Klassismus (abgeleitet von „Klasse“ bzw. englisch class im Sinne von „soziale Klasse“, auch Klassenrassismus oder Klassenhass) bezeichnet Vorurteile oder Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft oder der sozialen Position, die sich meist gegen Angehörige einer „niedrigeren“ sozialen Klasse richten.

Begriffsbildung mini|„Racis[ia]m + Classis[i]m = Katrina“ – Graffito nach dem Hurrikan Katrina, New Orleans 2005 Klassismus ist die deutsche Übersetzung des englischen Begriffs classism. Mit diesem Begriff wurden in Großbritannien spätestens seit 1839 und in Frankreich Mitte des 19. Jahrhunderts klassenbezogene Ungerechtigkeiten öffentlich-schriftlich benannt, somit scheint der Begriff wesentlich älter zu sein als verwandte Begriffe im Bereich gruppenbezogener Unterdrückung und Diskriminierung wie beispielsweise Antisemitismus, Rassismus oder Sexismus. Der Begriff classism bildet keine nachträgliche Parallelbildung zu den Begriffen racism oder sexism, sondern ging diesen Begriffen zeitlich voraus. Der Begriff überschneidet sich mit den Bedeutungsfeldern von politischen Schlagworten wie Klassendünkel,vgl. Sozialistische Bildung. Monatsschrift des Reichsausschusses für sozialistische Bildungsarbeit. Jahrgang 1929, Heft 7, S. 193ff. sowie: Aus einem senegalesischen Dorf an die Universität und auf die Bestsellerlisten: Fatou Diome: Der Blick von unten, www.berliner-zeitung.de, vom 8. Februar 2005; abgerufen am 8. Januar 2021 KlassenschrankenKlaus von Beyme (Hrsg.): Empirische Revolutionsforschung. Westdeutscher Verlag, Opladen 1973. und PrekarisierungWerner Seppmann: Ausgrenzung und Herrschaft. Prekarisierung als Klassenfrage. Laika Verlag, Hamburg 2013.. Die Klassismustheorie unterscheidet beispielsweise zwischen Diskriminierung gegenüber Arbeitern () und armen Menschen (). Der Klassismus setzt ein Klassenbewusstsein voraus, transformiert dieses jedoch in heutige gesellschaftliche Strukturen. Klassismus kann Grundlage oder Teil von sozialen Bewegungen, sozialpolitischen Programmen und/oder säkularen, kulturellen oder politischen Ideologien sein.Werner Obrecht: Ontologischer, Sozialwissenschaftlicher und Sozialarbeitswissenschaftlicher Systemismus. Ein Paradigma der Sozialen Arbeit. In: Silvia Staub-Bernasconi (Hrsg.): Systemtheorien im Vergleich. Was leisten Systemtheorien für die Soziale Arbeit? Versuch eines Dialogs. 2005, S. 148.

In der Fachliteratur werden neben Klassismus auch die Begriffe Klassenrassismus oder Klassenhass verwendet.Markus Gamper, Annett Kupfer: Klassismus. UTB, 2023, S. 28. Als Begriff einer sich formierenden antiklassistischen Bewegung wurde der Begriff classism erstmals in den 1970er Jahren vom lesbischen Kollektiv The Furies verwendet und spielte auch im Schwarzen Feminismus von Beginn an eine große Rolle. Als der Begriff classism um 1970 in den Vereinigten Staaten wiederentdeckt wurde, geschah dies im Kontext der Thematisierung von Mehrfachdiskriminierung. Der Sozialwissenschaftlerin Bettina Roß zufolge besteht heute ein weitgehender Konsens darüber, dass es sich bei Rassismus, Sexismus und Klassismus „um Herrschaftsverhältnisse handelt, die zusammenwirken, die sich gegenseitig verstärken, sich ähneln, aber doch nie ganz ineinander aufgehen.“Bettina Roß: Migration, Geschlecht und Staatsbürgerschaft (= Politik und Geschlecht, Band 16). VS Verlag für Sozialwissenschaften, ISBN 978-3-8100-4078-7, S. 18.

Theorie Die Klassismustheorie wurde maßgeblich von dem amerikanischen Ökonomen Chuck Barone entwickelt. Er unterscheidet drei Ebenen von Klassismus:Chuck Barone: Classism. In: Robert E. Weir (Hrsg.): Class in America. An Encyclopedia. Greenwood Press 2007, ISBN 978-0-313-33719-2, S. 139f. Makroebene Institutionell bedingte Unterdrückung einer Klasse durch eine andere vor allem durch ein bestimmtes polit-ökonomisches System.“On the macro level oppression is a matter of collectivity, of economic, social, political, and cultural/ideological institutions.” Chuck Barone: Extending our analysis of class oppression: Bringing classism more full into the race & gender picture. S. 7 (PDF; 102 kB). In diesen Bereich fällt beispielsweise Ausbeutung im Sinne von als unzureichend bezahlt empfundener Arbeit. Das heißt auch, dass der Kapitalismus an sich bereits klassistisch, bzw. dass Antiklassismus auf dieser Ebene notwendigerweise antikapitalistisch sei.“The primary institutional basis of classism is the economic system. Capitalism is structured on the basis of classes.” Chuck Barone: Extending our analysis of class oppression: Bringing classism more full into the race & gender picture. S. 11 (PDF; 102 kB). Mesoebene Unterdrückung einer Klasse auf Gruppenebene durch den Aufbau von negativen Vorurteilen gegenüber Angehörigen einer „niedrigeren“ Klasse u. a. mit Hilfe der Massenmedien. Antiklassismus auf dieser Ebene umfasst deshalb auch die Forderung nach einer anderen Medienkultur. Mikroebene Unterdrückung auf Einzelebene durch individuelle Einstellungen, Identitäten und Interaktionen.“The micro level is a matter of individuality and identity, our attitudes and interactions with others.” Chuck Barone: Extending our analysis of class oppression: Bringing classism more full into the race & gender picture. S. 9 (PDF; 102 kB). In den USA gibt es seit einigen Jahren Anti-Klassismus-Trainings analog zu den Anti-Rassismus-Trainings, um individuelle klassistische Einstellungen zu überwinden. Ähnliches dazu siehe: SnobismusRichard Buckle (Hrsg.): U and Non-U Revisited, Putnam Pub. Group, 1978. und Alltagsrassismus.

Klassismustheorien sehen die Auseinandersetzung zwischen Klassen als Hauptwiderspruch im Sinne des Marxismus, Diskriminierungen auf Grund von Geschlecht oder Ethnizität als „Nebenwidersprüche“. Sie wollen vor allem verhindern, dass die Diskussion über Klassendiskriminierung gegenüber Sexismus und Rassismus als Diskriminierungsformen weiter in den Hintergrund gerät. Betont wird auch die Überschneidung verschiedener Unterdrückungsformen, wie sie beispielsweise von der Intersektionalitäts-Theorie formuliert wird.

Die Klassismustheorie hat Kontinentaleuropa und insbesondere den deutschsprachigen Raum bisher kaum erreicht. Im europäischen Diskurs spielen – vor allem in Bezug auf die soziale Vererbung von „Klasse“ – eher die Begriffe Kapitalsorten, Habitus und symbolische Gewalt, die Pierre Bourdieu geprägt hat, eine Rolle. Diese wiederum sind in den USA weniger gebräuchlich.

Auswirkungen von Klassismus Für Betroffene kann Klassismus mit Scham- und Schuldgefühlen sowie sozialer Isolation einhergehen und die gesellschaftliche Teilhabe sowie eine politische Artikulation von Forderungen erschweren. Klassistische Diskriminierungen können sogenannte Problem- und Blockadenspiralen herbeiführen, die sich auf die Partnerschaft übertragen. Anzunehmen ist, dass sozial-emotionale Persönlichkeitseigenschaften wie „warmherzig“ und „expressiv“ durch klassistische Denkmuster unterdrückt werden, da diese als „statusniedriger“ eingeschätzt werden.

Aktivismus gegen Klassismus In vielen Bereichen wie der Arbeit gegen Obdachlosendiskriminierung oder mit Erwerbslosen wird oft nicht explizit auf den Klassismusbegriff verwiesen. Eine sich explizit als Aktivismus gegen Klassismus verstehende Praxis findet sich aber in Kollektiven von Lesben, die sich als „Prololesben“ (proletarische Lesben) bezeichnen, in Workshops und Antidiskriminierungstrainings sowie im bildungspolitischen Kontext. Ansätze, die Klassen als sozial konstruiert verstehen, sehen außerdem in der Dekonstruktion Möglichkeiten, abwertende Bezeichnungen als solche zu identifizieren und zu vermeiden. Andreas Kemper fordert zudem aber auch einen Umbau des Bildungssystems und eine „Proletarisierung der Universitäten“. An einigen Universitäten haben sich Referate gebildet, die sich für die Interessen von Kindern aus Arbeiterfamilien einsetzen sollen. Aktivismus gegen Klassismus legt generell einen Fokus auf Bildungsarbeit, die das Wissen über Klassismus verbreiten und emanzipatorische Strategien erarbeiten soll.

Debatte Zeit-Redakteur Lars Weisbrod argumentierte in einer Diskussion der taz, beim Thema Diskriminierung verhalte sich die Kategorie Klasse anders als die Kategorien Race oder Gender: Niemand wolle arm bleiben. Der Unterschied von Klassismus zu anderen Formen der Diskriminierung liege darin, dass Klasse aus der Perspektive der Linken abgeschafft werden solle. Christian Baron verweist zudem darauf, dass es keinen Sinn habe, Klasse analog zu race als sozial konstruiert zu bezeichnen, und empfiehlt der Klassismusforschung, auf eine ökonomisch fundierte Klassentheorie als Grundlage zurückzugreifen. So könne auch die Klasse als handelndes Kollektivsubjekt in den Blick genommen werden. Bernhard Pirkl bezeichnete den Anspruch des „Autonomen Referats für antiklassistisches Empowerment“, „eine klassenlose Gesellschaft ohne Diskriminierungen zu erkämpfen“, in der Jungle World als Tautologie. Er wendet ein: „Wie hätte man sich denn in einer Gesellschaft, in der das Prinzip ,Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen‘ (Karl Marx) bereits durchgesetzt ist, Diskriminierung überhaupt vorzustellen?“ Aus marxistischer Perspektive wird die begriffliche Unschärfe des Klassismus-Begriffs, die fehlende Beschäftigung mit Ursachen von Ungleichheit und eine fehlende revolutionäre Perspektive kritisiert. Thomas Thiel kritisierte in der FAZ, der Klassismus-Diskurs kenne die Personen nicht, für die er Partei ergreife, da er überwiegend in einem urbanen, akademischen Milieu geführt werde.

Verschiedene Autoren bezeichnen die Rede vom Klassismus als Identitätspolitik, die auf die Verbesserung ökonomischer Verhältnisse sozial Benachteiligter keine Auswirkung habe. Bastian Tebarth schreibt im Neuen Deutschland: „Auch wenn man dem Theorem und seiner Praxis zugutehalten muss, dass es Klassenbewusstsein zu schaffen vermag, bleibt es meist auf der identitätspolitischen Mikroebene des Individuums stecken.“ Martin Eimermacher kritisierte in der Zeit, soziale Unterschiede würden „identitätspolitisch sozusagen re-individualisiert“. Die Klassismus-Praxis bestehe „überwiegend aus Sensibilisierungsworkshops, Coachings und offenen Briefen, also: in der moralischen Justierung persönlicher Einstellungsmuster.“

Der Autor Houssam Hamade wendet gegen diese Vorbehalte ein, dass „materielle Ungleichheit und ideologische Abwertung von Arbeitenden und Armen“ zusammengedacht werden müssten und dies von antiklassistischen Aktivisten in der Regel auch geschehe. Der Vorwurf, materielle Bedingungen für Armut würden durch eine Fokussierung auf Antiklassismus vernachlässigt, sieht er als unbelegte Behauptung an. Auf ähnliche Weise verteidigt die Sozialarbeiterin und Praxisforscherin Tanja Abou den Klassismusbegriff: „Für mich schließen sich die Umverteilungs- und die Anerkennungsfrage überhaupt nicht aus. Das ist für mich Teil von allen politischen Kämpfen.“ Vielmehr handelt es sich laut Houssam Hamade bei der Analyse kultureller Abwertungen von Menschen aus unteren Gesellschaftsschichten um eine wertvolle Ergänzung marxistischer Theorien: „Es ist kaum denkbar, dass die riesigen Ungleichheiten moderner kapitalistischer Gesellschaften ohne klassistische Ideologie legitimierbar wären.“ Diese Einschätzung teilt auch Sebastian Friedrich, der die Stigmatisierung Erwerbsloser als „faul“ oder „frech“ als entscheidenden Wegbereiter für die Agenda 2010 ansieht.