mini|Nikolauskirche in Beuren
Die evangelische Nikolauskirche steht in Beuren, einer Gemeinde im Landkreis Esslingen in Baden-Württemberg. Das Bauwerk ist beim Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg als Kulturdenkmal eingetragen. Die Kirchengemeinde gehört zum Kirchenbezirk Nürtingen der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.
Geschichte und Baubeschreibung mini|Blick zum Altar
Zur Nikolauskirche gibt es erste Stiftungsurkunden von 1401 und 1413. Der heutige Bau dürfte nicht viel später errichtet worden sein. Im Unterbau des Westturms und in der südlichen Langhauswand sind noch romanische Bauteile erhalten. Ein einschiffiger Kirchensaal mit 5/8-Chorschluss ist im Verhältnis zum Turm axial leicht nach Norden versetzt. Die Saalkirche besteht aus einem Langhaus, einem eingezogenen Chor mit Fünfachtelschluss im Osten, der von Strebepfeilern gestützt wird, und einem Kirchturm im Westen, dessen untere Geschosse vom romanischen Vorgängerbau stammen. Der Chor und das Langschiff hatten seit Langem bis vor 1904 eine tief angesetzte Flachdecke, die oben den Chorbogen beschnitt, sichtbar noch an der Oberkante der freigelegten spätgotischen Fresken. Der Chor und seine Maßwerkfenster mit Ausnahme der beiden südlichen waren mit einer nördlichen Gemeindeempore und einer großen östlichen Orgelempore samt Orgelgehäuse verstellt. Rechts am Chorbogen stand die alte Kanzel.Altbestands- und Umbauplanzeichnungen 1895–1904 siehe: Ellen Pietrus: Heinrich Dolmetsch. Die Kirchenrestaurierungen des württembergischen Baumeisters. Stuttgart 2008, Abb. 81, 123 und 199. Diese unbefriedigende Inneneinrichtung wurde 1904 von Heinrich Dolmetsch durch Umbau beseitigt. Dazu wurden der Chor von der abgehängten Decke und den Einbauten befreit und damit dort das Gewölbe und die Fenster freigelegt. Die Holzbalkendecke des Kirchenschiffs wurde durch eine Sprengwerkkonstruktion und geschmiedete Zuganker (Schlaudern) trapezförmig in den Dachraum hinein geöffnet. Dadurch wurde der Chorbogen vollständig sichtbar und auch auf der Westempore Höhe gewonnen für die Aufstellung der Orgel. Die im Schiff vorhandenen Emporen wurden symmetrisch sich in Hufeisenform um die Kirchenwände ziehend ergänzt und mit stilistisch passenden Brüstungen von auswärts versehen: Sie waren in Dolmetschs Parallel-Baustelle der Stadtkirche Bad Cannstatt entbehrlich geworden. Aus Cannstatt damals stammten auch die Chorwandstühle, die aber bei einer Kirchenrenovierung nach 1945 entfernt wurden. Die steinernen Prinzipalien wurden 1904 neu geschaffen und positioniert, ein neues Parterre- und Emporengestühl angefertigt und Emporenzugänge von außen nach innen verlegt. Der Kirchenraum erhielt 1904 noch umfangreiche Schablonenmalerei an den Wänden, an der Decke des Kirchenschiffs, und im Chor den Sternenhimmel – sehr schön mit den beiden Schlusssteinen „Sonne und Mond“.
Das oberste Geschoss des quer mit einem Satteldach bedeckten Kirchturms beherbergt die Turmuhr und den Glockenstuhl, in dem eine 21 Zentner schwere Kirchenglocke von 1430 hängt.
Ausstattung Mittelalterliche Fresken 1960 wurden die aus der Zeit um 1370 stammenden Wandmalereien links und rechts oben auf der schiffseitigen Chorwand freigelegt,Katalog der Wandmalereien in den Kirchen und Kapellen Baden-Württemberg’s von der ottonischen Zeit bis zur Renaissance, von Dipl.-Ing. Klaus Klünder und Christa Regina Klünder . wodurch die neugotische Dekorationsmalerei von 1904 samt dem den Chorbogen begleitenden Rankenwerk entfallen musste. Sie stellen die Deësis, die Heilige Sippe und das Jüngste Gericht dar.
Spätgotische Frömmigkeitskultur mini|Ölberggruppe
Die ursprünglich auf Rädern mobile Skulptur „Christus auf dem Palmesel“ – diese hier entstand gegen Ende des 15. Jahrhunderts – ist in einer evangelischen Kirche eine Rarität. Bei der Prozession am Palmsonntag wurden ab dem 11. Jahrhundert statt echter Esel, die bockig sein konnten, geschnitzte Figuren auf einem Wagen mitgeführt. Der zugehörige Wagen ist nicht mehr vorhanden. Außen an der Südseite des Turms befindet sich der „Ölberg“, vermutlich aus der Zeit um 1505/10. Das Kunstwerk zeigt den betenden Jesus und die schlafenden Jünger im Garten Gethsemane. Es wurde 1899 durch den Stuttgarter Bildhauer Kurt Schnabel restauriert und in jüngster Zeit aufgefrischt und gesichert. Ähnlich gestaltet ist der Ölberg an der Martinskirche in Neuffen.
Prinzipalien mini|Kanzel
Die Kanzel, der Altar und der Taufstein wurden 1904 in guter Steinmetzarbeit neugotisch mit Maßwerk und Bauplastik gestaltet.
Glasgemälde mini|Buntglasfenster
Die drei Maßwerkfenster des Chores erhielten 1904 Farbverglasungen von der Glasmalereiwerkstatt van Treeck in München: links und rechts jeweils mit floralen Ornamenten. Der Nürnberger Künstler, Kunstschriftsteller und Professor der Nürnberger Kunstgewerbeschule Friedrich Wilhelm Wanderer (1840–1910) entwarf das mittlere Passionsfenster. Eine Signatur des Entwurfskünstlers fehlt, jedoch weisen ähnliche Glasgemälde vor allem in Bad Herrenalb und Heidenheim,Kommissionsbuch der Firma van Treeck, Nr. C 400 und 427. aber auch die zahlreichen profanen und sakralen Arbeiten in seiner fränkischen Heimat, trotz anderer Scheibenproportionen, Architekturen und Hintergründe eindeutig Wanderers Urheberschaft nach. Das mittlere Fenster wurde von der Firma Leutze in Owen gestiftet.
Emporen Der Unterbau der älteren Holzemporen, der gemäß zweier reich verzierter Pfeiler mit „1616“ datiert ist, wurde 1904 ergänzt und mit Brüstungselementen in der Gesamtlänge von dreißig Metern aus der Stadtkirche Bad Cannstatt versehen.
Bild- und Schnitzwerke Nachbildungen von früheren Altarflügeln und der Predella mit Heiligenbildern sind im Chor aufgehängt. Die stark beschädigten Originale befinden sich in einem staatlichen Museum. Die barocke Figur des Namenspatrons der Kirche, Nikolaus, ist in Oberschwaben entstanden und steht in einer Mauernische an der Turmseite der Kirche. Sie wurde privat gestiftet.
Orgel mini|hochkant|Blick zur Orgel
Die erste Orgel in der Beurener Kirche wurde 1711 durch den Orgelbauer Hartmann aus Nürtingen aufgestellt. Sie wurde 1839 ersetzt durch eine Orgel des Bissinger Orgelbauers Johann Viktor Gruol mit einem neugotischen Prospekt. 1920 wurde die Orgel pneumatisch umgebaut und 1979 von der Firma Rensch aus Lauffen restauriert. Es wurden dabei Teile einer Gruol-Orgel aus Reutlingen-Sondelfingen verwendet, die ungefähr das gleiche Alter hatte. Die Rekonstruktion dieser Denkmalorgel aus zwei Orgeln des gleichen Orgelbauers ist einmalig.Orgelbeschreibung bei Orgelbau Rensch, abgerufen am 11. März 2024. Die Orgel besitzt heute 26 Register auf zwei Manualen und Pedal.
Literatur Dietrich Braun: Nikolauskirche Beuren, 800 Jahre erlebte Geschichte, Neckar-Verlag, Villingen 1988, ISBN 3-7883-1904-6
Ellen Pietrus: Kirchenausstattungen von Heinrich Dolmetsch. Vom Umgang mit Raumfassungen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg Heft 2/2005, S. 88–99 Ellen Pietrus: Heinrich Dolmetsch. Die Kirchenrestaurierungen des württembergischen Baumeisters. Stuttgart 2008, Seite 218–220. Cornelia Sanwald: Die Nikolauskirche Beuren. (Hrsg.) Verein Historisches Beuren, Beuren 2010
Weblinks
Informationen zur Kirche auf der Website der Kirchengemeinde Kirchbaudatenblatt auf kirchbau.de
Einzelnachweise
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