mini|Kong als Schriftzeichen

Kong () ist ein Geschlecht, das auf den Stammvater Konfuzius zurückgeht und über 2.500 Jahre alt ist. Sowohl die Hauptlinie als auch Nebenlinien erhielten mit der Zeit verschiedene Nobilitierungen. Vom Kaiserreich China bis in die frühen Jahre der Republik China führte das jeweilige Oberhaupt der Familie unterschiedliche Adelstitel, zuletzt von 1055 bis 1935 den Titel des Herzogs Yansheng ().

1935 schaffte die republikanische Regierung unter der Führung der Kuomintang den Titel ab und der letzte Inhaber, Kong Decheng, wurde „Zeremonieller Beamter für Konfuzius“ (). Aus einem Adelstitel ist ein Staatsamt geworden mit der Aufgabe, das Erbe des Konfuzius zu pflegen.Christopher S. Agnew: The Descendants of Confucius in Late Imperial China, 2019, University of Washington Press, S. 16 ff. (englisch) Auch nach der Ausrufung der Volksrepublik China existierte das Amt in der Republik China auf Taiwan fort, welches bis 2008 dem Rang eines Ministers entsprach, aber seitdem symbolischer Natur ist.ibid. S. 162 ff. Gegenwärtiges Familienoberhaupt ist Kung Tsui-chang (), der 2009 die Nachfolge antrat. Er ist ein Nachfahre in der 79. Generation, wodurch die Familie Kong hinsichtlich der Stammlinie (direkte Vater-Sohn-Nachkommenschaft) eine der nachweisbar ältesten existierenden Familien der Welt ist.

Herkunft des Nachnamens

mini| in der Bronzeinschrift.

Das Schriftzeichen , setzt sich zusammen aus , „Kind“ oder „Nachkomme“, und dem Schrägstrich . In der Grundbedeutung bedeutet somit „Penetration“ oder „Loch“ (im Sinne einer Fontanelle eines Säuglings).„“ in: Paul W. Kroll: A Student’s Dictionary of CLassical and Medieval Chinese. 3. Auflage, Brill, 2022. (englisch) In der Bronzeinschrift kann man diese Bedeutung noch sehr gut erkennen. Abhängig von der Sprache und der Transkription werden im lateinischen Alphabet die Namensträger mit KongDie Schreibung als „Kong“ entspricht beispielsweise der Umschrift: Hanyu Pinyin (heute: Internationaler Standard), Tongyong Pinyin oder Gwoyeu Romatzyh., KungDie Schreibung als „Kung“ entspricht beispielsweise der Umschrift: Wade-Giles, Mandarin Phonetic Symbols II (MPS2/MPS II) oder Yale. oder GongDie Schreibung als „Gong“ folgt beispielsweise der Ad-hoc-Umschrift im Chinesischen bzw. der revidierten Umschrift im Koreanischen (koreanisch , Hanja ). wiedergegeben.

Wie Konfuzius diesen Nachnamen bekam, lässt sich nicht mehr zweifelsfrei feststellen. Es gibt verschiedene Theorien, die im Abschnitt „Geschichte“ dargestellt werden. Zur Zeit der Song-Dynastie, also um 1000 nach Christus herum, gehörte Kong zu den hundert Familiennamen.

Nicht zu verwechseln sind Nachnamen, die im Deutschen ebenfalls mit Kong transkribiert, aber mit einem anderen Schriftzeichen geschrieben werden. Auch gibt es Namensträger der koreanischen Linie, deren Nachname entsprechend der Aussprache als Gong transkribiert werden. Nicht alle Namensträger des Nachnamens sind Nachfahren des Konfuzius. Bezüglich der Abstammung gibt und gab es Kontroversen.

Geschichte Im Folgenden soll die Geschichte der Familie Kong mit besonderem Fokus auf die Hauptlinie in Qufu angegeben werden. Im Abschnitt #Mitglieder der Familie ist ein Stammbaum angegeben, der beim Nachvollziehen der Verwandtschaftsverhältnisse helfen soll.

Konfuzius

mini|hochkant|Darstellung des Konfuzius um 1770

Begründer der Familie ist der Philosoph Kong Qiu (), eher bekannt unter seinem Ehrennamen , „Lehrmeister Kong“, der von Jesuiten zu Konfuzius latinisiert wurde. Die von ihm und von seinen Schülern formulierten Ideen und Konzepte, heute unter Konfuzianismus bekannt, hatten eine gewaltige Auswirkung auf die Entwicklung der chinesischen Kultur und des Staates.

Konfuzius selbst soll nach der traditionellen Überlieferung eine adlige Abstammung gehabt haben. Es wird in Kapitel 47 der Shiji berichtet, er stamme von der Shang-Dynastie ab, welche nach dem Sturz der nachfolgenden Zhou-Dynastie Grundbesitz in Song bekam. Die Familie verarmte aber schnell und ein Vorfahre des Konfuzius wanderte nach Qufu, einer Stadt des Staates Lu, aus. Der Nachname Kong () wird mit dieser Geschichte in Verbindung gebracht. Denn die Prinzen der Shang-Dynastie wurden als bezeichnetEdward L. Shaughnessy: Extra-Lineage Cult in the Shang Dynasty: A Surrejoinder, Early China, Band 11/12, 1985, S. 186. (englisch) und der Thronname von Cheng Tang, dem Gründer der Dynastie, lautete . Aus dem letzten Schriftzeichen sei zusammen mit der Nachname entstanden. Da die legendäre Abstammung möglicherweise eine spätere Fiktion ist, ist diese Herleitung nicht sicher, wird aber bis heute in vielen Büchern vertreten.Diese eher volksetymologische Herleitung ist u. a. in Sachbüchern verbreitet wie: Fu Chinjiang: Origins of Chinese Names. Asiapac Books, 2007, S. 80. (englisch)

Nach einer anderen, zur Zeit der Tang-Dynastie zusammengestellten Quelle, soll der Nachname hingegen von einem Zi Jia (), einem hohen Beamten des Staates Song zur Zeit der Frühlings- und Herbstannalen, stammen, dessen Großjährigkeitsname Kong Fu () gewesen sei. Als er getötet wurde, flohen seine Nachkommen nach Qufu und nahmen mit Kong einen neuen Nachnamen an. Wie bei allen biografischen Daten des Konfuzius ist die Historizität nicht mehr zweifelsfrei festzustellen. Moderne Historiker halten diese Ursprünge für konstruiert oder übertrieben. Dafür spricht auch, dass zu diesem Zeitpunkt vermeintliche oder tatsächliche Nachfahren ein Interesse daran hatten, die Größe des Stammvaters zu überhöhen.Robert Eno: The Background of the Kong Family of Lu and the Origin of Ruism, Early China, Band 28, 2003, S. 1–41. (englisch) Konfuzius selbst soll einmal geheiratet haben und einen Sohn und zwei Töchter bekommen haben. Von dem Sohn Kong Li () stammen alle restlichen Nachfahren ab, die den Namen Kong tragen. In weiblicher Linie sind hingegen keine Nachfahren überliefert.

Konfuzius starb vermutlich um 479 v. Chr. in seiner Heimatstadt Qufu. Noch bis zur Ausrufung der Volksrepublik China 1949, also zweieinhalbtausend Jahre später, blieb Qufu das Zentrum der Familie Kong.

Von der Qin-Dynastie bis zur Song-Dynastie Nach dem Tod des Konfuzius gab es in den Aufzeichnungen immer wieder Personen, die eine Abstammung von Konfuzius beanspruchten oder für Nachkommen des Konfuzius gehalten wurden. Die Zahl häufte sich besonders von der Han-Dynastie an. Dass zeitgleich der Konfuzianismus zur Staatsdoktrin erhoben wurde,Homer H. Dubs: The Victory of Han Confucianism, Journal of the American Oriental Society, Band 58, Nr. 3 (1938): S. 435–49. (englisch) dürfte kein Zufall sein. Die Nachkommen erhofften sich hierbei wohl Ehrentitel, Ämter, Sinekure, Ausnahmen bei der Beamtenprüfung oder andere Privilegien, die auch regelmäßig bis zum Ende des Kaiserreich Chinas gewährt wurden.vgl. Christopher Agnew: The Kongs of Qufu. The Descendants of Confucius in Late Imperial China, University of Washington Press, 2019, Introduction, Unterkapitel: Kongs of Qufu. (englisch)

Während einzelne Kongs viele Ehrentitel erhielten, die in der Regel mit dem Tode erloschen, erhielt ca. 40 vor Christus der Nachkomme der 13. Generation Kong Ba () von Kaiser Han Yuandi () den ersten erblichen Titel und führte seitdem den Titel Fürst Baocheng (). Berufend auf die legendäre Abstammung von der Shang-Dynastie erhielt im Jahre 29 nach Christus Kong An (), Nachkomme der 17. Generation, der angeblich von Kong Ji ()Die genaue Abstammung ist hier besonders schlecht dokumentiert und möglicherweise nicht belegt, vgl. Stammbaum etwas weiter im Artikel., Nachkomme der 14. Generation, abstammte, den Titel Herzog, der Yin fortführt und ehrt (), und später Herzog Song (). Yin ist hierbei die ehemalige Hauptstadt der späten Shang-Dynastie und wurde auch metonymisch für sie verwendet. Der von Kong An begründete Seitenzweig existiert heute nicht mehr. Auch wenn nachweisbar ist, dass sein Lehen für einige Zeit verwaltet wurde, sind von Kong An keine Nachkommen überliefert.„Kong An“ in: Rafe de Crespigny: A Biographical Dictionary of Later Han to the Three Kingdoms (23-220 AD), Brill, 2007. (englisch)

mini|hochkant=0.8|Konfuziusgrab in Qufu

952, knapp tausend Jahre später, erhielt Kong Renyu (), ein Nachkomme in der 43. Generation, den höherwertigen Titel Herzog Wenxuan (), im Englischen häufig mit Duke for Propagating Culture („Herzog zur Verbreitung der Kultur“ oder „Kulturverbreitender Herzog“) übersetzt.Thomas A. Wilson: The Ritual Formation of Confucian Orthodoxy and the Descendants of the Sage, The Journal of Asian Studies, Band 55, Nr. 3, 1996, S. 567. (englisch) Der Titel ist zudem eine Anspielung auf einen der geläufigen posthum vergebenen Namen des Konfuzius. Noch heute ziert sein Grab in Siegelschrift die ehrenvolle Anrede „Großer Vollender, höchster Heiliger, Kulturverbreitender König“ ().

Song- und Jin-Dynastie

Herzog Yansheng

Der letzte und bei weitem wohl wichtigste Titel war der des Herzogs Yansheng () (in älterer deutschsprachiger Literatur auch Herzog Konfutsevgl. Bildunterschrift von BArch 146-1980-111-72 / Fotograf unbekannt. genannt), den der Song-Kaiser Renzong verlieh. Erster Herzog Yansheng wurde 1055 Kong Zongyuan (). „Herzog“ ist hierbei die geläufige chinesische Übersetzung des Titels . Das Wort , selbst kann auch als besonders ehrende Anrede verstanden werden, die vergleichbar einer Anrede wie „Seine Exzellenz“ ist.„“ in: Paul W. Kroll: A Student’s Dictionary of CLassical and Medieval Chinese. 3. Auflage, Brill, 2022. (englisch) Yansheng setzt sich zusammen aus „überfüllen“, „ausbreiten“, „fortsetzen“, „im Überfluss sein“, und „weise“ oder „der Weise“ (d. h. Konfuzius). In der englischsprachigen Literatur wird der Titel häufig mit Duke for Fulfilling the Sagezum Beispiel in: Thomas A. Wilson: The Ritual Formation of Confucian Orthodoxy and the Descendants of the Sage, The Journal of Asian Studies, Band 55, Nr. 3, 1996, S. 567. (englisch) (deutsch: Herzog für die Erfüllung des Weisen, „Erfüllung“ ist bezogen auf die notwendige Verrichtung des chinesischen Ahnenkults) übersetzt. Denkbar wäre aufgrund der Mehrdeutigkeit der Schriftzeichen auch eine Übersetzung wie „Seine Exzellenz, welche die Weisheit fortführt“.

Der Titelwechsel entsprach aber am ehesten einer „Degradierung“ als einer „Erhöhung“: Kaiser Renzong argumentierte, die Abkehr von den Riten () habe dadurch begonnen, dass man lebenden Nachkommen einen posthum verwendeten Ehrentitel des Weisen verliehen habe (Namenstabu). Die Umbenennung war letztlich also ein Schritt, um eine Trennung zwischen der Konfuziusverehrung und dem Titel zu schaffen.Christopher Agnew: The Kongs of Qufu. The Descendants of Confucius in Late Imperial China, University of Washington Press, 2019, Kapitel 1. Unterkapitel “Duke for Fulfilling the Sage”.(englisch) Des Weiteren weist Agnew darauf hin, dass sich nach dem Jahre 1000 die Kongs von Qufu zu einem Machtfaktor entwickelt habe. Nicht nur aus militärischer Sicht habe es Sinn ergeben, lokale Adlige auf seiner Seite zu haben, bei den Kongs war es zusätzlich ein ideologischer Faktor, um die Legitimität der eigenen Dynastie zu sichern. Auf dieser Basis bauten die Kongs mit der Zeit ihre Privilegien aus, aber dadurch war auch die Gefahr gegeben, dass infolge von Kriegen Teile der Familie für die Zwecke machtbewusster Feldherren vereinnahmt würden. Der Wechsel des Titels fiel zeitgleich mit einem allgemeinen Niedergang der mittelalterlichen Aristokratie zusammen. Hatte sie noch gegen Ende der Tang-Dynastie oligarchische Strukturen ausgebildet, wurde sie zur Zeit der Song-Dynastie größtenteils durch einen bürokratischen Apparat ersetzt.Nicolas Olivier Tackett: The Transformation of Medieval Chinese Elites (850–1000 C.E.), Dissertation (Columbia University), S. 94–95. (englisch)