [...] In diesem Vorgang findet sich jene Eigenschaft wieder, die ich als besonders wichtig und auffallend bezeichnet habe: die Lust am rapiden und unbegrenzten Wachstum. Aber dieses Wachstum ist ins Negative gewendet.“Canetti: Masse und Macht 1960, S. 217.
Gegen den eigenen Willen von einer Entwicklung mitgerissen zu werden, dieses Gefühl kehrte vier Jahre später in Wien leibhaftig zu Canetti zurück. Während des Arbeiteraufstandes am 15. Juli 1927 (Wiener Justizpalastbrand) wird er als eigentlich Unbeteiligter vom Strom der Demonstranten mitgerissen. Jahrzehnte später erinnerte er sich wie folgt an diesen Aufstand: „Es sind 53 Jahre her, und die Erregung dieses Tages liegt mir noch heute in den Knochen. Ich wurde zu einem Teil der Masse, ich ging vollkommen in ihr auf, ich spürte nicht den leisesten Widerstand gegen das, was sie unternahm.“Canetti: Die Fackel im Ohr. Lebensgeschichte 1921-1931. 1993, S. 231. Nach dem Anschluss Österreichs an Nazideutschland und Hitlers Einmarsch in Wien flüchtete Canetti ins Exil nach London. Er erlegte sich ein Verbot weiterer schriftstellerischer Tätigkeit auf und widmete sich ganz seiner Arbeit zu Masse und Macht. Zehn Jahre nimmt das Quellenstudium in Anspruch, erst 1948 beginnt er mit der Niederschrift. Weitere elf Jahre vergehen, bis Canetti Masse und Macht 1959 fertigstellt und es 1960 veröffentlichen kann.
Masse und Macht ist nicht nur Canettis Hauptwerk, sondern war seine Obsession, an der er über zwanzig Jahre arbeitete. Es ist angesiedelt zwischen Anthropologie, Sozialpsychiatrie, Soziologie, Ethnologie, Philosophie und Mythenüberlieferung. Canetti vermeidet den von Gustave Le Bon und Sigmund Freud geprägten Begriff der klassischen Massenpsychologie und teilt auch nicht deren negative Betrachtungsweisen. Die von Le Bon und Freud dargestellte Regression des Verstandes auf das Niveau von Wilden (Le Bon) ist für Canetti kein Argument gegen die Masse, sondern ein Erkenntnismittel, mit welchem er sich anhand einzelner Mythen von Naturvölkern einen weiteren Zugang zur Masse eröffnete. Der Eintritt in eine Masse befreit den Einzelnen von seinen Ich-Grenzen und führt zu einem Zustand, den Canetti als anthropologischen Trieb versteht. Für Canetti ist Freuds psychoanalytische Analyse der Massenphänomene völlig unzureichend, da dieser nicht zwischen spontanen Massenbewegungen und hierarchisch strukturierten Gruppen unterscheidet. Auch die von Freud hervorgehobene Libido-Bindung an den Führer sieht Canetti nicht als eine ausreichende Erklärung für autoritäre Herrschaftsstrukturen.
Masse und Macht leistet eine besondere, feinfühlige Betrachtung kollektiver Vorgänge und Herrschaftsstrukturen. Gerade in den bildhaften Übersetzungen der Masse-Erscheinungen und der sie beherrschenden Führermacht liefert dieses Werk erhellende Einsichten. Canetti, der Ideologien verabscheut, teilt seine Weltanschauung nicht offen mit. Erkenntnis muss der mündige Leser selbst gewinnen. So wie sich Canetti der Masse immer wieder neu nähert, muss dieses Werk auch immer wieder neu erschlossen werden.
Die wichtige Rolle, die seine Frau Veza Canetti bei der Entstehung von Masse und Macht spielte, fasste Elias Canetti selbst folgendermaßen am 4. Dezember 1963 in einem Brief an Hermann Kesten zusammen:„Vielleicht, wenn Sie es [Masse und Macht] lesen, werden Sie finden, daß das elende Leben meiner Frau nicht ganz umsonst war. Ihr geistiger Anteil daran ist so groß wie meiner. Es gibt keine Silbe darin, die wir nicht zusammen bedacht und besprochen haben.“
Masse Das Buch beginnt mit der Behauptung: „Nichts fürchtet der Mensch mehr als die Berührung durch Unbekanntes. […] Es ist die Masse allein, in der der Mensch von seiner Berührungsfurcht erlöst werden kann.“Canetti: Masse und Macht. 1960, S. 13–14. Nicht nur Empathie charakterisiere den Menschen, sondern auch die Furcht vor der Berührung anderer Menschen. Befinde sich der Mensch in der Öffentlichkeit, verlangten zufällige Berührungen mit anderen Menschen nach einer Entschuldigung. Stehe der Mensch im Aufzug, dränge er sich in eine Ecke, um nicht in Kontakt mit den Anderen zu geraten. Und das Einschließen in die Häuser sei nichts anderes als ein Versuch des Menschen, sich dem bedrohlichen Fremden in der Welt zu entziehen.
Einzig in der Masse, diesem von „Affekten“ geleiteten Gebilde, verliere der Mensch seine Furcht vor Berührungen und in extremen Situationen sogar die Angst vor dem Tod. In der Masse könne es zu einem Zustand der „Entladung“ kommen, zu einem Moment, an dem alle „ihre Verschiedenheiten loswerden und sich als gleiche fühlen“. Der Verlust jeder Individualität werde dabei als befreiender Akt betrachtet, da der Einzelne nicht mehr alleine der chaotischen Welt gegenüber stehe. Dies verschafft erhebliche Erleichterung, ist jedoch kein dauerhaftes Gefühl, da sich die Betroffenen schon bald wieder isoliert fühlen. Jetzt, da sich alle gleich fühlten, sei die Furcht vor dem Fremden innerhalb der Masse zwar aufgehoben, doch das Andersartige der Welt da draußen werde der Masse umso deutlicher bewusst. Das Andersartige gefährde das „Überleben“ der Masse, da es Alternativen zu dem Zustand der Gleichheit aufzeige. Und so sei die auffälligste Eigenschaft einer Masse die „Zerstörungssucht“. Um ihr eigenes Überleben zu sichern, wolle sie das Andere vernichten.
Vielfältige Massenphänomene In Masse und Macht beschreibt Elias Canetti vier allgemeingültige Eigenschaften der Masse, die er aus archaischen Verhaltensweisen in Menschengruppen ableitet, für die er den Begriff „Meute“ verwendet:
Die Masse will immer wachsen. Innerhalb der Masse herrscht Gleichheit. Die Masse liebt Dichte. Die Masse braucht eine Richtung.
Die Masse an sich existiert nicht. Massen sind entweder mit Todesdrohungen verbundene „Jagd- oder Fluchtmassen“ oder lebensbejahende, euphorisierende „Festmassen“. Die Masse flieht vor äußeren Gefahren als „Fluchtmasse“ oder erhebt sich zum Beispiel als „Umkehrungsmasse“ revolutionär gegen bestehende Unterdrückung. Massen sind vielfältig und nicht immer real. In „Doppelmassen“ stehen bildhaft beispielsweise Frauen den Männern, die Jungen den Alten, Außenseiter den Etablierten oder auch die Lebenden der Masse der Toten ohnmächtig gegenüber. Die Doppelmasse besteht aus zwei Massen, die einander gegenüberstehen, sich gegenseitig begrenzen, wobei die eine das Identitätsgefühl der anderen festlegt und sich auf diese Weise gegenseitig in einem gemeinsamen Werk der Zerstörung ergänzt.Canetti: Masse und Macht. Hanser 1994, S. 77–84. Den Toten will man nicht angehören. Man ehrt und besänftigt sie, ruft sie um Hilfe an, fürchtet ihre Rache oder triumphiert ggf. mit jedem neuen Lebenstag über den Tod und die Masse der Toten.
Canetti dehnt seine Masse-Untersuchung im Verlauf von Masse und Macht auf imaginäre „kollektive Erscheinungen aus, die bei Menschen Massenempfindungen hervorrufen“.Canetti: Masse und Macht. 29. Aufl. 2003 (zuerst 1960), S. 86–87. Diese Erscheinungen, die lustvolle, wie abstoßende Macht- und Ohnmachtsgefühle auslösen können, nennt Canetti „Massensymbole“. Zu diesen Symbolen zählt er für Menschen faszinierende Erscheinungen in der Natur, wie Feuer (vom Funken über Flammen zum Inferno), Wasser (vom Tropfen über den Regenguss zum Fluss und Meer) oder Wald (vom Ast über Gebüsch und Bäume zum Urwald), aber auch soziale Phänomene, wie Kunst (vom Kult- oder Kunstobjekt über die Sammlung zum Kunstschatz) oder Geld (von der Münze über das Sparguthaben zum Geldschatz). Spezifische Massensymbole finden sich ferner bei den einzelnen Nationen wieder. Eine Nation ist für Canetti weder über ihre Sprache, noch über ihr Territorium oder ihre Kultur oder ihre Geschichte definiert. In einer Nation sieht Canetti vielmehr eine Religion. Die Vorstellungen und Gefühle, die eine Nation von sich habe, seien als Massensymbole in tiefere Bewusstseinsebenen der Masse eingedrungen. Ein Massensymbol der Deutschen war für Canetti bis zu dessen totaler Niederlage im Zweiten Weltkrieg das Heer. „Aber das Heer war mehr als das Heer: es war der marschierende Wald.“Canetti: Masse und Macht. 29. Aufl. 2003 (zuerst 1960), S. 202.
Im Gegensatz zu Freuds und Le Bons Analysen benötigt die Masse bei Canetti keinen Führer. Bindet ein Machthaber eine Masse trotzdem an sich, ist die Libidobindung an den Führer kein primärer Grund für ihren Zusammenhalt, so Canetti, sondern ein „erst aus der Erstehung der Masse hervorgegangenes Phänomen.“ Der „positiven“ Bindung an den Machthaber durch Hypnose oder Libido stellt Canetti eine „negative“ Bindung entgegen: die Todesdrohung.
Macht Masse und Macht ist auch ein Buch über den Faschismus und den damit verbundenen Führerkult, obwohl Canetti diese Begriffe vermeidet. Canetti will nicht den Nationalsozialismus als Zivilisationsbruch erklären, er will elementare Machtstrukturen in totalitären Systemen aufdecken. Die Person Hitlers ist für ihn kein einzigartiges Phänomen, sondern lediglich ein Typ unter anderen.
In totalitären Systemen ist die Macht in der Hand des Machthabers gebündelt. Für Canetti ist Macht eine Chiffre für Gewalt. So schreibt er in Masse und Macht, dass die Macht sich in ihrem archaischen Moment als „Augenblick des Überlebens“ offenbare, immer dann wenn ein Lebender triumphierend einem Toten gegenüberstehe.
Machtbesitz bedeutet Überleben. Das Recht, über Leben und Tod zu entscheiden, ist folgerichtig das sicherste Instrument zur Macht- und Lebenserhaltung. Dieses Instrument des Schreckens, so Canetti, komme in totalitären Systemen nun als Recht daher und verleihe dem Diktator den Anschein einer Gottesähnlichkeit.
Doch ein Diktator ist kein Gott. Stattdessen definiert Canetti ihn als paranoiden Machthaber. Die Wahrung seiner Macht sei ihm das Wichtigste und gleichzeitig sei in ihm das permanente Gefühl der Bedrohung präsent. Die Masse seiner Untertanen könne der paranoide Machthaber nur dadurch unter Kontrolle halten, dass er exzessiv über ihr Leben und ihren Tod entscheide. „Seine sichersten, man möchte sagen seine vollkommensten Untertanen sind die, die für ihn in den Tod gegangen sind“ – ob im Krieg, in Schauprozessen oder in Vernichtungslagern.
Die Macht der Befehle