mini|Pfalzklinikum für Psychiatrie und Neurologie Die Geschichte des Pfalzklinikums für Psychiatrie und Neurologie geht bis ins 19. Jahrhundert zurück.

Die Kreis-Irrenanstalt Klingenmünster im 19. Jahrhundert Planung und Bau der Kreis-Irrenanstalt Bereits 1809 wurde ein Bettel- und Armenhaus in Frankenthal eröffnet. Obwohl zwischenzeitlich ausgebaut, war dieses 1831 mit über 100 Patienten überbelegt. Nachdem die Entscheidung gegen einen Neubau in Frankenthal gefallen war und eine erneute Erweiterung ebenfalls ausgeschlossen war, liefen Planungen für eine neue Anstalt innerhalb der Pfalz. Da Geldmittel fehlten, folgten lange Verhandlungen mit dem Ministerium des Innern, die eine Ablehnung des Neubaus zum Ergebnis hatten. Alternativ wurden eine Zusammenlegung der Pfalz mit anderen bayerischen Bezirken (Unterfranken und Aschaffenburg) und der Bau einer gemeinsamen Einrichtung in Würzburg vorgeschlagen. Dem Verein Pfälzer Ärzte gelang es jedoch, 1839 mit Hinweis auf die Missstände in der Frankenthaler Einrichtung eine Fortführung der Verhandlungen zu erreichen. 1852 wurde schließlich ein Bauplatz in der Pfalz gefunden und gekauft. Zur Entscheidung für den Standort Klingenmünster waren neben dem günstigen Kaufpreis des Baugrundes und der dort herrschenden Arbeitslosigkeit zusätzlich die in dieser Zeit vorherrschenden Theorien innerhalb der Psychiatrie entscheidend. Demnach sollte ein Kranker für den Zeitraum der Behandlung möglichst aus seiner ursprünglichen Umgebung entfernt werden.

Obwohl der Baubeschluss bereits 1851 vorlag, verzögerte sich die Errichtung der Anstalt durch Probleme mit der Bodenbeschaffenheit. Dadurch stiegen ebenso die Baukosten erheblich an, sodass auf ein Ökonomiegebäude, eine Kirche, eine Zentralheizung und eine Gasbeleuchtung verzichtet werden musste. Die Beleuchtung erfolgte später durch Petroleumleuchten, die Beheizung durch Gasöfen.

Mit dem Bau der Anstalt wurde 1852 begonnen, eröffnet wurde sie am 31. Dezember 1857. Erster Direktor der Anstalt wurde Hermann Dick. Zu ihrer Eröffnung wurden etwa 40 Patienten aus Frankenthal aufgenommen.Christof Beyer: Von der Kreis-Irrenanstalt zum Pfalzklinikum. Eine Geschichte der Psychiatrie in Klingenmünster. Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde, Kaiserslautern 2009, ISBN 978-3-927754-68-3, S. 33–35.Steinberg (2012), S. 11–14.Heinrich von Schmidt: Die Pfälzische Kreis-Heil- und Pflegeanstalt Klingenmünster. G. H. Fix, Landau (Pfalz) 1926, S. 4–7.Heinrich von Schmidt: Die Pfälzische Kreis-Heil- und Pflegeanstalt Klingenmünster. Lindner, Düsseldorf 1929, S. 5.Pfalzklinikum für Psychiatrie und Neurologie: Unsere Geschichte. Abgerufen am 7. April 2015. Dick selbst war an der Konstruktion der Anstalt mitbeteiligt und entwarf diese im Korridorsystem. Die Anstalt wurde als geschlossene Einrichtung geplant und war für die Aufnahme von 300 Patienten vorgesehen.

Entwicklungen bis 1900 mini|hochkant|Friedhof In den folgenden Jahren hatte die Anstalt regelmäßig mit Überbelegung zu kämpfen. In den ersten Jahren nach der Eröffnung nutzten viele Familien die Möglichkeit, ihre psychisch kranken Angehörigen in Klingenmünster versorgen zu lassen. Vergleichsweise niedrige Pflegekostenbeiträge hatten jedoch zur Folge, dass Patienten länger als notwendig in der Anstalt verblieben. 1861 kamen zusätzliche 120 Patienten aus Frankenthal in die Anstalt, sodass die Kapazität bereits 1864 überschritten wurde. Dieses Problem vorausahnend, begann man bereits nach der Fertigstellung des Klinikfriedhofs 1859 mit Umbauten zur Raumgewinnung, welche 1862 fertiggestellt wurden. Im Zuge des mit der beginnenden Industrialisierung einhergehenden Bevölkerungswachstums stieg die Zahl der Patienten trotz baulicher Erweiterung 1866 auf 350, 1870 auf 400. Um die Gefahr von Bränden zu reduzieren, wurde daher bereits 1866 eine Klinikfeuerwehr gegründet, die bis in die Gegenwart besteht.

1870 wurde die Anstalt im Zuge des Deutsch-Französischen Krieges zwischenzeitlich als Lazarett genutzt. Anfang der 1870er Jahre kam es außerdem zu Typhus- und Pockenausbrüchen, welche Todesopfer forderten. Nachdem 1874 bereits ein neues Gebäude für 80 Patienten gebaut wurde, begann man daher 1879 mit dem Bau zweier Epidemiehäuser zur Isolierung von infizierten Patienten. Außerdem wurde das Abortsystem der Anstalt durch die Einführung von abholbaren Tonnen modernisiert, welche täglich auf den Anstaltsäckern entleert wurden. Zu dieser Zeit wurden ebenfalls eine Kegelbahn, ein Gewächshaus, Stallungen und Magazine gebaut. Die Anstalt hatte schließlich eine Kapazität von 500 Patienten, welche bereits zu diesem Zeitpunkt nicht mehr ausreichte.

1880 verstarb der bisherige Anstaltsleiter Hermann Dick. Ihm folgte Rudolf Loechner, welcher wiederum nach drei Jahren von Ferdinand Karrer abgelöst wurde. 1887 erreichte die Belegungszahl ihr bisheriges Maximum. Daher wurden 591 Patienten 150 nach Frankenthal ausgelagert, nachdem im Zuge dortiger Umbaumaßnahmen Platz geschaffen wurde. Ein Jahr später starben infolge einer Tuberkuloseinfektion mehrere Patienten und zwei Mitarbeiter. 1888 bauten die Patienten ein Freibad. Die Klinik war in diesem Jahr mit 470 Menschen belegt.

1890 wurde die erste freie, nicht geschlossene Station eröffnet. Es wurde außerdem mit der nahen Kaiserbacher Mühle ein Gutshof erworben, in dem um die 20 chronisch kranke Patienten Beschäftigung in der Land- und Forstwirtschaft fanden. Dadurch konnte ein Jahr später die landwirtschaftliche Fläche auf dem Gelände der Anstalt aufgegeben werden.

1893 war die Anstalt mit 591 Patienten belegt. Da weiter Patienten aufgenommen wurden, stieg die Belegung 1895 auf 600 Patienten und erreichte 1897 schließlich ein Maximum von 617 Kranken. Damit war die Anstalt mit über 100 Menschen zu viel belegt. Daher wurden 1897 30 Patienten nach Frankenthal überwiesen. 1898 wurden weitere Stationen errichtet, sodass kurzfristig Vollbelegung erreicht werden konnte.Steinberg (2012), S. 14–17.Beyer (2009), S. 35–48.Von Schmidt (1926), S. 8.Von Schmidt (1929), S. 3–11.

Leben und Alltag in der Kreis-Irrenanstalt Laut ihrer Satzung sah die Anstalt zunächst die Aufnahme von heilbaren und unheilbaren Patienten vor, wobei Heilbare bevorzugt aufgenommen wurden.

Regelmäßige Mahlzeiten und Mithilfe bei Hausarbeiten kennzeichneten den Alltag der Patienten. Es wurde ebenfalls Wert auf Körperpflege gelegt: So erhielten die Patienten die Möglichkeit zur persönlichen Hygiene und mussten an einem wöchentlichen Reinigungsbad teilnehmen. Individuelle und an der Leistungsfähigkeit des jeweiligen Patienten ausgerichtete Erholungsstunden wechselten sich mit diversen therapeutischen Aktivitäten ab. Zu diesen gehörte in erster Linie die Beschäftigungstherapie: Für männliche Patienten waren handwerkliche Tätigkeiten sowie Feld- und Gartenarbeiten vorgesehen, Frauen wurden meist mit Hand- und Haushaltsarbeit betraut. Medikamente standen lediglich in geringen Mengen zur Verfügung, als Beruhigungsmittel wurden Alkohol und Opiumtinkturen eingesetzt. Alle Behandlungen fanden unter den Prinzipien des Non-restraint – keine körperliche Zwangsbehandlung – und des Traitement moral statt. Um 1900 rückte dagegen die Bettruhe ins Zentrum der Behandlung psychisch Kranker.Bezirksverband Pfalz, Pfalzklinikum für Psychiatrie und Neurologie (Hrsg.): NS-Psychiatrie in der Pfalz. Klingenmünster 2012, S. 16 (Katalog zur gleichnamigen Wanderausstellung).

Situation des Pflegepersonals Zum Personal der Kreis-Irrenanstalt gehörten zum Zeitpunkt ihrer Eröffnung 29 Krankenwarte, 15 Arbeiter im hauswirtschaftlichen Bereich, zwei Gesangslehrer und ein Organistendienst. Einkäufe wurden durch einen Boten zu Fuß im rund zehn Kilometer entfernten Landau erledigt. 1861 wurde ein Schreiner eingestellt.

Das Wachpersonal war verpflichtet, innerhalb der Anstalt zu wohnen. Ebenso waren bestimmte Verhaltensweisen gegenüber den Kranken vorgeschrieben: So war eine milde Gesinnung gegenüber den Patienten und Gehorsam gegenüber den Ärzten Pflicht. Misshandlungen und Disziplinarstrafen gegenüber den Patienten waren strengstens untersagt, Zwangsmaßnahmen wurden nur in begründeten Einzelfällen angewendet und bedurften einer genauen Protokollierung.Beyer (2009), S. 36–38.Steinberg (2012), S. 15–16, 44, 46, 54, 213.

Entwicklung zur Heil- und Pflegeanstalt: Die Jahre 1900–1933 Überfüllung und Umgestaltung Anfang des 20. Jahrhunderts nahm die Überfüllung der Kreis-Irrenanstalt kritische Ausmaße an: Durch einen starken Bevölkerungsanstieg in der Region war die Anstalt bereits 1903 mit 765 Patienten belegt. Obwohl rund 100 Patienten in eine neue Einrichtung in Homburg verlegt werden konnten, stieg die Belegung 1909 auf 875 Patienten. 1909 erreichte die Belegung einen Stand von 1200 Patienten. Ursächlich war neben dem Bevölkerungswachstum, dass über lange Zeit mehr Menschen aufgenommen als entlassen wurden. In den kommenden Jahren wurden zahlreiche Renovierungsarbeiten vorgenommen. So wurden Bäder, Heizung, elektrisches Licht und Terrassen installiert. 1910 wurde die Anstalt in „Heil- und Pflegeanstalt Klingenmünster“ umbenannt.

Gemäß dem Versailler Vertrag wurde Homburg von der Pfalz abgetrennt und dem Saargebiet zugeordnet, was zur Folge hatte, dass 1921 die Anstalt in Homburg geräumt wurde und die 150 Patienten zurück nach Klingenmünster verlegt wurden. Klingenmünster war nun mit 700 Patienten belegt. Da die Einrichtung in Frankenthal ebenfalls voll belegt war, musste Klingenmünster in den folgenden Jahren sämtliche Neuzugänge aus der Region aufnehmen. So stieg die Belegung 1923 auf 717, 1925 auf 777 und 1926 schließlich auf 850 Patienten. Um einer erneuten Überfüllung der Anstalt vorzubeugen, wurden 1923 bereits 100 Patienten in Anstalten außerhalb der Pfalz verlegt. mini|Fischteich innerhalb des Pfalzklinikums 1922 übernahm Joseph Klüber die Anstaltsleitung. Er realisierte, dass die Anstalt mittlerweile den Patienten das Zuhause ersetzen musste, und initiierte umgehend eine Modernisierung: Alte Zellen wurden durch helle Einzelzimmer mit Fenstern ersetzt. Es wurden eine Kläranlage und eine Kanalisation installiert. Weitere Erweiterungen bestanden aus dem Bau von Aufenthalts- und Wachsälen, Dauerbädern, fünf Wohnhäusern für das Personal, einem Gewächshaus und einem Fischteich. Außerdem wurden die Epidemiehäuser und die Werkstätten erweitert.

Aufgrund dieser Erweiterungen verfügte die Anstalt 1929 über eine optimierte Infrastruktur. Anders als früher wurden die Erzeugnisse nun hauptsächlich zur Deckung des Bedarfs innerhalb der Anstalt verwendet. 1929 versorgte die Pfalzklinik über 1000 Patienten.Von Schmidt (1926), S. 9–14.Von Schmidt (1929), S. 11–20.Beyer (2009), S. 49–57.Steinberg (2012), S. 18–20. +1929 existierende Einrichtungen Wagnerei Schreinerei Maurer Spenglerei Schlosserei Freibad Gärtnerei zur Betreuung des Friedhofs und zur Verwaltungdes Anbaus von Lebensmitteln (Landbesitz drei Hektar) Näherei Bäckerei Schlachterei Tüncherei Korbmacherei Schneiderei Sattlerei Buchbinderei Schuhmacher Kirche Feuerwehr Gutshof mit vier Pferden, 120 Schweinen und 500 Hühnern(Verwertung von Abfall, Deckung des Milchbedarfs, Landbesitz56 Hektar)

Die Anstalt während des Ersten Weltkriegs Mit Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 wurden alle Modernisierungsmaßnahmen in der Heilanstalt eingestellt. Die Anzahl des Personals verringerte sich durch Rekrutierung erheblich, eine Verwendung der Gebäude als Lazarett wurde seitens der pfälzischen Regierung geprüft und noch im gleichen Jahr genehmigt. Das Lazarett umfasste 60 Betten.

Während des Krieges nahm es insgesamt mindestens 700 Angehörige des Heeres auf, die dort meistens wegen körperlicher Verletzungen behandelt wurden. Da ein möglichst schneller Einsatz an der Front oberste Priorität hatte, gab es die Tendenz, insbesondere bei psychischen Erkrankungen, den jeweiligen Patienten die Simulation der Erkrankung vorzuwerfen und diese mit teilweise gewaltsamen Methoden zurück an die Front zu zwingen.