mini|Regenmacher aus Kaktusrohr Ein Regenmacher, auch Regenstab oder Regenrohr (englisch rainmaker, rainstick, spanisch palo de lluvía, brasilianisches Portugiesisch pau de chuva), ist eine zuerst in Zentral- und Südamerika als Geräusch- und Effektinstrument bekannt gewordene röhrenförmige Gefäßrassel, bei der die eingeschlossenen Rasselkörper über in die Rohrwand nach innen eingeschlagene Stifte rieseln und so ein Geräusch wie fallende Regentropfen produzieren. Die älteste Version besteht aus einem verholzten Kaktus, dessen Dornen abgebrochen und nach innen eingedrückt werden. Heute werden international vielfach im Bereich Wellness und als Kinderspielzeug eingesetzte Regenmacher auch aus Bambus oder einem Kunststoffrohr hergestellt.
Die Azteken verwendeten den Rasselstab chicahuaztli für Regenmacherrituale. Typologisch dem Regenmacher entsprechende Gefäßrasseln mit seitlich eingedrückten Stiften wurden Ende des 19. / Anfang des 20. Jahrhunderts beschrieben. Indianervölker in Panama und Ecuador stellten sie aus Pflanzenrohr und im Gran Chaco aus einer Kalebasse her.
Herkunft und instrumentenkundliches Umfeld mini|Der aztekische Vegetationsgott Xipe Totec mit einem Messer in der rechten Hand und einem Rasselstab chicahuaztli in der linken Hand. Abbildung im Codex Borgia, 15. Jahrhundert mini|Ein Rasselstab chicahuaztli führt eine Fruchtbarkeitszeremonie an. Abbildung „Wie das Wasser nach Mexiko gebracht wurde“ im Codex Durán aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts Alter und Herkunft des Regenmachers sind unklar. Häufig wird ohne konkrete Nachweise ein früher Ursprung in Zentral- oder Südamerika angegeben, teilweise mit der Vermutung, es könne sich zunächst um das Ritualinstrument einer Regenmacherzeremonie gehandelt haben.Laurence Libin, 2014, S. 219; z. B. eine behauptete Herkunft von Regenmacherritualen in Chile: Garry Kvistad: Materials in percussion instruments. In: Proceedings of Meetings on Acoustics, Band 12, Nr. 1 (161st Meeting Acoustical Society of America Seattle, Washington 23 – 27 May 2011) 2011, S. 1–43, hier S. 26 Allgemein haben Rasseln seit jeher eine magische Bedeutung bei religiösen Ritualen und die symbolische Nachahmung ist ein wesentliches Element, wenn mit magischen Methoden die Natur beeinflusst werden soll. Der Ethnologe Konrad Theodor Preuss (1912) berichtet von einer Badezeremonie beim Volk der Cora in Mexiko, die mit der Anrufung mehrerer Götter für Regen sorgen, die Flüsse zum Anschwellen bringen und den Mais wachsen lassen sollte. Um Mitternacht stiegen die Priester ins Wasser und jeder ahmte einen anderen Wasservogel nach. Auch der Fang von als lebensspendend geltenden Fischen war in diesem Zusammenhang eine Parallelhandlung in der Regenmacherzeremonie.Konrad Theodor Preuss: Die Nayarit-Expedition. Textaufnahmen u. Beobachtungen unter mexikanischen Indianern. Unternommen u. hrsg. im Auftrage u. mit Mitteln d. Königl. Preuss. Kultusministeriums aus der Herzog von Loubat-Professur-Stiftung. Band 1: Die Religion der Cora-Indianer in Texten nebst Wörterbuch. Teubner, Leipzig 1912, S. 127 Wahrscheinlich ist das Geräuschinstrument Regenmacher eine jüngere Variante der aus Pflanzenmaterial oder Ton gefertigten Gefäßrasseln, die in Zentral- und Südamerika aus präkolumbischer Zeit (2. Jahrtausend v. Chr. bis ungefähr 1500 n. Chr.) bekannt sind.Entsprechend die „Zeremonie des grünen Maises“, ein Regentanz der Pueblo-Indianer, bei dem Tänzer und Tänzerinnen grüne Zweige und Kalebassenrasseln in den Händen halten. Vgl. Paul Collaer: Musikgeschichte in Bildern. Band 1: Musikethnologie. Lieferung 2: Amerika. Eskimo und indianische Bevölkerung. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1967, S. 78
Die meisten aus Altamerika überlieferten Rasseln, Trommeln, Gefäßflöten, Pfeifen, Kerbflöten und Trompeten bestehen aus Ton. Aus der Tlatilco-Kultur im Hochland von Mexiko (vorklassische Periode, um 1300–700 v. Chr.) sind derart viele Tonfigurinen erhalten, die Tänzerinnen mit Gefäßrasseln oder Schellen an den Beinen darstellen, dass sie als Fruchtbarkeitsamulette gedeutet werden.Helena Simonett: Yoreme cocoon leg rattles: An eco-organological perspective. In: Trans-Revista: Transcultural Music Review, Band 20, 2016, S. 1–28, hier S. 6 Die dargestellten Rasseln bestanden damals vermutlich aus Samenkapseln, getrockneten Früchten oder Muscheln. Bis heute tragen etwa die männlichen Tänzer der YaquiYaqui Dances: The Pascola Music of the Yaqui Indians of Northern Mexico. LP von Folkways Records, 1957, Begleitheft und Mayo in Mexiko bei ihren Pascola-Ritualtänzen Ketten mit Rasseln (tenaboim oder ténabarim) aus Samenkapseln an den Beinen.What is a Pascola? Arizona State Museum Die Tonfigurinen standen offenbar mit Fruchtbarkeitskulten in Verbindung, bei denen mit magischen Kräften für eine reiche Ernte gesorgt werden sollte.Samuel Martí: Musikgeschichte in Bildern. Band 2: Musik des Altertums. Lieferung 4: Altamerika. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1970, S. 32 Solche Figuren, die auf die Spielpraxis von Musikinstrumenten schließen lassen, sind außerdem aus Nordperu, Ekuador sowie von den Maya und Azteken in Mexiko erhalten.Ellen Hickmann: Altamerika. IV. Morphologie der erhaltenen Bodenurkunden. In: MGG Online, November 2016
Die Klangerzeugung bei Gefäßrasseln basiert auf nichtklingenden Rasselkörpern, die mit ihrem Bewegungsimpuls eine als Resonanzkörper fungierende feste Gefäßwand in Schwingung versetzen. In dieser Hinsicht sind mit dem Regenmacher Schlitztrommeln aus einem Bambusrohr oder aus einem ausgehöhlten Holzblock verwandt. Eine besondere Form von Schlitztrommeln sind dünnwandige hölzerne Zungenschlitztrommeln, bei denen in der Mitte der Röhre H-förmig Schlitze eingeschnitten sind, sodass sich zwei Zungen ergeben, die an ihren freien Enden mit Stöcken angeschlagen unterschiedliche Tonhöhen hervorbringen. Bei den Maya sind diese tunkul seit dem 10. Jahrhundert nachweisbar und von ihren Nachfahren, den Lacandonen, werden sie bis heute in Mexiko verwendet. Die Azteken kannten Zungenschlitztrommeln unter dem Namen teponaztli.In: Hans Oesch: Außereuropäische Musik, Teil 2. (Carl Dahlhaus (Hrsg.): Neues Handbuch der Musikwissenschaft. Band 9) Laaber, Laaber 1987 (Kapitel V: Der altamerikanische Kulturbereich), S. 226
Eine spieltechnische Annäherung stellen Schrapinstrumente dar, bei denen über die gekerbte Außenseite eines klingenden Stabs oder Hohlkörpers mit einem nichtklingenden Stock gerieben wird, sodass ein prasselndes oder knatterndes Geräusch entsteht. Die Maya, Azteken und andere Völker verwendeten in der spätklassischen Zeit hierfür gekerbte Tier- oder Menschenknochen. Die Azteken schrieben den Knochen eine Zeugungskraft zu, weshalb sie Schrapinstrumente bei Fruchtbarkeitskulten und Bestattungen verwendeten.Hans Oesch, 1987, S. 226; Samuel Martí, 1970, S. 52, 106 Die Schrapinstrumente der Azteken (omichicahuaztli) wurden aus Tierknochen oder Hirschgeweih, in präkolumbischer Zeit auch aus Menschenknochen gefertigt.Sibyl Marcuse, 1966, S. 376, s. v. „Omichicahuaztli“ Es dürfte in früher Zeit auch Schraper aus Pflanzenrohr und Holz gegeben haben, die jedoch nicht erhalten geblieben sind. In Mexiko heißt ein Schrapinstrument aus einem langen Knochen auch chicahuaztli.
Nachweisbar mit Regen assoziiert wurde der ebenfalls chicahuaztli genannte Rasselstab der Azteken, Nahua und Mexica, der aus einem langen Holzstab mit einer gezackten Spitze bestand, an dem mit Samen oder Steinchen gefüllte Gefäßrasseln befestigt waren, die beim Bewegen oder Schütteln das Geräusch von Regentropfen produzierten.Sibyl Marcuse, 1966, S. 92, s. v. „Chicahuaztli“, nach: Karl Gustav Izikowitz, 1935 Das Wort chicahuaztli ist von Nahuatl chicahua („stärken, festigen, reifen“) abgeleitet. Nach den Sprachforschungen des Altamerikanisten Eduard Seler Ende des 19. Jahrhunderts ist der „Zauberstab“ chicahuaztli ein Instrument „womit etwas kräftig gemacht wird“. Der aztekische Vegetationsgott Xipe Totec sowie einige Erd-, Berg- und Wassergottheiten werden mit einem derartigen Stab abgebildet. Der spanische Missionar Bernardino de Sahagún (um 1500–1590) beschrieb im ersten Band seines umfangreichen ethnographischen Werkes den Rasselstab „nach Art einer mit Samen gefüllten Mohnkapsel mit einer oben aufgesteckten Pfeilspitze“.Eduard Seler: Gesammelte Abhandlungen zur amerikanischen Sprach- und Alterthumskunde. Zweiter Band: Zur Geschichte und Volkskunde Méxicos. Reisewege und Ruinen. Archäologisches aus México. Die religiösen Gesänge der alten Mexikaner. A. Asher & Co., Berlin 1904, S. 467
mini|hochkant|Steinrelief der Maisgöttin Chicomecoatl mit einem Rasselstab in Gestalt einer Schlange in der rechten Hand. Um 1500, Brooklyn Museum Der chicahuaztli ist ein dezidiert männliches Ritualinstrument, das für Zeugung und Fortpflanzung steht. Wie ein Stampfrohr auf den Boden gestoßen dringt der chicahuaztli symbolisch in die Erde ein, mit seiner Spitze erreicht er die Sonne und sorgt so für Fruchtbarkeit. Wahrscheinlich wurde der chicahuaztli ausschließlich für Zeremonien in Form von Tänzen in heiligen Maisfeldern verwendet, die an die für Fruchtbarkeit sorgenden Götter gerichtet waren. Die aztekische Göttin der Erde und des Maises Chicomecoatl wird manchmal mit einem schlangenförmigen Rasselstab in ihrer rechten Hand dargestellt. Schlangen sind besonders während der Regenzeit aktiv und die nur auf dem amerikanischen Kontinent vorkommenden Klapperschlangen produzieren ein rasselndes Geräusch, das an fallenden Regen erinnert. Eine heute noch gebrauchte Variante des chicahuaztli ist der hölzerne Rasselstab sonaja.Ian Mursell: Chicahuaztli (rattle staff). Mexicolore, 23. Februar 2023 In der mexikanischen Stadt Tuxpan halten die Tänzer (sonajeros) einen Rasselstab senkrecht nach oben und stoßen ihn zwischendurch auf den Boden.Danza: Jalisco - Danza de Sonajeros de Tuxpan. Youtube-Video
Regional auf ein Gebiet am Río Tiquié an der Grenze von Kolumbien und Brasilien begrenzt ist ein hölzerner Rasselstab, der nach seiner Form als „Speerrassel“ bezeichnet wird und wegen seiner magischen Kraft bei Initiationszeremonien gebraucht wurde. Das obere Ende ist zu einer dünnen Spitze geformt. Unterhalb dieser befindet sich eine seitlich geschlitzte Verdickung, die einige Rasselkörper enthält.Karl Gustav Izikowitz, 1935, S. 139–141
Neben dem Rasselstab chicahuaztli, der typologisch einer Röhrenrassel entspricht, sind aus einigen Regionen Röhrenrasseln aus Bambus oder einem anderen Pflanzenrohr bekannt, darunter von den Kuna in Panama, den Tsáchila (auch Colorado) in Ecuador, den Huicholen in Mexiko und weiteren Ethnien in Guyana. Die Röhren sind mit Rasselkörpern aus harten Samen oder kleinen Kieselsteinchen gefüllt und an beiden Enden verschlossen. Bei Röhrenrasseln der Kuna und Tsáchila stecken Karl Gustav Izikowitz (1935) zufolge in großer Zahl Stacheln der Nadelpalme in der Röhrenwand, die so lang sind, dass sie fast die gegenüberliegende Wand erreichen. Beim Drehen der Röhre produzieren die Rasseln ein regenähnliches Geräusch. Folglich gab es in Panama und Ecuador Anfang des 20. Jahrhunderts den Typus des Regenmachers.Karl Gustav Izikowitz, 1935, S. 144
Beim erwähnten, von Konrad Theodor Preuss (1912) beschriebenen Regenmacherritual der mexikanischen Cora hatten die Priester einen Altar aufgebaut, dessen Objekte alle einen symbolischen Bezug zu Regen besaßen. Beim entsprechenden Ritual der Huicholen war das Insigne der Priester, der zeremonielle Rasselstab, mit Samen gefüllt, „so dass man sie lange Zeit wie einen feinen Regen herabrieseln hört, wenn man die Rohre umdreht.“ Offenbar wurde bei diesem Ritual eine akustische Nachahmung angestrebt. Die Beschreibung stellt eine Verbindung zwischen dem als männliche Insigne dienenden Rasselstab chicahuaztli und der Regenmacher-Röhrenrassel her. Das Rasselgeräusch klingt nach fallendem Regen und Regen steht für Fruchtbarkeit.Karl Gustav Izikowitz, 1935, S. 145f