No Other Land ist ein palästinensisch-norwegischer Dokumentarfilm unter der Regie von Basel Adra, Hamdan Ballal, Yuval Abraham und Rachel Szor aus dem Jahr 2024. Der Debütfilm hatte im Februar 2024 auf der Berlinale seine Weltpremiere in der Sektion Panorama und wurde mit dem Berlinale Dokumentarfilmpreis ausgezeichnet. Nach dem Eklat der documenta fifteen löste der Auftritt der Filmemacher bei der Preisverleihung eine weitere Diskussion um Antisemitismus in der deutschen Kulturszene aus. Im Fall des Films No Other Land erwiesen sich diese Vorwürfe jedoch als haltlos, und die Regisseure gingen deshalb juristisch gegen sie vor. Unter anderem kündigten sie Schritte gegen die Stadt Berlin an, die fälschlicherweise auf ihrer Website behauptet hatte, dass die Dokumentation antisemitische Inhalte hätte.Korrigierte Fassung der Filmbeschreibung auf Website berlin.de (abgerufen am 10. Juni 2025). Im selben Jahr gewann das Werk den Europäischen Filmpreis. Bei der Oscarverleihung 2025 wurde No Other Land als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet.
Handlung Im Mittelpunkt der Handlung steht der junge palästinensische Aktivist Basel Adra aus Masafer Yatta, einer Sammlung von kleinen Dörfern südlich von Hebron im Westjordanland. Die Häuser der Palästinenser sollen einem israelischen Truppenübungsplatz weichen. Mit Bulldozern reißt die Armee darum Gebäude ab.
Zusammen mit dem israelischen Journalisten Yuval Abraham und seiner Kollegin Rachel Szor sowie dem palästinensischen Fotografen Hamdan Ballal filmt Basel die Zerstörungen und den Protest der Dorfbewohner dagegen. Auch Gewalttaten israelischer Siedler und der israelischen Armee werden gezeigt.
Produktion
Filmstab Bei diesem Debütfilm führten Basel Adra, Hamdan Ballal, Yuval Abraham und Rachel Szor Regie und waren auch für den Schnitt zuständig, Rachel Szor darüber hinaus für die Kameraführung. Die Musik komponierte Julius Pollux Rothlaender.
Produktion Die Arbeiten an dem Film begannen 2018 und endeten kurz vor dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023. Dem Epilog wurde eine von Ende Oktober 2023 stammende Aufnahme hinzugefügt, die zeigt, wie ein Cousin Adras von einem israelischen Siedler angeschossen wird.
Produziert wurde der Film von Fabien Greenberg und Bård Kjøge Rønning. Produktionsfirmen waren die palästinensische Yabayay Media und die norwegische Antipode Films.
Veröffentlichung Der Film hatte im Februar 2024 auf der Berlinale seine Weltpremiere in der Sektion Berlinale Panorama. Im März 2024 feierte No Other Land in Gegenwart der Filmemacher seine erste Aufführung in Masafer Yatta auf dem dortigen Schulhof. Im Juni 2024 wird der Film beim Sydney Film Festival vorgestellt.No Other Land. In: sff.org. Abgerufen am 8. Mai 2024. Ende Juni, Anfang Juli 2024 wurde er beim Karlovy Vary International Film Festival gezeigt.No Other Land. In: kviff.com. Abgerufen am 14. Juni 2024. Ende August, Anfang September 2024 wurde No Other Land beim Telluride Film Festival gezeigt.51. Telluride Film Festival. In: amazonaws.com. Abgerufen am 4. September 2024. (PDF; 6,91 MB) Ende September, Anfang Oktober 2024 wird der Film beim New York Film Festival vorgestellt.Rebecca Rubin: New York Film Festival Unveils 2024 Lineup: Sean Baker’s 'Anora', Paul Schrader’s 'Oh, Canada' and More. In: Variety, 6. August 2024. Ende Oktober 2024 wird er bei der Viennale gezeigt.Susanne Gottlieb: The 62nd Viennale offers a rich selection of award-winning films. In: cineuropa.org, 15. Oktober 2024. Am 14. November 2024 kam der Film in die deutschen und am 31. Januar 2025 in ausgewählte US-Kinos.
Rezeption
Filmkritiken Von den bei Rotten Tomatoes aufgeführten Kritiken sind alle positiv bei einer durchschnittlichen Bewertung mit 8,9 von 10 möglichen Punkten.No Other Land. In: Rotten Tomatoes. Abgerufen am 3. Dezember 2024. Bei Metacritic erhielt der Film einen Metascore von 92 von 100 möglichen Punkten.No Other Land. In: Metacritic. Abgerufen am 7. Februar 2025.
mini|Basel Adra (li.) und Yuval Abraham bei der Vorstellung von No Other Land während der Berlinale
Andreas Busche kommentierte im Tagesspiegel:
„Der palästinensisch-israelische Dokumentarfilm ,No Other Land‘ gewährt erschütternde Einblicke in den Alltag im Westjordanland. [...] ,No Other Land‘ will keine Hoffnung spenden. Er bezieht seine Kraft vor allem daraus, wie unumstößlich Basel und Yuval an ihre gemeinsame Form des Widerstands glauben. [...] ,No Other Land‘ ist ein aktivistischer Film, wie sie in der Ära des antiimperialistischen Dritten Kinos in den 1960er Jahren zuhauf entstanden. Er ist parteilich, im Gespräch mit Basel und Yuval fällt immer wieder das Wort ,Apartheid‘ im Zusammenhang mit der Besetzung im Westjordanland. Ein Begriff, den man geraderücken möchte, aber man versteht auch ihre Wut, weil die Erfahrungen von Basel, seiner Familie und den Menschen in Masafer Yatta in der Berichterstattung des Westens kaum vorkommen. Gleichzeitig stimmt die Freundschaft zwischen den fast gleichaltrigen Basel und Yuval über einen Militärgrenzposten hinweg auch vage optimistisch.“
IndieWire, Variety und andere auf Rotten Tomatoes gelistete Rezensionen bewerteten den Film weitgehend positiv. Guy Lodge nannte den Film in Variety etwa „lebenswichtig“: „Aber das Filmemachen hier ist straff und durchdacht, mit geschicktem Schnitt (von den Regisseuren selbst), der das Gefühl der Zeit einfängt, die gleichzeitig vergeht und sich in sich selbst wiederholt.“ Szenen der palästinensisch-israelischen Konfrontation beschrieb er als „intensiv, erschütternd“.
In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung heißt es zum Film: „‚No Other Land‘ ist ein engagierter Dokumentarfilm, er nimmt eindeutig Partei, ist aber nicht propagandistisch. Glaubwürdig wird das dokumentarische Vorhaben nicht zuletzt durch die Freundschaft von Basel und Juval. Sie deutet eine Möglichkeit an, wie Menschen in Israel/Palästina auch zusammenleben könnten.“
Für Kay Hoffmann (Filmdienst) ist No Other Land kein abwägender oder um Ausgewogenheit bemühter Film. Er beziehe vielmehr eindeutig Position. Er lebe von seiner „dynamischen Ästhetik, ergänzt um Handyaufnahme, deren Wirkung durch Sounddesign und Musik noch verstärkt wird“, wobei die Filmemacher die Hoffnung nicht aufgeben, dass es jenseits von Hass und Verachtung doch noch zu einem friedlichen Zusammenleben kommen kann. Aus dem IndieWire Critics Poll 2024 ging No Other Land als Erstplatzierter unter den besten Dokumentarfilmen hervor.Christian Blauvelt: 2024 Critics Poll: The Best Movies and Performances of the Year, According to 177 Critics. In: indiewire.com, 16. Dezember 2024.
Anlässlich des Kinostarts in Österreich forderte der ORF-Kritiker Simon Hadler im Januar 2025 das Publikum auf, sich selbst ein Bild zu machen und das Entstehungsdatum des Films vor dem Terroranschlag am 7. Oktober 2023 zu berücksichtigen: „Die Wahrnehmung im Februar des Vorjahres war noch stärker geprägt von den antiisraelischen Protesten, bei denen international sehr wohl immer wieder ein dubioses Amalgam aus vorgeblich antiimperialistischen Linken, Rechtsradikalen und Verschwörungstheoretikern mit antisemitischen Aktionen in Erscheinung trat.“
Berlinale-Antisemitismus-Kontroverse
Auf der Berlinale 2024 wurde No Other Land mit dem Preis als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet. Basel Adra und Yuval Abraham nahmen den Preis entgegen.Palestinian & Israeli winners at Berlinale urge Germany to "stop sending weapons to Israel" - Video des Auftritts, bei The New Arab, abgerufen am 28. Februar 2024. Adra forderte in einer Dankesrede Deutschland unter Bezugnahme auf den Israel-Gaza-Krieg auf, keine Waffen mehr an Israel zu liefern; Palästinenser würden durch Israel „abgeschlachtet“. Anschließend wandte sich Abraham an das Publikum:„Basel und ich sind im selben Alter, ich bin Israeli, er ist Palästinenser. Und in zwei Tagen werden wir in ein Land zurückgehen, wo wir nicht gleichberechtigt sind. Ich lebe unter Zivilrecht, Basel unter Militärrecht. Wir leben 30 Minuten voneinander entfernt: ich habe das Wahlrecht, Basel nicht. Ich habe die Freiheit hinzugehen, wohin ich will, Basel ist wie Millionen andere Palästinenser eingesperrt in den besetzten Gebieten. Diese Situation von Apartheid zwischen uns, diese Ungleichheit, sie muss enden. Und wir fragen, wie wir einen Wandel erreichen, um die Besatzung zu beenden, um eine politische Lösung zu erreichen.“Israeli journalist rails at West Bank ‘apartheid’ in Berlinale acceptance speech. In: The Times of Israel, 27. Februar 2024.In der Neuen Zürcher Zeitung schrieb Andreas Scheiner über den Film und seine Präsentation auf der Berlinale:
„Wie er brutale israelische Räumungen im Westjordanland einfängt, ist eindringlich. Doch das israelisch-palästinensische Kollektiv dahinter versteht sich nach eigener Aussage als Aktivisten. Aktivismus ist naturgemäss einseitig. Man kann einen solchen Film zeigen, hätte ihn jedoch kritisch in einen Gesprächsrahmen einbetten müssen. Nun prämierte eine Jury «No Other Land» sogar als besten Dokumentarfilm. Manchmal nehme einen ein Film «jenseits von ästhetischen oder formalen Kriterien» mit, begründeten die Preisrichter ihre Auswahl. Darin zeigt sich exemplarisch der Geist an der Berlinale: Aktivismus wird gefeiert, die Filmkunst ist zweitrangig.“
Reaktionen in Deutschland In Deutschland entbrannte, im Zuge weiterer pro-palästinensischer und anti-israelischer Vorfälle auf der Berlinale, eine Debatte über Antisemitismus und Israel-Hass. In der Süddeutschen Zeitung wurde die Einseitigkeit der Forderungen Abrahams mit Verweis auf die 130 Geiseln, die sich weiterhin in der Gewalt der Hamas befinden, kritisiert. Der Jury warfen die Autoren Voreingenommenheit bei der Auswahl des Films vor. Im November 2024 wurden in einem weiteren Artikel in der Süddeutschen Zeitung von „grob falschen Antisemitismusvorwürfen“ und einer „bizarren Antisemitismusdebatte“ geschrieben. Berlins regierender Bürgermeister Kai Wegner kritisierte auf X die Reden der beiden Regisseure als eine „untragbare Relativierung“ und antisemitisch und forderte von der Festivalleitung Konsequenzen hinsichtlich zukünftiger Veranstaltungen. Kulturministerin Claudia Roth distanzierte sich später von ihrem Applaus für die Auszeichnung des Films auf der Berlinale und stellte klar, dass ihr Applaus nur der Rede des jüdisch-israelischen Regisseurs Yuval Abraham gegolten habe und nicht derjenigen des palästinensischen Regisseurs Basel Adra.
Reaktionen in Israel Im öffentlich-rechtlichen israelischen Fernsehen (KAN) wurde Yuval Abrahams Redebeitrag auf der Berlinale als antisemitisch bezeichnet.On Israeli TV, You're an Antisemite if You Dare Mention the Occupation - Haaretz.com, 26. Februar 2024; abgerufen am 28. Februar 2024. Die linksliberale israelische Zeitung Haaretz bezeichnete dies als Entsprechung der gegenwärtigen Lage in Israel, in „der Atmosphäre des Verschweigens, der Selbstzensur und der Verfolgung jeder Person, die Kritik am israelischen Regime“ äußere.„Was ist so beängstigend an Abrahams Worten? In weniger als einer Minute beschrieb er eine Situation, die die meisten Israelis leugnen oder, noch schlimmer, völlig ignorant sind. [...] Abraham spiegelte die Wahrheit wider, wenn es um den Status von Palästinensern wie Basel im Vergleich zu dem der Israelis geht. [...] Kritiker der Besatzung als Antisemiten zu bezeichnen, ist ein Verhaltensmuster, das aus der rechtsextremen Partei Otzma Yehudit und ihren Gleichgesinnten importiert wurde. Gemäß diesem Spielbuch muss jeder, der Kritik an Israels Politik gegenüber den Palästinensern und der Besatzung äußert, sofort als ‚Unterstützer des Terrors‘, ‚antisemitisch‘ oder ‚Judenhasser‘ gebrandmarkt werden.“Der Botschafter Israels in Deutschland, Ron Prosor, kritisierte die Verantwortlichen der Berlinale nach der Preisverleihung: „Es scheint, dass die Lektion aus der Documenta nicht begriffen wurde. Unter dem Deckmantel der Rede- und Kunstfreiheit wird antisemitische und antiisraelische Rhetorik zelebriert.“