Die Compagnie des Mines de Lens () war ein französisches Unternehmen zur Förderung von Steinkohle in den Städten Lens, Liévin, Loos-en-Gohelle, Béthune und anderen Orten des Départements Pas-de-Calais im nordfranzösischen Kohlerevier. Das 1852 gegründete Unternehmen war neben dem Bergwerk von Anzin das wichtigste des Reviers und wurde erst 1986 als eines der letzten in Nordfrankreich stillgelegt. Vor der Stilllegung erfolgten mehrere Fusionen mit anderen Bergwerken, u. a. mit Liévin zum Verbundbergwerk Lens-Liévin. Von den Tagesanlagen des Bergwerks sind das Fördergerüst über Schacht 3, die Anlage „Piérre Destombes“ (Schachtanlage 11/19) und „Meurchin 5“ erhalten geblieben und Teil des Weltkulturerbes. Alle anderen Anlagen von Lens sind abgerissen worden und auf dem Gelände von Schacht 9 wurde das Museum Louvre-Lens erbaut.
mini|Berechtsame, Schächte und Zechenbahnen von Lens.
Geschichte Exploration und Gründung der Gesellschaft mini|Lens 11 und 19 im Jahr 2023
Um das Jahr 1850 setzte in ganz Frankreich eine lebhafte Investitionstätigkeit ein, die dadurch ihren Ausdruck fand, dass viele Begüterte in Industrieanlagen, Eisenbahnlinien und Schifffahrtslinien ihr Geld steckten. Dies gilt auch für die Gründung von Bergwerken in der Region Nord – Pas-de-Calais. Nach der Entdeckung von Kohlevorkommen in Courrières 1849 taten sich Jules Casteleyn, ein Gründungsmitglied des Bergwerks Vicoigne-Nœux und Amé Tilloy sowie Antoine Scrive, zwei Industrielle aus Lille, zusammen, um im Juli 1849 eine Probebohrung auf Steinkohle in d’Annay-sous-Lens durchzuführen.Minot & Vivien, Lens-Liévin, S. 21 und È. Vuillemin, Tome I, S. 73 ff.
Obwohl diese erste Bohrung bei 151,9 m abgebrochen wurde, ohne dass man auf Steinkohle gestoßen war, erfolgte im Dezember 1850 eine weitere Probebohrung, bei der in 150 m Tiefe Kohle nachgewiesen werden konnte. Damit ergab sich das Problem der Aufschließung und Ausbeutung dieser Lagerstätte. Weil die beiden Industriellen aus Lille bergbauunkundig waren, kam es zu einer Kooperation zwischen Casteleyn und den Eigentümern der Compagnie des Vicoigne, vermutlich mit dem Ziel einer Fusion von Nœux und Lens. Gegen eine Anschubfinanzierung in Höhe von 500.000 Franc und die Unterstützung beim Abteufen des ersten Schachtes erhielt Vicoigne die Hälfte am Eigentum von Lens. Ein Dekret der französischen Regierung vom Oktober 1852 verbot jedoch diese und andere Fusionen, so dass die Société des Mines de Lens als eigenständige Bergwerksgesellschaft im selben Jahr gegründet wurde. 50 Jahre später, im Jahr 1902, wurde sie eine börsennotierte Aktiengesellschaft.Minot & Vivien, Lens-Liévin, S. 21.È. Vuillemin, Tome I, S. 74 ff.
Die Entwicklung bis 1914 Obwohl die Berechtsame anfänglich „nur“ 60,31 km² betrug und damit erheblich kleiner als die der Gesellschaften von Anzin und Aniche war, zeigt die folgende Tabelle die rasante Entwicklung der Fördermenge bis zum Jahr 1878. Anzin förderte in diesem Jahr bei einer Berechtsame von 280,5 km² 2.085.554 t und bei Aniche waren es bei ca. 128 km² 544.702 t Steinkohle. Lens lag damit auf Platz 2 aller Bergwerke im Nordfranzösischen Steinkohlenrevier. + Tabelle 1: Entwicklung der Gesamtförderung bis 1878Die Zahlen sind der Aufstellung von Vuillemin, Tome I, S. 83 f. entnommenJahr Gesamt-förderung Zahl der Arbeiter Förderung pro Arbeiter1853223 t??18549.967 t??185538.048 t299126 t185662.021 t515120 t185772.546 t499145 t185874.370 t545136 t185975.539 t545138 t186099.897 t667150 t1861159.429 t1.220130 t1862198.880 t1.306152 t1863213.774 t1.345158 t1864235.715 t1.374171 t1865261.867 t1.376190 t1866348.641 t1.583220 t1867356.435 t1.849192 t1868381.317 t2.035187 t1869402.457 t1.798223 t1870408.234 t499194 t1871482.022 t499204 t1872583.345 t2.464236 t1873654.022 t2.765236 t1874657.904 t3.303199 t1875715.097 t3.713192 t1876670.089 t??1877627.643 t3.550177 t1878707.003 t3.807186 t In den ersten 26 Jahren ihres Bestehens konnte das Bergwerk also insgesamt 8.496.525 t Steinkohle gewinnen. Dieses gute Ergebnis war nicht nur eine Folge des Abteufens zahlreicher Schächte (Abschnitt Schachtanlagen und Förderungen), sondern auch die Folge der günstige Lagerung der Kohle und eine damit einhergehende Produktivitätssteigerung pro Arbeiter(Abschnitt Berechtsame und Lagerstätten). Dass diese nach 1873 wieder sank, ist vielleicht auf den Konjunktureinbruch zurückzuführen, der in Deutschland als Gründerkrise bezeichnet wird und zahlreiche Industrienationen traf.
Eine Besonderheit bei der Errichtung der Fördergerüste vor 1914 stellt die Doppelschachtanlage „Maurice Tilloy“ 15/15bis in Loos-en-Gohelle dar. Pierre-Christain Guiollard beschreibt die Anlage mit folgenden Worten: „Über diesen beiden Schächten wurde ein doppelter Förderturm errichtet, ein grandioses Bauwerk, das zweifellos zu den schönsten Bauwerken gehört, die jemals über einem französischen Schacht installiert wurden. Zwei gigantische, 75 m hohe Fördergerüste, die aus Fachwerkträgern gebaut wurden. Zwischen ihnen befand sich eine Brücke, die 32 Meter über dem Boden angebracht war und die beiden Schächte miteinander verband. Die beiden Fördergerüste waren über zwei Brücken mit einer Spannweite von 67 Metern mit der Sortieranlage verbunden. Die Sortierhallen standen auf einer 22 Meter hohen Aufschüttung, die den Höhenunterschied zwischen diesen Schächten und Schacht 12, mit der sie per Eisenbahn verbunden werden sollten, ausgleichen sollte.“Guiollard, S. 185, übersetzt mit DeepL Leider wurde diese Anlage, die von manchen Autoren auch als Tower Bridge bezeichnet wird, im Ersten Weltkrieg völlig zerstört.mini|Schachtanlage 15/15bis vor dem 1. Weltkrieg
Erweiterung der Konzession Am 3. Oktober 1873 erwarb die Compagnie de Lens zum Preis von 550.000 Francs die Douvrin-Konzession mit einer Fläche von 7 km². Dieses Unternehmen im Nordwesten der Konzession von Lens verfügte über nur einen Schacht und einen kleinen Tagesbetrieb, so dass sich das Bergwerk als eigenständiges Unternehmen als unwirtschaftlich erwiesen hatte. Nach dem Kauf durch das Bergbauunternehmen von Lens wurden umfangreiche Explorationsuntersuchungen durchgeführt: In einer Tiefe zwischen 137 m und 365 entdeckte man 7 Flöze mit Halbfettkohle, die in den Folgejahren gewinnbringend abgebaut wurden. Der Schacht von Douvrin erhielt die Nummer 6 und den Namen „Alfred Descamps“ und förderte bis 1936 Kohle. Danach diente er bis 1856 als Wetterschacht für das Baufeld Hulluck von Lens.Viuillemin, Tome II, S. 135 ff.
Die Zeit des Ersten Weltkriegs mini|Frontverlauf in Nordfrankreich 1914 mini|hochkant|Kriegszerstörter Schacht 1 im Jahr 1918 Nach dem Einmarsch deutscher Truppen im August 1914 durch das neutrale Belgien nach Nordfrankreich sammelten sich rasch alliierte Verbände aus Franzosen, Briten und Belgiern, um Widerstand zu leisten. Dadurch kam die sogenannte Westfront bereits im Oktober/November zum Stehen und es entwickelte sich ein jahrelanger Stellungskrieg mit verheerenden Folgen für beide Seiten und auch die Zivilbevölkerung. Für den Bergbau der Compagnie des mines de Lens war es von existentieller Bedeutung, dass die Front die Berechtsame in ganzer Länge von Nord nach Süd durchschnitt und alle Kriegsparteien auch die Übertageanlagen der Gegenseite bombardierten. So bot sich bei Kriegsende sowohl in der Stadt Lens selbst als auch bei den Schachtanlagen der Bergwerksgesellschaft ein Bild der Verwüstung.Y. Le Maner: Les désastres de la Grande Guerre 1914–1918, in: Minot - Vivien, Lens-Liévin, Kapitel 2, S. 108–127.
Die Phase zwischen den Weltkriegen mini|Schacht 11 mit Schachthalle mini|Wetterschacht Nr. 6 Bald nach Kriegsende begann ein staatlich geförderter, massiver Wiederaufbau. Dabei wurden alte Fördergerüste durch neue ersetzt und auch die übrigen Tagesanlagen modernisiert – dies in einer für das Unternehmen typischen Architektursprache. Viele Fördergerüste waren dem auf Schacht 11 noch erhaltenen sehr ähnlich, Schachthallen und Kaue weisen dieselbe Formensprache auf, und viele Wetterschächte sind mit kleinen Betonfördertürmen ausgerüstet worden. Auch lagen die Wetterschächte oft in einem gewissen räumlichen Abstand (ca. 1 km Entfernung) zu den zugehörigen Förderschächten. Bei diesem Wiederaufbau beschränkte man sich aber darauf, die einzelnen und weitgehend unabhängig voneinander arbeitenden Anlagen neu zu errichten, nutzte aber nicht die Gelegenheit zur Entwicklung eines Gesamtkonzeptes. Erst in der zwanziger Jahren entstanden Zentralwäschen, Zentralwerkstätten und größere Kokereien, die die Kohle mehrerer Schächte verarbeiteten. Hier seien einige dieser Zentralanlagen aufgelistet: 1924 Bau eines ersten Elektrokraftwerks in Vendin-le-Vieil mit einer Leistung von 60 MWMinot & Vivien, S. 250 ff. 1926 Erweiterung einer dort vorhandenen Kokerei um weitere 70 Öfen und einer Kapazität von 700.000 t Koks pro JahrMinot & Vivien, S. 238–249. Brikettfabrik in Douvrin, betrieben von 1930 bis 1960Minot & Vivien, S. 225. Errichtung einer Zentralwäsche mit einem Durchsatz von 200 t/h ebenfalls in Vendin-le-VieilMinot & Vivien, S. 232. Dass sich diese Werke und einige der im folgenden Abschnitt erwähnten in Vendin-le-Vieil ansiedelten, ist ganz erheblich der Tatsache geschuldet, dass diese Anlagen am Canal de Deûle lagen und somit sowohl die Vorprodukte als auch die Fertigwaren auf dem Wasserweg preisgünstig transportiert werden konnten.
In die Zwischenkriegszeit fällt auch der Ankauf der Bergwerk Meurchin, das über eine Berechtsame von 16,26 km² verfügte, und dessen Lagerstätten durch 7 Schächte aufgeschlossen waren. Während dieses Bergwerk im letzten Jahr vor Kriegsbeginn noch 502.651 t Kohle gefördert hatte, wurden durch den Stellungskrieg zwischen den Alliierten und den Deutschen alle Tagesanlagen zerstört und die Förderung war völlig zusammengebrochen. Daher kaufte die Bergwerksgesellschaft von Lens das nördlich der eigenen Konzession liegende Bergwerk im Jahr 1920 auf und baute alle Anlagen im eigenen Stil wieder auf.Minot & Vivien, S. 88.
Nordfrankreich im Zweiten Weltkrieg Im Mai und Juni 1940 überfiel die Deutsche Wehrmacht Frankreich und erzwang am 22. Juni 1940 den Waffenstillstand von Compiègne, der zwar formal zur Errichtung des sogenannten Vichy-Regimes führte, zugleich aber weite Teile Frankreichs unter deutsche Besetzung stellte. In diesem Zusammenhang wurden die beiden Départements Nord und Pas-de-Calais nicht dem deutschen Militärbefehlshaber in Paris, sondern dem in Brüssel unterstellt.
In der Region gab es einen nicht unerheblichen Widerstand gegen die Besatzung und 1941 kam es zu einem großen Streik, an dem sich 80 % der Belegschaften beteiligten und der zu einer Förderminderung für das Deutsche Reich von 500.000 t Kohle führte
Ab April 1944 bombardierten britische Flugzeuge gezielt Eisenbahnlinien in Nordfrankreich mit dem Ziel, den Kohlenexport und den Nachschub der deutschen Truppen in Frankreich zu unterbinden. Dadurch konnte die geförderte Kohle aus dem Bassin nicht abtransportiert werden und die französischen Bergleute mussten Feierschichten verfahren.Minot & Vivien, Douai, S. 261.
Kurz vor der Befreiung von Lens durch französische und alliierte Truppen begann am 21. August 1944 ein weiterer Streik der Bergleute, der bald das ganze Bergbaugebiet erfasste. Zwei Tage nach der Befreiung, am 4. September, forderte der Direktor des Bergwerk Lens durch einen Aushang zur Wiederaufnahme der Arbeit auf. Die Bergleute weigerten sich, und es bedurfte der Intervention des neuen Präfekten und zahlreicher Zugeständnisse, wie der Bezahlung der Streiktage, einer Lohnerhöhung um 40 % und der Wiedereinstellung von während der Besatzung entlassener Arbeiter, damit die Kumpel wieder einfuhrenYnes Le maner: Bombardements et libération der Lens, in: Minot & Vivien, Lens-Liévin, S. 303.Zur allgemeinen Situation während der Besatzungszeit siehe auch https://media.offenes-archiv.de/ha2_2_5_1_thm_2361.pdf.
Lens nach der Verstaatlichung