Paidotroper Lehrertyp () ist ein Fachbegriff der Unterrichtslehre für einen Lehrer, dessen Interesse in erster Linie der Persönlichkeit von Kindern und Jugendlichen und deren Entwicklung gilt und dessen Lehr- und Erziehungsbemühungen entsprechend vorrangig auf individuelle Förderung ausgerichtet sind. Er steht als Lehrertypus im Kontrast zu dem sogenannten Logotropen Lehrer, für den die Vermittlung von Fachkompetenzen und Kulturgütern im Vordergrund seines Engagements steht.

Begriff und Charakteristik Die Bezeichnung „Paidotroper Lehrertypus“ erreichte vor allem durch die Arbeiten des Heidelberger Erziehungswissenschaftlers und Bildungsforschers Christian Theobald Caselmann einen größeren Bekanntheitsgrad.Obwohl sich direkt auf Caselmann bezogen wird, wird statt „paidotrop“ gelegentlich die Bezeichnung „pädotrop“ verwendet, so z. B. in Es handelt sich um die Charakterisierung einer bestimmten „Wesensform“ von Lehrer, dem er die Haupteigenschaft eines dem Kinde besonders zugewandten Betreuers zuschrieb, dessen Hauptinteresse darin besteht, junge Heranwachsende, vor allem Kinder, als freundschaftlicher Begleiter in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu fördern. Die Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi (1718–1751), Friedrich Fröbel (1782–1852) oder Maria Montessori (1870–1952) können als historische Musterbeispiele dieses Lehrertypus gelten. Und in den Unterrichtslehren von Georg Kerschensteiner (1854–1932)Georg Kerschensteiner: Die Seele des Erziehers und das Problem der Lehrerbildung. 4. Auflage. München 1949. oder Eduard Spranger (1882–1963)Eduard Spranger: Der geborene Erzieher. Heidelberg 1958. spielt dieser Prototyp eines Lehrers die entscheidende Rolle für Lernerfolg. Caselmann kontrastierte diese in der didaktischen Literatur bis dahin vorherrschende Lehrervorstellung begrifflich mit einem von ihm ins Spiel gebrachten Gegentypus, den er als „Logotropen Lehrer“ kennzeichnete.Christian Caselmann: Wesensformen des Lehrers. Versuch einer Typenlehre, 1. Auflage. Ernst Klett Verlag Stuttgart 1949, S. 21–26.

Pädagogische Problemstellungen Das Selbstkonzept, die Entscheidung, sich eher als Fachexperte oder als Pädagoge zu verstehen, bestimmt bereits weitgehend die Berufswahl und Berufsausrichtung von Lehramtsanwärtern.Dorothee Brovelli, Alexander Kauertz, Markus Rehm, Markus Wilhelm: Professionelle Kompetenz und Berufsidentität in integrierten und disziplinären Lehramtsstudiengängen der Naturwissenschaften, In: Zeitschrift für Didaktik der Naturwissenschaften, Jahrgang 17, 2011. 2011. S. 57–86. Hier: S. 63. Der paidotrope Lehrertypus findet sich danach vorrangig in Erziehungseinrichtungen des primären Bildungsbereichs wie der Grundschule bzw. Volksschule. Durch sein vorrangiges Interesse am Umgang mit jüngeren Altersstufen scheint eine sachlich-fachlich fundierte Kompetenzausbildung manchen Berufswilligen, aber auch zahlreichen Bildungspolitikern nachrangig, und es besteht häufig die Tendenz, eine wissenschaftliche Aus- und Vorbildung in diesem Bildungssektor als überzogen zu betrachten. Bei Lehramtsanwärtern paidotroper Wesensart bildet sich daher bisweilen ein Trend heraus, die wissenschaftlichen Studien und Prüfungen als unvermeidliches Übergangsstadium zu sehen, das eigentliche Interesse aber auf die möglichst baldige Arbeit mit den Kindern zu legen, bei denen fundiertes fachliches Wissen weniger erforderlich erscheint als bei der Arbeit mit den Jugendlichen an Weiterbildenden Schulen. Ein familiäres Denkbild und ein Bildungsklima mit viel Zuwendung scheint manchen Außenstehenden als Berufsanforderung im Primarbereich zu genügen.Dorothee Brovelli, Alexander Kauertz, Markus Rehm, Markus Wilhelm: Professionelle Kompetenz und Berufsidentität in integrierten und disziplinären Lehramtsstudiengängen der Naturwissenschaften, In: Zeitschrift für Didaktik der Naturwissenschaften, Jahrgang 17, 2011. S. 57–86.

Der eher wissenschaftlich interessierte Lehrer fühlt sich vorrangig zum Gymnasiallehrer oder Hochschullehrer berufen, während der eher pädagogisch-erzieherisch motivierte Lehrertyp vorrangig eine Vorschulerzieher- oder Grundschullehrerlaufbahn anstrebt. Dabei geraten die Lehramtsanwärter in das Spannungsfeld von eigener Genügsamkeit und bildungspolitisch gesetzten Anforderungen an die berufliche Qualifikation:

Literatur Dorothee Brovelli, Alexander Kauertz, Markus Rehm, Markus Wilhelm: Professionelle Kompetenz und Berufsidentität in integrierten und disziplinären Lehramtsstudiengängen der Naturwissenschaften, In: Zeitschrift für Didaktik der Naturwissenschaften, Jahrgang 17, 2011. S. 57–86. Christian Caselmann: Wesensformen des Lehrers. Versuch einer Typenlehre. 3. Auflage. Ernst Klett Verlag. Stuttgart 1964. Christian Caselmann: Differentielle Psychologie des Lehrers und Erziehers. In: K. Strunz (Hrsg.): Pädagogische Psychologie für Höhere Schulen. München / Basel 1967, S. 453–465. Georg Kerschensteiner: Die Seele des Erziehers und das Problem der Lehrerbildung. 4. Auflage. München 1949. Markus Rehm u. a. (Hrsg.): Das Spannungsfeld zwischen Fachwissenschaft und Fachdidaktik. In: Hendrik Lohse-Bossenz: Professionalisierung in der Lehrerbildung. Verlag Waxmann GmbH. Münster 2021. S. 12–15. Eduard Spranger: Der geborene Erzieher. Quelle & Meyer. Heidelberg 1958.

Einzelnachweise

Kategorie:Pädagogische Psychologie Kategorie:Schulpädagogik Kategorie:Didaktik Kategorie:Personenbezeichnung (Bildung)