mini|Jean-Marc Nattier, Marie-Thérèse d’Estampes de La Ferté-Imbault, Öl auf Leinwand, 146 × 114 cm, 1740, Tokyo Fuji Art Museum Marie-Thérèse d'Estampes de La Ferté-Imbault geborene Geoffrin (* 20. April 1715 in Paris; † 15. Mai 1791 ebenda) war eine französische Salonnière und enge Freundin von Marie Louise de Rohan, der Gouvernante der königlichen Kinder Frankreichs, und zwei Ministern, dem Comte de Maurepas und dem Kardinal Bernis. Als Erbin ihres Vaters war sie Anteilseignerin der Manufacture royale de glaces de miroirs, zu der sie sich für die Erneuerung der Privilegien in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts einsetzte.

Leben Familiäres Umfeld und Erziehung Marie-Thérèse wurde am 20. April 1715 in Paris geboren und am gleichen Tag in der Kirche Saint-Roch getauft. Ihre Eltern sind Pierre François Geoffrin († 1749), ein wohlhabender Direktor der Manufaktur mit Sitz im Faubourg Saint-Antoine, und Marie-Thérèse Rodet (1699–1777). Ihr jüngerer Bruder Louis François, der am 21. August 1717 geboren wurde, starb in seinem fünften Lebensjahr, was sie zu einem Einzelkind machte. Hamon, 2011

Durch ihre Mutter, die als Autorin und Salonnière der Aufklärung als eine der geistreichsten Frauen des 18. Jahrhunderts gilt, wurde Marie-Thérèses intellektuelle Bildung im Alter von 12 Jahren Fontenelle, Montesquieu und den Abbé de Saint-Pierre anvertraut.

Als ihr Vater Pierre François Geoffrin starb, war er, der 1703 als Finanzdirektor in die Manufacture royale des glaces de miroirs eingetreten war, der größte Aktionär des Unternehmens und hielt 13,5 % des Kapitals, das seine Witwe und seine Tochter erbten, die sich daraufhin mit dem Genfer Bankier Antoine Saladin de Crans (1725–1811) zusammentaten, um die Verwaltung zu übernehmen.

Marquise de La Ferté Imbault Als einzige Tochter eines reichen Vaters war Marie-Thérèse Geoffrin eine begehrte Partie. Sie wurde am 16. Februar 1733 mit Philippe-Charles II. d'Estampes de La Ferté (1712–1737) aus dem Haus Estampes verheiratet, Sohn von Philippe Charles I. d’Étampes de La Ferté und Jeanne Marie du Plessis-Châtillon; Philippe Charles I. war seit dem 23. April 1709 Oberst des Régiment de Chartres gewesen, dessen Inhaber er am 5. Januar 1724 geworden war (das seitdem Régiment d’Estampes hieß) und das sein Sohn am 2. Februar 1731 von ihm übernommen hatte. Philippe Charles II. nahm im Rahmen des Polnischen Thronfolgekriegs (1733–1738) an der Schlacht bei Parma (29. Juni 1734) teil und starb am 11. März 1737 – im selben Monat wie sein Vater und stark verschuldet – an einer Tuberkulose, die er sich in Italien zugezogen hatte.

Marie-Thérèse hatte sich nie mit ihrem Ehemann arrangiert, den Maurice Hamon als einen „Lebemann mit wenig Relief“ bezeichnetHamon, 2011, oder mit ihrem Schwiegervater Philippe Charles I., den sie „tyrannisch, ignorant, dumm wie Heu“, nannte, oder mit ihrer Schwiegermutter, Jeanne Marie du Plessis-Châtillon (* 1686), „die langweiligste Person, die ich je gekannt habe“.Quelques lettres de madame Geoffrin, le cardinal de Bernis, Voltaire, Marmontel, le Père Élisée, le roi de Pologne, Piron, madame de La Ferté-Imbault, Boufflers, Destouches et autres, Bibliothèque nationale de France, 1816 Sie gestand in unverblümtem Jubel, dass der Witwenstand ihr „eine maßlose und peinliche Freude“ bereitete: „Ich schloss mich einige Tage im Kloster ein, um dort nach Herzenslust lachen und ohne Zeugen meine wiedergewonnene Freiheit genießen zu können“.

Ihr einziges Kind, Charlotte-Thérèse (* 1736) erkrankte und starb am 21. Juni 1749, im dreizehnten Lebensjahr, an Phthisis. Marie-Thérèse reagierte darauf mit einer Art Taubheit, die der Ursprung ihrer hohen Stimme und ihres schallenden Lachens ist, die ihr den Spitznamen Princesse Carillon einbrachte und dazu führte, dass sie sich in die Lektüre der Vorsokratiker, von Blaise Pascal und vor allem von Nicolas Malebranche flüchtete.

Ihre Ehe machte sie jedoch zu einer Angehörigen des Hochadels und öffnete ihr dadurch Türen – die Madame Geoffrin verschlossen geblieben waren –, hinter denen sie ihre besten Freundinnen fand. Es waren Marie-Thérèses Hauslehrer Fontenelle und der Abbé de Saint-Pierre, die der Gräfin Pontchartrain (Hélène Rosalie Angélique de l'Aubespine, Ehefrau von Jérôme Phélypeaux de Pontchartrain) zu diesem Zeitpunkt empfahlen, sie kennenzulernen, um ihren beiden gleichaltrigen Töchter mit ihr in Kontakt zu bringen, Marie Louise Rosalie (1714–1780), Marquise de Conflans durch ihre Ehe mit Maximilien Emmanuel de Watteville, und Hélène Françoise Angélique (1715–1781), Herzogin von Nivernais durch ihre Ehe mit Louis-Jules Mancini-Mazarini. Man sah sie dann neben anderen auch mit Louise-Adélaïde de Bourbon und Marie Louise de Rohan. 1748 übergab sie das Schloss La Ferté-Imbault, in dem sie sich nur wenig aufgehalten hatte, an ihre Schwägerin Sophie, der Schwester von Philippe Charles II. und letzten Angehörigen der engeren Familie, damit diese Alexis Bertrand Le Conte de Nonant, Präsident des Parlaments der Normandie, heiraten konnte – der Wert des Schlosses war im Jahr zuvor auf mehr als 1,1 Millionen Livres geschätzt worden.

Die Freundschaften Aufgrund des schlechten Rufs der „wunderschönen“ (belle à miracle) Madeleine de La Motte galt es als unschicklich, eine Freundschaft mit deren Tochter Jeanne-Antoinette Poisson zu pflegen. Marie-Thérèse trotzte jedoch der Konformität durch ihre Besuche bei Jeanne-Antoinette in deren Haus in der Rue Neuve des Bons-Enfants – und als Jeanne-Antoinette 1745 als Madame de Pompadour die Mätresse Ludwigs XV. wurde, erinnerte sie sich dankbar an die Marquise de La Ferté-Imbault mit regelmäßigen Einladungen an den Hof,Adrien Thierry, Les dernières années de la marquise de Pompadour, in: Revue des Deux Mondes, 15. September 1959, S. 259–273 die Marie-Thérèse jedoch meist ablehnte und sich private Besuche vorbehielt. Marie-Thérèse de La Ferté-Imbault, Troisième voyage de ma raison, Mémoires intéressants de Madame la marquise d'Estampes de La Ferté-Imbault, Archives nationales de France.

Im Jahr 1747 reiste Marie-Thérèse zweimal mit Louise-Adélaïde de Bourbon zur Kur nach Plombières-les-Bains. Zweimal wurden die beiden Freundinnen dabei zu Stanislaus I. Leszczyński ins etwa 100 Kilometer entfernte Schloss Lunéville eingeladen, und einer der beiden ursprünglich für drei Tage geplanten Aufenthalte dort erstreckte sich dann über drei Wochen. Der Vater der französischen Königin Maria Leszczyńska, der seit einigen Monaten Witwer war, konnte dem Charme seiner Gäste nicht widerstehen und schwärmte von Marie-Thérèse, hielt sich in ihrem Zimmer auf, um zu plaudern und sich in Vertraulichkeiten zu ergehen („meine Frau und meine Tochter“, hörte sie ihn sagen, „sind die langweiligsten Königinnen, die ich je getroffen habe.“); er macht ihr immer wieder Heiratsanträge, die sie jedes Mal ablehnt und die sie durch eine lange Brieffreundschaft ausglich.Ségur, 1913

Louis V. Joseph de Bourbon-Condé war erst 16 Jahre alt, wie Marie-Thérèse in ihren Memoiren berichtet, als sie 1752 diesen schüchternen und einsamen Jungen in ihre Obhut nahm. Er war dankbar für diese Freundschaft, empfing sie auf seinem Schloss Chantilly, suchte und fand immer Rat, Hilfe und Trost bei ihr, die über ihn sagte: „Er ist zuverlässig, loyal und ritterlich in der gesamten Führung seines Lebens“, um noch im hohen Alter zu schreiben: „Nachdem ich mein Leben damit verbracht habe, andere Prinzen zu besuchen und zu sehen, ist dieser der einzige, der mich interessiert und den ich liebe.“

Jacqueline Hellegouarc'h nennt weitere intensive Freundschaften, wie die mit Erzbischof Christophe de Beaumont oder Parlamentsmitgliedern wie Jean-François Joly de Fleury oder Chrétien-Guillaume de Lamoignon de Malesherbes (dem späteren mutigen Verteidiger Ludwigs XVI. vor dem Revolutionstribunal), der Marie-Thérèse im Schloss Malesherbes empfing. Sie stand aber auch in offener Opposition zu René-Nicolas de Maupeou, als dieser, der Madame du Barry nahestand, die Madame de Pompadour als königliche Favoritin verdrängte, Parlamentarier per Lettre de cachet ins Exil schickte und eine Reform des Systems vorbereitete, die, wie sie anklagte, das Königtum an sein Ende bringen würde. Hellegouarc'h

Die beiden jungen Vettern Marie-Thérèses Schwiegervater Philippe-Charles I. d‘Estampes hatte einen älteren Bruder, Roger d'Estampes, und nutzte nach dessen Tod 1718 seine Stellung als Vormund seines Neffen Louis-Roger, um das Erbe des Siebenjährigen, der von da an nur noch in ärmlichen Verhältnissen lebte, vollständig zu seinen Gunsten zu veruntreuen. Die böswillige Absicht führte zu einem endlosen Rechtsstreit und zur Übertragung des Vormundschaftsrechts an Louis Philogène Brûlart de Sillery, Marquis de Puisieux, der durch die Heirat von Charlotte, der Tochter von Pierre Brûlart de Sillery und Charlotte d'Estampes-Valençay, im Jahr 1640 mit François d'Estampes, Marquis de Mauny (1642-1716), den Großeltern von Roger und Philippe-Charles I.,Louis Moréri, Le grand dictionnaire historique ou le mélange curieux de l'histoire sacrée et profane, Les libraires associés, Paris, 1759 mit der Familie d'Estampes verwandt und verbündet war.

Kurz bevor er am 15. September 1754 in seinem Schloss in Mauny verstarb, bat Louis-Roger d'Estampes sie in einem Brief, sich um seine beiden jungen Söhne Louis Omer (1734–1815), nun Marquis d'Estampes, und Hector Louis (1736–1788), nun Marquis de Valençay, zu kümmern. Marie-Thérèse, die in Mauny immer präsenter wurde (ihre Freundschaft mit dem Theologen Nicolas Thyrel de Boismont , der zehn Kilometer entfernt das Schloss in Le Landin bauen ließ, beruhte auf dieser Nachbarschaft), entdeckte dort, dass eine weitere Ursache für die Armut des Anwesens in den Veruntreuungen der Vasallen lag, und sie lud sie zu Antoine Paul-Joseph Feydeau de Brou, dem Intendanten von Rouen, ein, um eine Aufarbeitung der Vorgänge zu erreichen.Laurent Quevilly, Les seigneurs de Mauny, Le Canard de Duclair (online, abgerufen am 2. Februar 2024)

Hector Louis gab seine Pläne für eine kirchliche Laufbahn auf und heiratete dann Henriette Sébault, wobei er keine bedeutende Nachkommenschaft hinterließ; er gab sich Ausschweifungen hin und Marie-Thérèse schob ihn aus ihrem Fokus, nachdem sie ihm eine Karriere in der Gendarmerie eröffnet hatte. Louis Omer hingegen enttäuschte sie nur durch seine Absicht, sein Leben auf Schloss Mauny zu verbringen, obwohl Paris und Versailles den Ambitionen, die sie für ihn am Hof hegte, eher entsprachen; ein Vergleich zwischen Louis Omers Ehen und Marie-Thérèses Schriften, ihren Memoiren und Briefen, zeigt, dass sie ihre Beziehungen in hohem Maße zu seinen Gunsten nutzte.