mini|hochkant|Boris Nadeschdin, 2017 Boris Borissowitsch Nadeschdin (; geboren am 26. April 1963 in Taschkent, Usbekische SSR, Sowjetunion; heute Usbekistan) ist ein russischer Politiker, Rechtsanwalt und Menschenrechtler.

Kindheit und Bildungsweg Nadeschdins Eltern gehörten nicht der usbekischen Volksgruppe an; sein russischer Großvater väterlicherseits, ein Komponist, kam in den 1930er Jahren nach Zentralasien. Nadeschdins Mutter entstammte einer ukrainisch-jüdischen Familie. Er erlebte das Erdbeben von Taschkent 1966, das sich an seinem dritten Geburtstag ereignete. 1969 wurde er von seinen Eltern in die Stadt Dolgoprudny gebracht, wo sein Vater am Moskauer Institut für Physik und Technologie (MIPT) studierte und seine Mutter Studentin am Moskauer Konservatorium war.

1979 graduierte er in Physik und Mathematik an der Lomonossow-Universität Moskau.

Im Jahr 1985 schloss Nadeschdin ein Physikstudium am MIPT mit Auszeichnung ab.

1993 schloss Nadeschdin eine zweite Hochschulausbildung an der nach Oleg Kutafin benannten Juristischen Universität Moskau mit Auszeichnung ab.

Politik Karriere bis 2023 Während Boris Jelzins Amtszeit als Staatspräsident war Nadeschdin Berater des damaligen Vizeministerpräsidenten Boris Nemzow und Assistent von Ministerpräsident Sergej Kirijenko.

Von 1990 bis 2007 war Nadeschdin Abgeordneter im Stadtrat von Dolgoprudny. Von 1990 bis 1992 war er stellvertretender Vorsitzender des Stadtrates. Bei der Parlamentswahl in Russland 1999 wurde er über die Liste der Union der rechten Kräfte zum Mitglied der Duma gewählt. Er gehörte der Duma bis 2003 an und war dort stellvertretender Fraktionsvorsitzender. Seit 2019 ist er wieder Abgeordneter in Dolgoprudny.

Er war Mitglied der Union der rechten Kräfte und von 2008 bis 2011 Mitglied von deren Nachfolgepartei Rechte Sache (nach Übersetzung auch „richtige Sache“). Zur Parlamentswahl 2011 weigerte sich Nadeschdin, in die Top Drei der Wahlliste der Partei Rechte Sache aufgenommen zu werden, führte aber bei den Wahlen zur Moskauer Oblastduma die Liste jener Partei an. Im Dezember 2011 verließ Nadeschdin die Partei und begründete seine Entscheidung mit dem Wunsch, gemeinsam mit dem ehemaligen Chef des Finanzministeriums, Alexei Kudrin, eine neue rechtsorientierte Partei zu gründen. Im Mai 2024 beantragte die Rosenergobank bei einem Handelsgericht in Moskau, Nadezhdin für insolvent zu erklären, mit der Begründung, er habe gegenüber der Bank Schulden einschließlich Zinsen und Strafzahlungen in Höhe von 77,4 Millionen Rubel (ca. 780.000 Euro) aus seinem Wahlkampf im Jahr 2011. Das Gericht gab dem Antrag im April 2025 statt und konfiszierte sein Vermögen bis auf ein Auto zur persönlichen Nutzung.

Im Jahr 2019 führte Nadeschdin die Liste der Partei Gerechtes Russland bei den Wahlen zum Stadtrat der Stadt Dolgoprudny an, obwohl er kein Mitglied jener Partei war.

Im März 2020 unterzeichnete Nadeschdin einen offenen Brief, der sich gegen die von Staatspräsident Wladimir Putin vorgeschlagenen Änderungen der Verfassung Russlands aussprach.

Nach Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine trat Nadeschdin in den Jahren 2022 und 2023 mehrmals im russischen Fernsehen in Polit-Talkshows auf, wo er die regierungskritische Stimme abbildete. Seitdem sich Nadeschdin bei einem TV-Auftritt dafür aussprach Putin abzuwählen, ist er nicht mehr als Talkshowgast im russischen Fernsehen zu sehen. In einem Social-Media-Posting nannte er Putins Präsidentschaft eine „Diktatur“.

Bei den im Jahr 2023 abgehaltenen Gouverneurswahlen in der Oblast Moskau nominierte sich Nadeschdin selbst als Kandidat für die Partei Bürgerinitiative, ihm wurde jedoch die Registrierung verweigert, da er nicht die erforderliche Anzahl an Unterschriften von Gemeindeabgeordneten zu seiner Unterstützung sammeln konnte.

Nichtzulassung als Kandidat zur Präsidentschaftswahl 2024 mini|Nadeschdins Präsidentschaftskampagnenlogo

Nadeschdin wollte bei den Präsidentschaftswahlen im März 2024 als oppositioneller Kandidat für die Partei Bürgerinitiative antreten. Er lehnt den russisch-ukrainischen Krieg ab und gilt als altliberal.Patrick Mayer: „Wir schaffen das“: Putin-Herausforderer nimmt Hürde – jetzt fehlen noch 100.000 Unterschriften. Frankfurter Rundschau, 29. Januar 2024 Nadeschdin sammelte nach eigenen Angaben mehr als 200.000 Unterschriften, um zur Wahl zugelassen zu werden. Allerdings durften der Zentralen Wahlkommission (ZIK) nur 105.000 Unterschriften vorgelegt werden. 105.000 anstandslose Unterschriften musste ein Kandidat sammeln, um zur Wahl antreten zu dürfen. Die ZIK behauptete, dass Nadeschdins Unterschriften-Dokumente dutzende Eintragungen von Personen enthielten, die verstorben seien. Am 8. Februar 2024 gab die ZIK bekannt, in über fünf Prozent der eingereichten Unterschriftsdokumente Fehler gefunden zu haben und ihn deswegen nicht zur Wahl zuzulassen. Nadeschdin wollte die Entscheidung vor dem Obersten Gericht anfechten. Dieses wies am 22. Februar 2024 seine Klage gegen den Wahlausschuss ab, woraufhin Nadeschdin bekanntgab, auch diese Entscheidung anfechten zu werden. Als der Oberste Gerichtshof am 4. März ein Urteil des Wahlausschusses zulasten Nadeschdins bestätigte, kündigte Nadeschdin an, eine Beschwerde beim Präsidium des Obersten Gerichtshofs einzureichen und kommentierte dies mit den Worten „Von dort sind wir nur einen Schritt weg vom Verfassungsgericht.“

Nachdem die Oppositionelle Jekaterina Dunzowa Ende 2023 von der ZIK abgelehnt worden war, war Nadeschdin bis zur Entscheidung, ihn ebenfalls nicht zuzulassen, der einzige potenzielle Kandidat, der sich gegen den Krieg in der Ukraine aussprach.

Nach eigenen Angaben lag Nadeschdin in Wahlumfragen bei 10 bis 15 Prozent und versammelte damit „mehr Stimmen als die übrigen Gegenkandidaten [von Putin] zusammen“. Nadeschdin erklärte sich seine Nichtzulassung zur Wahl mit dem unerwarteten Anstieg seiner Popularität, denn „es wäre naiv oder arrogant zu behaupten, dass jemand Putin bei Wahlen besiegen kann.“:„Dieser explosionsartige Aufstieg, die Warteschlangen, das waren die wahren Gründe, warum sie beschlossen haben, mir die Registrierung zu verweigern. Es wäre alles kein Problem, wenn ich ein Kandidat mit einem Potenzial von zwei bis drei Prozent gewesen wäre. Da wäre ich auf dem Stimmzettel. Aber 10 bis 15 Prozent ohne TV-Werbung, nur mit Online-Kampagne – und mit der Registrierung hätte ich die Kampagne auf andere Medien ausweiten können, an Debatten teilnehmen. Das hätte die Zustimmung noch mal nach oben treiben können. Wie viele wären es gewesen, wenn ich in einen großen TV-Kanal gekommen wäre?“Nadeschdin kündigte vor dem Hintergrund seiner Nichtzulassung zur Präsidentschaftswahl 2024 an, seine Partei Bürgerinitiative in den nächsten Wahlen in die Staatsduma bringen zu wollen, damit bei zukünftigen Präsidentschaftswahlen das Sammeln von Unterschriften für ihn entfällt. Nadeschdin spekulierte außerdem, dass die nächsten russischen Präsidentschaftswahlen um drei bis vier Jahre vorgezogen werden; er denke, Putin werde 2026 oder 2027 die „Macht an jemanden übertragen.“

Repression vor der Parlamentswahl 2026 Anfang Juli 2026, etwas mehr als zwei Monate vor der Wahl der Staatsduma vom 18. bis 20. September, wurde Boris Nadeschdin vom Justizministerium in das Register "ausländischer Agenten" aufgenommen, weil er zur Teilnahme an ungenehmigten Versammlungen aufgerufen habe. Im März 2026 hatte Nadeschdin auf Verbote von Demonstrationen gegen die zunehmende Internetzensur in Russland und die Blockade des beliebten Messengerdienstes Telegram hingewiesen.

Eine Woche später wurde Nadeschdin von der Polizei in Dolgoprudny zum Verhör festgenommen. Ihm wurde vorgeworfen, im November 2023 ein Video mit dem Bild des in Haft umgekommenen Kreml-Kritikers Alexej Nawalny, in dem dieser für 10 Sekunden zu sehen war, auf sozialen Medien weiterverbreitet zu haben und damit Werbung für eine terroristische Organisation begangen zu haben. Am 17. Juli 2026 wurde er zu 1000 Rubel Geldstrafe verurteilt; wird das Urteil rechtskräftig, darf er nicht kandidieren.

Am 19. Juli 2026 meldet orf.at, dass Nadeschdin auf die Kandidatur verzichtet.

Am 12. August 2026 wurde bekannt, dass Nadeschdin eine Woche zuvor nach Paris ins Exil geflüchtet war.Schweizer Radio und FernsehenSRF-Tagesschau: Ukraine-Ticker In denselben Tagen wurde die ebenfalls als letzte gegen den Ukrainekrieg eingestellte Oppositionspartei Jabloko von der Parlamentswahl ausgeschlossen und ihr stellvertretender Vorsitzender Lew Schlosberg in Pskow vor Gericht gestellt.Die Zeit: Russischer Kriegsgegner Schlosberg soll zwölf Jahre in Haft In einem Interview mit NTV am 13. August beschrieb er, der viele Verbindungen zum inneren Zirkel um Putin und auch zu geflüchteten Oppositionellen pflegt, hinter den Kulissen befände sich Putins System nach den ukrainischen Fernangriffen des Jahres gegen Raffinerien, Wildberries-Lager, weitere Infrastruktur und dem Stillstand der Front „im Zustand von Panik und Chaos“. Er glaubte aber, dass die in diesen Tagen befürchtete zweite russische Mobilisierung und Eskalation gegen die NATO beides politischer „Selbstmord“ wäre und Putin sie wohl auch deshalb vermeiden könnte, weil ihm im Gegensatz zu Stalin nicht nur Repression, auch interne Zustimmung zum Machterhalt wichtig sei.NTV: Boris Nadeschdin im Interview. "Das System ist im Zustand von Panik und Chaos" (Interview von Artur Weigand am 13. August) Gegenüber CNN berichtete er am 14. August, große Teile der Bevölkerung, der Wirtschaftsoligarchen und des inneren Kreises um Putin wünschten gegen Putins Willen einen sofortigen Stopp des Krieges.CNN: Exiled Russian politician: Public is turning against Putin's war. (14. August 2026, bei Youtube)

Positionen zur Oppositionsarbeit in Russland Boris Nadeschdin ruft seine Unterstützer eigenen Angaben zufolge nicht zum Protest gegen seinen Ausschluss von der Präsidentschaftswahl 2024 aus, weil er, wie er sagt, aus „den Fehlern Alexei Nawalnys“ (der von der Präsidentschaftswahl 2018 ausgeschlossen worden war) gelernt habe. Laut Nadeschdin kam Nawalny ins Gefängnis, „weil er Putin auf persönlicher Ebene kritisierte […] Ich kritisiere Putins Politik, aber nie ihn als Person, ich habe nie über seine persönlichen Angelegenheiten gesprochen. […] Korruptionsvorwürfe funktionieren in Russland überhaupt nicht, weil die Mehrheit der Russen mehr oder weniger so denkt: ‚Wenn jemand in der Regierung ist, ist es völlig normal, dass er ein wenig solchen Einkommens bezieht.’ Das ist leider so.“

Positionen zur russischen Außenpolitik Boris Nadeschdin bezeichnet sich in seinem politischen Programm im Jahr 2024 als „prinzipiellen Gegner der Politik des aktuellen Präsidenten“. Nadeschdin wirft dem russischen Staatspräsidenten Wladimir Putin vor, Russland in die Vergangenheit zurückzuführen, und äußerte seine Besorgnis darüber, dass Russland zum Vasallen Chinas werde, nachdem es in Folge der Invasion in der Ukraine von westlichen Ländern sanktioniert wurde.