mini|hochkant=1.3|Lokalisation von Kniegelenksarthrosen (rechtes Knie, schematisch von vorne) Mit Kniegelenksarthrose oder Gonarthrose (von und ) bezeichnet man einen Verschleiß der knorpeligen Gelenkflächen des Kniegelenks.
Betroffene Gelenkabschnitte Das Kniegelenk besteht aus drei Gelenkabschnitten, die allesamt (Pangonarthrose) oder einzeln betroffen sein können. Bei Verschleiß im Kniescheibengelenk (Femoropatellargelenk) wird oft von einer Retropatellararthrose (Arthrose im Kniegelenk, hinter der KniescheibeWolfgang Miehle: Gelenk- und Wirbelsäulenrheuma. Eular Verlag, Basel 1987, ISBN 3-7177-0133-9, S. 175.) gesprochen. Ist das innere oder mediale Kompartiment des Femorotibialgelenks betroffen, liegt eine mediale Gonarthrose, oder bei oft gleichzeitiger O-Bein-Fehlstellung eine Varus-Gonarthrose vor. Die Arthrose des äußeren oder lateralen femorotibialen Kompartiments ist die laterale Gonarthrose, oder bei gleichzeitiger X-Bein-Fehlstellung die Valgus-Gonarthrose.
Kniescheibengelenk (Femoropatellargelenk) mini|Femoropatellararthrose Bei dem Bild „Femoropatellararthrose“ handelt es sich um ein horizontales Schnittbild durch das Kniescheibengleitlager und dem unteren Ende des Oberschenkels, den Femurkondylen. Das Bild wurde mit einem NMR-Gerät erstellt. Zu sehen sind die dünne Knorpelschicht (die Kniescheibe ist nach außen verschoben), die Kniescheibengleitrinne und die Rückfläche der Kniescheibe. Diese hat mit Knochenausziehungen, den Osteophyten, auf die geänderten Belastungsverhältnisse reagiert: Der an den Knorpel angrenzende Knochen ist verdichtet.
Am Gleitlager der Kniescheibe kommt es vielfach zu einer ungleichmäßigen Lastverteilung in diesem Gelenkabschnitt. Die Streckmuskulatur des Oberschenkels kann innerhalb kurzer Zeit (14 Tage) auf eine eingeschränkte Belastbarkeit des Knies reagieren, der körpermittig gelegene Bauch dieses Muskels (Quadriceps, der Vierköpfige) verliert schnell an Kraft mit der Folge, dass die Last auf die Kniescheibenrückfläche verlagert wird.
Der Knorpel der Kniescheibenrückfläche ist mit bis zu 7 mm die dickste Knorpelschicht im Körper. Dieser Knorpel wird nicht durchblutet, sondern nur über die Gelenkflüssigkeit ernährt. Bei dieser Dicke kann das nicht mehr durch Diffusion allein funktionieren. Hier kommt ein Walkvorgang zum Tragen: Unter Last wird Synovia (Gelenkflüssigkeit) in den Knorpel hinein- und wieder herausgedrückt. Damit ist ein genügender Austausch gegeben, solange die Auflagelast im physiologischen Bereich bleibt. Das System verträgt weder zu viel noch zu wenig Druck. Weicht dieser Druck weit genug vom Idealbereich ab, kommt es zu Ernährungsstörungen des Knorpels und später zu Verschleißerscheinungen, die auch als Chondropathia patellae bezeichnet werden. Der Knorpel degeneriert, fasert auf, wird rau: Das Gleitlager der Kniescheibe fängt an zu reiben. Man spricht nun von einer Demaskierung des Knorpels. Das erste Symptom hierbei ist der Schmerz auf der Treppe, beim Aufrichten aus der Hocke oder beim längeren Sitzen. Der Volksmund nennt diese Symptome „Theaterknie“, weil sie früher bei Menschen auftraten, die nach dem ersten Akt eines Stückes mit den Füßen scharrten.
Mediales Kompartiment mini|NMR-Bild einer medial betonten Kniearthrose, von vorne gesehen
In diesem Bild ist erkennbar, dass der Knorpel im innenseitigen (medialen) Bereich des Gelenkes aufgebraucht ist und im medialen Bereich des Schienbeinkopfes der unter dem Knorpel gelegene Knochen verdichtet ist. Dies wird „sklerosiert“ oder „eburnisiert“ genannt. Sowohl im seitlichen (lateralen) als auch im medialen Gelenkanteil ist es zu osteophytären Reaktionen gekommen. Der Körper versucht, durch eine Verbreiterung der Auflagefläche den auf den Gelenkknorpel lastenden Druck zu mindern. In der höheren Auflösung sind auf diesem Bild die Muskelzüge um das Knie deutlich zu sehen, in der verkleinerten Abbildung kommt das nicht zur Darstellung. Durch die „Höhenminderung des medialen Gelenkspaltes“ (klinischer Jargon, gemeint ist die Höhenminderung des Knorpels) kommt es zu einer Fehlstellung des Kniegelenkes, das Bein weicht in die Varus- oder O-Fehlstellung ab. Die Lotlinie vom Hüftkopf durch das Sprunggelenk wandert aus dem Zentrum des Knies in Richtung mediales Kompartiment aus, der Auflagedruck in dem schon verschlissenen Teil des Gelenkes nimmt weiter zu, das Krankheitsbild verschlimmert sich selbst.
mini|Reizerguss, NMR-Bild einer Kniearthrose im Längsschnitt.
Die Darstellungstechnik ist etwas anders als auf den oberen Bildern, der Reizerguss – im Prinzip Wasser – kommt hier weiß zur Darstellung. Zu sehen ist die Verteilung der Gelenkflüssigkeit (Synovia), dazu zeigen sich, besonders am oberen Pol der Kniescheibe, Osteophyten.
Ein gesundes Knie braucht eine Valgus- oder X-Stellung von 8 Grad. Schäden am Innenmeniskus sind insbesondere bei Leistungssportlern (z. B. Fußballspielern) häufig. Wird der Meniskus verletzt, bietet sich die operative Entfernung des zerrissenen Anteils an. Das ist sinnvoll, weil das Meniskusgewebe die gleiche Oberflächenhärte hat wie der Knorpel des Gelenkes. Bleibt das Fragment im Knie, führt das in kurzer Zeit zu Knorpelschäden.
Wenn dieses Gewebe operativ entfernt wird, verkleinert sich aber die Auflagefläche der Oberschenkelrolle auf dem Schienbeinkopf. Im Zusammenspiel mit dem vorausgegangenen Meniskusschaden bewirkt das einen Knorpelschaden oder Defekt an der Oberschenkelrolle. Diese Abriebsprozesse führen dazu, dass der mediale Gelenkspalt zusammensackt, das Knie verformt sich im Sinne eines O-Beines oder Varus-Fehlstellung. Diese bewirkt, dass die Lotlinie, die vom Zentrum des Hüftkopfes durch das Knie ins Sprunggelenk fällt, weiter in den mittigen Bereich des Knies verlagert wird. Dieser Bereich wird mehr, der äußere Bereich weniger stark belastet. Der Verschleiß in diesem schon geschädigten medialen Anteil des Knies schreitet fort, die Fehlstellung wird stärker, die Lastverteilung verlagert sich weiter, der Kreis schließt sich. Das Endstadium ist die Varusgonarthrose, die oft nur noch operativ zu behandeln ist.
Laterales Kompartiment mini|Röntgenbild einer lateralen Gonarthrose (oben) im Vergleich zu einem normalen Kniegelenk (unten)
Ebenso wie der innere Bereich des Kniegelenkes kann sich auch der äußere degenerativ verändern. Die Abriebsprozesse führen auch hier zu einer sich selbst verstärkenden Verformung, die Traglinie des Beines wandert diesmal in den äußeren Bereich des Knies, eine X-Bein- oder Valgus-Fehlstellung ist die Folge. Meist ist der Bandapparat bei Valgus-Deformitäten lockerer als bei O-Beinen. Das macht die operative Behandlung schwieriger.
Im Röntgenbild zeigt sich die Verschmälerung des äußeren Kniegelenkspaltes und auch die X-Bein-Stellung. Am Schienbeinkopf ist eine Ausziehung zu sehen. Die Röntgenzeichen der Gonarthrose sind meistens eindeutig, so dass eine Kernspin-Untersuchung in der Regel nicht notwendig ist.
Therapie
Konservative Therapieformen Das Knie ist häufig von Verletzungen betroffen. Jeder, auch vorübergehende, Schmerzzustand führt zu einer Schwächung der Oberschenkelmuskulatur. Der erste, wesentliche Schritt besteht also darin, durch ein geeignetes Trainingsprogramm die Streckmuskulatur des Oberschenkels wieder aufzubauen. Reizstrom und elektrische Muskelstimulation sind hier brauchbar und schädigen weder das Knie noch den Patienten.
Eine weitere wichtige Maßnahme, insbesondere zu Beginn der Erkrankung, kann das Arzt-Patienten-Gespräch sein. Hier kann der Patient durch den behandelnden Arzt über die Krankheit, den Verlauf und die Therapiemöglichkeiten aufgeklärt und können die Möglichkeiten der Mitwirkung an der Therapie besprochen werden.
Weitere konservative Therapieformen, deren Kosten in Deutschland von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden, sind z. B. Entlastung in Form von Dämpfung (z. B. Pufferabsätze) Gewichtsreduktion und Gehhilfen wie Gehstock, Unterarmgehstütze, Rollator und Rollstuhl Akupunktur kann gemäß Einschätzung der American Academy of Orthopaedic Surgeons Schmerzen und Funktionseinschränkungen lindern (limitierte Stärke der Empfehlung), die deutsche S2k-Leitlinie empfiehlt sie allgemein zur Anwendung, auch wenn die vorliegenden Studien teilweise von minderer Qualität sind.
Alternative Therapieformen Andere Therapieformen, deren Kosten von den gesetzlichen Krankenversicherungen in Deutschland in der Regel nicht übernommen werden, da kein wissenschaftlicher Wirkungsnachweis vorliegt, sind z. B.: Kinesiotaping Low-Level-Lasertherapie Pulsierende Magnetfeldtherapie (PMT) Blutegeltherapie
Medikamente Zur Schmerzlinderung und als entzündungshemmendes (antiinflammatorisches) Agens eignen sich nichtsteroidale Antirheumatika (NSAIDs) gemäß WHO I. Gängige orthopädisch-schmerztherapeutische Praxis ist im individuellen Fall auch die Einstellung auf Analgetika der Stufe WHO II und III (also zentral wirksame Stoffe ohne bzw. mit BTM-Pflicht), jeweils alleine oder in Kombination. Alle Medikamente weisen jedoch eine Reihe von Nebenwirkungen auf und sollten daher gezielt und vorsichtig verschrieben werden. Spätestens hier ist die Vorstellung bei einem geeigneten Facharzt/Fachärztin für Orthopädie bzw. Orthopädie und Unfallchirurgie indiziert, ggf. in Kombination mit weiteren Schmerztherapeuten. Gängige Kontraindikationen bzw. eine enge und ggf. zeitlich limitierte Indikationsstellung bei Stufe I bestehen u. a. bei Erkrankungen des Magen-Darm-Traktes wie z. B. Geschwüren am Magen und Zwölffingerdarm, aber auch bei Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems wie z. B. Bluthochdruck, Herzinfarkt, Thrombosen und Lungenembolie sowie generell bei höherem Lebensalter ab ca. 60 Jahren. In diesem Fall oder auch bei nicht ausreichender Wirkung können Medikamente der Stufe WHO II/III ergänzend oder im Austausch die geeignete Alternative sein. Prinzipiell ist eine medikamentöse Therapie einerseits indiziert bei verbleibenden Beschwerden bei bzw. nach einer fachspezifischen konservativen und/oder operativen Therapie oder für die Fälle, bei denen diese Therapie nicht oder erst später möglich ist, z. B. als Überbrückung bei OP-Wartezeiten oder bei Kontraindikationen für weitere Therapien (z. B. Elektrotherapie bei Herzschrittmacher oder intraartikuläre Injektionen bei Marcumarpatienten).
Injektionen Es ist technisch relativ einfach, Medikamente in ein Knie zu spritzen. Hierbei ist eine sorgfältige Hautdesinfektion und Hygiene wichtig. Ein in das Knie verschleppter Keim kann zu schwerwiegenden Infektionen – bis zur Sepsis – führen.
Häufig wird für diese intraartikulären Injektionen kristallines Cortison verwendet. Das bringt schnell eine Linderung des Reizzustandes, die Schmerzen und der Erguss werden deutlich weniger. An der prinzipiell schlechten Verfassung des Gelenkes ändert sich allerdings nichts. Dazu kommt der Schmirgeleffekt, den die Kristalle auf den Knorpel ausüben.
Eine weitere Therapie zur Linderung der Schmerzen durch Verbesserung der Gelenkschmierung stellt die Injektion von Hyaluronsäure dar, deren Wirksamkeit in einer Metaanalyse aus dem Jahr 2003 jedoch als bescheiden eingestuft wurde. Der IGeL-Monitor des Medizinischen Dienst Bund bewertet die IGeL Hyaluronsäure-Injektion bei Kniearthrose mit „tendenziell negativ“. Im Vergleich zu Placebo und keinen Injektionen habe sich gezeigt, dass sich Schmerzen damit etwas reduzieren lassen und sich die Funktion des Gelenks leicht verbessert. Jedoch treten nach einer Hyaluronsäure-Injektion häufig leichte unerwünschte Ereignisse an der Injektionsstelle auf. Auch schwerwiegende Nebenwirkungen kämen vor – deren Häufigkeit sei wegen einer mangelhaften Berichterstattung in den Studien unklar.IGeL-Monitor, Bewertung der Hyaluronsäure-Injektion bei Kniearthrose. Abgerufen am 18. Oktober 2018.
Operative Therapieverfahren
Gelenkerhaltende Operationen