Alexander Cellarius (* 2. Februar 1898 in Troizki, Gouvernement Perm, Russisches Kaiserreich; † 5. Juli 1979) war ein deutscher Marine-Offizier mit Einsatz als Nachrichtenoffizier der Abwehr, Leiter der Kriegsorganisation (KO) Finnland, Gehilfe des Marineattachés.
Leben
Werdegang Nach seinem Schulbesuch trat Alexander Cellarius im Mai 1916 als Kriegsfreiwilliger in die Kaiserliche Marine ein und kam zur I. Marine-Artillerie-Abteilung. Kriegsbedingt erhielt er nur eine eingeschränkte maritime Ausbildung an der Marineschule und auf der Freya.Ranglisten der Kaiserlichen Marine, Verlag Ernst Siegfried Mittler & Sohn, Verlagsbuchhandlung Kiel, Jahrgänge 1918, 1919 und 1920. Von August 1916 war er erst als Seekadett und später als Fähnrich zur See bis Kriegsende auf der Thüringen. Am 19. Juni 1918 wurde er Leutnant zur See. Mit der durch den Versailler Vertrag 1919 festgelegten Reduzierung der Streitkräfte des Weimarer Staates erfolgte am 16. August 1920 seine Entlassung aus der Marine.
Doch bereits in den Folgejahren wurde er wieder aktiviert und wurde bis 1939 als Nachrichtenoffizier beim militärischen Nachrichtendienst Abwehr verwendet. Hier war seit 1935 Wilhelm Canaris sein Vorgesetzter.Heiko Suhr, Wilhelm Canaris: Lehrjahre eines Geheimdienstchefs (1905–1934). Wachholtz Verlag, Kiel 2020, S. 185ff.
Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges war Alexander Cellarius im Amt Ausland/Abwehr, Abwehrgruppe I M eingesetzt. Mit dem deutschen Überfall auf Polen im September 1939 erhielt er, eingeordnet in die militärischen Strukturen des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) im Baltikum Verwendung mit Sonderaufträgen.
Einsatz in Finnland Ab 1939 war er Gehilfe des Marineattachés Finnland, Estland, Lettland und Litauen und zugleich Leiter der Kriegsorganisation Finnland-Estland. Zur Abdeckung seiner nachrichtendienstlichen Tätigkeit wurde Alexander Cellarius als Assistent des Marineattachés an der deutschen Gesandtschaft in Finnland, Reimar von Bonin eingebaut.Walter Riccius: Die Institution der Marineattachés. Deutsche Marineattachés von Beginn bis 1945. Verlag Dr. Köster, Berlin 2023, S. 328. Dieser war zugleich für alle baltischen Staaten als auch Finnland zuständig. Seinen Geschäftssitz hatte er ab 1939 in Tallinn und später als Estland von der Roten Armee besetzt wurde, wechselte Cellarius nach Stockholm. Hauptsächlich bestand sein Auftrag im Aufbau der Kriegsorganisation (K.O.) der Abwehr für Finnland und den baltischen Raum. Schwerpunkt seiner Tätigkeit war in diesen Jahren die Informationsbeschaffung über die militärische Entwicklung der sowjetischen Streitkräfte sowie zu deren logistischer Verteilung in Richtung der finnischen und baltischen Grenzgebiete.Matti SimolaTuula Sirvio: For the Fatherland – Finnisch Security Intelligence Service 50 years. Jyväskylä Helsinki, Gummerus 1999. Dazu schuf er sich in dem Raum ein Netzwerk an Informanten und arbeitete eng mit dem sogenannten Rowehl-Geschwader zusammen. Das war die unter einer Tarnbezeichnung tätige Fernaufklärungsgruppe des Oberbefehlshabers der Luftwaffe (AufklGrp OB der Lw). Unter seinem Leiter Theodor Rowehl war dieser Dienst für die militärische Luftaufklärung der westlichen Sowjetunion aufgebaut worden.Norbert Rohde: Die fliegenden Augen des Oberst Rowehl. Veltener Verlagsgesellschaft, Velten 2010, ISBN 978-3-9813649-3-4, S. 66ff. Neben der funktechnischen Überwachung (Horchdienste) wurden von den Flughäfen Stockholm und Helsinki aus Erkundungsflüge gestartet. Die dabei eingesetzten Flugzeuge waren mehrheitlich Zivilmaschinen und flogen im Auftrag der Hansa-Luftbild GmbH. Bei diesen Spionageflügen über sowjetischem Luftraum fertigten die Piloten aus der Höhe, mit gezielten Aufträgen der militärischen Führungsstäbe, Luftbildaufnahmen an.Gunter Gellermann: Moskau ruft Heeresgruppe Mitte. Bernard & Graefe Verlag, 2008, S. 11ff. Daraus wurde später entsprechendes militärisches Kartenmaterial erstellt.
Die von Cellarius in diesem Gebiet durchgeführte nachrichtendienstliche Aufklärungsarbeit war bereits ein wichtiger Bestandteil zur Vorbereitung des späteren Unternehmens „Barbarossa“, obwohl in den Jahren um 1939 noch offiziell eine militärische und auch nachrichtendienstliche Zusammenarbeit zwischen der Roten Armee und Teilen der Wehrmacht bestand.Claudia Weber: Der Pakt. Stalin, Hitler und die Geschichte einer mörderischen Allianz 1939–1941. C. H. Beck Verlag, München 2019, S. 49ff. Über den Weg regelmäßiger Berichterstattungen, die bei ihm über die Strukturen der Abwehr und zum Teil auch die deutsche Gesandtschaft in Finnland liefen, wurde das erarbeitete Aufklärungsmaterial den einzelnen Lagestäben des OKW und dem Bereich Fremde Luftwaffen, angesiedelt beim Generalstab im Reichsluftfahrtministerium in Berlin zur Erarbeitung von Feindlageberichten zugestellt. Bei einem der absolvierten Aufklärungsflüge mit einer Junkers Ju 86 am 2. Oktober 1939 befand sich auch Cellarius mit an Bord der Zivilmaschine. Pilot war Paul Achilles (1890–1966), der wegen eines eingetretenen Motorschadens zu einer Notlandung gezwungen war. Damit endet der „Ausflug“ des Nachrichtenoffiziers Cellarius mit einer Bruchlandung auf dem finnischen Flughafen Malmi bei Helsinki.
Einsatz in Schweden Auf Grund der im skandinavischen und baltischen Raum eingetretenen, kriegsbedingten Veränderungen musste Alexander Cellarius im Oktober 1940 seinen Sitz nach Schweden verlagern. Erneut wurde für die Abdeckung seiner nachrichtlichen Tätigkeit eine Anbindung an die deutsche Gesandtschaft in Stockholm benutzt. Hier wurde er ab Herbst 1940 offiziell als Gehilfe des deutschen Marineattachés in Schweden, Korvettenkapitän Paul von Wahlert geführt.Walter Riccius: Die Institution der Marineattachés. Deutsche Marineattachés von Beginn bis 1945. Verlag Dr. Köster, Berlin 2023, S. 50f. Durch diesen Schritt verfügte er nun, was dem eigentlichen Ziel seines Auftrages außerordentlich entgegenkam, zusätzlich über einen diplomatischen Status. Nach einer gewissen Einarbeitungszeit in Schweden wurde ihm Anfang 1941 noch die, bisher in diesem Territorium tätig gewesene und als „Büro Wagner“ getarnte regionale Operationseinheit der Abwehr unterstellt. Deren Arbeitsschwerpunkt lag in der nachrichtendienstlichen Aufklärung der Räume Finnland, Schweden und der östlichen Sowjetunion. Damit wurde er Leiter der Kriegsorganisation (K.O.) für Schweden. Ab Juli 1941, mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion, wurde dem Arbeitsbereich von Cellarius noch die Abwehrmeldestelle Reval zugegliedert. Ab diesem Zeitpunkt war er Gehilfe des Marineattachés Schweden und Finnland und zugleich Leiter der Abwehrstelle Estland. Die durch das hier aufgebaute Netzwerk und die geschaffenen Verbindungen zusammengetragenen Informationen dienten ab Sommer 1941 unmittelbar der Vorbereitung des Angriffs auf die Sowjetunion. Die dazu realisierten Aufträge betrafen die nachrichtendienstliche Aufklärung von militärischen Objekten und Aufmarschgebieten, die Organisation von Gegenaufklärungsaktionen und Durchführung von Sabotageunternehmungen sowohl im Innern der UdSSR als auch im Bereich der Frontlinien. Zu den ständigen Verbindungen von Cellarius gehörte ab Sommer 1941 auch der, seit 1938 in Helsinki als Leiter eines getarnten Tourismusunternehmens tätige Alarich Johann Bross (1904–1982). Die Besonderheit dieses Kontaktes bestand darin, dass Bross im Auftrag des Sicherheitsdienstes der NSDAP in Helsinki tätig war und als Abdeckung dem deutsch-finnischen Befrachtungskontor FIHABE angegliedert war.Lars Westerlund: From self-boost to humility: Finnisch-Germans 1933–1946. Finnisches Nationalarchiv Helsinki 2011, S. 253ff. Die Auftragsstruktur beider Nachrichtenoffiziere war jedoch fast deckungsgleich und im gleichen Operationsgebiet angesiedelt. Sie pflegten daher ab einem bestimmten Zeitpunkt eine solche Zusammenarbeit zum beiderseitigen Nutzen, mit hoher Wahrscheinlichkeit aber ohne das Wissen ihrer jeweiligen Vorgesetzten.
In Finnland Im April 1942 kehrte Alexander Cellarius, am 1. April 1942 zum Fregattenkapitän befördert, wieder nach Finnland zurück. Auch hier erfolgte die Abdeckung seines nachrichtendienstlichen Wirkens wieder über die deutsche Botschaft in Helsinki. Dort wurde er, wie vorher in Stockholm, erneut offiziell als Gehilfe des Marineattachés von Bonin notifiziert.Wipert von Blücher: Gesandter zwischen Diktatur und Demokratie 1935–1944. Limes Verlag, Wiesbaden 1951. Von Finnland aus bearbeitete er mit geheimdienstlichem Instrumentarium weiterhin den schwedischen Raum und hatte sich an der dortigen Gesandtschaft als verlässlichen Informanten den Presseattaché Karl-Heinz Krämer ins Netzwerk geholt. Noch im Herbst des gleichen Jahres weilte Heinrich Himmler in Stockholm, um dort das zukünftig gemeinsame sicherheitspolitische und polizeiliche Vorgehen zwischen beiden Ländern zu besprechen. Dabei zeigten bereits mehrere Beispiele des anschließenden Wirkens der Kräfte um Cellarius, dass schon zu diesem Zeitpunkt, früher als im Deutschen Reich selbst, der von der NS-Führung gewollte Verschmelzungsprozess von Sicherheitsdienst, Sicherheitspolizei, Gestapo und Abwehr schrittweise vollzogen wurde. Noch deutlicher sichtbar auch daran, dass gemeinsame Beratungen zwischen sowie mit den Akteuren der Abwehr und des Sicherheitsdienstes in Finnland stattfanden. Aus Anlass eines Arbeitsbesuches des Reichsführers der SS Heinrich Himmlers im Herbst 1942, um vor allem das zukünftige gemeinsame Vorgehen zwischen Finnland und Deutschland auf polizeilichem sowie nachrichtendienstlichem Gebiet zu erörtern, wurden sowohl Cellarius als auch Bross mit hinzugezogen. Ein weiteres Beispiel war der Besuch des Reichsaußenministers Joachim von Ribbentrop im Sommer 1944 in Finnland. Nach einer Beurteilung der bestehenden sicherheitspolitischen Lage erhielten beide den Auftrag, unter Einbeziehung von finnischen Staatsbürgern und auf deren Territorium eine von Deutschland geführte „Widerstandsbewegung“ zu installieren. Hauptziel sollte die Störung und Verhinderung eines möglichen Friedensprozesses der amtierenden finnischen Regierung mit der Sowjetunion bilden. Vor allem sollte dabei auf prodeutsche Finnen zurückgegriffen werden, um für den Fall einer solchen Übereinkunft einen Staatsstreich zur Instabilisierung der politischen Verhältnisse in Finnland auszulösen.Hans Metzger: Politische Waffenbrüder. Vertreter des Dritten Reiches in Finnland im Fortsetzungskrieg 1941–1944. Otava 1986, ISBN 951-1-09132-8. Einer der für diesen Auftrag gewonnenen Kräfte war der in Finnland lebende Radio-Ingenieur Thoralf Kyrre (1913–1960).
Bereits kurz vor der 1944 erfolgten Eingliederung des Amtes Ausland/Abwehr in die Strukturen des Reichssicherheitshauptamtes übergab Alexander Cellarius die Verantwortung der von ihm in Finnland geschaffenen nachrichtendienstlichen Organisation und deren Kontakte an Alarich Bross. Ihr gemeinsamer Vorgesetzter vor nun der Leiter des Auslandsnachrichtendienstes, Walter Schellenberg beim Amt VI des RSHA.Michael Wildt (Hrsg.): Das Reichssicherheitshauptamt. NS-Terror-Zentrale im Zweiten Weltkrieg. Hentrich & Hentrich Verlag, Berlin/Leipzig 20019, S. 106f. Nachdem das Waffenstillstandsabkommen zwischen der Sowjetunion und Finnland im September 1944 zustande gekommen war, verließ Cellarius das Land erneut.
Sonderkommando Nord/Sonderkommando Finnland