Entenga (Luganda), auch nakawombe, ist eine Reihe von 15 gestimmten Kesseltrommeln mit einem zylindrisch-konischen Holzkorpus, die seit ihrer Einführung im 18. Jahrhundert bis 1966 in Uganda von sechs Musikern in der Zeremonialmusik der bugandischen Könige gespielt wurden und wegen der Auflösung der Königtümer danach praktisch verschwanden. Die Spieltradition wurde aufgrund einer Initiative 2013 wiederbelebt. Die als Rhythmus- und Melodieinstrument eingesetzten entenga-Trommeln bestehen aus zwölf von vier Musikern gespielten Melodietrommeln, einer kleinen Rhythmustrommel (entemyo) und zwei von einem weiteren Musiker gespielten großen Rhythmustrommeln (kyawakati und nakawombe).

Die entenga-Trommelreihe hat afrikanische Parallelen in Uganda, Malawi und Nigeria und wird unter dem Oberbegriff „Trommelspiel“ (englisch drum chime, „klingende Trommeln“) mit zwei melodisch verwendeten Trommelsätzen in Asien verglichen: dem Trommelkreis hsaing waing in Myanmar und der Reihe von fünf Trommeln taganing bei den Batak in Sumatra. Allen gemeinsam ist die hauptsächliche Verwendung in der rituellen Musik und eine musikalische Beziehung zu den regionalen Xylophonen. Hiervon unterscheidet sich der selten in der klassischen indischen Musik gespielte Trommelkreis tabla tarang. mini|hochkant=1.3|Zylindrisch-konische Kesseltrommel embuutu aus Uganda. Entspricht dem zum Trommelspiel entenga gehörenden Typ

Herkunft Der entwicklungsgeschichtliche Ausgangspunkt, um Rhythmen zu erzeugen, waren Schläge mit den Händen gegen den Körper und Stampfen mit den Füßen auf den Boden. Die älteste Möglichkeit, die so erzeugten Schallereignisse zu verstärken, waren Idiophone, gegeneinander geschlagene Stäbe für einzelne Schlagfolgen oder geschüttelte Rasseln, um Geräusche zu erzeugen. Das Fußstampfen ließ sich durch die Einführung von zunächst Stampfbrettern und später den in Afrika weit verbreiteten Schlitztrommeln klanglich verbessern. Die spätere Entwicklung der Membranophone geht vom gedachten Ursprung der Erdtrommel aus zur Erfindung transportabler Trommeln, die nicht mehr nur mit den Händen, sondern auch mit Stöcken geschlagen wurden.

Die beiden hauptsächlichen Typen von großen Trommeln sind zum einen Röhrentrommeln, die in ihrer natürlichen Form zylindrisch sind und einen Korpus aus Holz besitzen, weil sie wie Schlitztrommeln aus einem Baumstamm ausgehöhlt werden. Für den anderen Typ der Kesseltrommeln ist das charakteristische primäre Material Ton, aus dem sich am einfachsten eine Schale formen lässt.Curt Sachs: Geist und Werden der Musikinstrumente. (Berlin 1928) Nachdruck: Frits A. M. Knuf, Hilversum 1965, S. 155 Die zunächst von einem Baumstamm gerade abgesägten Trommeln wurden irgendwann in ihrer Größe soweit reduziert, dass sie schräg oder senkrecht aufgestellt und von einem Musiker im Stehen gespielt werden können. Ihrer Länge wegen schräg auf den Boden gestellt wird etwa die lange hölzerne Zylindertrommel (igba, nkwa, ogwe) der Igbo in Nigeria.W. Wilberforce Echezona: Ibo Musical Instruments. In: Music Educators Journal, Band 50, Nr. 5, April–Mai 1964, S. 23–27, 30f, hier S. 24f Eine Weiterentwicklung ist es, an der Unterseite drei oder vier Füße herauszuschlagen, damit die Trommel auf einem weichen unebenen Boden besser steht. Trommeln mit derartigen „Zähnen“ sind aus nahezu ganz Afrika bekannt.

Die Formen afrikanischer Trommeln lassen sich bestimmten Verbreitungsregionen zuordnen. So sind etwa Sanduhrtrommeln mit gegeneinander verspannten Membranen von variabler Tonhöhe zusammen mit Doppelglocken (wie der gankogui) ein Charakteristikum für die Musik der westafrikanischen Küste bis nach Nigeria,Gerhard Kubik: Africa. 1. Ethnic groups, languages and style areas. In: Grove Music Online, 2001 während für ostafrikanische stehende Holztrommeln anstelle der Füße die zylindrisch-konische Form mit einer kleinen kreisförmigen Standfläche typisch ist.Curt Sachs: The History of Musical Instruments. W. W. Norton & Company, New York 1940, S. 32 Hierzu gehört die entenga. Eine solche kleine Standfläche besitzen neben dem ugandischen Trommeltyp auch Bechertrommeln mit einem langen schlanken Fuß.

Von diesen Trommeltypen werden Kesseltrommelpaare unterschieden, die von der arabischen naqqara abstammen und mit der islamischen Kultur zu den muslimischen Herrscherhöfen in der Sudanregion kamen.Erich Moritz von Hornbostel: The Ethnology of African Sound-Instruments (Continued). In: Africa: Journal of the International African Institute, Band 6, Nr. 3, Juli, 1933, S. 277~311, hier S. 294f

Angesichts der zahlreichen Formvarianten und Mischformen innerhalb der drei großen Gruppen Kesseltrommeln, einfellige und zweifellige Röhrentrommeln verwendet Bernhard Ankermann (1901) anstelle der Korpusform die Art der Membranbefestigung als das charakteristische Merkmal zur Klassifizierung der afrikanischen Trommeltypen. Die entenga mit ihrer Schnurspannung längs bis zur Unterseite des Korpus steht damit in einer Gruppe (3.a) mit Sanduhrtrommeln, Zylindertrommeln und kegelstumpfförmigen Trommeln. Die anderen Methoden der Membranbefestigung sind in die Korpuswand eingeschlagene Holzpflöcke, mit Keilen gespannte Ringe aus Pflanzenfasern und nur selten bei kleineren Trommeln eine am Rand aufgeklebte Membran.Bernhard Ankermann: Die afrikanischen Musikinstrumente. (Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der philosophischen Facultät der Universität Leipzig) Haack, Berlin 1901, S. 47–56 Für letztere Methode gibt es für Uganda einen fotografischen Beleg einer auf drei Beinen stehenden Holztrommel vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Aus derselben Zeit ist ein Exemplar einer Trommel aus Busoga erhalten, deren Membran an einem mittigen Ring verschnürt ist. Für die große Mehrheit der ugandischen einfelligen Trommeln verbleibt die Fixierung der Membran an Pflöcken.

Die Korpusform ugandischer Trommeln variiert zwischen den Extremen: der schlanken Zylindertrommel fumbo der Adhola (Jopadhola) im östlichen Distrikt Tororo mit 16 Zentimetern Durchmesser und einer Länge von 105 Zentimetern, und der ntimbo der Banyoro in Westuganda mit einem flachen schalenförmigen Korpus. Zahlreiche weitere einfellige Trommeltypen existieren mit Korpusformen dazwischen.Klaus Wachsmann, 1953, S. 365–368 Fumbo und ntimbo sind Zeremonialtrommeln. Die bedeutendste Zeremonialtrommel in Uganda war die auf einer Ssese-Insel aufbewahrte Bechertrommel timba mit figürlichem Schnitzwerk des Kabaka von Buganda.Michael G. Kenny: The Powers of Lake Victoria. In: Anthropos, Band 72, Heft 5–6, 1977, S. 717–733, hier S. 728 In Buganda und in anderen Regionen ist die schlanke, sich nach unten verjüngende Röhrentrommel engalabi die am häufigsten verwendete Trommel für festliche und zeremonielle Anlässe. Die 90 bis 12 Zentimeter lange engalabi wird in senkrechter Position oder schräg zwischen den Beinen gespielt.Engalabi. Afrikamuseum, Tervuren

Die Zeremonialtrommel am Hof von Buganda, timba (Luganda für „Python“), heißt so, weil das Relief einer Schlange auf ihren Korpus geschnitzt ist. Sie wurde nur von Heilern bei mit Schlangen in Verbindung stehenden Besessenheitsritualen eingesetzt.Neil Kodesh: History from the Healer's Shrine: Genre, Historical Imagination, and Early Ganda History. In: Comparative Studies in Society and History, Band 49, Nr. 3, Juli 2007, S. 527–552, hier S. 546 Nach der Überlieferung wurde sie Anfang des 16. Jahrhunderts eingeführt. Kaum weniger hat sich die mündliche Überlieferung mit der entenga beschäftigt. Der bugandische Politiker und Ethnograph Apolo Kaggwa hielt im Jahr 1908 erstmals ausführlich die Überlieferung zur Herkunft der entenga schriftlich fest. Zur Geschichte des Lugave-Clans (einer der fünf ursprünglichen Clans des Königreichs Buganda) schreibt er auf Luganda über die entenga:

Einst trafen sich im Kyagwe County (im Distrikt Mukono) vier junge Männer, die jeder für sich das Spiel der entenga erlernten. Als sie dieses beherrschten, begleiteten sie als Musiker zunächst Mmunyi, der Heilerpriester des Besessenheitskults um den unsterblichen Geist (auch Kriegsgott) Nende im nahegelegenen Ort Bukeerere war. Nende, der dort an seinem Heiligtum verehrt wurde,John Roscoe: The Baganda: An Account of Their Native Customs and Beliefs. Macmillan, London 1911, S. 308 lernte so die vier Trommler kennen, die fortan in seinen Diensten spielten. Eines Tages begleiteten sie Nende zum königlichen Palast, wo Kabaka Kyabagu den Klang der entenga hörte. Davon angetan nahm der die Trommeln Nende weg und behielt sie für sich. Den vier Musikern schenkte er ein Dorf und machte sie reich. Weitere Trommeln kamen später hinzu, aber der Trommelsatz verblieb im Besitz des Kabaka. Kyabagu ließ die Musiker regelmäßig vorspielen und gab ihnen als Dank für seine Wertschätzung außerdem einen kawawa genannten Speer, der zum Schutz der Trommeln immer in deren Mitte in den Boden gesteckt werden sollte.

mini|Hofbeamte beim Kabaka von Buganda, 1890er Jahre Die Erzählung enthält noch weitere Details und etliche Eigennamen von handelnden Personen, um die Bedeutung der Geschehnisse plastisch zu machen. Mmunyi, der als erster Bewahrer der Trommeln erscheint, verkörpert den Geist Nende. Hinzu kommt der Titel Kajugujwe für das Oberhaupt des örtlichen Butiko-Clans (Pilz-Totem-Clan), eine Position, die Mmunyi innehatte. Kajuguwe und Nende waren einst die Namen realer Menschen. Von Nende wird gesagt, dass er Lusoga sprach und ein Musoga war (Singular Musoga, Angehöriger des Königreichs Busoga). In Busoga glaubt man entsprechend, dass die entenga von dort nach Buganda gebracht wurde.Klaus Wachsmann: Musical instruments in Kiganda tradition and their place in the East African scene. (1961) In: Ders. (Hrsg.): Essays on Music and History in Africa. Northwestern University Press, Evanston, 1971, S. 93–135, hier S. 108f

Die Ankunft dieser namentlich erwähnten Personen verankert die entenga in der eigenen Tradition des Königreichs Buganda. Den Namen Kajuguwe sollen einst die Nachkommen eines gewissen Kawere übernommen haben, der ein Jahrhundert vor den geschilderten Ereignissen um die Trommeln angeblich aus einem weiter im Westen von Buganda gelegenen Gebiet herkam. Am Ufer des Victoriasees traf dieser Kawere auf drei furchterregend aussehende Gestalten, die ihm jedoch erklärten, friedfertig zu sein und zum Kabaka (auf eine Ssese-Insel) zu wollen. Einer der drei fremden Männer war Nende, der als Mensch gegen Ende des 17. Jahrhunderts gelebt haben soll. Der spätere Geist Nende beschützte das Reich in seiner Eigenschaft als Kriegsgott und machte den Kabaka mit den entenga-Trommeln vertraut. Die über den Namen Kajugujwe hergestellte Verbindung zum Butiko-Clan verlegt den Ursprung der Trommeln in ein zentrales Gebiet von Buganda, wo dieser Clan zuvor siedelte. Dem Butiko-Clan wird auch die Urheberschaft anderer musikalischer Aktivitäten zugeschrieben, darunter des von Trommeln und Gesang begleiteten bugandischen Königstanzes amaggunju.Engoma Yange Amaggunju Dance Saava Karim. Youtube-Video Traditionell haben die Spielpraxis der Ende des 16. Jahrhunderts eingeführten amaggunju-Trommeln und der entenga-Trommeln einiges gemeinsam.