Wir können auch anders. Aufbruch in die Welt von morgen ist ein 2022 erschienenes Bestseller-Sachbuch von Maja Göpel und Marcus Jauer. Anders als im vorausgegangenen Bestseller Unsere Welt neu denken geht es der Verfasserin nunmehr hauptsächlich darum, unter dem Druck gegenwärtiger Veränderungen – wie sie in der Menschheitsgeschichte bisher wohl nur mit der Erfindung des Ackerbaus in der Neolithische Revolution, mit der Entstehung des Feudalismus oder mit der Industriellen Revolution verbunden waren – Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen und zum Handeln anzuregen. Man solle dabei „weniger nach Wegen suchen, ausgediente Strukturen noch einmal zu flicken, sondern die Kraft für Lösungen aufbringen, die zwar kurzfristig anstrengende Umbauten mit sich bringen, dafür in Zukunft aber besser tragen können.“ (S. 14 f.)
Gliederung und inhaltliche Akzente
Das in drei Hauptteile untergliederte Buch (Unser Betriebssystem (Kapitel 2 bis 5) – Wie wir den Betrieb ändern (Kapitel 6 bis 11) – Wer ist eigentlich wir (Kapitel 12 bis 14)) stellt Göpel unter drei Leitfragen, die darauf zielen, 1. wie die Dinge in der komplexen Gegenwart gewendet werden können; 2. wo anzusetzen ist, „um die Strukturen unserer Gegenwart so zu verändern, dass sie der Erreichung unserer Ziele besser dienen, statt ihnen im Weg zu stehen“; 3. wer diese Veränderungen anschieben kann. (S. 16)
Das größte Abenteuer der Menschheit
Angesichts eines unabweisbaren Veränderungsdrucks auf viele Lebensbereiche sieht Göpel in einem Weitermachen wie bisher keine Option. Viele bisherige Überzeugungen, Routinen und Selbstverständlichkeiten wirken für sie wie aus der Zeit gefallen. Doch sei in einer weltweit vernetzten Gesellschaft kaum vorherzusagen, in welche neue Normalität der nötige Aufbruch führen werde. Verschiedene Lösungsansätze stünden im Raum: Technologie oder Konsumverzicht, die Märkte oder der Staat. „Oft treten sie gegeneinander an, aber nicht miteinander ins Gespräch.“ (S. 12) Bei zunehmender Sorge hinsichtlich der Grenzen des Wachstums falle das Teilen anscheinend immer schwerer. „Die sozialen Unwuchten, die unsere Lebensweise produziert, wirken wie ein Spiegelbild der ökologischen Schäden, die sie hinterlässt. Wir kommen nicht ins Gleichgewicht.“ (S. 13)
Die Geschichte von Tanaland
Um die Schwierigkeiten aufzuzeigen, die sich bei dem Bemühen ergeben, Lösungen für komplexe sozialökologische Probleme herbeizuführen, bezieht sich Göpel auf die Computersimulation Tanaland. In dem fingierten Landstrich in Ostafrika sollten Studierende durch mögliche Maßnahmen wie Brunnenbohrungen, Staudämme, Traktorenbeschaffung, Kunstdünger oder medizinisches Personal Entwicklungsfortschritte erzielen. Eingetretenen kurzfristigen Erfolgen standen in der Simulation allerdings verheerende Langzeitfolgen für die Bewohner gegenüber, woraus Göpel die Frage ableitet, warum jeder Versuch, ein Problem mit den immer gleichen Mitteln lösen zu wollen, es von einem bestimmten Punkt ab nur noch verschlimmere. (S. 21–23) Göpel meint, dass die Tanaland-Lösungsmuster noch überall vorherrschen. Abhilfe könne eine ganzheitlich-systemische Sicht schaffen, die einschließt, „dass die Zukunft sich dynamisch in vielen Richtungen verändern kann und dass jeder gelebte Moment nur einer von vielen ebenso möglichen Momenten ist.“ Die Aufmerksamkeit sei auf die Strukturen zu richten, „mit denen wir unser Zusammenwirken organisieren und das Verhalten einzelner Teile oder Elemente beeinflussen.“ (S. 31 f.) Bei einem komplexen System müssten vor allem drei Merkmale beachtet werden: Vernetztheit, zeitliche Dynamik und Bestimmungszweck. (S. 34)
Vernetztheit – Alles ist verbunden
Was Einzelne in einem Beziehungsgeflecht tun, zum Beispiel in der Familie, hat auf andere Beteiligte Auswirkungen. Wo das nicht ernst genommen werde, drohe ein wenig harmonischer Alltag. „Gute Laune und ziviler Umgang sind genauso ansteckend wie schlechte Laune und Beschimpfungen.“ (S. 39 f.) Soll ein System in einem gewünschten Zustand erhalten oder wenn nötig sinnvoll verändert werden, muss man, so Göpel, das Ganze möglichst genau kennen und die Art der Vernetztheit seiner Teile verstehen. Reduziere man die Komplexität des Zusammenwirkens der Bestandteile eines sozialökologischen Systems, in das man eingreife, zu stark, so entgingen einem sowohl wichtige Ursachen als auch Wirkungen. (S. 42) Eine Ballung ungewöhnlicher Ereignisse und extremer Ausschläge innerhalb des Systems könne als Warnung dienen, dass der Kipp-Punkt bereits nahe bevorstehe. „Jede weitere Störung des Gleichgewichts kann nun eine enorme Wirkung entfalten.“ Innerhalb des komplexen Systems Erde werden in der Forschung neun miteinander verbundene Teilbereiche unterschieden, darunter Klima, Zustand der Ozeane, Süßwassermengen, Gesamtfläche der Wälder, der Moore und des Grünlandes. Für fünf der neun Bereiche gelte, dass die planetaren Grenzen unterdessen gerissen seien – mit zunehmendem Risiko eines Zusammenbruchs der betroffenen Teilsysteme. Dazu gehörten das Klima, die Biodiversität, der Stickstoff- und Phosphorhaushalt, die Landnutzung sowie die „Einführung neuer Entitäten in die Biosphäre“ (darunter Plastik und andere chemische Stoffe). (S. 44–47)
Dynamik – Wie kleine Dinge groß werden
Bezüglich des Klimawandels werden als anstehende Kipp-Punkte die großen Eisschilde in Grönland und in der Antarktis genannt, Korallenriffe wie das Great Barrier Reef, die Monsune in Asien oder der sibirische Permafrostboden. Bricht eines dieser für die Stabilität des Erdklimas wichtigen Elemente zusammen, könnte eine Kettenreaktion folgen. (S. 61 f.) Die Beschleunigung einzelner Rückkopplungen bremst, so Göpel, häufig die Regenerationsfähigkeit eines gesamten Systems. Sind die Puffer im System aufgebraucht und die Abläufe nachhaltig gestört, werde aus Anpassung disruptive Transformation. „Denn komplexe Systeme haben keinen Stopp-Knopf, mit dem man all ihre Rückkopplungsschleifen sofort zum Stehen bringen könnte. Sie haben einen Bremsweg.“ (S. 66) Andererseits verweist Göpel auf die menschlichen Fähigkeiten zur Vorausschau und zum Denken in Alternativen, wie sich etwa in den Maßnahmen gegen das Ozonloch gezeigt haben, die erfolgreich waren und zu dessen Schrumpfung führten. (S. 69) Sie appelliert unter Hinweis etwa auf das Beispiel Greta Thunbergs an jede und jeden Einzelnen, sich aktiv gegen erkennbare Fehlentwicklungen zu stellen. Denn über den Verlauf der Zeit gesehen, könne jeder im richtigen Moment getane Schritt „sogar schnell große Wirkungen erzielen.“ (S. 72–79)
Bestimmung – Worum es eigentlich geht
Als Bestimmung eines Systems gilt in Anlehnung an Donella Meadows der Zweck, den es erfüllt, „um den herum es gebaut und auf den es ausgerichtet ist.“ (S. 83) In vielen Wirtschaftsunternehmen wird neben dem Zweck der (maximalen) Gewinnerzielung unterdessen auch Nachhaltigkeit angestrebt. Die tatsächlichen Fortschritte diesbezüglich reichen laut Göpel jedoch bisher bei weitem nicht aus, um die Trends in Richtung der planetaren Grenzen brechen zu können. Die finanziellen Aspekte dominierten weiterhin, Indikatoren zur nachhaltigen Entwicklung würden eher als wünschenswertes Beiwerk behandelt. (S. 86 f.) Recht drastisch ist der Zielkonflikt bei der Reisebranche erkennbar, die auch ihre vom Klimawandel bedrohten touristischen Attraktionen im Blick hat, aber vor allem mit den An- und Abreisen eine große Menge an CO2-Emissionen erzeugt. Die mit diversen CO2-Substitutions- und -Kompensationsszenarien verbundene herkömmliche Branchenvorstellung, die Anzahl der Reisenden durch technischen Fortschritt problemlos ständig steigern zu können, hat sich laut Göpel als wissenschaftlich unhaltbar erwiesen. Wenn aber Vorstellung und Erzählung sich von der Wirklichkeit entkoppeln, so Göpel, „wird es mit dem frühzeitigen Handeln noch schwerer, als es ohnehin ist.“ (S. 93–95) Das Loslassen des Ausgedienten sei zu Kipp-Punkt-Zeiten meist wichtiger als die genaue Kenntnis dessen, was kommt. „Denn frei sind wir nur, wenn wir auch wieder mit etwas aufhören können. Und sei es nur, dass wir den Imaginationsraum für neue Normalitäten öffnen, indem wir die nicht mehr glaubwürdigen Geschichten ad acta legen.“ (S. 99 f.)
Was uns Monopoly über Spielregeln lehrt
Das Brettspiel Monopoly dient Göpel als Beispiel für eine regelhafte Anordnung, die zur Systemfalle wird: Es stehe für eine Welt, die Gewinner strukturell bevorteilt und Verlierer strukturell benachteiligt. „Wer hat, dem wird gegeben.“ Eine Systemfalle sei an bestimmten Systemstrukturen erkennbar, die zu problematischen Verhaltensmustern führen und damit auf Dauer dem ganzen System schaden. In der Wirklichkeit zeigten sich viele Systemfallen etwa in Form des Suchtverhaltens, das zur Zustandserhaltung immer höhere Dosen eines Stoffes bedingt, „seien es nun Drogen, Düngemittel oder Renditen.“ (S. 108) Würden Systemfallen erkannt, seien sie aber auch schrittweise veränderbar, böten also auch Chancen. Als Gegenmittel bei der Monopoly-Systemfalle käme unter anderem in Betracht, den Gewinnanteil einzelner Player am Ganzen zu begrenzen, wie es das Kartellrecht vorsieht, oder die im Spielverlauf ungleich gewordenen Positionen der Teilnehmenden zu korrigieren, wie es im realen Leben mit Erbschaftssteuern oder inklusiver Bildungspolitik angegangen werde. „Jedenfalls muss man die Regeln ändern, nach denen das System funktioniert, wenn man will, dass andere Ergebnisse möglich werden.“ (S. 110)
Verantworten – Anders lernen
Keine frühere Generation, so Göpel, hat in einer so komplex vernetzten Welt gelebt wie die gegenwärtige. Nie haben demnach die entscheidenden Systeme, die natürlichen, von denen Menschen leben, und die sozio-kulturellen, in denen sie leben, so vielfältig interagiert wie heute. Der Klimawandel verdeutliche, dass die Nutzung von fossilen Rohstoffen keine nationale Angelegenheit ist; die Finanzkrise habe dies ebenso für die Rettung von großen Banken gezeigt; und die SARS-CoV-2-Pandemie erweise die Notwendigkeit eines Weltgesundheitsbegriffs und -handelns, „weil das Virus sonst in Ländern mutiert, deren Bevölkerung weniger gut durch Impfungen geschützt ist, und es dann als Mutation zu uns zurückkommt.“ (S. 118) In der Ära des Anthropozäns müssten bisherige Gewissheiten und Annahmen auf den Prüfstand gestellt und wenn nötig aufgegeben werden. (S. 119) Das herkömmliche Instandhaltungslernen, das routiniert und regelbasiert auf Herausforderungen reagiere und Probleme auf bekannten Wegen durch adaptive Anpassungen oder Kurskorrekturen zu lösen verspreche, müsse von einem Innovationslernen abgelöst werden, wenn die bekannten Routinen nicht mehr greifen oder wenn es für das business as usual beispielsweise an Arbeitskräften und Rohstoffen fehlt. Damit sollte idealerweise aber nicht erst in der Krise begonnen werden, weil dann die Chance verpasst wäre, eine größere Anzahl möglicher Alternativen systematisch vorzudenken, zu testen und zu verbreiten. (S. 131–133) „Wenn wir möglichst vielen Menschen ermöglichen wollen, eine wünschenswerte Zukunft zu gestalten und zu verantworten, müssen wir das Ziel von Bildung, Wissenschaft, Forschung und Lernen einem Update unterziehen.“ (S. 143)
Vermögen – Anders wachsen