mini|Remigiuskirche in Bondorf Die evangelische Remigiuskirche steht in Bondorf, einer Gemeinde im Landkreis Böblingen in Baden-Württemberg. Das Bauwerk ist beim Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg als Baudenkmal eingetragen. Die Evangelische Kirchengemeinde Bondorf und Hailfingen gehört zum Kirchenbezirk Herrenberg der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.
Geschichte und Baubeschreibung 1275 wird die Pfarrkirche St. Remigius im »liber decimationis«, einem Abgabenverzeichnis des Bistums Konstanz, genannt. Zu diesem Zeitpunkt dürfte die Kirche schon längere Zeit bestanden haben. Das Patronat der Kirche lag bei den Herren von Bondorf. Über mehrere Wechsel der Eigentums- und Einkunftsrechte gelangte die Kirche schließlich 1376 uneingeschränkt an das Kloster Bebenhausen. Die Kirche wurde 1559 nach einem Brand sowie 1752 baulich verändert. Nach der Aufhebung der Abtei in der Reformation und der Einrichtung des Klosteramts Bebenhausen trat dieses auch in die Baupflicht ein. Mit der Aufhebung der Klosterämter im Zuge des Reichsdeputationshauptschlusses 1803 ging die Baupflicht an die Gemeinde bzw. die Kameralverwaltung über. Erst 1911 erfolgte die endgültige Ausscheidung des Kirchenvermögens und der Übergang der Baulast auf die Kirchengemeinde Bondorf.
Die unteren Geschosse des Turms zählen zu den ältesten erhaltenen Teilen der Kirche. Das sorgfältig gemauerte Quadermauerwerk kann in die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts datiert werden. Das von einem Kreuzrippengewölbe überspannte, früher als Sakristei genutzte Turm-Erdgeschoss war nur von Süden, vom Chor der Vorgängerkirche aus, zugänglich. So auch das wohl als Tresorkammer und Archiv genutzte Obergeschoss mit Zugang durch eine hochgelegene Pforte vom Chor her. Der im Jahre 1559 durch den Brand besonders schwer getroffene Turm wurde um zwei Geschosse aus verputztem Bruchsteinmauerwerk erhöht. Das oberste Turmgeschoss beherbergt die Turmuhr und hinter den als Biforien gestalteten Klangarkaden den Glockenstuhl. Darauf sitzt quer ein Satteldach, aus dessen Mitte sich ein quadratischer Dachreiter erhebt, der mit einem Pyramidendach bedeckt ist. Die südliche und westliche Langhauswand dürfte großenteils noch Bausubstanz des 13./14. Jahrhunderts enthalten. In der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts ließ Kloster Bebenhausen einen neuen eingezogenen und von Strebepfeilern gestützten Chor mit Fünfachtelschluss an die Kirche anfügen. Der Chor hat im kreuzrippenüberwölbten Vorjoch ein dreibahniges und im Chorschluss ein zweibahniges Maßwerkfenstern.
Im 18. Jahrhundert führte der schadhafte Zustand des Dachwerks über dem Langhaus zu einer umfassenden Renovierung der Kirche. Dabei wurden vor dessen Erneuerung die Langhausmauern erhöht, um eine zusätzliche Empore unterbringen zu können, die zur Belichtung auch neue bzw. vergrößerte Fenster erforderte. An der Südseite des Chorbogens ist die Kanzel mit Zugang aus der Sakristei angebracht. 1899 wurde eine neue Sakristei errichtet und diese sowie auch der Kirchenraum heizbar gemacht. 1967/68 erfolgte eine Umgestaltung des Innenraums nach Entwürfen des Stuttgarter Architekten Gottfried Wendschuh und des Königsfelder Künstlers Emil Jo Homolka (1925–2010). Damals wurde auch das kleine westliche Fenster in der Südwand eingebrochen. Weitere Renovierungsmaßnahmen erfolgten 1995/97 und 2003.
Ausstattung Grabdenkmale außen: Am Außenbau sind mehrere Grabsteine aufgestellt, die sich bis zur Umgestaltung des Innenraums 1967/68 im Fußboden des Chors befunden hatten: an der Westseite unter dem Treppenaufgang eine Grabplatte von 1498 für einen ungenannten Priester, an der Südseite von West nach Ost die Grabplatte für den 1517 verstorbenen Priester Nicodemus Wurster, die des Priesters Heinrich Schröter aus dem späten 15. Jahrhundert und im zugesetzten gotischen Kirchenportal die des 1529 verstorbenen Pfarrers Johannes Scheuer; an der Nordwand des Langhauses steht die Grabplatte für den 1610 verstorbenen Abraham Hochstetter.
Innenraum: Der Innenraum wird durch die zweigeschossige Emporenanlage und die im Chor stehende Orgel geprägt. Trotz der im 20. Jahrhundert verkürzten Emporen vermittelt der Raum einen guten Eindruck einer barockisierten protestantischen Kirche. Im Chorraum steht auf einer Empore das Orgelgehäuse und der Prospekt von 1768 mit neuem Orgelwerk. Ungewöhnlich sind die reichen Stuckaturen in Chor und Langhaus: im Vorjoch des Chores und im Mittelfeld der Langhausdecke kräftige Akanthusstuckaturen, am Chorbogen von 1752 das herzoglich-württembergische Wappen mit den Initialen »17 C H Z W 52« für Carl (Eugen) Herzog zu Württemberg.
Taufstein: Das Taufbecken von 1563 stammt aus der Zeit des Wiederaufbaus nach dem Brand von 1559; der heutige Aufbau mit Bronzefuß und Nagelfluhsockel wurde von Emil Jo Homolka entworfen.
Altar: Der Altarblock aus Nagelfluh stammt aus dem Jahr 1968 und ersetzt den Altar von 1927. Der Kruzifixus auf dem Altar wird in die Mitte des 17. Jahrhunderts datiert.
Kanzel: Südlich des Chorbogens ist die Kanzel von Johann Weimer mit Skulpturen von Johann Martin Staiger angebracht, der auch die ursprüngliche Fassung der Kanzel besorgte. Am Kanzelkorb Standbilder der vier Evangelisten mit ihren Symbolen; am Schalldeckel ein Engel mit Posaune.
Glasgemälde: Anlässlich der Wiederherstellung und Erweiterung der Kirche 1752 wurden von Bürgermeister und Heiligenpfleger Michael Schäfer, von Schultheiß Jacob Weinmann und von Pfarrer Jakob Andreas Meyer (auf der Scheibe fälschlich Müller) gestifteten kleinformatigen und mit I. G. S. (Johann Georg Grötzinger) signierte Erinnerungs- oder Kabinettscheiben gestiftet, die an den hohen Langhausfenstern angebracht sind. Im Rundfenster über der zugesetzten gotischen Pforte der Südwand ist der hl. Remigius dargestellt, 1967 nach einem Entwurf von Emil Jo Homolka von der Rottweiler Glasmalereiwerkstatt Wilhelm Derix III. geschaffen.
Epitaphe: An der Südwand des Chors steht das Epitaph für Pfarrer M. Christian Wilhelm Fromann († 1773). An der Südseite des Treppenturms, gegenüber der Kanzel, hängt das Epitaph für Pfarrer Johann Berstecher († 1717).
Gedenkstätte: Im Erdgeschoss des Turms befindet sich eine Gedenkstätte für die Opfer der beiden Weltkriege nach Entwürfen von Emil Jo Homolka (1967). Die Bronzegüsse sind von der Kunstgießerei Straßacker in Salach, die Glasarbeiten aus der Glasmalereiwerkstatt Wilhelm Derix.
Orgel: Auf der Chorempore dominiert der Orgelprospekt von 1768. Der Hauptprospekt stammt von Johannes Weimer, der auch die erste Orgel geschaffen hatte; der Prospekt des 1927 beseitigten Rückpositivs wurde 1967/68 nach alten Vorlagen rekonstruiert. Das Instrument, ein rein pneumatisches Werk, wurde 1894/95 von Friedrich Weigle († 1906) geschaffen und 1967/68 von Fritz Weigle († 2012) überholt.Information zur Orgel auf Organ index, abgerufen am 29. Januar 2024. Die Skulpturen des Prospekts stammen von Johann Martin Staiger.
Literatur
Adolf Schahl: Die Bau- und Kunstgeschichte der evangelischen Remigiuskirche in Bondorf. Böblingen 1974. Dieter Planck: Ein römisches Bauwerk unter der Kirche von Bondorf. In: Führer zu archäologischen Denkmälern in Deutschland, Bd. 3, Tübingen und das obere Gäu. Stuttgart 1983, S. 132–135. Fritz Heimberger (Red.): Kirchen im Landkreis Böblingen. (Hrsg.) Evang. Kreisbildungswerk und Kath. Bildungswerk Kreis Böblingen; München/Zürich, 1990, Seite 52. Ulrich Knapp: Remigiuskirche Bondorf (= Schnell, Kunstführer Nr. 2918). Schnell & Steiner, Regensburg 2020 (PDF-Datei).
Weblinks
Website der Kirchengemeinde
Einzelnachweise
Kategorie:Kirchengebäude im Landkreis Böblingen Kategorie:Kulturdenkmal in Bondorf Kategorie:Remigiuskirche Bondorf Kategorie:Saalkirche in Baden-Württemberg Kategorie:Gotische Kirche Kategorie:Gotisches Bauwerk im Landkreis Böblingen Kategorie:Erbaut im 13. Jahrhundert Kategorie:Kirchengebäude in Europa