mini|Tanzende und musizierende Qiyān.
Der Brief der Sängersklavinnen, auch Brief der Singmädchen, , ist ein literarisches Werk des arabischen Schriftstellers al-Dschāhiz (ca. 776–869). Es behandelt die Qiyān (Sing. Qaina), eine soziale Gruppe von Frauen (zumeist Sklavinnen), die als Unterhaltungskünstlerinnen, vor allem als Sänger- und Musikerinnen – teils auch als Edelkurtisanen und Konkubinen wirkten. Ihre Hochzeit erlebten die Qiyān in der Ära der Kalifate der Umayyaden und Abbasiden sowie im muslimischen Spanien.
Al-Dschāhiz’ Werk ist eine der bekanntesten historischen Quellen über die Qiyān und gibt sowohl Einblicke in die zeitgenössische als auch die vor- und frühislamische Geschichte und Gesellschaft. Der Text hat den Charakter einer Rechtfertigungsstreitschrift gegen religiös-konservative gesellschaftliche Kräfte.
Inhalt mini|Mittelalterliche Darstellung von al-Dschāhiz.
Einleitung und Zweck des Briefes Der Brief beginnt mit der namentlichen Auflistung angeblicher Verfasser, sowie deren Freunden und wohlhabenden Menschen, die sich für Vergnügungen entschieden haben und mit singenden Mädchen, regelmäßigen Banketten und abwechslungsreichen Weinen versorgt sind.Alfred Felix Landon Beeston: The epistle on singing-girls of Jāhiẓ, Aris and Phillips, Warminster 1980, S. 12. Es folgen weitreichende rhetorische Ausschweifungen,Alfred Felix Landon Beeston: The epistle on singing-girls of Jāhiẓ, Aris and Phillips, Warminster 1980, S. 12–14. bis man zum eigentlichen Anliegen kommt: einer Verteidigung gegen die Angriffe der Kritiker, die die Briefverfasser wegen ihres Umgangs mit den Qiyān und Wein des Lasters beschuldigen und den Verfassern ihren Lebensstil missgönnen.Alfred Felix Landon Beeston: The epistle on singing-girls of Jāhiẓ, Aris and Phillips, Warminster 1980, S. 14.Charles Pellat: Arabische Geisteswelt - ausgewählte und übersetzte Texte von al-Ǧāḥiẓ (777-869), Artemis Verlag, Zürich 1967, S. 418.
Eifersucht und Zulässigkeit des Zusammenseins der Geschlechter Al-Dschāhiz beschreibt als von allen auf der Welt existierenden Dingen, als dem Mensch (Mann) am nächsten stehende die Frauen, die seinem Herzen und seiner Seele am genehmsten sind.Alfred Felix Landon Beeston: The epistle on singing-girls of Jāhiẓ, Aris and Phillips, Warminster 1980, S. 15.Charles Pellat: Arabische Geisteswelt - ausgewählte und übersetzte Texte von al-Ǧāḥiẓ (777-869), Artemis Verlag, Zürich 1967, S. 419. Zunächst versucht er nachzuweisen, dass Eifersucht nicht gerechtfertigt sei. Dabei verweist al-Dschahiz etwa auf die Sitte arabischer Beduinenfrauen sich nicht zu verschleiern und gemeinsam mit Männern zusammenzusitzen. Ihre Ehemänner tolerierten dieses Verhalten, sofern die Grenzen des Anstandes gewahrt blieben.Alfred Felix Landon Beeston: The epistle on singing-girls of Jāhiẓ, Aris and Phillips, Warminster 1980, S. 16. Erst als im Koran den Ehefrauen des Propheten Muhammad der Schleier als besondere Pflicht auferlegt wurde, begannen die Muslime, dem Beispiel folgenden, zunehmend Männer und Frauen voneinander zu trennen,Alfred Felix Landon Beeston: The epistle on singing-girls of Jāhiẓ, Aris and Phillips, Warminster 1980, S. 17. obwohl, so al-Dschāhiz das gemeinsame Zusammensitzen und Reden weder vor dem Islam, noch im Islam verboten sei. Auch habe, so al-Dschāhiz, die Eifersucht in der Zeit der Prophetengefährten nicht die Trennung von Männern und Frauen bedeutet.Alfred Felix Landon Beeston: The epistle on singing-girls of Jāhiẓ, Aris and Phillips, Warminster 1980, S. 18. Der zweite Blick auf das andere Geschlecht sei genauso erlaubt wie der erste, sofern er nicht unanständig sei.Alfred Felix Landon Beeston: The epistle on singing-girls of Jāhiẓ, Aris and Phillips, Warminster 1980, S. 19f. Al-Dschāhiz führt im Anschluss Geschichten von berühmten Kalifen, darunter Muʿāwiya I. und Al-Ma'mūn an, um zu zeigen, dass diese sich in ihrer Gegenwart mit Frauen und Sklavinnen umgaben,Alfred Felix Landon Beeston: The epistle on singing-girls of Jāhiẓ, Aris and Phillips, Warminster 1980, S. 22f. ganz wie zuvor bereits vor-islamische und nicht-arabische Herrscher. Mit Verweis auf weitere Geschichten, darunter über Yazid I. und den Koran und die Sunna, versucht al-Dschāhiz ebenfalls die Zulässigkeit von Musik und Gesang zu belegen.Alfred Felix Landon Beeston: The epistle on singing-girls of Jāhiẓ, Aris and Phillips, Warminster 1980, S. 23f.
Schönheit und Liebesleidenschaft Al-Dschāhiz betont die damalige gesellschaftliche Sicht, dass es sich bei Sklaven um eine Handelsware handelt, weshalb es auch legitim ist sie ausführlich zu betrachten und zu untersuchen, um ihre Schönheit festzustellen und sich für oder gegen den Kauf zu entscheiden nachfolgend erörtert er zulässigen und unzulässigen Umgang mit Sklavinnen.Alfred Felix Landon Beeston: The epistle on singing-girls of Jāhiẓ, Aris and Phillips, Warminster 1980, S. 24–27.
Charles Pellat: Arabische Geisteswelt - ausgewählte und übersetzte Texte von al-Ǧāḥiẓ (777-869), Artemis Verlag, Zürich 1967, S. 420f. Al-Dschāhiz führt die teils enormen Preise, die Sklavinnen auf dem Markt erreichen, auf den Grad an Verliebtheit, bzw. Leidenschaft zurückzuführen sind, den die potenziellen Kunden der Sklavin entgegenbringen; manche derart, dass sie sich zu Wucherzinsen verschulden, um die Summe aufbringen zu können.Alfred Felix Landon Beeston: The epistle on singing-girls of Jāhiẓ, Aris and Phillips, Warminster 1980, S. 27f.
Charles Pellat: Arabische Geisteswelt - ausgewählte und übersetzte Texte von al-Ǧāḥiẓ (777-869), Artemis Verlag, Zürich 1967, S. 422. Anschließend erklärt al-Dschāhiz zwei Arten der Liebe (ḥubb, Liebesempfindung und ḥawa, Begehren), die sich zu doppelter Liebe, dem Ischq (ʿišq) verbinden. Während sich die Ischq-Liebe gemeinhin als positiv herausstelle, bewertet al-Dschāhiz die Ischq-Liebe zu den Qiyān von Übel, da sie Vergnügen in sich vereinten, das Männer auf Erden sonst nirgendwo finden könnten.Alfred Felix Landon Beeston: The epistle on singing-girls of Jāhiẓ, Aris and Phillips, Warminster 1980, S. 27–31.
Charles Pellat: Arabische Geisteswelt - ausgewählte und übersetzte Texte von al-Ǧāḥiẓ (777-869), Artemis Verlag, Zürich 1967, S. 422–426.
Wesen, Erziehung und Besitz der Sängersklavin Das Übel rühre daher, dass die Qaina es mit ihrer Zuneigung fast nie aufrichtig meine und keine Treue in der Liebe kenne, „weil sie dazu erzogen wurde und von Natur aus dafür geschaffen ist, den Männern Netze zu legen und Fallen zu stellen, damit sie in ihre Schlingen geraten.“Alfred Felix Landon Beeston: The epistle on singing-girls of Jāhiẓ, Aris and Phillips, Warminster 1980, S. 31f. .↵↵Charles Pellat: Arabische Geisteswelt - ausgewählte und übersetzte Texte von al-Ǧāḥiẓ (777-869), Artemis Verlag, Zürich 1967, S. 427. Dann werde die Qaina ihr möglichstes tun, den Verliebten noch fester an sich zu binden, indem sie ihn durch Manipulationen gefügig macht, um möglichst viel Geld aus ihm herauszuholen und ihn dann zu verlassen.Alfred Felix Landon Beeston: The epistle on singing-girls of Jāhiẓ, Aris and Phillips, Warminster 1980, S. 27–31.↵↵Charles Pellat: Arabische Geisteswelt - ausgewählte und übersetzte Texte von al-Ǧāḥiẓ (777-869), Artemis Verlag, Zürich 1967, S. 427–429. Al-Dschāhiz resümiert mit seinem berühmten Zitat:„Besäße der Teufel keine anderen Schlingen, um damit zu töten, kein anderes Banner, zu dem er rufen könnte, und keine andere Versuchung zum Verführen als die Sängersklavinnen, so würde ihm das vollauf genügen. […] Weder Hārūt noch Mārūt noch der Stab des Mose noch die Magie Pharaos vermögen das zu bewirken, was die Sängersklavinnen fertigbringen.“Zitiert nach: Charles Pellat: Arabische Geisteswelt - ausgewählte und übersetzte Texte von al-Ǧāḥiẓ (777-869), Artemis Verlag, Zürich 1967, S. 429f.
Siehe auch: Alfred Felix Landon Beeston: The epistle on singing-girls of Jāhiẓ, Aris and Phillips, Warminster 1980, S. 34.
Vollständiger arabischer Originaltext: فلو لم يكن الابليس شرك يقتل به و لا علم يدعو اليه ولا فتنة يستهوي بها الا القيان لكفاه وليس هذا بذم لهن ولكنة من فرط المدح وان جا في الاثر خير نسايكم الواحر الخلبات وليس يحسن هاروت و ماروت وعصا موسى و سحرة فرعون الا دون ما تحسنه القيان. - Alfred Felix Landon Beeston: The epistle on singing-girls of Jāhiẓ رسالة القيان - Aris and Phillips, Warminster 1980, S. 20. Im Anschluss erläutert al-Dschāhiz seine These, dass eine Sängersklavin nie ein keusches, ehrbares Leben führen könne. Sie würde den rechten Weg schlicht nicht kennen, weil sie von ihrer Geburt bis zu ihrem Tode in einem Umfeld lebt, das von Versuchung und Leidenschaft geprägt ist, gefüllt von Menschen, denen man kein Vertrauen entgegenbringen könne und die weder Religion noch Ehre besitzen. Er erwähnt weiter, dass die fähigsten Sängersklavinnen bis zu 4000 Lieder in einem Umfang von rund zehntausend Versen kennen, in denen Gott nur beiläufig Erwähnung finde, während es ansonsten nur um Liebe, Leidenschaft, Ehebruch, Sinneslust und Sehnsucht ginge.Charles Pellat: Arabische Geisteswelt - ausgewählte und übersetzte Texte von al-Ǧāḥiẓ (777-869), Artemis Verlag, Zürich 1967, S. 430f.
Alfred Felix Landon Beeston: The epistle on singing-girls of Jāhiẓ, Aris and Phillips, Warminster 1980, S. 34f.
Al-Dschāhiz schreibt weiter eine Lobrede an die Besitzer von Sängersklavinnen und erklärt faktisch, dass diese in eine Handelsware investiert hätten, die trotz hoher Anschaffungs- und Haltungskosten derartigen Gewinn abwerfe, dass man sich nie finanzielle Sorgen machen müsse.Charles Pellat: Arabische Geisteswelt - ausgewählte und übersetzte Texte von al-Ǧāḥiẓ (777-869), Artemis Verlag, Zürich 1967, S. 431f. Er gibt weiter an, dass eine abessinische Sklavin einst für 120.000 Dinar (Goldmünzen) verkauft worden sei.Alfred Felix Landon Beeston: The epistle on singing-girls of Jāhiẓ, Aris and Phillips, Warminster 1980, S. 35. Ebenso erläutert er, dass die Besitzer von Sängersklavinnen letztlich einen legitimen Geschäft nachgingen, weshalb man ihnen dieses nicht ankreiden könne.Alfred Felix Landon Beeston: The epistle on singing-girls of Jāhiẓ, Aris and Phillips, Warminster 1980, S. 36–38.
Historischer Hintergrund mini|Qiyān in einem Harem, Paul Bochard, 1893.
Die Qiyān waren hochgebildete Frauen, die am ehesten als Unterhaltungskünstlerinnen, zu nicht geringem Teil auch als Edelkurtisanen bezeichnet werden können. Sie waren in unterschiedlichsten Künsten und Disziplinen ausgebildet, vor allem in Gesang, Tanz und Musik, gesellschaftlicher Etikette und erotischer Verführungskunst. Viele beherrschten zudem Philologie, Dichtung, Rhetorik, manchmal auch Geschichte und Theologie sowie die Disziplinen der Rezitation und Interpretation des Koran; die Ausbildung dauerte viele Jahre.Ali Ghandour: Liebe, Sex und Allah – das unterdrückte erotische Erbe der Muslime, C.H. Beck, München 2019, S. 59f. Die Hochzeit der Qiyān war die Ära der Umayyaden und Abbasiden, sowie im muslimischen Spanien.