mini|Büste der Octavia, heute im Palazzo Massimo alle Terme Octavia ist der Titel eines römischen Dramas. Es wurde zusammen mit den anderen Tragödien des jüngeren Seneca überliefert, auch wenn die heutige Forschung im Allgemeinen eine Verfasserschaft Senecas ausschließt. Das Stück stellt die einzige erhaltene fabula praetexta dar. Es geht um die Verbannung und Ermordung der Octavia, Tochter des römischen Kaisers Claudius, durch Kaiser Nero, ihren Adoptivbruder und Gatten. Dieser verstieß sie zu Gunsten seiner Mätresse Poppaea Sabina.

Historischer Hintergrund Für die Geschehnisse des Jahres 62 n. Chr. bietet insbesondere Tacitus – neben Sueton und Cassius Dio – den ausführlichsten und verlässlichsten Bericht.In der Tragödie wird die Handlung auf drei Tage komprimiert.

Bei Tacitus findet sich folgender Ablauf: Nach der Beseitigung der Widersacher Plautus und Sulla stand Nero der Weg für die Hochzeit mit Poppaea frei, für die er Octavia verstieß.Tacitus, Annalen 14,59. Als Grund dafür nannte er Octavias Unfruchtbarkeit. In der Folge wurde die Verstoßung durchgesetzt, wobei Octavia zunächst noch in Rom verbleiben durfte und mit den Gütern des Burrus und Plautus versehen wurde. Anschließend erfolgte schließlich die Verbannung nach Kampanien, was offen geäußerte Unzufriedenheit im Volk hervorrief.Tacitus, Annalen 14,60. Der Text ist an dieser Stelle korrupt, sodass der Schluss des Kapitels nur durch Ergänzungen verständlich wird, vgl. Rolando Ferri (Hrsg.): Octavia. A play attributed to Seneca. Ed. with Introduction and Commentary. Cambridge Univ. Press, Cambridge 2003, S. 3. Es kommt zu einem Aufstand des Volkes, der sich gegen Neros neue Gattin und ihre Standbilder richtet. Zugleich werden die Standbilder der Octavia überall in der Stadt wieder aufgestellt. Nachdem das Aufbegehren des Volkes allerdings von Soldaten niedergeschlagen wurde, versuchte Poppaea ein härteres Vorgehen gegen Octavia zu erreichen und übte Druck auf Nero aus.Tacitus, Annalen 14,61. Dieser leistete ihrer Bitte Folge und plante den Tod seiner ersten Ehefrau, indem er sich eine Intrige überlegte: Anicetus, der Mörder von Agrippina, solle sich des Ehebruchs mit Octavia schuldig bekennen.Tacitus, Annalen 14,62. Nachdem Nero dies durch ein Edikt öffentlich verkündet hatte, erfolgte die Verbannung Octavias nach PandateriaTacitus, Annalen 14,63. und bald darauf ihre Ermordung.Tacitus, Annalen 14,64.

Suetons Darstellung der Geschehnisse um Octavias Verbannung und Tod fällt dagegen kürzer aus: Er berichtet im Großen und Ganzen dieselben Abläufe wie Tacitus, übergeht allerdings die zwischenzeitliche Verbannung nach Kampanien sowie Poppaeas Einflussnahme auf Neros Entscheidung, Octavia schließlich ermorden zu lassen. Stattdessen schreibt er, dass Nero nur elf Tage nach der Scheidung von Octavia verstreichen ließ, bis er Poppaea heiratete.Sueton, Nero 35,1–3. Auch in den Epitomen des Cassius Dio findet sich eine kurze Darstellung, in der wiederum Poppaea eine wichtigere Rolle zukommt. Außerdem wird hier von einem Widerstand durch Burrus, den Prätorianerpräfekten unter Nero, berichtet, der jedoch keinen Erfolg hatte.Cassius Dio 62,13,1–2.

Figuren Reihenfolge nach Otto Zwierlein:Otto Zwierlein (Hrsg.): L. Annaei Senecae Tragoediae incertorum auctorum Hercules [Oetaeus], Octavia. Recognovit brevique adnotatione critica instruxit. Oxford 1986.

Octavia Amme der Octavia Seneca Nero Präfekt Agrippina (Geist) Amme der Poppaea Poppaea Bote Chor

Handlung

Monologe der Octavia und der Amme; Dialog Octavia-Amme Das Stück beginnt mit dem Auftritt der Hauptprotagonistin Octavia, die in einer Monodie ihre gegenwärtige Situation beklagt: Sie bezieht sich dabei auf den Tod ihrer Mutter Messalina sowie ihres Vaters Claudius, der von Agrippina, Octavias grausamer Stiefmutter, ermordet wurde. Agrippina wird zugleich als Erinnye charakterisiert, die der Hochzeit mit Nero schlechte Vorzeichen bereitete (1–33). Daraufhin folgt ein zweiter Monolog, der von Octavias Amme gesprochen wird. Sie betont den Einfluss von Fortuna auf das Kaiserhaus und Claudius’ Weltherrschaft, die dadurch zu Fall kommt. Erneut wird dessen Ermordung durch Agrippina erwähnt, wobei sich Agrippinas und Britannicus’ Tod durch Nero unmittelbar anschließen. Dies hat zur Folge, dass Octavia schlussendlich allein und ohne familiären Beistand dasteht. Sie ist so sehr von Hass und Schmerz erfüllt, dass alle Versuche der Amme, sie zu trösten, keinen Erfolg haben (34–56). Im folgenden Dialog zwischen Octavia und ihrer Amme vergleicht Octavia ihr Unglück mit einem mythologischen Beispiel: Elektra sei zwar auch in einer misslichen Lage gewesen, jedoch habe sie auf ihren Bruder als Rächer hoffen können, was Octavia verwehrt bleibt. Es schließt sich ein Austausch zwischen den beiden an, wobei die Amme immer wieder versucht, besänftigend auf Octavia einzuwirken und ihr eine freundliche Haltung gegenüber Nero zu empfehlen. Octavia sieht darin jedoch keinen Weg und unterstreicht mithilfe von Adynata, dass Nero nach dem Muttermord vor nichts Halt machen wird. Gleichzeitig betont sie an vielen Stellen ihre beklagenswerte Lage, zuletzt mit Bezug auf ihre Mutter Messalina, deren Tod in Verbindung mit Claudius’ und Britannicus’ Ableben Octavia große Trauer bereiten (57–272).

Chorlied Im Anschluss daran tritt ein Chor römischer Bürger auf, der sich bestürzt über das Gerücht zeigt, Nero wolle eine neue Gattin heiraten, womit Poppaea Sabina gemeint ist. Er beklagt die eigene Untätigkeit sowie den daraus resultierenden Verrat am Claudischen Geschlecht und spannt als Gegenbild dazu die Frühgeschichte Roms auf: Anhand der exempla von Lucretia und Verginia wird jeweils der aktive Widerstand des römischen Volkes hervorgehoben, was in einem Lob der alten Tugend gipfelt. Mithilfe des Beispiels von Tullia, die Servius Tullius, ihren eigenen Vater, mit einem Wagen überrollt haben soll, wird durch das Motiv des Elternmordes zum Bericht von Agrippinas Ermordung durch Nero übergeleitet. Dieser erstreckt sich über mehr als 60 Verse und schildert vor allem den gescheiterten Versuch Neros, Agrippina in Form eines geplanten Schiffbruchs töten zu lassen (273–376).

Monolog des Seneca; Dialog Seneca-Nero In der darauffolgenden Szene tritt die Figur Senecas auf und spricht einen Monolog. Darin beginnt er mit einem Spott über Fortuna und dem Wunsch, sich in Korsika wieder dem Naturstudium widmen zu können.Eine Anspielung auf Senecas Verbannung nach Korsika unter Kaiser Claudius (41–49 n. Chr.). Das dient zugleich der Überleitung, im Anschluss über die Ekpyrosis zu sprechen und sich damit in die stoische Tradition zu stellen. Zuletzt referiert Seneca den Mythos der Weltzeitalter, der in der antiken Literatur von verschiedenen Autoren behandelt wurde. Senecas Bericht umfasst vier Zeitalter, die schlussendlich bis in seine Gegenwart münden, die von Gesetzlosigkeit geprägt ist. Damit ähneln die Ausführungen in der Octavia am meisten Ovids Version des Weltzeitaltermythos in den MetamorphosenOvid, Metamorphosen 1,89–150. (377–434). Anschließend tritt Nero hinzu, der durch seine ersten Verse unmittelbar als Tyrann charakterisiert wird, indem er den Befehl zur Ermordung von Plautus und Sulla erteilt. Dies dient zugleich als Aufhänger für die Diskussion zwischen Seneca und Nero, in der es um die richtige Art der Machtausübung geht. Während Seneca das Ideal eines Herrschers postuliert, der für seine Heimat und seine Bürger sorgt, ohne Gewalt anzuwenden, erkennt Nero in Macht das Privileg, bedenkenlos Gewalt anwenden und Gegner vernichten zu können. Nach ihm bestünde sie darin, keinem Rechtfertigungszwang gegenüber einem Vorgesetzten zu erliegen. Dabei müsse teilweise auch präventiv gehandelt werden, da beispielsweise bei Plautus und Sulla das Exil nicht ausreichen würde, um die von ihnen ausgehende Gefahr zu beseitigen. In diesem Zuge wird von beiden Seiten das exemplum des Augustus angeführt, jedoch unterschiedlich ausgedeutet: Seneca sieht in ihm die Verwirklichung des Herrschers, der den Weg der Tugend geht und seiner Zeit Frieden gebracht hat, nachdem er die Mörder seines (Adoptiv-)Vaters Cäsar zu Fall gebracht hat. Nero dagegen betont den Weg bis zu diesem Frieden, was er sich zum Vorbild nimmt und womit er legitimiert, gegen Aufständische mit Gewalt vorzugehen. Gegen Ende der Diskussion kündigt Nero die Hochzeit mit Poppaea an, nachdem Seneca vergeblich versucht hat, ihn von Octavia als Gattin zu überzeugen (435–592).

Agrippinas Geist An dieser Stelle erscheint nun Agrippinas Geist aus der Unterwelt. Er trägt der Hochzeit zwischen Nero und Poppaea die Hochzeitsfackel voraus, die jedoch gleichzeitig als stygische Fackel bezeichnet wird. Damit werden unheilvolle Vorzeichen für den Ehebund angedeutet. Daraufhin erinnert Agrippina an all das Unrecht, das ihr Sohn ihr als Dank für die Herrschaft angetan hat (Schiffbruch, Ermordung von Freunden, Ermordung durch das Schwert). Selbst nach ihrem Tod ist Neros Hass nicht gesättigt, da er eine damnatio memoriae über Agrippina verhängt. Sie schildert im Anschluss ihr Dasein in der Unterwelt, wo sie vom Geist ihres ermordeten Ehemanns Claudius heimgesucht wird. Dieser fordert die Ermordung Neros, was Agrippina umsetzen möchte und deshalb eine Furie beschwört, die Nero ein schlimmeres Ende bereiten wird, als die Unterweltssünder Tantalos, Sisyphos, Tityos und Ixion erleiden mussten. Damit prophezeit sie zugleich seinen Tod. Abschließend wünscht sie sich, dass sie selbst Nero niemals geboren hätte, indem sie von wilden Tieren zerfleischt worden wäre. In diesem Zuge beklagt sie außerdem ihre vergeblichen Mühen zu Lebzeiten (593–645).

Dialog Octavia-Chor Nachdem Agrippinas Geist wieder verschwunden ist, treten Octavia und der Chor erneut auf. Octavia warnt davor, Trauer am Hochzeitstag zu zeigen, da dies gefährliche Konsequenzen für sie haben könnte. Sie sei zwar befreit von Neros Tyrannei, fürchte sich jedoch trotzdem vor dessen Rache. Der Chor beklagt daraufhin die Verstoßung der Octavia sowie den Verlust der eigenen Kraft. Nichtsdestoweniger zeigt er sich bereit zu handeln und kündigt einen Aufstand an, der mit dem Niederreißen von Statuen der Poppaea beginnen soll (646–689).

Traum der Poppaea In der folgenden Szene tritt Poppaea zusammen mit ihrer Amme auf. Die Amme bemerkt, dass Poppaea mit tränenübergossenen Wangen aus dem Ehegemach heraustritt und fragt nach dem Anlass für die Betrübnis, nachdem sie die Hochzeit mit Nero sowie Poppaeas neue Stellung ausführlich gelobt hat. Diese wiederum nennt als Grund einen Alptraum, den sie in der Hochzeitsnacht hatte: Darin sei ihr Agrippina mit einer Schar trauernder Mütter erschienen, die ihr Ehegemach bedrängten. Agrippina wird hier als Erinnye mit einer Fackel gezeichnet, die Poppaea mit in die Unterwelt zieht, nachdem sich die Erde geöffnet hat. Dort traf Poppaea ihren ehemaligen Gatten Crispinus und den gemeinsamen Sohn. Dieses Treffen stellt zugleich eine Prophezeiung ihres Todes dar, da beide zum Zeitpunkt des Traums noch am Leben waren und später von Nero ermordet wurden. Abschließend erscheint Nero selbst mit einem Schwert, mit dem er wohl Suizid begeht.Die Interpretation dieser Stelle ist nicht eindeutig: Es könnte neben Nero auch der Tod des Crispinus oder der Poppaea gemeint sein. Vgl. Rolando Ferri (Hrsg.): Octavia. A play attributed to Seneca. Ed. with Introduction and Commentary. Cambridge Univ. Press, Cambridge 2003, S. 332. Die Amme reagiert auf die Schilderung mit beschwichtigenden Worten: Sie deutet den Traum im Gesamten positiv um, sodass sie ihn als hoffnungsvolle Verheißung einer großen Zukunft darstellt und Poppaea dazu auffordert, die Freude wieder zurückzugewinnen. Zuletzt bereitet Poppaea ein Sühneopfer vor (690–761).

Botenbericht und Chor