Westward war eine US-amerikanische Rennyacht der Big Class, die als 2-Mast-Gaffelschoner getakelt war. Ihr Eigner war Alexander Smith Cochran (1874–1929), ein erfolgreicher New Yorker Geschäftsmann und Regattasegler. Die Yacht wurde von dem Yachtkonstrukteur und Werftbesitzer Nathanael Herreshoff entworfen und lief am 31. März 1910 vom Stapel.
Konstruktion Westward war mit 135 Fuß LüA (41,10 m) die größte Stahlyacht und die erste Yacht, die die Werft „Herreshoff Manufacturing Co.“ in Bristol (Rhode Island) nach der neuen Internationalen Vermessungsregel () von 1908 gebaut hatte. Ihr Eigner gab bei der Auftragsvergabe im Herbst 1909 der Werft einen Freibrief für den Kauf der besten Ausrüstung, die Kosten waren zweitrangig. Cochran bestand darauf, dass die Yacht mit der Baunummer 692 nach den Vorschriften der höchsten Klasse von Lloyd’s Register gebaut wurde. Die Werft setzte diesen Wunsch gerne um und führte die Stahlarbeiten, Decksausrüstung, Takelage, Winschen usw. entsprechend aus.
mini|350 px|Westward unter Vollzeug vor dem Wind, 1910 Die beiden soliden Schiffsmasten wurden aus ausgewählter Oregon pine gefertigt. Der Hauptmast wog fertig mit dem zugehörigen stehenden Gut und Eisenbeschlägen vier Tonnen. Der Bleikiel wog ungefähr 75 bis 80 Tonnen, dadurch konnte Westward ihre riesige Segelfläche besser tragen als jeder andere Schoner mit ähnlichen Abmessungen. Der Schiffsrumpf war aus Stahl gefertigt und das Deck aus 7 cm starken Kiefernholz-Planken über dem Stahldeck, die Decksaufbauten und die Reling waren aus Teakholz.
Die stehende Takelage war in jeder Hinsicht massiv, das laufende Gut des Gaffelschoners war so einfach wie möglich gehalten, da die Handhabung eines Rennschoners gerade vor dem Start sehr viel schwieriger ist als die eines Kutters. Alle Fallen waren zum Mastfuß geführt, und das Fehlen einer Kanzel oder Stützen trug dazu bei, dass das bündige Deck ein sehr großzügiges Erscheinungsbild erhielt. Bei Atlantik-Überquerungen wurde eine abnehmbare Reling zur Sicherung der Mannschaft montiert. Der komplette Segelsatz für Baunummer 692 wurde bei den weltbesten Segelmachern Ratsey & Lapthorn aus England mit einer Filiale in City Island (Bronx) gefertigt. Der Stapellauf erfolgte am 31. März 1910 um 11 Uhr, getauft wurde Westward von Mrs. A. Livingstone Beekmann.CP Hamilton-Adams, The Racing Schooner Westward, Seite 16
Auf der Backbordseite (links) wurde ein schnelles Motorboot in Davits gefahren und achtern auch in Davits ein schickes Ruderboot. Auf der Steuerbordseite wurde an Deck ein stabiles motorisiertes Beiboot mit dem Namen Urda gefahren, die einzige Hilfsmaschine, wenn sie gebraucht wurde. Westward hatte ursprünglich keine Einbaumaschine, die wurde erst nach Ende der Rennkarriere 1935 eingebaut, man nahm ggf. Schlepperhilfe in Anspruch.CP Hamilton-Adams, The Racing Schooner Westward, Seite 61
Geschichte Der Gaffelschoner Westward gehörte Alexander Smith Cochran, der als erfolgreicher Segler auch Mitglied des New York Yacht Club (NYYC) war. Er wurde am 28. Februar 1874 als Sohn von William Francis Cochran und Eva Smith geboren. Sein Großvater war Alexander Smith, Gründer der „Alexander Smith Carpet Company“. Cochran erbte sein Vermögen von seinen Eltern und seinem Onkel mütterlicherseits, Warren B. Smith, der Cochran 1902 den Großteil eines Anwesens mit einem geschätzten Wert von damals 40 Millionen US-Dollar hinterließ. Cochran war der Erbe und Haupteigentümer der „Alexander Smith & Sons Carpet Mills“ in Yonkers, New York. Im Jahr 1929 war die Firma der größte Teppichhersteller der Welt.
Die Yacht Westward wurde von dem Kapitän und Skipper Charlie Barr (1864–1911) kommandiert, ein persönlicher Freund des Eigners. Sie hatten gemeinsam viele Rennen mit Chochrans Rennkutter Avenger gesegelt und im Jahr 1909 den „Astor Cup“ gewonnen, der vor Newport (Rhode Island) jährlich vom NYYC ausgesegelt wird. Obwohl sie aus unterschiedlichen Verhältnissen kamen, hatten sie einen tiefen Respekt für die Möglichkeiten des anderen. Tatsächlich war es Barr, der seinen Freund überzeugte in einen Rennschoner zu investieren. Charlie Barr war zu seiner Zeit einer der besten Skipper, den man in Europa oder Amerika verpflichten konnte. Er hatte sich einen hervorragenden Namen als siegreicher Schiffsführer gemacht. Er erreichte drei Siege bei den drei America’s-Cup-Rennen der Jahre 1899, 1901 und 1903.CP Hamilton-Adams, The Racing Schooner Westward, Seite 17
Atlantiküberquerung und Kieler Woche 1910 Westward stellte in ihrer ersten Saison eine erstaunliche Bilanz auf. Im April 1910 segelte sie in vierzehn Tagen vom Brenton Reef bei Newport (Rhode Island) über den Nordatlantik nach Southampton mit durchschnittlich 202 Seemeilen pro Tag. Bei der Kieler Woche im Juni gewann sie souverän den „Emperors Cup“ in einer Serie von vier Rennen gegen die Yachten Meteor IV (Baujahr 1909), Germania (Baujahr 1908) Hamburg (ex Rainbow, Baujahr 1903) und Nordstern.CP Hamilton-Adams, The Racing Schooner Westward, Seite 22ff Bei einer Kollision der Yacht Meteor IV von Kaiser Wilhelm II. mit Westward brach der Bugspriet der Meteor IV, als der unbezwingbare Charlie Barr sich weigerte, der Kaiser-Yacht den Vortritt zu lassen. Westward konnte auch eine höhere Geschwindigkeit nach Luv segeln als jeder andere teilnehmende Schoner. Dies lag daran, dass sie mehr Segeltuch tragen konnte als ihre Konkurrenten, obwohl diese zusätzliche Last sie bei starkem Wind fast unkontrollierbar machte. Westward gewann schließlich jedes Rennen in deutschen Gewässern, bei dem sie startete.CP Hamilton-Adams, The Racing Schooner Westward, Seite 21
Regatten in britischen Gewässern mini|300 px|Westward, Ölgemälde von Tim Thompson Nach ihren Erfolgen in Deutschland segelte Westward nach England und nahm dort an Regatten teil. Aufgrund der sich ständig ändernden Handicap-Regeln entschied sich Cochran, Westward in der A-Klasse der internationalen Regeln starten zu lassen, für die sie konzipiert worden war. Trotz einiger Kontroversen durfte Westward schließlich antreten, wie Skipper Barr und Eigner Cochran es gefordert hatten. Bei ihrem ersten Rennen in britischen Gewässern zeigte sie eine ordentliche Leistung und besiegte den America’s-Cup-Herausforderer Shamrock III mit ihrem Eigner Thomas Lipton an Bord um 15 Minuten. Insgesamt gewann Westward acht von neun Rennen.CP Hamilton-Adams, The Racing Schooner Westward, Seite 26
Tod von Kapitän Charlie Barr Ihre Rennkarriere wurde scheinbar auf unbestimmte Zeit unterbrochen, als Kapitän Barr am 24. Januar 1911 in Southampton beim Frühstück überraschend mit 46 Jahren an einem Herzinfarkt starb. Eigner Cochran war untröstlich über den Verlust seines Freundes Barr. Er bot Westward spontan über den Makler „Summers & Payne“ in Southampton für 100.000 US-Dollar (20.000 Pfund Sterling) zum Kauf an.CP Hamilton-Adams, The Racing Schooner Westward, Seite 36
Cochrans Engagement im America’s Cup Cochran begann sich für noch größere Yachten zu interessieren. Er besaß bereits einen 230-Fuß großen 3-Mast-Schoner Sett Call, den der Yachtkonstrukteur William Gardner für ihn entworfen hatte und den er für Kreuzfahrten nutze. Cochran beschloss, mit einer Verteidiger-Yacht () am America’s Cup teilzunehmen und beauftragte Gardner, für ihn an eine America’s Cup Yacht zu entwerfen. Das Ergebnis war Vanitie, eine Yacht aus Stahl und Bronze. Beide Yachten, sowohl Vanitie als auch Sett Call wurden von der „George Lawley & Son Corporation“ aus Neponset in Massachusetts gebaut. Der Plan war Vanitie im Jahr 1914 zum 13. America’s Cup als Verteidiger einzusetzen. Dazu kam es aber nicht, denn als Schamrock IV die Nachricht vom Ausbruch des Ersten Weltkrieges in Bermuda erreichte, segelte sie nach New York und wurde dort bis zum 13. America’s Cup 1920 aufgelegt.
Sieg im Astor-Cup Nach dem Tod von Charlie Barr entschied sich Eigner Cochran für den neuen Skipper John (Chris) Christensen, der unter Barr Bootsmann gewesen war. Mit ihm gewann Westward 1911 den jährlich ausgetragenen „Astor Cup“ vor Newport (Rode Island), gestiftet 1882 von John Jacob Astor III (1822–1890), gegen die großen amerikanischen Yachten trotz leichter Winde. Cochran legte sie daraufhin in City Island (Bronx) auf und bot sie für 120.000 US-Dollar zum Kauf an.CP Hamilton-Adams, The Racing Schooner Westward, Seite 39
Verkauf von Westward an Hamburgischen Verein Seefahrt Im Oktober 1912 segelte Westward zum dritten Mal über den Nordatlantik, um sich der deutschen Flotte von Stahlschonern anzuschließen. Eigner Cochran verkaufte die Yacht für 100.000 US-Dollar an den Hamburgischen Verein Seefahrt (HVS), dessen Vorsitzender Albert Ballin (1857–1918) war, der Direktor der Hamburg-America Line. Die neuen Eigner vergrößerten den Segelplan der Westward um 340 m², malten den Schiffsrumpf schwarz an und benannten sie in Hamburg II um. Außerdem bauten sie die Kabine aus und installierten ein Klavier unter Deck. Diese eigentlich unnötigen Einbauten vergrößerten das Gewicht der Yacht, was der Performance der Rennyacht nicht zuträglich war. Die Yacht Hamburg II bekam natürlich eine komplett deutsche Besatzung.CP Hamilton-Adams, The Racing Schooner Westward, Seite 44
Die Kieler Woche 1913 wurde dominiert durch den neuen britischen A Klasse Rennschoner Margherita, entworfen von Charles E. Nicholson für den Eigner Major Cecil Whitaker, der mit fünf ersten Plätzen nach England zurückkehrte. Hamburg II belegte am Ende der Kieler Woche aufgrund ihrer mittelmäßigen Segelleistung den dritten Platz hinter der Germania, die sie im Jahr 1910 noch geschlagen hatte. Danach wurde sie aufgelegt und verzichtete auf den Start in der Cowes Week, hier nahmen an den Regatten nur die Meteor IV und die Germania aus Deutschland teil. Die britischen Segler empfanden das Fernbleiben der Hamburg II als tiefe Enttäuschung.CP Hamilton-Adams, The Racing Schooner Westward, Seite 45
Die großen Rennschoner Meteor IV und Hamburg II segelten 1914 gegeneinander auf der Kieler Woche, als am 28. Juni die Nachricht vom Attentat von Sarajevo eintraf. Die Yachten brachen die Wettfahrt ab und während der Cowes Week im Juli wurde der Erste Weltkrieg erklärt. Die Hamburg II wurde wie alle deutschen Rennschoner pfleglich im Nord-Ostsee-Kanal (bis 1948 „Kaiser-Wilhelm-Kanal“) aufgelegt. Hier überstand die Yacht den Krieg ohne Schaden in einem exzellenten Zustand, war sie doch nach den höchsten Standards von Material und Konstruktion gebaut worden.
Verkauf an Clarence Hatry Im Jahr 1919, nach dem Krieg und der Pandemie, wurde Hamburg II als Kriegspreis von dem extravaganten Londoner Finanzier Clarence Hatry (1888–1965) gekauft, der ihr nicht nur den ursprünglichen Namen Westward zurückgab, sondern er reduzierte auch ihre Segelfläche auf die ursprüngliche Fläche beim Bau und ließ die in Deutschland veranlassten Kajüteinbauten zurückbauen. Hatry hatte seinen Aufstieg zum Erfolg damit begonnen, osteuropäische Auswanderer in die Vereinigten Staaten und nach Kanada zu transportieren. Anschließend vergrößerte er sein riesiges Vermögen durch Investitionen in Fotozubehör, Verkaufsautomaten und Kreditbüros.