mini|Emil Possehl in Senatoren-Amtstracht von 1813 Johannes Ludwig Emil Possehl (* 13. Februar 1850 in Lübeck; † 4. Februar 1919 ebenda) war ein deutscher Kaufmann, Unternehmer, Senator und Stifter des späten 19. und des frühen 20. Jahrhunderts.

Leben Herkunft Emil Possehl kam 1850 als erstes Kind von Heinrich Joachim Ludwig Possehl und dessen Ehefrau Dorothea Euphrosine Mathilde Possehl geb. von Melle zur Welt. Seine Mutter entstammt einer der ältesten und angesehensten Familien Lübecks. Unter ihren Vorfahren finden sich Pastoren, Gelehrte und Weinhändler.

Dem erstgeborenen Emil folgten der Bruder Adolf (1851) und die Schwestern Adele (1854), Ida (1856) und Klara (1858). Heinrich Joachim Ludwig (1860) wurde nach dem Vater benannt und verstarb nach fünf Monaten. Ein 1863 geborener Junge erhielt ebenfalls den Namen Ludwig. Mathilde verstarb 41-jährig an den Folgen seiner Geburt.

Der Vater heiratete nach achtjähriger Witwerschaft eine Cousine Mathildes, die Tochter einer Engländerin und eines in England lebenden Lübeckers. Die Stiefmutter verließ 1875 nach dem Tod ihres Mannes wieder die Stadt.

Laufbahn Die Schwestern Possehls besuchten das Mädchenpensionat der Therese Boussetsiehe Therese (Sesemi) Weichbrodt in den Buddenbrooks - Universität des Saarlandes: Literaturlexikon online in der Königstraße, die Brüder in die 1840 aus der Borchertschen Schule in der Beckergrube hervorgegangene Franz-Heinrich-Petris Real-Lehranstalt für Knaben. Der Lehrplan war dort verstärkt auf zukünftige Seefahrer und Kaufleute ausgerichtet.Franz Heinrich Petris Lehrvorstellungen: Prospekt der Real-Lehranstalt, Lübeck, 1871, S. 7f.

Nach der Schulzeit wurde Emil in die Holzgroßhandlung von August Peter Rehder,Rehder war mit der Familie bekannt und sein Sohn wurde später Konsul des Königreichs Belgien. Als Vorsteher im Füchtingshof hatte dieser seinerzeit die Aufnahme Catharina Possehls, der Großmutter, protokolliert.Günther Kohlmorgen: Johann Füchting und Füchtings Hof in Lübeck. Ein Beispiel für die Anfänge des sozial wirkenden Kleinwohnungbaus. Lübeck 1982, S. 237. Adolf in der Eisenkurzwaren- und Papierhandlung Grevsmühl & Riesland am Klingenberg ausgebildet.

Der Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges und der verbundene KriegsdienstZu jener Zeit waren in der Hansestadt die Erfahrungen aus der Französischen Besetzung noch lebendig. verkürzte die sechsjährige Ausbildung Emils um zwei Jahre.

mini|hochkant|Emil Possehl in Uniform der Bonner Husaren mini|Einzug der Truppen am 18. Juni 1871 auf dem Lübecker Rathausplatz Während Adolf sich freiwillig bei den Ratzeburger Jägern meldete, ging Emil als Einjährig-Freiwilliger zu den Bonner Husaren, deren Regimentschef der Kaiser war, und wählte mit der Kavallerie eine seinerzeit angesehene Truppengattung. Nach sechs Monaten wurde er zum Seconde-Lieutenant ernannt.Lübecker im Felde. In: Lübeckische Blätter, 13. Jahrgang, Nummer 11, Ausgabe vom 5. Februar 1871, S. 63. Am 18. Juni 1871 feierte die Stadt die Kriegsheimkehrer ihres Bataillons der 76er. An deren Spitze ritten die Seconde-Lieutenants Weltner, Krüger (2. Brandenburgisches Ulanen-Regiment Nr. 11) und Possehl. Im II. Bataillon des 2. Hanseatischen Landwehr Regiments Nr. 76 diente sich Emil Possehl zum Rittmeister hoch.‘‘ Rang- und Quartierliste der der Königlich Preußischen Armee und Marine für das Jahr 1870/71‘‘, Berlin, S. 821

Im Juli 1872 wurde ihm von seinem Vater Prokura übertragen. Auf einer Reise nach Schweden profilierte sich Emil, indem er Kontakte zu schwedischen Stahlherstellern knüpfte. Die Absicht des Seniorchefs, Emil am Unternehmen zu beteiligen, bestätigte sich, da die Firma bald nach seiner Rückkehr im Handel mit schwedischem Eisen expandierte, der Umsatz im Folgejahr um die Hälfte wuchs und die Gewinne in jenem Zeitraum um beinahe das Fünffache anstiegen.

Da es mit der Gesundheit seines Vaters nicht zum Besten stand, übertrug dieser am Gründungstag der Firma, dem 1. Mai 1873, die Teilhaberschaft und Firmenleitung der L. Possehl & Co. an seinen Sohn Emil und stellte ihm zwei Mitarbeiter mit Prokura zu Seite.Eintragungen ins Handelsregister. In: Lübeckische Anzeigen vom 1. Mai 1873. Ludwig sen. war fortan stiller Teilhaber.

Adolf beendete am selben Tag seine durch den Krieg unterbrochene Lehre und verblieb vorerst in seinem Lehrbetrieb. Das änderte sich im Sterbejahr des Vaters, da dieser testamentarisch verfügte, dass nun beide Söhne die Firma gemeinschaftlich übernehmen sollten.Eintragungen ins Handelsregister. In: Lübeckische Anzeigen vom 3. Juni 1875. Emil oblag nun die Gesamtleitung und er war für das Importgeschäft zuständig, während sich Adolf im PlatzgeschäftVon einem Platzgeschäft spricht man bei einem Kauf, bei dem Verkäufer und Käufer am selben Ort, d. h. innerhalb einer Gemeinde, wohnen bzw. ihren Geschäftssitz haben. Für Platzgeschäfte gelten die Regeln über den Leistungsort entsprechend. D.h. auch hier gibt es Bring-, Hol- und Schickschulden und den Versendungskauf. bewähren sollte.

Die Brüder entschlossen sich 1880, die Firma in zwei Sektionen aufzuteilen. Die Abteilung Eisen und Stahl wurde mit dem Großhandel der importierten Rohstoffe betraut. Daneben gab es eine Abteilung Platzgeschäft.

Adolf siedelte im gleichen Jahr nach Hamburg über und gründete mit einer Unterstützung des Stammhauses von 300 TM und 180 TM eigenen Vermögens im August 1880 die Firma L. Possehl & Co. Westphälische Kohlen und Coakes en gros. Hier war er alleiniger Geschäftsführer, Emil war jedoch Mitgesellschafter. Bis zum Ende des Jahrzehnts stieg diese Firma zum führenden Kohlenhandelshaus der Stadt auf. Adolf beteiligte sich am „Bierprojekt“, indem er den Braumeister Johannes Blab von der Elbschloss-Brauerei abwarb, als Bavaria-Brauerei Aktiengesellschaft wurde diese jedoch erst rentabel, nachdem Emil eine Beteiligung übernommen hatte.Silke Lorenzen: Die Brautradition der Bavaria-St. Pauli-Brauerei AG seit 1647, Hamburg 1982. Um den Fischmarkt herum wurden Mietshäuser errichtet, die sich aber als zu groß erwiesen, um dort rentabel zu sein. Getreidesilos sollten für das Löschen von Kohle umgenutzt werden. Sie erwiesen sich als zu hoch, und anstatt hochwertiger Kohle konnte nur minderwertiger Grus entnommen werden. Dann verspekulierte sich Adolf und seine Verluste gefährdeten nicht nur sein, sondern auch das lübeckische Haus. Am 20. Januar 1897 wurde Adolfs Austritt vertraglich vorgenommen. Seit dem 1. Juli 1898 war Emil Possehl alleiniger Inhaber des Unternehmens und Adolf wurde Privatier. Das Verhältnis der Brüder war fortan gestört.

Emil Possehl war seit der Jahrhundertwende Lübecks reichster Bürger und sein Unternehmen war zu einem der größten deutschen Unternehmen im Besitz nur eines Mannes aufgestiegen. Die vier Dampfschiffe, welche die Firma zu Beginn des 20. Jahrhunderts erwarb, hatten mit 9,5 TNRT eine Ladekapazität wie die 68 Schiffe der lübeckischen Flotte des Jahres 1846. Neben den aufstrebenden Industriebetrieben erweiterte sich der Steinkohlehandel des Platzgeschäftes mit Privatleuten, da diese ihre saisonalen Holz- und Torfgelasse aufgaben und das ganze Jahr über Koks und Braunkohle bezogen.

Der jüngste Bruder Ludwig junior hatte unterdessen die gleiche Schule wie seine Brüder besucht, bevor er an das Busseniussche Progymnasium überwechselte. Nach dem Tod des Vaters wurde er von seinen Geschwistern aufgezogen. Unüblicherweise absolvierte der Waise seine kaufmännische Lehre im eigenen Hause.Helmuth Niendorf: Geschichte des Handelshauses Possehl 1847–1919, Max Schmidt-Römhild, Lübeck 1962 Die Erziehung geriet aus den Fugen. Er legte eine „sehr ungebundene“ und eine „allmählich entwickelte Neigung zur Verschwendung“ an den Tag. 1884 wurde er vom Amtsgericht Lübeck entmündigt. Dies geschah vor allem im Hinblick auf die bevorstehende Auszahlung seines Erbteils von 90 TM.

mini|Possehl-Werke in Sankt Petersburg Seit 1884 nahm Emil Possehl mit seinem Handelshaus in Stahlhandel die Rolle eines Produzenten ein. Er hatte schwedischen Stahl an die Hufnagelfabrik Wiszwiansky & Schereschewsky in Wilejka bei Wilna geliefert. Als diese den Zahlungsforderungen nicht mehr nachkommen konnte, bot sie Possehl Anteile zur Übernahme der Fabrik an. Es wurde die Russisch-deutsche Patenthufnagelfabrik Wilejskaja.Rudolf Keibel: Emil Possehl. Entwurf eines Lebensbildes. In: Der Wagen, S. 53–69. Ein amerikanischer Konkurrent eröffnete ein Werk in Sankt Petersburg, das nach dessen Niedergang übernommen wurde. Die Possehl-Werke – seit 1913 Hoflieferant des ZarenSo das Genehmigungsschreiben der Stallmeisterei des Zaren vom 27. April 1913 – sollten bis zu ihrer Beschlagnahmung 1915 in der Stahlverarbeitung dort führend bleiben. Unter Lübecker Führung wurde in Russland mit Unterstützung österreichischer Fachkräfte ein neuer Herstellungszweig für Sensen aufgebaut, die zuvor aus Tirol importiert worden waren. Dessen Jahresproduktion fand später weit über Litauen hinaus Beachtung, so etwa 1895 auf der Deutsch-Nordische Handels- und Industrie-Ausstellung in Lübeck.

Sein eigentlicher Erfolg war jedoch auf den Erzimport im Aufschwung der Montanindustrie zurückzuführen. Zuerst herrschte hier das Puddelverfahren vor. Dieses wurde durch das Bessemer-Verfahren, das im Zollgebiet aus Spanien oder England einzuführende phosphatarme Erze verwendete, ersetzt. Erst das 1873 erfundene Thomas-Verfahren ermöglichte die Verhüttung phosphorhaltiger Eisenerze und verdrängte das englische Eisen. Zur besseren Koordination des sich ausweitenden geschäftlichen Verkehrs im Mecklenburgischen eröffneten die Possehls im Dezember 1875 eine Niederlassung in Schwerin. Ende der 1870er verpflichtete man sich zur Abnahme von Kohle der Zechen Rheinelbe und Alma der Gelsenkirchener Bergwerksgesellschaft. Den Erzhandel begann Possehl 1888. Da die inländischen Erze Anfang der 1890er Jahre aufgebraucht waren, kamen die schwedischen Erze dem deutschen Markt gelegen und das Haus Possehl zählte bald zu den namhaften Erzagenten. Possehl sah den Nutzen der Häfen Stettin und Lübeck für die oberschlesische Schwerindustrie.

Ludwig ging 1885 nach Mexiko und arbeitete dort als kaufmännischer Angestellter, kam 1890 zur Aufhebung seiner Entmündigung in die Hansestadt zurück und gründete danach in Nogales die Textilhandlung Luis Possehl & Cia mit deutschen Textilien. Zu jenem Zeitpunkt waren die deutschen bereits durch englische Textilien vom Markt verdrängt worden und vier Jahre später war er bankrott, aber Emil verhinderte die Eröffnung eines Verfahrens. In der Schweriner Niederlassung sollte Ludwig nun „an geordnete Verhältnisse gewöhnt und seine kaufmännischen Fähigkeiten systematisch ausgebildet werden.“

mini|Die Transportwege des Erzhandels. Im Sommer 1877 wurden Erzvorkommen in Gellivara, Luossavaara, Kirunavaara und Svappavaara publiziert. Diese Vorkommen lagen über 200 km von Luleå, dem nächsten Seehafen, entfernt. Die Gesellschaft Sveriges & Norges Järnvägar planten den Bahnanschluss nach Luleå. Im Gegensatz zu Luleå war der Hafen in Narvik ganzjährig eisfrei. Das Bahnprojekt begann 1882, das erste Teilstück nach Luleå wurde 1887 provisorisch zur Nutzung freigegeben. Die zu schwach geplante Strecke wurde 1891 von Statens Järnvägar (SJ) übernommen und nach umfangreichen Verbesserungen 1892 wieder in Betrieb genommen. 1898 begannen die SJ mit dem Bau der Reichsgrenzenbahn in Richtung des norwegischen Ofotfjord nach Narvik. Diese wurde 1902 in Betrieb genommen.

Nach der Freigabe des ersten Teilstückes engagierte sich Possehl verstärkt auch in Nordschweden und trat mit den Bergbaugesellschaften Luossavaara-Kirunavaara AB und der 1891 gegründeten Gellivare-Malmfält AB in Kontakt. Mit der letztgenannten schloss er 1893 erste Verträge. Zunächst erhielt er einen Liefervertrag für die Absatzgebiete Oberschlesien und Österreich und im Folgejahr die Alleinvertriebsrechte für das deutsche Zollgebiet.